Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.10.2005 | Von:
Werner Bergmann

Antisemitismus im Rechtsextremismus

Publikationen

Zeigt der parlamentsorientierte Rechtsextremismus eine gewisse Zurückhaltung, so finden wir in Schriften und Online-Publikationen offenen bis aggressiv-drohenden Antisemitismus. Dies gilt vor allem für die Texte Horst Mahlers, der aus der NPD wieder ausgetreten ist, weil diese seine radikalen Positionen als parteischädigend einschätzte und nicht teilen wollte. Mahler startete einen "Feldzug gegen die Offenkundigkeit des Holocaust", indem er auf seiner Website und im Rahmen des "Deutschen Kollegs" Manifeste zur "Judenfrage" verbreitete, die in ihrem wahnhaften Charakter keine Facette des Antisemitismus auslassen.[25] Das "Verdener Manifest" vom Februar 2003 verbindet in drohendem Ton antiisraelische, revisionistische und klassisch antisemitische Anschauungen, indem es die Juden auffordert, ihren von Jahwe befohlenen Weltkrieg gegen andere Völker einzustellen und ihren Auserwähltheitsanspruch aufzugeben, wenn sie nicht vom "Heiligen Römischen Reich" vor das Weltgericht gestellt werden wollten. Es fordert ultimativ, es müsse "mit dem Seelenmord am Deutschen Volk, mit dem Völkermörder Israel und mit der Verfolgung der Holocaustungläubigen endlich ein Ende haben". Dieser Forderung ließ Mahler im März 2004 im Internet einen Aufruf zum Handeln folgen, denn das Ziel des von ihm gegründeten "Vereins zur Rehabilitierung des wegen Bezweifelns des Holocausts Verfolgten" (VRBHV) soll es sein, "endlich den Allgemeinen Volksaufstand zur Wiedererlangung der Handlungsfähigkeit des Deutschen Reiches durch einen organisierten und geordneten Angriff auf die Auschwitzlüge als dem Fundament der Fremdherrschaft über das Deutsche Volk zu beginnen".

In dieser Überspitzung werden zentrale Denkfiguren des rechtsextremen Antisemitismus gut erkennbar: Nicht die Deutschen, die Juden sind verantwortlich für Krieg und Völkermord (Täter-Opfer-Umkehr); sie verfolgen alle, die nicht an die neue "Holocaustreligion" glauben wollen (Märtyrertum), und zerstören das deutsche Volk, indem sie ihm ein falsches Geschichtsbild und Gesellschaftsmodell aufzwingen. Der Hass auf die Juden erscheint für Mahler als normale und "gesunde" Reaktion darauf.[26]

Antijüdische Ressentiments sind im rechtsextremen Spektrum eng mit antiamerikanischen verbunden, wobei die US-Amerikaner als Marionetten der wahren jüdischen Machthaber gesehen werden. Dahinter stehen mehrere Motive: die Identifikation von "Juden und Angloamerikanern" mit Kapitalismus und Kosmopolitismus sowie das Ressentiment gegen die "Besatzungsmächte". Der "Kampfbund Deutscher Sozialisten" (KDS) stellt in seinem "Vierten Grundsatz" die gewagte Theorie auf, die "welthistorische Rolle von Juden bei der Entfaltung der kapitalistischen Weltwirtschaft" sei das Ergebnis ihrer Westwanderung aus dem östlichen Mittelmeerraum: "Hier entstand jene anglo-jüdische Weltallianz aus atlantischem Seenomadentum und semitischem Wüstennomadentum, aus Atlantismus und Semitismus."[27] Auch Franz Schönhuber sieht das "Unheil des amerikanisch-israelitischen Weltherrschaftsanspruchs" in der "Allianz der puritanisch angloamerikanischen Ostküste mit jenen kapitalkräftigen jüdischen Kreisen der Ostküste, die sich als Finanziers der Politiker betätigen und diese für ihre Zwecke einspannen".[28] Für Schönhuber bedeutet Globalisierung "Amerikanisierung und Judaisierung". Opfer dieser "anglo-jüdischen Weltallianz" unter Zuhilfenahme internationaler Organisationen (IWF und WTO) und "Hollywoods" seien die "freien Völker", insbesondere Deutschland, Japan, der Irak, aber auch die Palästinenser, womit eine Brücke zum Antizionismus geschlagen wird.[29]

Die antikapitalistische Globalisierungskritik und der Nahostkonflikt eröffnen der rechtsextremen Szene zusätzliche Agitationsfelder und Bündnispartner.[30] Damit wachsen die Anknüpfungspunkte zum radikalen Islamismus, mit dem man sich schon seit längerem im Internet verlinkt hat, um pseudowissenschaftliche Gutachten, die die Nichtexistenz von Gaskammern in Auschwitz belegen und damit das Existenzrecht Israels negieren sollen, und vor allem die "Protokolle der Weisen von Zion" zu verbreiten.[31] Für den Schweizer Holocaust-Leugner und zum Islam konvertierten Achmed Huber, der als Kontaktperson zwischen Rechtsextremen und Islamisten fungiert, markiert der 11. September 2001 den Anfang einer Allianz zwischen der "Neuen Rechten" und radikalen Moslems.[32] Auf Resonanz treffen Hubers Vorstellungen bei Mahler, für den der Islam "jetzt zum militanten Widerstand gegen die Verwestlichung` der Welt" heranwächst.

Welche Verbindungen sich aus solchen Thesen entwickeln können, zeigte eine Veranstaltung der radikal islamistischen, zum Mord an Juden aufrufenden Gruppierung Hizb ut-Tahrir al-Islam (Islamische Befreiungspartei) im Oktober 2002 in Berlin, an der auch Mahler und der NPD-Vorsitzende Udo Voigt teilnahmen.[33] In Interviews in der rechtsextremen Szene Berlins wurde Sympathie für den "Befreiungsnationalismus" in den palästinensischen Gebieten und im Irak bekundet, und man wusste sich in diesem Punkt mit der "achtenswerten Traditionslinken" einig, da man einen gemeinsamen Feind in "dem judeo-amerikanischen Weltherrschaftsapparat mit seiner stets gut geölten Völkermordmaschine" habe.[34] In der Agitation gegen "zionistischen One-World-Terror" und in der Gleichsetzung von Globalisierung mit dem vermeintlich von Juden beherrschten Bankensystem der USA gibt es durchaus Anknüpfungspunkte zu Gruppierungen aus dem globalisierungskritischen Umfeld und der extremen Linken (Querfrontstrategie). Dennoch sind die Verbindungen zwischen rechtsextremem, islamistischem und linksextremem Spektrum auf einige Schnittpunkte begrenzt, und massive ideologische Gegensätze bestehen fort.[35]

Fußnoten

25.
Vgl. Rainer Erb/Andreas Klärner, Antisemitismus zur Sinnstiftung. Horst Mahler vor Gericht, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 14 (2005).
26.
Staatsanwaltschaft Berlin, Anklageschrift Mahler, zit. nach ebd.
27.
Website des KDS (9. 3. 2004), zit. nach: Senatsverwaltung (Anm. 3), S. 14.
28.
Nation und Europa, 52 (2002) 2, S. 50.
29.
Vgl. das Titelbild von Nation und Europa, 54 (2004) 5, auf dem Sharon und Bush zu sehen sind; Untertitel: "Die Achse des Bösen".
30.
Die Themen Globalisierung, EU-Erweiterung und Proteste gegen die sozialpolitischen Maßnahmen der rotgrünen Bundesregierung ("Hartz IV") nutzen die Rechtsextremen auch zur antisemitisch gefärbten Kritik am Regierungsprogramm. Der NPD-Vorsitzende Udo Voigt forderte "Deutsches Geld für deutsche Aufgaben statt Finanzierung von UNO, NATO, EU und Holocaust-Denkmälern"; vgl. Deutsche Stimme, (2004) 8.
31.
Vgl. Juliane Wetzel, Antisemitismus und Holocaustleugnung als Denkmuster radikaler islamistischer Gruppierungen, in: Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Extremismus in Deutschland. Erscheinungsformen und aktuelle Bestandsaufnahme, Bonn 2004, S. 253 - 272.
32.
Vgl. Washington Post vom 28.4. 2002 (online-Version).
33.
Vgl. Explizit (Organ der Hizb ut-Tahrir), März-Juni 2002, zit. nach Verfassungsschutzbericht 2003, S. 191.
34.
Vgl. Thomas Haury, Der neue Antisemitismusstreit der deutschen Linken, in: Doron Rabinovici u.a. (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt/M. 2004, S. 137.
35.
Vgl. zu den Grenzen der Bündnisfähigkeit: Tânia Puschnerat, Antizionismus im Islamismus und Rechtsextremismus, in: Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Feindbilder und Radikalisierungsprozesse, Bonn 2005, S. 42 - 73.

Dossier

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.

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