Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

17.1.2007 | Von:
Heike Radvan

Antisemitismus in den neuen Bundesländern

Auswirkungen auf die Gegenwart

Nach der Wiedervereinigung tauchte der Antisemitismus nach und nach aus seiner ideologischen Verpackung wieder hervor. Besonders nach Beginn der zweiten Intifada und den Anschlägen vom 11. September entstand eine Art Wiedererkennungseffekt, der an die alten Bilder anknüpfte. Viele Verschwörungstheorien über die "Macht des Geldes" und die Drahtzieher in Tel Aviv und Washington kursierten und mischten sich mit antikapitalistischen Impulsen und Ideologieelementen verschiedener Art. Die Kette der Gleichsetzung von Imperialismus = Zionismus = Rassismus = Faschismus = Herrschaft und damit der Unterdrückung der ganzen Welt, erweckte das Bild vom zionistischen, mächtigen und vor allem kapitalistischen Juden zu neuem Leben. Ein besonders drastisches Beispiel für die internationale Popularität dieser Sichtweise ist die UNO Konferenz in Durban 2001, auf der die oben genannte Gleichsetzung propagiert wurde. In verschiedenen Äußerungen ostdeutscher Bürger kommt immer wieder zum Ausdruck, dass diese Erklärungen auf Wissen beruhen, das bereits in der DDR über den Zionismus und die israelische Politik vermittelt wurde.

Dem entspricht auch die weit verbreitete Vorstellung, dass der islamistische Terror als berechtigter Widerstand gegen die Unterdrückung durch den Westen zu bewerten sei. Spätestens seit Beginn des Irakkrieges 2003 kann man beispielsweise auf Demonstrationen der Friedensbewegung und der Gewerkschaften in vielen Städten Ost- und Westdeutschlands dieses Verständnis für terroristische Aktionen antreffen. Dies ist keine ostdeutsche Besonderheit. Doch mit dem Verweis auf die Unterstützung der "nationalen Befreiungsbewegungen" durch die DDR wird das Verständnis für den Terror im Osten seltener kritisch hinterfragt. Darüber hinaus erinnert auch ein Slogan wie "Hitler – Bush Massenmörder Kriegstreiber", der 2003 bei einer Friedensdemonstration der Gewerkschaften auf einem Transparent stand, an antiamerikanische und antiimperialistische Kampagnen in der DDR.

In Ostdeutschland hat sich nach der Vereinigung eine starke rechte Szene entwickelt, deren Strategie der kulturellen Subversion bereits großen Erfolg in manchen Regionen gezeigt hat. Alle rechtsradikalen Gruppierungen sind sich trotz einiger Unterschiede in ihrem manifesten Antisemitismus einig. Er bildet den Kern rechtsextremer Ideologie. Gleichzeitig greifen die Rechtsextremen mittlerweile auch immer stärker globalisierungskritische, amerika- und israelfeindliche, antikapitalistische Diskurse auf und nähern sich in ihrer Symbolik und ihren Leitfiguren stark denen der Linken an. Besonders deutlich ist dies an der Veränderung des Dresscodes in weiten Teilen der rechtsextremen Szene abzulesen.

Trotz des extremen Rassismus und der aggressiven Form, mit der jegliche Einwanderung abgelehnt wird, werden islamistische Ideologien jedoch von den Rechten zuweilen toleriert bzw. respektiert, wenn sie sich mit ihrem eigenen Weltbild gut vereinbaren lassen. Dies betrifft besonders den radikalen Antisemitismus und die Abscheu gegenüber dem Westen und seinen liberalen Werten. Unter den prominenten Konvertiten zum Islam befinden sich etliche Rechtsextreme.

Fazit

Das Aufzeigen der DDR-Geschichte und der darin enthaltenen Kontinuitäten bis in die Gegenwart sowie die Entwicklung neuer Tendenzen der Israelfeindlichkeit, die auch deutlich antisemitische Feindbilder beinhalten, ist eine entscheidende Voraussetzung, um eine Sensibilisierung und eine differenziertere Wahrnehmung der aktuellen Problematik zu ermöglichen.

Oftmals besteht bereits in der Wahrnehmung antisemitischer Vorkommnisse die erste Schwierigkeit, da sich der aktuelle Antisemitismus als anschlussfähig an die staatliche antizionistische Politik der DDR erweist. Zudem erlebt die rhetorische Gleichsetzung der Politik Israels mit der des Nationalsozialismus heute einen Aufschwung. Dies entspricht einem Entlastungswunsch, der die deutsche Schuld im Täter-Opfer Umkehrdiskurs relativieren will.

Deshalb ist jede Form der Aufklärung und das Gefühl einer gesellschaftlichen und von persönlicher Empathie getragenen Auseinandersetzung über traditionelle Formen der Judenfeindschaft, die Geschichte der Judenvernichtung im Nationalsozialismus, der Antisemitismus in der DDR bis zu den gegenwärtigen Ereignissen eine notwendige Voraussetzung, um die Wehrhaftigkeit der Zivilgesellschaft in den neuen Bundesländern gegen antisemitische Erscheinungsformen zu stärken. Eine notwendige Voraussetzung wäre hier auch eine sozialwissenschaftliche Analyse über die spezifischen Ausprägungen von Antisemitismus unter der Bevölkerung in den alten und neuen Bundesländern.


Dossier

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.

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