Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

19.12.2006 | Von:
Frank Jansen

"Ich verzeihe ihm jetzt"

Zehn Jahre nach seiner rassistisch motivierten Gewalttat entschuldigt sich ein Täter. Und das Opfer nimmt an.

Das Leiden der Familie

Die zierliche, 55-jährige Angelica Berdes, die für die Pflege ihre Arbeit aufgab, ist seit Jahren in psychiatrischer Behandlung. Außerdem leidet sie unter Bluthochdruck und Rückenschmerzen, weil sie immer wieder Giamblanco hochwuchten muss. Im kommenden Jahr muss sie wegen eines Leistensbruchs operiert werden. Efthimia Berdes, so alt wie der Täter, brach ihre Ausbildung zur Friseurin ab. Der Chef hatte kein Verständnis für Fehlzeiten, die Efthimia wegen der aufwändigen Pflege für Giamblanco nicht vermeiden konnte. Jahrelang arbeitete die junge Griechin dann gar nicht, inzwischen verdient sie ein paar Euro als Hilfskraft in einer Schokoladenfabrik. Mehrere Freundschaften mit jungen Männern gingen in die Brüche – "weil die nicht akzeptieren wollten, dass ich meine Mutter mit Orazio nicht alleine lassen kann", sagt Efthimia Berdes.

In der trostlosen Stimmung bleibt manchmal nur noch die Hoffnung auf ein Wunder. Als ein Bekannter im Sommer dieses Jahres einen angeblich besonders fähigen Heilpraktiker empfahl, wurden Giamblanco und die beiden Frauen euphorisch. Der Italiener hoffte, er könnte vielleicht schon Weihnachten an nur einem Stock laufen, und setzte alle Medikamente ab. Giamblanco verließ sich nur noch auf die Spritzen und andere Mittel des Heilpraktikers. "Aber Orazio wurde immer bleicher und bekam blaue Lippen", sagt Efthimia Berdes, "dann war er auch so aggressiv, wie wir ihn nie erlebt haben." Ihre Mutter habe nachts kaum noch schlafen können, da Orazio noch öfter wach geworden sei als sonst schon. "Habe schwere Zeit hinter mir", sagt Giamblanco. Ende November entschieden die drei, das Experiment abzubrechen. Seitdem geht es Giamblanco etwas besser. Aber der Verlust der Illusion, es sei doch noch ein größerer Fortschritt möglich, schmerzt.

Ich weiß, dass ich die Zeit leider nicht zurückdrehen kann. Gerade deshalb ist es mir von großer Bedeutung, mich heute erstmals und persönlich bei Ihnen, Frau Angelica Berdes, Frau Efthimia Berdes und bei Ihnen, Herr Orazio Giamblanco, von ganzem Herzen für die damalige Tat zu entschuldigen. Es tut mir sehr leid, was ich Ihnen allen damit angetan habe. Hochachtungsvoll, Jan Weicht

Auch nicht leicht: Verzeihen

Schweigen. Angelica Berdes weint. Die Briefe des Täters haben sie mehr gerührt, als sie erwartet hat. "Das ist gut, dass er kapiert hat, was er uns für Schmerzen gemacht hat", sagt Berdes. Sie überlegt. "Man muss einem Menschen verzeihen, er war ja auch jung." Efthimia stimmt ihrer Mutter zu, "ich habe erkannt, dass die Briefe wirklich von seinem Herzen kommen". Giamblanco zögert. Nein. Bevor er was sagen kann, muss er eine Nacht darüber schlafen. Die Frauen können noch so drängen.

Montag, 4. Dezember. Kurz vor der Gymnastik im Klinikum. Giamblanco steht alleine an einem Barren. Außer dem Reporter ist niemand in der Nähe. Giamblanco überlegt, keiner redet auf ihn ein. "Der Junge hat sich gute Gedanken gemacht." Pause. "Er ist jung, er braucht Freunde für seine Zukunft, damit er keine falschen Sachen mehr macht." Giamblanco blickt auf seine orthopädischen Stiefel. "Was mir passiert ist ..." Langsam hebt er den Kopf. "Ich verzeihe ihm jetzt. Er soll sich gute Freunde suchen. Schlechte hatte er genug."

Donnerstag, 7. Dezember. Jan Weicht erfährt am Telefon, dass ihm Giamblanco und die beiden Frauen verziehen haben. Und dass sie seine Briefe in Bielefeld behalten. Um sie eines Tages selbst zu lesen. Weicht holt tief Luft. Er räuspert sich. "Ich bin sprachlos." Er atmet wie nach einem Sprint. "Ich hab´ gedacht, da hab´ ich niemals eine Chance. Jetzt fällt mir ein Riesenstein vom Herzen." Weicht ringt um Worte. Er will sich nicht einfach nur freuen. Dann sagt er: "Eigentlich ist es ein Ansporn zu beweisen, dass man sich wirklich geändert hat. Und nicht irgendwann wieder resigniert."

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