Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.10.2005 | Von:
Werner Bergmann

Antisemitismus im Rechtsextremismus

Rechte Jugendkultur: Rechtsrock

In Songtexten des so genannten "Rechtsrock" tauchen Juden als Feindbild im Vergleich zu Ausländern seltener direkt auf.[36] Wenn dies geschieht, dann tritt das, was im parlamentsorientierten Spektrum nur chiffriert geäußert werden kann, mit größter Brutalität zutage, auch wenn einige Gruppen zur Vermeidung von Strafverfolgung und Indizierung chiffrierte CD-Versionen herausbringen und nur bei Konzerten eine verschärfte Fassung vortragen, oder indem sie strafrechtlich inkriminierte Formulierungen durch von der Szene leicht dechiffrierbare Substitute ersetzen, etwa, wenn statt von Juden von "Krummnasen, Weltnasen, Superauserwählten, Beschnittenen, zionistischen Mächten"[37] oder, noch abstrakter, von der "Macht des Kapitals" mit dennoch erkennbarer antisemitischer Konnotation gesungen wird.[38]

Bereits die Namen der sich als "Kampfkapellen" verstehenden Bands (zum Beispiel: WAW, Weißer Arischer Widerstand, 2002 aufgelöst; Volkszorn; Arisches Blut; Endlösung) wie auch ihre CD- und Songtitel ("Herrenrasse", "Das Reich kommt wieder", "Ran an den Feind") stehen für ein rassistisches, teilweise den Nationalsozialismus verherrlichendes Programm und zeigen, dass man sich im völkischen Widerstand gegen fremde Mächte wähnt (Songtitel: "Volk steh' auf" von der Gruppe Rassenhass, 2003), die einen "versteckten Krieg" gegen Deutschland führen und dieses knechten und ausbeuten wollen, wie es die Juden in der Vergangenheit getan hätten und auch heute wieder täten. Gewalt gegen Juden und andere Gruppen wird als Notwehr und Widerstand oder aber als Rache für vergangenes Unrecht legitimiert.[39] Man agiert als Vertreter der "wahren" Interessen des Volkes, da man sich von den eigenen Eliten verraten fühlt, die vor den Juden kuschten.[40]

Die Themen der Songs entfalten das gesamte Repertoire des Antisemitismus: vom kruden Rassenantisemitismus nach Art des "Stürmer", wobei häufig SA-Lieder neu aufgenommen und aktualisiert werden, über Enthüllungen "jüdischer Machenschaften" in Finanzwelt, Presse und Politik bis hin zu antizionistischem Antisemitismus und neuheidnisch motivierten Angriffen auf die jüdische Religion bzw. auf das als ungermanisch verstandene jüdisch-orientalische Christentum.[41] Und natürlich spielt der Vernichtungsantisemitismus in der rechtsextremen Rockmusik eine wichtige Rolle, wobei "in Form von verbalen Amokläufen" und "in offen geäußerten Vernichtungsphantasien" der Holocaust einerseits geleugnet, andererseits aber auch dazu aufgerufen wird, mit dem Judenmord fortzufahren.[42]

In etwas "elaborierteren Fassungen der gleichen Vernichtungsphantasien" begegnen uns die alten Elemente der Weltverschwörungstheorie und die eigenen Vernichtungsängste wieder, zugleich wird aber mit "Vergeltung" gedroht.[43] Zum Komplex des Vernichtungsantisemitismus gehören auch alle positiven Bezugnahmen auf NS-Symbole, auf SA und SS, auf Konzepte wie "Arier", "Rasse", "Untermensch" sowie auf Protagonisten des NS-Regimes (Heydrich, Hess, seltener Hitler), aber auch die bedingungslose Verehrung der Wehrmacht, da diese "Zeichen" (ob Texte oder Platten-Cover) für den Nationalsozialismus und seine Verbrechen stehen.[44]

Fußnoten

36.
Henning Flad führt dies auf den höheren polizeilichen Druck bei antisemitischer Hetze und den geringeren Politisierungsgrad der rechten Musikszene zurück; vgl. ders., Trotz Verbot nicht tot. Ideologieproduktion in den Songs der extremen Rechten, in: Christian Dornbusch/Jan Raabe (Hrsg.), RechtsRock. Bestandsaufnahme und Gegenstrategien, Münster 2002, S. 91 - 123.
37.
Vgl. Rainer Erb, "Er ist kein Mensch, er ist ein Jud'". Antisemitismus im Rechtsrock, in: Dieter Baacke u.a. (Hrsg.), Rock von Rechts II. Milieus, Hintergründe und Materialien, Bielefeld 1999 , S. 142 - 159. Erb zitiert ein Lied von Frank Rennicke, das in der verbotenen Textfassung lautete: "Ihr Sturmsoldaten jung und alt, nehmt die Waffen in die Hand, denn der Jude haust ganz fürchterlich im deutschen Vaterland", während es in der eingespielten Version "denn der Feind, der haust" hieß (S. 157).
38.
Vgl. die Gruppe Faustrecht auf der "Schulhof-CD" der NPD für den Bundestagswahlkampf 2005.
39.
Vgl. die Band Volkszorn, CD "Im Namen des Volkes", Lied: "Lieber tot als euer Sklave sein", dort: "Kein Ignatz Bubis kann mich noch stoppen, meine Rache wird blutig sein, niemand bleibt verschont", zit. nach R. Erb (Anm. 37), S. 154.
40.
Sehr drastisch in dem Lied "In den Arsch" der Gruppe Landser, CD "Rock gegen oben", 1998: "Wenn der große Vorsitzende/von dem Zentralrat der Superauserwählten/wieder was zu meckern hat, die Bonzen/da in Bonn, (...) /fangen gleich an zu kriechen/ jeder will der erste sein (...). In den Arsch (...)".
41.
Vgl. das Lied "Volk steh auf", wo es unter anderem heißt: "Wir brennen alle Judaskirchen ab, denn wir brauchen hier kein Christentum" (Verfassungsschutzbericht 2003, S. 45).
42.
Vgl. H. Flad (Anm. 36), S. 114: Etwa die Strophe des Liedes "Ausgeburt der Hölle" von den White Aryan Rebels (2001): "Und die Geschichte wird sich wiederholen/und diesmal so, wie ihr sie uns falsch erzählt./Und so haben heute sechs Millionen/ ihr eigenes Schicksal schon selber gewählt". Vgl. auch die Lieder "Ab in den Ofen" und "Kein Mensch" von der Gruppe Macht und Ehre, CD "Herrenrasse", 1997.
43.
Vgl. H. Flad (Anm. 36), S. 115: "Freimaurer-Loge, Zionisten/Weltverschwörer, Humanisten/ Sie nehmen unser Schicksal in ihre Hand" (Weltherrschaft, "Stahlgewitter", 1998). In dem Lied "Ran an den Feind" von Landser (2000) wird der Gegenschlag angekündigt: "Wir stellen die Auserwählten/ (...) Wir halten Gericht/ihre Weltmacht zerbricht."
44.
Vgl. R. Erb (Anm. 37), S. 150.

Dossier

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.

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