Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

18.1.2007 | Von:
Joachim Wolf

Schulungsort für den Massenmord

Die NS-Vergangenheit der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau

1933-1936: "Reichsführerschule"

Auf der Tagung des Zentrums fuer Antisemitismusforschung am 9.12.2006 in einem Hoersaal der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau. Foto: WolfAuf der Tagung des Zentrums fuer Antisemitismusforschung am 9.12.2006 in einem Hoersaal der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau. Foto: Wolf
Zwischen 1933 und 1936 fanden in der ehemaligen Bundesschule des "Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes" (ADGB) rund 25 solcher weltanschaulichen Schulungen statt. Alle liefen dabei zumindest nach einem ähnlichen Muster ab. Behandelt wurden hier Themen wie "Der ewige Kampf der Unvernunft mit der Vernunft, der liberal-marxistisch-bolschewistischen Welt mit der Welt organisch göttlicher Gesetzmäßigkeit" und "Kampf als Quelle des Lebens, die Polarität der Kräfte, das Recht des Stärkeren, Werte und Kräfte". Im Themenkomplex "Rassenlehre" ging es unter anderem um "die biologische, anatomische und physikalische Begründung der Rassen und ihrer Unterschiede". Schon an diesen Titeln lässt sich unschwer der "verbrecherisch-pseudowissenschaftliche Inhalt der Schulungen" (Wegehaupt) erkennen.

In der "Reichsführerschule" konnten dabei längere und damit intensivere Schulungen vor einem größeren Publikum durchgeführt werden als in anderen Schulen dieser Art. In der Ankündigung des Lehrplans für das Jahr 1936 heißt es dementsprechend, in der Bernauer Schule würde die "höchste Form der Schulung" stattfinden. Die Schulungskurse dauerten dabei jeweils drei bis vier Wochen. Die Kapazitäten der Schule reichten aus, um permanent 120 Personen zu schulen, zu verpflegen und unterzubringen. Aus all diesen Gründen nennt Philip Wegehaupt die Schule die "wichtigste nationalsozialistische Schulungsanstalt in den Anfangsjahren der Diktatur".

Bereits wenige Monate nach der "Machtergreifung", am 16. Juli 1933, war die Bernauer Schule als "Reichsführerschule" der NSDAP und der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF) in Anwesenheit von Adolf Hitler mit einem großen Festakt eröffnet worden. Das NS- Regime hatte dabei- wie bei der Schaffung vieler anderer weltanschaulicher Schulungsorte auch- auf eine bereits vorhandene schulische Infrastruktur "zurückgegriffen": Am 2. Mai 1933 war die ADGB Bundesschule in Bernau von den Nationalsozialisten besetzt und geräumt worden. Diese Besetzung und Räumung verlief dabei laut Dagmar Lieske – wie Wegehaupt Mitglied einer Arbeitsgruppe um den Berliner Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz – vergleichsweise "friedlich" und "unspektakulär". Denn: In ganz Deutschland hatten das NS-Regime an diesem Tag damit begonnen, die "Fundamente der Arbeiterbewegung" zu zerschlagen – Partei- und Gewerkschaftsbüros wurden besetzt, Funktionäre und Mitglieder verhaftet, gefoltert und später umgebracht.

Während der Eröffnung der "Reichsführerschule" im Juli 1933 verkündete der Chef der "Deutschen Arbeitsfront", Robert Ley, dass die Schule – aus seiner Sicht einst "Festung des Marxismus" und Mittelpunkt des "geistigen Zerfalls Deutschlands" – nun zu einem "Symbol für das Wiedererstarken Deutschlands" geworden sei. Laut Ley sollten hier nun "die Führer der Partei auf die kommende Phase des Kampfes um Deutschland" vorbereitet werden. Dieser Kampf sei dabei erst beendet, "wenn der letzte anständige Deutsche Nationalsozialist geworden ist und die nationalsozialsozialistische Weltanschauung im Volk so verankert ist, daß für Jahrhunderte und Jahrtausende niemand anders den Anspruch auf die geistige Führung Deutschlands erheben kann als die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei". Das Kernstück und die Basis dieser nationalsozialistischen Weltanschauung war dabei der Rassismus bzw. der Antisemitismus.

In diesem Sinne wurde von der Eröffnung der "Reichsführerschule" an in dem einstigen ADGB- Gebäude die NS- Elite geschult. Die Bernauer Schule war somit zu einer "Pflegestätte der NS- Weltanschauung" geworden. Hier wurden hochrangige Parteimitglieder und Funktionsträger "mental auf die verbrecherischen Ziele des Nationalsozialismus vorbereitet" (Wegehaupt). Der Vortrag von Julius Streicher ist nur ein Beispiel hierfür.


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