Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

23.1.2007 | Von:
Beate Küpper/Andreas Zick

Antisemitismus in Deutschland

Das traditionelle Vorurteil und seine Transformationen

Traditioneller Antisemitismus in Deutschland

Dr. Andreas Zick (Dresden)  und Prof. Wilhelm Heitmeyer bei der Vorstellung des Berichts "Deutsche Zustände'' im Dezember 2006 in Berlin. Foto: KulickDr. Andreas Zick (Dresden) und Prof. Wilhelm Heitmeyer bei der Vorstellung des Berichts "Deutsche Zustände'' im Dezember 2006 in Berlin. Foto: Kulick
Der traditionelle Antisemitismus wird von uns als offen erkennbare Abwertung von Juden oder dem Judentum definiert, der sich in der Zustimmung zu tradierten Stereotypen, eindeutigen Antipathien und offenen Diskriminierungsneigungen äußert und von der Mehrheit nicht erwünscht ist. Die GMF-Studie sowie andere Umfragen in Deutschland (Bergmann 2004; Zick/Küpper 2005a) zeigen, dass er trotz normativer Ächtung und teilweiser Tabuisierung in Deutschland immer noch ausgeprägt ist. Im August 2006 stimmten 21.1% der repräsentativ ermittelten Bevölkerungsstichprobe des GMF-Projektes der in vielen Studien geprüften Aussage: "Juden haben zu viel Einfluss", eher oder voll und ganz zu, 19.4% meinen: "Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig." [5]

Damit weisen die jüngsten Zahlen vergleichbar hohe Werte aus wie bereits 5 Jahre zuvor. Zum Zeitpunkt der ersten Erhebung in 2002 unterstellten 21.7% der Befragten einen zu großen Einfluss von Juden und 16.6% machten ihnen den Vorwurf der Mitschuld an ihrer Verfolgung. Die Vermutung, der Antisemitismus sei in den letzten Jahren signifikant angestiegen, lässt sich empirisch nicht bestätigen, aber die Zustimmungshäufigkeiten zeigen an, dass der traditionelle Antisemitismus in Deutschland konsistent ist, und auch in anderen europäischen Ländern ähnlich hohe Zustimmungswerte zu beobachten sind (s. Bergmann, im Druck; oder aktuell für die Schweiz: Cattacin et al. 2005).

Allerdings erschien der Meinungstrend kurzfristig auch anders. Im Frühsommer 2006 war ein deutlicher Rückgang traditionell antisemitischer Einstellung zu beobachten. Bei der Erhebung im Mai/Juni 2006 unterstellten 14.1% Juden zu viel Einfluss, noch knapp 10% sahen eine Mitverantwortung von Juden an ihrer Verfolgung. Im Vergleich zu 51.8% in 2002 meinten zu diesem Zeitpunkt deutlich weniger Befragte (31.5%): "Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen." 61.9% stimmten im Frühsommer 2006 zu: "Ich ärgere mich darüber, daß den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden", in 2003 waren dies noch 69.9% (nicht erfasst in 2002).

Die Tatsache, dass der traditionelle Antisemitismus dazu neigt, stabil und änderungsresistent im Sinne einer starken und offenen Einstellung zu sein, bedeutet nicht, dass er ständig aktiviert und geäußert wird. Er kann quasi 'schlummern', aber dann schnell (und teilweise unbewusst) abgerufen werden, wenn die Umstände (aktuelle Ereignisse) das scheinbar provozieren, oder er funktional für die Erklärung von Ereignissen ist. Die Vermutung liegt nahe, dass die politischen Ereignisse im Nahen Osten und die damals weitgehend positive Berichtserstattung in den Medien die Neigung traditionell antisemitische Einstellungen zu äußern, verändert haben. Die Hoffnung auf einen neuen Friedensprozess im Nahen Osten, die Infragestellung des in der deutschen Presse vorherrschende Opferstatus der Palästinenser durch den Wahlgewinn der Hamas und möglicherweise auch das respektvolle Gedenken an den Anfang Mai 2006 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland Paul Spiegel könnten auf die Repression des traditionellen Antisemitismus gewirkt haben.

Doch ebenso liegt die Vermutung nahe, dass mit der militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Libanon im Sommer 2006 und die begleitende Berichterstattung die Meinungen umschlagen und der tief verwurzelte traditionelle Antisemitismus wieder hervorgerufen wird. [6] Die Medien berichteten z.B. über eine Unverhältnismäßigkeit der israelischen Reaktion auf die fortgesetzten Raketenangriffe, die insofern traditionell antisemitische Vorurteile hervorrufen können, als traditionelle Antisemiten 'Israel und Judentum' eng assoziieren. Die GMF-Umfrage zeigt tatsächlich, dass die Zustimmung zu klassisch antisemitischen Einstellungen erneut auf das Niveau der vergangenen Jahre anstieg.

Zusammenhänge zu anderen Vorurteilen, Demographie sowie religiösen und politischen Überzeugungen

Zur Einschätzung des gesellschaftlichen Gefahrenpotenzials solcher Mentalitäten ist zu bedenken, dass ein solchermaßen aktivierter Antisemitismus eng mit anderen Vorurteilen zusammenhängt (s.o.). Empirisch lässt sich nachweisen, dass Personen, die antisemitischen Aussagen zustimmen, auch mit einer größeren Wahrscheinlichkeit dazu neigen, Muslime, Frauen, homosexuelle, behinderte und obdachlose Menschen, sowie Zuwanderer und ganz generell Neu-Hinzugekommene (im Vergleich zu Etablierten) abzuwerten (vgl. die Ergebnisse in "Deutsche Zustände", Folge 1 bis 5). Insofern kann eine Aktivierung traditioneller antisemitischer Vorurteile und Stereotype auch dazu führen, dass Vorurteile gegenüber anderen Gruppen syndromatisch aktiviert werden. [7]

Dabei ist die Zustimmung zu antisemitischen und anderen Vorurteilen keineswegs in allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen hoch. Anders man aus dem generellen Fokus der Interventionsprogramme auf junge Leute vermuten könnte, ist Antisemitismus nicht primär unter jungen Befragten, sondern vielmehr unter den Älteren besonders stark verbreitet. Ähnlich wie in anderen Studien neigen auch ältere und weniger gut qualifizierte Befragte der GMF-Umfragen signifikant stärker zum traditionellen und modernen (s.u.) Antisemitismus; was auch für andere Vorurteile wie etwa Fremdenfeindlichkeit und Abwertung von homosexuellen Menschen gilt. War zudem der Antisemitismus anders als etwa die Fremdenfeindlichkeit ein Problem der alten Bundesländer (Heyder/Schmidt 2002), haben sich die antisemitischen Einstellungen von Ost- und Westdeutschen über alle Bevölkerungsgruppen hinweg mittlerweile weitgehend angenähert und westdeutsche Befragte sind kaum mehr antisemitischer eingestellt als ostdeutsche Befragte.

Dennoch fallen beim Antisemitismus insbesondere ältere, weniger gebildete Männer in den alten Bundesländern durch ihre traditionell antisemitischen Einstellungen auf. Zudem lässt sich feststellen, dass Männer eher zu antisemitischen Einstellungen tendieren als Frauen (was nicht für alle Vorurteile gilt; Küpper/Heitmeyer 2004) und Befragte mit geringerer Schulbildung sich eher antisemitisch äußern als Befragte mit besserer Schulbildung (was in diesem Fall durchweg auch für Vorurteile gegenüber andere Adressatengruppen gilt; Heyder 2004). Diese Ergebnisse weisen deutlich darauf hin, dass Statusindikatoren in engem Zusammenhang zum Antisemitismus stehen.

Ebenso wie bei anderen Vorurteilen spielt auch beim Antisemitismus die politische Orientierung eine Rolle: Je weiter Befragte ihre politischen Ansichten "rechts" verorten, desto eher stimmen sie antisemitischen Einstellungen zu (Zick/Küpper 2006b). Ein 'linker Antisemitismus', der sich in der Vergangenheit durch vereinzelte Äußerungen einiger Protagonisten auffällig und vielfach diskutiert wurde, lässt sich zumindest in der GMF-Studie nicht als besonderes verbreitet nachweisen. Lediglich knapp 9% derjenigen, die sich auf der politischen Skala "links" verordnen, vermuten einen 'zu großen Einfluss von Juden', 8.5% sehen eine Mitschuld an der Verfolgung. Von jenen, die sich "rechts" verorten, sind dies fast 30% respektive knapp 14% und von denen, die sich politisch "genau in der Mitte" sehen, sind es 14.5% respektive knapp 9% in 2006.

Dagegen sind die Zusammenhänge zu religiösen Orientierungen deutlicher. Vorbehalte gegenüber Juden, die im Christentum über Jahrhunderte mehr oder minder alltagsweltlich und theologisch tradiert werden, spiegeln sich in den Einstellungen wider. Protestanten wie Katholiken äußern signifikant mehr Zustimmung zu traditionell antisemitischen Einstellungen als Konfessionslose (Küpper/Zick 2006). Allerdings ist hierfür wenige die Konfessionszugehörigkeit an sich als vielmehr das Ausmaß von Religiosität verantwortlich und dabei ist die Überzeugung, der eigene Glaube sei der "einzig wahre" (23% in 2002; 31% in 2006) von erheblicher Bedeutung. Wer einen solchen Überlegenheitsanspruch vertritt, neigt deutlich stärker zur Abwertung von Juden. Sehr Religiöse, die diese Haltung nicht vertreten, erweisen sich auch als weniger antisemitisch. Das entspricht anderen Befunden zum Einfluss des Fundamentalismus auf eine Reihe von Vorurteilen (Hunsberger/Jackson 2005) und spiegelt die Identitätsfunktion des Vorurteils für fundamentalistisch konfessionell Orientierte wider. Das bestätigen auch Studien zum islamistischen Antisemitismus (Senatsverwaltung für Inneres Berlin 2004; Bergmann/Wetzel 2003).

Darüber hinaus zeigen die GMF-Studien, dass der traditionelle Antisemitismus eher von Personen behauptet wird, die hohe Werte im Autoritarismus, einer sozialen Dominanzorientierung (s.u.) und einem Ausmaß Relative Deprivation, das den subjektiven ökonomischen und sozialen Mangel im Vergleich zu Outgroups wie z.B. Ausländern repräsentiert, aufweisen. Ferner stimmen besonders solche Personen offenen antisemitischen Aussagen zu, die orientierungslos (anomisch) sind. Dem gehen wir im Folgenden näher nach, nachdem auch das Konzept eines modernen Antisemitismus eingeführt ist.

Fußnoten

5.
Es muss deutlich darauf hingewiesen werden, dass beide hier genannten Aussagen (Items) gemeinsam ein antisemitisches Vorurteil repräsentieren. Das zeigen Vortests und Analysen der Struktur der Einstellungen. Eine singuläre Interpretation der Ergebnisse zu Einzelitems macht keinen Sinn.
6.
Dass antisemitische Vorurteile durch aktuelle politische Ereignisse, die in stereotyper Weise medial vermittelt werden, 'angeheizt' werden können, zeigen eine Reihe von Medienanalyen (vgl. Dichanz/Breidenbach 2001; Zick/Küpper 2005a).
7.
Inwiefern das 'Triggern' eines spezifischen Vorurteils auch die Aktivierung anderer Vorurteile nach sich zieht, ist eine empirische Frage, der wir noch genauer nachgehen müssen.

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