Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

19.12.2006 | Von:
Dominique John

Modell aus dem Osten

Opferberatungsstellen bieten Hilfe für Betroffene von rechtsextremen Gewalttaten

In den ostdeutschen Bundesländern gibt es besondere Beratungsstellen für Menschen, die von Rechtsextremen bedroht und angegriffen werden. Wie sieht ihre Arbeit konkret aus?

Broschüre der Opferperspektive Brandenburg.Broschüre der Opferperspektive Brandenburg.
Telat K. ist 30 Jahre alt. Vor zehn Jahren kam der Kurde aus der Türkei nach Deutschland. Auf den ersten Blick ist ihm nichts anzumerken. Nur wenn er spricht, merkt man, dass er immer wieder nach Worten ringt. Ende August 2006 wurde er bei der Arbeit in dem Imbiss seines Onkels in einer Kleinstadt nördlich von Berlin schwer verletzt. Es war kein üblicher Arbeitsunfall. Drei Männer hatten Streit angefangen, weil er ihnen kein Essen verkaufen wollte. "Scheiß-Ausländer, der hat nicht mal was zu Fressen für uns", war die Antwort, an die sich K. heute noch erinnern kann. Dann sei die Situation eskaliert. Die Männer randalierten draußen und warfen Tische und Stühle durch die Gegend.


Als Telat K. sie beruhigen wollte, schlug ihm einer eine Bierflasche auf den Hinterkopf. Er wurde ohnmächtig. Drei Wochen war Telat K. im Krankenhaus, dann wurde er in eine Reha-Klinik verlegt, inzwischen wird er ambulant behandelt. Durch den schweren Schlag ist das Sprachzentrum im Gehirn gestört. Ihm sei bisher nie etwas passiert, erzählt der Imbissangestellte. Aber er kenne die Gefahr, und es habe schon einige Male brenzlige Situationen gegeben. Die Polizei hat inzwischen die drei Männer verhaftet. In einigen Monaten wird Telat K. sie im Gerichtssaal wieder sehen. Sie gehören zur lokalen rechtsextremen Szene.

Eine rechtsmotivierte Gewalttat?

Der Fall erregte kein öffentliches Aufsehen. Die örtliche Zeitung druckte am Tag nach dem Vorfall nur eine kurze Meldung der Polizei. Tenor: Angestellter eines Döner-Imbisses bei Schlägerei schwer verletzt. Die Polizei sucht drei Männer. Einer der Tatverdächtigen trug Tarnkleidung. Die Behörden bitten um Hinweise.

Zwei Worte in der knappen Zeitungsnotiz waren für die in Potsdam ansässige Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt ausschlaggebend, um sich mit dem Fall näher zu beschäftigen: Es handelte sich um einen Döner-Imbiss und zumindest einer der Männer trug Tarnkleidung. Eine Mitarbeiterin der Beratungsstelle machte sich auf den Weg, um mit dem Besitzer des Imbisses zu sprechen. Dadurch konnte ein direkter Kontakt mit Telat K. aufgenommen werden. Inzwischen haben sich für die Opferberater die Hinweise darauf verdichtet, dass bei dem Angriff ein rassistisches Motiv eine wesentliche Rolle spielte.

Auch in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern hätten sich bei ähnlichen Vorfällen MitarbeiterInnen von spezialisierten Beratungsstellen auf den Weg gemacht, um mit den Betroffenen Kontakt aufzunehmen. In Ostdeutschland ist ein Netzwerk von Beratungsstellen für Opfer rechtsmotivierter Gewalttaten entstanden. Jährlich zählen sie fünf- bis sechshundert rechtsmotivierte Gewaltstraftaten. Über eintausend Personen werden jedes Jahr von ihnen beraten.

Wer sind die Täter?

Die Täter sind zum überwiegenden Teil junge Männer. Meistens ereignen sich die Taten spontan, wenn sie in Gruppen unterwegs sind und Alkohol getrunken haben. Doch es wäre falsch anzunehmen, dass es sich dabei um "jugendspezifische Gewalt" handelt. Die Taten sind in aller Regel ideologisch unterfüttert. Die Täter kommen meist aus subkulturellen Milieus, die der rechtsextremen Szene nahe stehen. Oft gibt es personelle Überschneidungen zu den organisierten Neonazi-Gruppen der Kameradschaftsszene. Auch an der Auswahl der Opfer kann man ablesen, dass die Gewalt zielgerichtet ist. Betroffen sind neben Migranten und Flüchtlingen oft Jugendliche, die sich in ihrer Symbolsprache – Kleidung, Haartracht – und ihren Handlungen nicht der rechten Subkultur anpassen oder sich von ihr offen abgrenzen. Auch Aussiedler und Obdachlose werden häufig Opfer solcher Angriffe.

Rechte Gewalt ist kein ostdeutsches Phänomen. So zeigen vom Bundeskriminalamt zusammengetragene Daten, dass rechtsmotivierte Gewalttaten in den letzten zwei Jahren auch in den westlichen Bundesländern deutlich zunehmen. Trotzdem: Vergleicht man die Anzahl der Einwohner sowie der potenziellen Opfergruppen in den ostdeutschen Bundesländern mit denen in den westlichen Ländern, so ist die Wahrscheinlichkeit, als Flüchtling oder Linker Opfer einer rechtsmotivierten Gewalttat zu werden, in Sachsen oder Thüringen deutlich höher als in Baden-Württemberg oder Bayern.

Was machen die Opferberatungsstellen?

Nach einer Welle rechtsmotivierter Gewalttaten verabschiedete die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2001 mehrere Programme gegen Rechtsextremismus. Eines davon, das Bundesprogramm CIVITAS, zielt auf die Stärkung der demokratischen Kultur und den Ausbau zivilgesellschaftlicher Strukturen in den ostdeutschen Bundesländern. Neben einer Vielzahl einzelner Projekte und Initiativen werden in diesem Programm sogenannte Strukturprojekte gefördert. Dazu gehören, neben Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus sowie einzelnen, an Kommunen angeschlossene Netzwerkstellen, Beratungsstellen für Opfer rechtsmotivierter Gewalt. Inzwischen arbeitet in allen östlichen Bundesländern mindestens eine solche Opferberatungsstelle mit einem Team von fünf bis sieben Beratern. Sie bilden über Ländergrenzen hinweg ein spezialisiertes Beratungsnetzwerk mit einem eigenständigen fachlichen Profil.

Wie bei dem Fall von Telat K., gehört das Recherchieren nach Gewaltverbrechen, die vermutlich einen rechtsmotivierten Hintergrund haben, zum Alltagsgeschäft der Beratungsstellen. Ist der Kontakt zu den Betroffenen hergestellt, suchen die Mitarbeiter die Opfer auf, um sie vor Ort zu beraten.

Normalerweise sind Menschen, die Opfer rechtsextremer Gewalt werden, nicht ausreichend über ihre rechtliche Möglichkeiten informiert. Wer weiß schon, wie ein Strafverfahren genau abläuft und wie man als Opfer seinen Interessen Geltung verschaffen kann? Dazu kommt, dass viele der Geschädigten aus strukturellen Gründen nicht in der Lage sind, ihre Rechte wahrzunehmen. So kann allein schon die Anzeige eines Angriffs bei der Polizei daran scheitern, dass in der Erfahrungswelt der Opfer die Polizei und die Justiz bisher nur als Gegner aufgetreten sind. Besonders Flüchtlinge , die von Abschiebung bedroht sind, haben Angst davor, mit den Behörden in Kontakt zu kommen. Auf der anderen Seite begegnen auch Polizeibeamte den Opfern rechtsmotivierter Gewalttaten, die oft zu gesellschaftlichen Minderheiten gehören, mit Vorurteilen.

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Autor: Dominique John für bpb.de
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