Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

19.12.2006 | Von:
Dominique John

Modell aus dem Osten

Opferberatungsstellen bieten Hilfe für Betroffene von rechtsextremen Gewalttaten

"Kollektive Viktimisierung"

Die Unterstützungsarbeit der Beratungsstellen ist daher facettenreich und unterscheidet sich je nach der Lebenssituation, den individuellen Ressourcen und Bedürfnissen der Betroffenen. Grundsätzlich ist es ihr Ziel, die Betroffenen durch Beratung und Begleitung psychosozial zu stabilisieren. Darüber hinaus werden die Opfer über juristische Abläufe und weitere Verfahrensfragen, die mit den Angriffen verbunden sind, informiert. Für die Geschädigten ist es auch wichtig, Informationen über Kostenerstattungen und materielle Entschädigungsleistungen zu erhalten.

Auch wenn die Täter aus dem rechtsextremen Umfeld ihre Aggressionen gegen einzelne Menschen richten, so haben diese Straftaten unmittelbare gesellschaftliche Auswirkungen. Schließlich greifen die Täter diese Personen deshalb an, weil sie diese einer bestimmten von ihnen abgelehnten Gruppe zuordnen. Wird beispielsweise ein Flüchtling angegriffen, so hat dieser Akt körperlicher Gewalt eine eindeutige Symbolik für diejenigen, die ebenfalls dieser Gruppe angehören. Diese Prozesse, die in der Fachsprache "kollektive Viktimisierung" genannt werden, sind von den Opferberatungsstellen zu berücksichtigen und zu bearbeiten.

Solidarität mit den Opfern

Dazu gehört die öffentliche Thematisierung und Problematisierung solcher Angriffe im kommunalen Rahmen. So könnte beispielsweise geklärt und gegebenenfalls thematisiert werden, ob ein Bürgermeister weiß, dass in seiner Stadt alternative Jugendliche immer wieder angegriffen werden und sie aus diesem Grund bestimmte Orte meiden. Es könnte auch dazu gehören, bei dem zuständigen Gemeinderat zu erfragen, ob den Verordneten bekannt ist, wie die Stimmung in der örtlichen Flüchtlingsunterkunft ist, nachdem zwei der Bewohner angegriffen wurden? Hier ist es die Aufgabe der Opferberatungsstellen, Diskussionen anzuregen und die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt zu rücken. Das Ziel ist es dabei, solidarisches Handeln gegenüber den Opfern und potenziellen Opfergruppen zu fördern und so auch den Rechtsextremen zu signalisieren, dass ihre Gewalttaten von der Mehrheitsgesellschaft nicht toleriert werden.

Viele Menschen haben bei den Opferberatungsstellen in den letzten fünf Jahren Unterstützung, Begleitung und Solidarität erfahren. Inzwischen findet ihre Arbeit in der Öffentlichkeit viel Anerkennung. Gleichzeitig bleiben die Beratungsstellen sperrig. Durch ihre Parteilichkeit für die Opfer rechtsmotivierter Gewalt, die fundierte Recherche und hartnäckige Öffentlichkeitsarbeit ecken sie an. Denn es gehört zu ihrer Arbeit, darauf hinzuweisen, wenn Rassismusopfer von den Behörden nicht die gebotene Unterstützung erfahren oder wenn in der politischen Öffentlichkeit Positionen vertreten werden, die von rechtsextremen Schlägern als Legitimation verstanden werden können, Minderheiten anzugreifen.

Zukunft der Beratungsstellen

Das Bundesprogramm CIVITAS sollte ursprünglich Ende des Jahres 2006 auslaufen. Damit hätten die Opferberatungsstellen, wie auch die Mobilen Beratungsteams ihre Arbeit Ende des Jahres einstellen müssen.

Nach monatelangem Ringen ist das CIVITAS-Programm nun um ein halbes Jahr verlängert worden. Damit soll den Opferberatungstellen und den Mobilen Beratungsteams die Weiterarbeit ermöglicht werden, bis geklärt ist mit welchem Gesamtkonzept diese Projekttypen weitergeführt werden sollen. Inzwischen sind dafür fünf Millionen Euro in den Bundeshaushalt eingestellt. Ein klar formuliertes weiterführendes Konzept liegt bisher allerdings noch nicht vor. Mit einher gehen Überlegungen ob das, in den ostdeutschen Bundesländern entwickelte Know-how, auf die Situation in die westdeutschen Bundesländer übertragen werden kann. Schließlich spielt auch im Westen die Gewalt von rechtsextremen Gruppen eine zunehmend wichtige Rolle.

Links zu den Opferberatungsstellen:

Mecklenburg-Vorpommern www.lobbi-mv.de

Brandenburg www.opferperspektive.de

Sachsen-Anhalt www.mobile-opferberatung.de

Sachsen www.raa-sachsen.de

Thüringen www.opferhilfsdienst.de

Berlin www.reachoutberlin.de

Gemeinsames Spendenkonto www.opferfonds-cura.de

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