Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

17.1.2007 | Von:
Anetta Kahane

Praxisangebote gegen Antisemitismus

Die RAA – Regionale Arbeitsstellen für interkulturelle Bildung, Jugendarbeit und Schule

Die RAA sind pädagogische Zentren in den Regionen, die sich um die Verbesserung des Klimas in Schule und Nachbarschaft bemühen und dabei besonders auf die Gleichberechtigung von Einwanderern achten. Die Schule wird dabei als einer der wichtigsten Orte in der Nachbarschaft gesehen. Hier können nicht nur Kinder und Jugendliche die wichtigen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben erhalten, sondern gleichzeitig auch Lehrern und Eltern die Möglichkeit der Beteiligung bei der Gestaltung lokaler Demokratie gegeben werden. Die RAA bieten Beratung für Minderheiten an und organisieren vielfältige Programme, die auf die Entwicklung und Förderung demokratischer Kultur in der Schule und der Partizipation gerichtet sind.

So existiert bspw. ein Projekt, das peer-leader für Demokratie ausbildet. Dabei sollen die Schüler zum selbstbewussten Eintreten für demokratische Werte in- und außerhalb des Klassenraums ermutigt werden. In den Workshops werden die Teilnehmer mit unterschiedlichen Themen vertraut gemacht und organisieren gemeinsam mit den peers eigene Projekte. Die RAA organisiert auch informelle Lehrerfortbildung zu diesen Themen in vielen Schulen ihrer Region. Sie sind wichtige Partner um in Schulen das Thema Antisemitismus direkt zu behandeln und unmittelbar in den schulischen Alltag einzubringen. In der Bundesrepublik gibt es 48 RAA in Ost- und Westdeutschland. (z.B. www.raa-berlin.de).

Schule ohne Rassismus

Dieses Projekt hat das Ziel Schulen zu finden, die sich langfristig gegen Rassismus engagieren wollen. Eine Schule erhält den Titel "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" nur, wenn die Mehrheit der Schüller dafür eine Selbstverpflichtung eingeht und entsprechende Projekte organisiert. 314 Schulen in Deutschland trugen zum Jahreswechsel 2006/7 bereits das Label "Schule ohne Rassismus". Das Programm bietet Fortbildungen für Lehrer und Schüler an und organisiert Kampagnen und Events gegen Rassismus. Akteure gegen rechte Gewalt werden hier aktiv unterstützt. Besonders erfolgreich sind die ersten Open Space Projekte zum Thema "Islam und ich", bei denen es darum geht, Konflikte deutlich zu machen und auch moderate Muslime zur Sprache kommen zu lassen. Das Projekt ist ein wichtiger Partner zum Thema Antisemitismus bei jungen Muslimen. Zu den Themen Islam und Antisemitismus sollen besondere Fortbildungen entwickelt werden, da diese bisher nicht vorhanden sind. (www.schule-ohne-rassismus.org)

Fachspezifische Initiativen

In Verlauf der vergangenen vier Jahre haben sich auch eine Reihe pädagogischer Einzelinitiativen gegründet, die spezielle Seminar-Angebote für Multiplikatoren, Pädagogen und Schüler entwickeln, um das Thema Antisemitismus zu behandeln. Dazu gehört das Projekt "BildungsBausteine gegen Antisemitismus", das seit 2002 existiert. Es ist in Berlin-Kreuzberg ansässig. In einer Selbstbeschreibung heißt es: "Wir beginnen die Seminare damit, uns als Grundlage der Zusammenarbeit auf eine Arbeitsdefinition von Antisemitismus zu einigen. Im weiteren Verlauf vermitteln wir anhand konkreter Übungen die Funktionsweise von Verschwörungstheorien.

Wir untersuchen die Rolle der Medien im Prozess der Meinungs- und Vorurteilsbildung, und thematisieren mit Hilfe von Filmen verschiedene Aspekte des Themas Antisemitismus (z. B. jüdische bzw. nichtjüdische Identität(en), die Wahrnehmung eigener und fremder Lebensrealitäten und Einstellungen). Darüber hinaus entwickeln wir Handlungsstrategien gegen antisemitische Äußerungen. Nicht zuletzt thematisieren wir Ursprünge, Erscheinungsformen und Funktionsweisen von Antisemitismus und nähern uns ihnen kreativ. Durch biographisches und selbstreflexives Arbeiten beziehen wir die Lebensgeschichte und -erfahrungen der Teilnehmenden in das Seminar mit ein."(www.bildungsbausteine.de).

Eine weitere, kleinere Initiative dieser Art ist die "Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus" (KIgA). Dort haben sich Kreuzberger Sozialarbeiter und Pädagoginnen zusammengefunden, um gemeinsam mit Lehrern, Sozialarbeiterinnen und anderen Interessierten sowie mit den Jugendlichen selbst gegen neuen und alten Antisemitismus vorzugehen. Dabei geht die Initiative besonders auf den migrantischen Hintergrund vieler Kreuzberger Jugendlicher ein. Diese sind zunehmend islamistischem Einfluss ausgesetzt (arabische oder türkische Satelliten-Sender und Zeitungen, Moscheeumfeld). Verschwörungstheorien, die Israel und die USA als Wurzel allen Übels 'entlarven', gewinnen an Zuspruch. Ein platter Antiimperialismus macht Selbstmordattentäter zu Widerstandskämpfern; Ziel ist es Jugendlichen Wissen zu vermitteln, um versteckten Antisemitismus zu erkennen, und andererseits Selbstbewusstsein, um eine Persönlichkeit zu entwickeln, die der Feindschaft gegen andere nicht bedarf. (www.kiga-berlin.org).

Mehr Informationen unter: www.projekte-gegen-antisemitismus.de. Dort sind auch neue Schautafeln der Amadeu Antonio Stiftung über Antisemitismus für Wanderausstellungen entleihbar.

Gemeinsame Verantwortung

Alle Partner und Initiativen haben eine große Verantwortung. Die nach dem Holocaust aufgebauten Dämme durch Vorurteilsrepression und einem politischen Willen, Deutschland international wieder zu rehabilitieren, sind dabei, zusammen zu brechen. Nach der Jahrtausendwende, nach dem 11. September und der zweiten Intifada hat sich der Antisemitismus im Alltagsdiskurs etabliert. Der Staat wird gewiss auch weiter die Barrieren durch Gesetzgebung und öffentliche Gesinnung hochhalten. Doch das reicht nicht mehr. Im öffentlichen und vorstaatlichen Raum hat der Antisemitismus eine große Akzeptanz. Wenn es richtig ist und die Menschen offener mit ihren Ressentiments sind, wenn sie wissen, dass sie dies mit einer Mehrheit teilen, dann ist der momentane Zustand nur der Anfang einer Entwicklung.

Der Staat kann und muss hier gegenhalten, doch die Gesellschaft sollte sich ihrer Zivilität vergewissern und sich der Herausforderung des aktuellen Antisemitismus gewachsen zeigen. Deshalb sind die ohnehin wenigen Initiativen besonders wichtig. Ihre Arbeit ist es, die dafür Sorge trägt, dass Antisemitismus nicht zu schnell zu einer eskalierenden Mehrheitshaltung wird, die dann auch möglicherweise Politik und Gesetzgebung beeinflussen kann. Also hat es einen Sinn, diese Arbeit zu tun, denn jede Alternative würde sich aufs Hoffen und Glauben oder einen ebenso nutzlosen Zynismus beschränken und nicht auf die notwenige und klare Gerechtigkeit einer guten zivilgesellschaftlichen Praxis.


Dossier

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.

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