Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

31.1.2007 | Von:
Charlotte Knobloch

"Es scheint, als würde in Deutschland gerade ein letztes Tabu fallen"

Interview mit Charlotte Knobloch

Wie massiv sehen Sie eine Bedrohung von Juden in Deutschland durch islamistische Antisemiten?

Diese Gefahr gibt es – nicht nur für die jüdischen Bürger Deutschlands. Ich sehe zudem auch die Gefahr, dass sich islamistische Antisemiten mit deutschen Neonazis zu einer bedrohlichen Allianz zusammenschließen.

62 Jahre nach Kriegsende und 68 Jahre nach ihrer Zerstörung gibt es eine Reihe von Synagogeneinweihungen in Deutschland, nächsten Monat in Gelsenkirchen. Erfreut Sie das ? Oder beschämt sie das, schließlich passiert es erst 68 Jahre danach...?

Diese Entwicklung freut mich. Ich denke, dass wir sie früher nicht hätten erwarten dürfen. Denn erst heute wissen wir, dass es – auch durch den Zuzug jüdischer Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion – eine wieder wachsende jüdische Gemeinschaft in Deutschland gibt. Wir zeigen damit, dass es Hitler nicht gelungen ist, uns zu vernichten.

Ist der Zuspruch, den der Synagogenenneubau in München gefunden hat und findet, für sie ein Signal für einen Klimawandel? Oder wäre das eine Selbsttäuschung?

Ich gebe zu, dass mich das enorme positive Echo überrascht hat, das wir bereits während der Bauzeit erleben durften, das aber besonders nach der Eröffnung des Jüdischen Zentrums einfach überwältigend gewesen ist. Allein an unserem ersten Tag der Begegnung durften wir 15.000 neugierige Menschen in unseren Räumen begrüßen. Ich werte dieses Interesse auf jüdischer wie nichtjüdischer Seite als wichtigen Schritt zu einem Dialog und einem Miteinander.

In Potsdam herrscht derzeit Streit innerhalb der jüdischen Gemeinden. Soll viel Geld in eine neue repräsentative Synagoge gesteckt werden? Oder lieber in viele kleine Synagogen, denen Mittel fehlen? Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Zunächst will ich sagen, dass ich mich über jede jüdische Einrichtung freue, die neu entsteht. Allerdings habe ich auch immer deutlich gemacht, dass die Voraussetzungen, um diese Einrichtungen zu betreiben, erfüllt sein müssen. Beim konkreten Fall in Potsdam bin ich überzeugt, dass alle Beteiligten zu einem tragfähigen Kompromiss kommen werden, der rechtzeitig der Öffentlichkeit mitgeteilt werden wird.

Wie lange wird es Ihrer Ansicht nach dauern, dass keine Bewachung mehr vor Synagogen und jüdischen Einrichtungen stehen muss?

Ich bin Realist genug, um hier keine Prognose abgeben zu wollen.

Von aller Post, die der Zentralrat erhält: Was überwiegt da eigentlich? Mutmachendes oder Entmutigendes?

Oft das Mutmachende. In manchen Zeiten – etwa während der Libanonkrise vergangenen Sommer – das Entmutigende.

Hoffen wir auf noch mehr Mutmachendes. Frau Präsidentin Knobloch, haben Sie ganz herzlichen Dank.