Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.1.2006 | Von:

Rassistische Vorurteile

Alltäglicher Rassismus

Schwarze sind als "äußerlich erkennbare Minderheit" in Deutschland besonders häufig und in besonderem Ausmaß mit Rassismus konfrontiert. Dies stellte der Bericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) 2003 fest. Unter den mehr als hundert Todesopfern rechter Gewalt seit 1990 befinden sich fünfzehn dunkelhäutige Opfer und etwa ebenso viele aus der Türkei und Südeuropa (die Angaben der Bundesregierung - bis März 2003 39 anerkannte Todesfälle - und die von Zeitungen und Vereinen - mindestens 99 Fälle - gehen allerdings weit auseinander; vgl. "Frankfurter Rundschau" vom 6. März 2003). Bekannt wurden einige Fälle brutalster Gewaltanwendung: Alberto Adriano aus Mozambik starb am 14. Juni 2000 in Dessau an den Folgen rechter Gewalt; Farid Guendoul zog sich, von Rechtsextremisten verfolgt, am 13. Februar 1999 in Guben tödliche Verletzungen zu. Die Täter stammten aus Skinhead- und Neonazigruppen wie der "Weißen Offensive" oder den "White Aryans", deren Namen schon auf ihren programmatischen Rassismus hinweisen.

Fälle offener Gewalt bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs eines alltäglichen Rassismus. Schwarze Bürgerinnen und Bürger beklagen, dass man sie nicht respektiert, sondern mit ihnen wie mit Kindern redet, sich überrascht zeigt, wenn sie gut Deutsch können, ungeniert mit dem Finger auf sie zeigt oder herabsetzende Gesten macht. Sie berichten von "nicht böse gemeinten" Fragen wie "Sie haben doch sicher Rhythmus im Blut bei Ihrer Abstammung" und Wünschen, einmal durch die dunklen Locken des Gegenübers fahren zu dürfen (Die Zeit vom 7. September 2000). Härter äußert sich die feindselige Stimmung in offenen Beleidigungen (wie "Nigger" oder "Bimbo") und Benachteiligungen, die Farbige bei der Wohnungs- und Arbeitsuche, in Geschäften, Diskotheken, Behörden, Krankenhäusern und öffentlichen Verkehrsmitteln über sich ergehen lassen müssen. Die Übergriffe reichen bis hin zu Schikanen und Gewalt durch die Polizei und andere Behörden, die Schwarze manchmal von vornherein wie Kriminelle behandeln, wobei dieser Machtmissbrauch zumeist unbekannt oder ungesühnt bleibt. Es hat vom Europarat und den Vereinten Nationen wiederholt Kritik an den Übergriffen der deutschen Polizei auf Ausländer gegeben (vgl. die Dokumentation der Aktion Zivilcourage, Polizeiübergriffe auf Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland 2000-2003). Die Beleidigten oder gar Angegriffenen beklagen, dass man ihnen nur selten zu Hilfe kommt.

Quellentext

Als Ausländer schneller unter Verdacht?

Polizeilicher Machtmissbrauch gegen Ausländerinnen und Ausländer bleibt in zahlreichen Fällen unbekannt und ungesühnt. - Für Illegale ist Anzeige gegen Polizeiübergriffe doppelt schwer. - Übergriffe müssen konsequent verfolgt und bestraft werden. - Jeder Einzelfall ist eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung durch Vertreter des Rechtsstaats.

"Aktion courage" hat rund siebzig beispielhafte Fälle für Polizei-übergriffe gegen Ausländerinnen und Ausländer der letzten drei Jahre dokumentiert, die in erschreckender Weise deutlich machen:
Die wiederholte Kritik des Europarates und der Vereinten Nationen an Deutschland wegen erheblicher Polizeibrutalität an Ausländern ist folgenlos geblieben. Die Verschärfung der Polizeigesetze (auch nach dem 11. September 2001) benachteiligt vor allem Ausländer. Schon wegen ihres Aussehens gelten sie der Polizei als "auffällig", werden schneller verdächtigt als Deutsche und können sich wegen ihrer geringen Beschwerdemacht gegen Amtsmissbrauch kaum wehren.
Cem Özdemir, stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums, erklärt dazu: "Die dokumentierten Fälle zeigen vor allem eines: Die Polizei arbeitet in ganz besonderen Stresssituationen, aber sie repräsentiert eben auch unseren Staat. Deshalb kann und darf Rassismus gegenüber Menschen mit anderer Herkunft oder anderem Aussehen nicht geduldet werden. Verdrängen hilft nicht. Erst wenn die Zusammensetzung der Polizei der gesellschaftlichen Zusammensetzung entspricht, wird die Selbstkontrolle innerhalb der Polizei einfacher werden."

Aus einer Pressemitteilung der Anti-Rassismus-Initiative "Aktion Courage" vom 13. Januar 2004.

Ausgrenzungen

So ist das Leben farbiger Bürgerinnen und Bürger von Ausgrenzung und Chancenlosigkeit in vielen Lebensbereichen mitbestimmt wie etwa in der Schule, in den Medien, in der Öffentlichkeit und im Bekanntenkreis sowie in Form der Einschüchterung durch staatliche Kontrollen. Respektlosigkeit und Ablehnung, Hass und Gleichgültigkeit erleben Farbige als Haltungen, die noch über eine generelle Fremdenfeindlichkeit hinausgehen.

So berichtet ein Ghanaer von einem Sozialarbeiter, der auf seine Frage: "Sie mögen keine Ausländer, oder?", antwortete: "Doch, doch, aber ich mag keine Schwarzen. Ich will in unserer Stadt keine schwarzen Babys haben." (Dorothea Schütze, "Ich hatte kein Kleingeld", Darmstadt 1996, S. 57). Insbesondere weiße Frauen, die mit einem Schwarzen verheiratet sind, und deren gemeinsame Kinder begegnen tagtäglich einem latenten Rassismus, der sich in Getuschel und in abschätzigen Fragen wie: "Haben Sie die Kinder adoptiert?" oder "Wo haben Sie die denn her?" äußert. Dieses Problem reicht bis in die Familien hinein, wo die familiäre Zugehörigkeit eines schwarzen Enkelkindes etwa von den Großeltern nicht voll akzeptiert wird und diese ihrer Tochter vorwerfen, "sich mit einem Schwarzen eingelassen zu haben". Andere sind groben Beleidigungen (sie führten nur eine "Scheinehe" mit einem "Wirtschaftsasylanten") und Anpöbelungen ausgesetzt. Dies zeigt deutlich, dass in der BevölkerungElemente eines biologistischen Rassendenkens fortbestehen, das eine Ehe zwischen Schwarzen und Weißen als "unnatürlich" ablehnt. Bekanntlich entzünden sich rassistische Vorurteile am heftigsten an sexuellen Tabus. An der dunklen Hautfarbe setzt also ein sozialer Definitionsprozess an, der ihre Träger zu Fremden macht, obwohl viele von ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft haben, in Deutschland geboren sind oder schon Jahrzehnte hier leben.

Einstellungen der Bevölkerungsmehrheit

Die Akzeptanz einer multiethnischen Gesellschaft ist in Deutschland noch wenig verbreitet. Dabei leben hier heute schwarze Deutsche bereits in der fünften Generation. Ende des 19. Jahrhunderts wanderten Afrikaner aus den deutschen Kolonien ein. Nach dem Ersten Weltkrieg waren schwarze Soldaten unter den französische Besatzungstruppen im Rheinland, was viele Deutsche damals als "Schmach für die Ehre und Würde des deutschen Volkes und der weißen Rasse" empfanden. Deren Kinder mit einheimischen Frauen wurden als "Rheinlandbastarde" diskriminiert und von den Nationalsozialisten gemäß ihrem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (1933) zu Hunderten zwangssterilisiert. Die nach 1945 geborenen "Besatzungskinder" wurden, vor allem wenn sie aus Beziehungen von schwarzen Soldaten mit deutschen Frauen hervorgingen, von Politik, Wissenschaft und Erziehung als ein "soziales Problem" definiert. Zu Recht wurde befürchtet, die noch von der rassistischen NS-Ideologie geprägte deutsche Nachkriegsgesellschaft würde diese Kinder diskriminieren, worauf diese rebellisch reagieren könnten. Allerdings waren die Verantwortlichen selbst noch im Rassendenken verhaftet.

Anthropologische und soziologische Gutachten der Nachkriegszeit zeigten ebenso wie die Debatte des Deutschen Bundestages vom 13. Februar 1952, dass man diese "Negermischlinge" trotz ihrer deutschen Staatsbürgerschaft und ihrer kulturellen Sozialisation in Deutschland als ein "menschliches und rassisches Problem besonderer Art" betrachtete, weil sie das Klima nicht vertrügen oder auf Grund ihres "heißblütigen" Temperaments Schwierigkeiten bekämen. Man erwog deshalb, sie in das Heimatland ihrer Väter abzugeben. Viele Deutsche konnten sich für diese Kinder nur dienende oder exotische Berufe vorstellen wie Wäscherin, Zimmermädchen, Artist, Musiker oder Liftboy.

Auch wenn diese Form rassistischen Denkens heute seltener geworden ist, sehen sich Afrodeutsche oft der Frage ausgesetzt, "ob und wann sie denn 'zurückgingen'". Dies führt bei ihnen zu Fragen nach der eigenen Zugehörigkeit und Identität, dem Gefühl, "anders zu sein". May Ayim, eine afrodeutsche Dichterin, hat dies so ausgedrückt: "in deutschland großgeworden, habe ich gelernt, dass mein name neger(in) heißt und die menschen zwar gleich, aber verschieden sind, und ich in gewissen punkten etwas überempfindlich bin, in deutschland großgeworden, habe ich gelernt, zu bedauern schwarz zu sein, mischling zu sein, deutsch zu sein, nicht afrikanisch zu sein, deutsche eltern zu haben, afrikanische Eltern zu haben, exotin zu sein, frau zu sein" (Die Zeit vom 7. September 2000).

Nach Umfrageergebnissen waren 2004 noch fünf Prozent der befragten Deutschen voll und ganz der Auffassung, die Weißen seien "zu Recht führend in der Welt", weitere acht Prozent neigten auch "eher" zu dieser Meinung. In den jüngeren Generationen haben negative Einstellungen abgenommen, und in Gebieten mit höherem Ausländeranteil sind sie geringer als in Gebieten mit weniger Ausländern. Offenbar wirken sich das Zusammenleben mit anderen ethnischen Gruppen und eine weltoffenere Erziehung positiv aus. So wäre etwa die Aufstellung von schwarzen Fußballern wie Gerald Asamoah oder Patrick Owomoyela für die deutsche Nationalmannschaft noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen, während dies heute akzeptiert wird.

Beitrag aus: Informationen zur politischen Bildung, Heft 271, "Vorurteile".