Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

18.1.2007 | Von:
Joachim Wolf

Schulungsort für den Massenmord

Die NS-Vergangenheit der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau

1936-1945: "SD-Führerschule"

Im Laufe des Frühjahrs 1936 übernahm dann das Sicherheitshauptamt der SS von der Reichsorganisationsleitung der NSDAP den Gebäudekomplex in Bernau, der nun unter der Bezeichnung "SD- Führerschule Bernau" als Ausbildungs- und Tagungsort der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS genutzt wurde. Die Schule hatte dabei eine nach militärischem Muster organisierte Führung: Sie wurde von einem Kommandeur geleitet, dem ein Adjutant zur Seite stand. Erklärtes Ziel der dort stattfinden Schulungen war die Verknüpfung von beruflicher Ausbildung und ideologischer Indoktrination. Über Sinn und Zweck dieser ideologischen Indoktrination hatte sich der "Spiritus Rector" des Sicherheitsdienstes der SS, Reinhard Heydrich, bereits im Oktober 1935 geäußert, als er gefordert hatte, man müsse sich "erst einmal geistig gleichrichten, daß jeder über jeden Gegner gleichermaßen denkt, ihn gleich grundsätzlich ablehnt". Zu den Referenten der "SD- Führerschule" in Bernau gehörte dementsprechend neben dem Leiter des Sicherheitsdienstes innerhalb des RSHA, Otto Ohlendorf – nach dem Überfall auf die Sowjetunion verantwortlich für die Ermordung von ca. 90.000 Zivilisten –, auch der zentrale Organisator der Deportation von über 3 Mio. Juden und der "Endlösung", Adolf Eichmann.

Ein Beispiel für die erfolgreiche Indoktrination mit der antisemitischen NS-Ideologie ist der SD-Mitarbeiter Rolf Mühler, der in einem als Teil der Abschlussprüfung der Bernauer Schule verfassten Arbeit schreibt: "Bei der Bekämpfung der liberalistischen Weltanschauung und ihrer verschiedenen Erscheinungsformen ist heute maßgeblich die Tatsache, dass sich diese weltanschaulichen Gruppen, die selbst zu schwach sind, um aktiv in die Politik eingreifen zu können, hinter Moskau verschanzen. Ausschlaggebend ist, dass sowohl in Sowjetrussland als auch in den großen Demokratien die Juden die treibenden Kräfte sind." Dass diejenigen, die in Bernau geschult wurden, dann auch an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt waren, zeigt ein weiteres Beispiel: Karl Tschierschky, der sich 1931 zu SS gemeldet hatte und 1935 hauptamtlicher Mitarbeiter im "Rasse- und Siedlungshauptamt" geworden war, hatte nach Kriegsbeginn die Leitung der Einwandererzentralstelle (EWZ) Litzmannstadt inne, die für die Ansiedlung von etwa 500.00 "volksdeutschen Umsiedlern" in den ehemaligen westpolnischen Gebieten zuständig war. Damit verbunden war auch die Deportation und Ermordung der dort ansässigen Polen und Juden. Von Juni 1941 bis Ende 1942 war er Stabsangehöriger der Einsatzgruppe A, die im Baltikum bis Frühjahr 1942 für den Mord an 248.000 Juden verantwortlich zeichnete. Ein Jahr vor Kriegsbeginn hatte Tschierschky in der Bernauer Schule "erfolgreich" am zweiten "Sturmbann – Lehrgang" (17. Januar bis 12. Februar 1938) teilgenommen und war dann einer der wenigen gewesen, die anschießend ins SD-Hauptamt versetzt worden waren.

Somit waren die Lehrgänge, die in der Bernauer Schule stattfanden, "schon vor Kriegsbeginn das Mittel, um weltanschaulich hoch motivierte und vielseitig einsetzbare SS-Führer heranzubilden, die als Exekutoren des Völkermordes in allen Teilen des nationalsozialistischen Herrschaftsgebiets in Erscheinung traten". Nach Kriegsausbruch hätten dann die in den "weltanschaulichen Schulungen" transportierten rassistischen Grundaussagen lediglich dahingehend eine Erweiterung erfahren, "daß die Begründung für den Eroberungs- und Vernichtungskrieg insbesondere in Osteuropa stärker in den Mittelpunkt" gerückt seien, so das Mitglied der Forschungsgruppe um Prof. Dr. Wolfgang Benz, Mario Menzel weiter.


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