Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

22.2.2007 | Von:
Gunter A. Pilz

"Offener Rassismus und ein ausgeprägtes Feindbild"

Interview mit Gunter Pilz

Nun hat Sachsen ein anderes, schlagzeilenträchtiges Signal gesetzt, und symbolisch am Wochenende des 18./19. Februar 2007 etwa 60 Fußballspiele abgesetzt. Bringt denn so etwas die gewaltbereite Szene zur Besinnung?

Vielleicht kurzfristig zum Stillhalten, mehr nicht. Ich halte das für Aktionismus, der nichts anderes deutlich macht, als Hilflosigkeit. Das einzige Zeichen das gesetzt wird, ist: So, wir reagieren nun - und nehmen dazu eine ganze Region in Sippenhaft. Das Aussetzen eines Spiels von Lok Leipzig hätte meines Erachtens ausgereicht, um dort den Verantwortlichen und Fans Zeit zu geben, sich zum Nachdenken zusammen zu tun. Andererseits ist solch eine Zwangs-Maßnahme, massiv Spiele abzusetzen, auch Augenwischerei. Denn der Sächsische Fußballverband hat schon seit Jahren Zeit gehabt zu reagieren, denn die Phänomene, die wir momentan beklagen, sind nicht vom Himmel geregnet, insbesondere in Leipzig und Dresden.

Und dennoch haben die Vereine und der Verband viel zu oft weggesehen. Unverständlich für mich ist in diesem Zusammenhang auch, dass vor einem Jahr ein Angebot der Friedrich-Ebert-Stiftung vom sächsischen Verband beiseite geschoben wurde, eine Studie über Rassismusprobleme in den Stadien zu erstellen um daraus Fortbildungsveranstaltungen zu entwickeln, damit sich die Lage verbessert. Dafür gab es sogar schriftliche Unterstützung von DFB-Chef Theo Zwanziger, der versuchte, das dem Sächsischen Fußballverband schmackhaft zu machen, sogar mit dem Hinweis, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung diese Kosten voll übernimmt. Doch selbst dreimalige Schreiben blieben ohne Resonanz.

Nach der Gründung einer Task Force gegen Gewalt im Stadion hat der DFB in dem Bereich Gewalt und Diskriminierung einen Arbeitskreis zusammengestellt, den Sie leiten. Welche neuen Rezepte werden dort entwickelt?

Dazu etwas zu sagen ist es noch zu früh. Noch sind wir in der Konstituierungsphase und bei der notwenigen Bestandsaufnahme. Überdies kann man dem DFB nicht nachsagen, bislang untätig geblieben zu sein. Er hat das Problem schon vor Jahren erkannt und Aktivitäten gestartet, aber leider kam nicht alles an der Basis bei den Vereinen an. Um dem vorzubeugen ist dann ein Sanktionsinstrument entwickelt worden, das es ermöglicht, die Vereine bis in die untersten Ligen geradezu zu zwingen, etwas zu tun. Und Theo Zwanziger hat gezeigt, dass er mit diesem Thema nicht in der Deckung bleibt. Auf der anderen Seite ist natürlich auch ohne Sanktionen schon viel passiert, nicht nur im Westen, wo die Hochphase des Hooliganismus im Stadion in den 1980er rund 1990er Jahren lag, sondern auch im Osten. Dort muss man jetzt auch aufpassen, nicht alle Vereine über einen Kamm zu scheren.

Mit dem nationalen Konzept "Sport und Sicherheit", das in den ersten, zweiten und dritten Ligen greift, konnte nachgewiesen werden, dass das Problem, über das wir reden, durchaus in Griff zu bekommen ist, und das auf zwei wichtigen Ebenen: Die eine ist natürlich Repression. Dazu gehört auch ein konzentrierter Polizeieinsatz dort, wo er erforderlich ist, der Einsatz von szenekundigen Beamten, eine klare Stadionordnung, die deutlich macht, was auch im Fanverhalten Standard sein muss, und sichere Stadien. Dazu gehören auch klare Vorschriften für einen Ordnungsdienst, der nicht von rechten Skinheads und Hooligans besetzt sein darf weil er sonst wirkungslos bliebe. Und dazu gibt es die schon im Vorfeld eigentlich noch viel wichtigere zweite Säule, das ist die präventive. Jeder Verein ist verpflichtet, einen Fanbeauftragten zu haben, der Nähe zu den Fans herstellt und ihnen zeigt, dass Verein und Kommune sie ernst nehmen – sofern bestimmte Regeln eingehalten werden.

Dabei können auch erfahrene große Vereine den kleineren helfen. Wenn Fußballfans von einer "Solidargemeinschaft Fußball" sprechen, dann ist da auch die Bundesliga gefordert und das nicht nur vom Knowhow her. Da ist das große Geld, von dort muss dringend Unterstützung kommen. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil wir in unserer Untersuchung über Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball ja auch aufgezeigt haben, dass sich durch die ordnungs- und sozialpolitischen Maßnahmen in den oberen Ligen die Gewalt und Rassismus zum Teil in die weniger kontrollierten unteren Ligen verlagert haben.

Könnten auch prominente Spieler aus der Nationalelf etwas bewirken, wenn sie vernehmbarer ihre Stimme gegen Rassismus, Gewalt und Rechtsextremismus im Sport erheben würden?

Ich glaube nicht nur, sie könnten, sie müssen es sogar. Was mich an dem Fall Asamoah fürchterlich aufgeregt hat, dass nur er selber sich aufgrund seiner Betroffenheit zu Wort gemeldet hat und dann sogar öffentlich gesagt hat, er überlegt sich, ob er in der Nationalmannschaft nicht mehr spielt, weil er dieses permanente Anpöbeln nicht mehr ertragen hat. Da braucht man nicht viel Phantasie um zu wissen, dass die Rechtsradikalen das geradezu als Riesenerfolg ansehen. Wenn er nicht mehr spielen würde, wäre ja genau erreicht, was sie erreichen wollen. Aber es wäre doch viel sinnvoller, wenn die ganze Mannschaft oder der Mannschaftskapitän hingegangen wäre und gesagt hätte: Ich finde das zum Kotzen, was da läuft, und sich offen dagegenstellt. Denn das würde dazu führen, dass die die das tun viel eher über das reflektieren was sie da tun, insofern halte ich das für unabdingbar.

Es gibt ein wunderbares Beispiel, wo so etwas funktioniert hat, auch wenn es nicht vordergründig um Rassismus ging. Vorbildlich reagiert hat damals Ariane Hingst von Turbine Potsdam, als Birgit Prinz von Frankfurt die ganze erste Halbzeit gnadenlos ausgepfiffen wurde, sobald sie am Ball war. Da hat sich in der Halbzweitpause die Ariane Hingst das Mikrofon vom Stadionsprecher geschnappt und das Notwenige dazu gesagt. Und genau so wäre es wichtig, dass sich in Fällen von offenem Rassismus im Stadion primär die zu Wort melden, die von solchen Anpöbeleien nicht betroffen sind. Wie gesagt: wenn es der alleine tut, der mit den Anpöbeleien gemeint ist, baut das die 'Täter' nur auf, aber es trifft sie nicht.

Sind die Haudegen unter den Fans im Westen eigentlich wirklich so viel 'braver' geworden?

Nach außen schon. Aber auch in den alten Bundesländern haben wir noch junge Menschen, die fasziniert sind an der Gewalt und es einfach geil finden, sich zu prügeln. Aber sie machen es eher nicht mehr um sich damit in der Öffentlichkeit Geltung und ein Selbstwertgefühl zu verschaffen, sondern driften dahin ab, wo sie sich noch prügeln können, wo sie sicher sind, dass sie nicht gleich wieder von der Polizei oder einem cleveren Ordnungsdienst gehindert werden, also sie gehen vor oder nach dem Spiel verabredet in den Wald und messen dort ihre Kräfte. Im Osten scheint mir wiederum dort, wo diese offene Randale stattfindet, noch etwas dazu zu kommen. Nicht nur ein offenerer Rassismus, sondern auch ein ausgeprägtes Feindbild und das heißt Polizei. Mit ihr als Staatsgewalt wird regelrecht die Auseinandersetzung gesucht, zunehmend von immer jüngeren Tätern. Und das gibt zu denken.

Ist denn rechter Rassismus im Westen geringer?

Auch im Westen ist es auch noch lange kein Beweis dafür, dass Rassismus besiegt ist, wenn es von den Rängen entsprechend weniger Anpöbeleien gibt. Viele stramme Rechte haben einfach nur eingesehen, dass es besser ist, sich zurückzuhalten, um ihrem Verein nicht zu schaden oder um ein Stadionverbot zu umgehen. Mit Vorurteilen und Feinbildern wird nach wie vor Stimmung gemacht. Im Gegensatz zum Rassismus sind beispielsweise Schwulenfeindlichkeit und Sexismus im Stadion längst noch nicht tabuisiert und werden ausgelebt.

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