Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.10.2005 | Von:
Britta Schellenberg

Rechtsextremismus und Medien

Auseinandersetzung statt Ausgrenzung

Obwohl die thematischen Wellenbewegungen eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen, und trotz vielfältiger Studien zum Thema Rechtsextremismus in Deutschland sind die unmittelbaren Reaktionen auch nach Wahlerfolgen von Rechtsextremen in Medien und Politik höchst problematisch. Ein sorgfältig und langfristig durchdachter, kontinuierlicher Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus findet nach wie vor nicht statt. Die Wahlerfolge der NPD in Sachsen (9,2 Prozent) und der DVU in Brandenburg (6,1 Prozent) haben zu heftigen Reaktionen in Medien und Politik geführt. Ob die erneute, starke öffentliche Wahrnehmung des Themas tatsächlich ein verstärktes Engagement gegen Rechtsextremismus auszulösen vermag, muss sich noch zeigen.

Dem Einzug der NPD und der DVU in den Sächsischen bzw. Brandenburger Landtag standen die meisten Journalisten offenbar völlig unvorbereitet gegenüber. Viele erlagen sogar der Versuchung, Politikern von NPD oder DVU, die im Fernsehen auftraten, das Wort abzuschneiden oder sie verbal auszugrenzen. In Gesprächsführung und Redeverhalten verfolgten die Journalisten eine moralisch überhöhte Ausgrenzungsstrategie, die eine fundierte politische Auseinandersetzung verhinderte und den Rechtsextremen zugleich das Einnehmen einer Opferrolle ermöglichte. Ähnlich verhielten sich auch die Politiker sämtlicher demokratischer Parteien, die nach dem Wahlerfolg der sächsischen NPD im Studio von ARD und ZDF anwesend waren: Sie verließen aus Protest das Studio, als der stellvertretende Parteivorsitzende (und spätere Fraktionsvorsitzende) der NPD, Holger Apfel, zu Wort kam. Der Fernsehzuschauer blieb mit verunsichert wirkenden, der Situation nicht gewachsenen Moderatoren und dem rechtsextremen Politiker allein zurück. Eine kompetente Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Thema fand nicht statt. Die Medien sind in dieser Situation weder ihrer Aufklärer- noch ihrer Chronistenrolle nachgekommen.

Über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit muss kompetent aufgeklärt werden, ohne dabei auszugrenzen. Nicht hilfreich, sondern eher bestätigend für Rechtsextreme ist es, wenn eine inhaltliche Auseinandersetzung nicht zugelassen wird. Um aufklärend zu wirken, muss man sich mit Rechtsextremen auseinandersetzen, antidemokratische Entwicklungen thematisieren und problematisieren. Voraussetzung für öffentliche Gespräche mit Rechtsextremen ist allerdings, sich mit den Argumentationsstrategien und Perspektiven der jeweiligen Parteien differenziert und kritisch auseinanderzusetzen oder zumindest kompetente Gesprächspartner einzuladen. Für eine inhaltlich angemessene Auseinandersetzung mit Rechtsextremen und Rechtsextremismus in den Medien, ist es daher unerlässlich, regelmäßig gezielte Schulungen im Bereich des politischen Journalismus durchzuführen.

Wirkungen reflektieren, Stereotype vermeiden

Die Berichterstattung über den Rechtsextremismus, so zeigt die Studie der ARD/ZDF-Medienkommission, wird von verschiedenen Rezipientengruppen (Rechtsaffine, Rechtsambivalente und Rechtsdistanzierte) unterschiedlich aufgenommen: Die Reaktionen reichen von ausländerfeindlicher Wut über Angst vor rechtsextremer Gewalt bis hin zu Ohnmachtsgefühlen. Die Rezeptionsanalysen machen deutlich, dass es für Redakteure und Journalisten wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen, dass jeder journalistische Beitrag auf unterschiedliche Gruppen verschiedene Wirkungen entfalten kann. Diese unterschiedlichen Rezeptionsmöglichkeiten sollten im Vorfeld reflektiert werden. Ebenfalls im Vorfeld ist zu fragen, welches Beitragsformat für die Darstellung des Themas am ehesten geeignet ist: Geht es eher um einen ereignisbetonten Bericht, in dem das Geschehen anhand von Personen und Einzelhandlungen präsentiert werden soll? Oder ist es sinnvoller, die Ereignisse in einen abstrakteren Zusammenhang zu stellen, um über allgemeine Bedingungen und Folgen von Rechtsextremismus berichten zu können?[13]

Die Rezipientenanalysen und die tiefenhermeneutische Analyse der ARD/ZDF-Studie haben zudem, ähnlich wie die intensiven Gespräche zwischen Journalisten und Psychologen in Weinheim,[14] gezeigt, dass es durchaus bedeutsam sein kann, Information und Emotion miteinander zu verbinden. Beim Rechtsextremismus, insbesondere bei rechtsextremer Gewalt handelt es sich um ein hoch emotionales Thema. Eine moderate Emotionalisierung kann eine Identifikation des Rezipienten mit den Opfern ermöglichen und dazu anregen, sich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Allerdings dürfen die Rezipienten nicht von dem Beitrag "emotional überwältigt" werden. Die tiefenhermeneutischen Analysen der ARD/ZDF-Studie konnten verdeutlichen, dass Fernsehjournalisten ihre Emotionen während der Auseinandersetzung mit dem Thema bzw. den Ereignissen reflektieren sollten, um ihre eigene Position nicht unbewusst in den Beiträgen auszudrücken. Damit keine Ohnmachtsgefühle bei den Rezipienten entstehen, sollten Journalisten bei der Beitragsgestaltung versuchen, den Rezipienten das Gefühl zu vermitteln, selbst handlungsfähig zu bleiben oder werden zu können. Dies kann durch positive Identifikationsangebote erreicht werden.[15]

Die Inhaltsanalysen der ARD/ZDF-Studie haben gezeigt, dass insbesondere in den kurzen Beitragsformen der Nachrichten und Magazine häufig mit Stereotypen gearbeitet wird, die das Thema Rechtsextremismus unzulässig verkürzen. Beispielsweise wird Rechtsextremismus durch stereotype Bilder im Hintergrund (wie Springerstiefel oder Glatzen) oder Schlüsselbegriffe ("Nazis") aufgerufen, ohne eine Erklärung des Phänomens zu bieten. Allerdings kommt es auch vor, dass schablonenhaftes und verkürzendes Bildmaterial parallel zu sehr differenzierten Erklärungen ausgestrahlt wird und somit die Aussagen der Beiträge unterläuft.[16] Durch dramatisierende Bilder und Töne können Berichte überfrachtet werden und zu einer einseitigen Wahrnehmung des Rechtsextremismus führen. Durch übermäßige Effekte laufen die Beiträge zudem Gefahr, Angst zu wecken und Ohnmachtsgefühle auszulösen. Die Arbeit mit authentischen Bildern bzw. ein behutsamer Umgang mit Archivbildern, die stets als solche gekennzeichnet werden sollten, ist außerordentlich wichtig. Dort, wo die Visualisierung keinen aussagekräftigen Einblick bietet, sondern dem Beitrag nur zusätzliche Dramatik verleiht und aus sachlichen Gründen nicht sinnvoll ist, sollte eher ganz darauf verzichtet werden.

Wer über Rechtsextremismus berichtet, muss sich darüber bewusst sein, dass die Berichte dazu führen können, dass Rezipienten an Äußerungen und Taten von Rechtsextremisten Gefallen finden oder diese nachahmen. Verschiedene Studien konnten einen Anstieg rechtsextremer, fremdenfeindlicher und antisemitischer Übergriffe nach herausragenden Gewalttaten, denen starke mediale Aufmerksamkeit geschenkt wurde, beobachten und einen Zusammenhang bestätigen (etwa im Zuge der bereits erwähnten Anschläge in Rostock-Lichtenhagen 1992).[17] Insbesondere Bilder haben eine große Suggestionskraft. Dass der Reiz zur Nachahmung von bislang nicht selbst praktizierten Handlungsschemata, der Reiz also, etwas Neues auszuprobieren, besonders stark von visuell dargestellten Szenen ausgeht, ist schon vielfach in Folge von Gewalttaten belegt worden.[18] Einen Zusammenhang sehen auch die Autoren einer Untersuchungen zum Mord an einem Jugendlichen in Potzlow (Brandenburg): Die rechtsextremen Täter, die ihr Opfer brutal quälten und schließlich ermordeten, erinnerten sich, kurz vor der Tat den Film American History X gesehen zu haben.[19] In diesem Film werden ausführlich Gewaltakte gezeigt, unter anderem der von Skinheads ausgeführte "Bordsteinkick" gegen einen schwarzen Autodieb. Eine visuelle Nachstellung der Gewalttaten oder das Einbringen authentischen Bildmaterials ist hier nicht hilfreich. Stattdessen sollte der Stellenwert der Ereignisse und Taten sachgerecht eingeordnet und die Ursachen von Gewalt sowie ihre Folgen analysiert werden. Hierzu zählt auch, dass Opfer rechtsextremer Gewalt zu Wort kommen.

Um die Wirkung eigener Beiträge besser einschätzen zu können, ist es notwendig, von stereotyper Visualisierung und nicht hinterfragten Originaltönen abzusehen, Abbildungen oder Nachstellungen von Gewalttaten zu vermeiden, Journalisten zu schulen und Feindbilder, Stereotype und Ängste zu reflektieren. Rechtsextreme Täter werden vielfach zu häufig ausschließlich als prügelnde Skinheads dargestellt, die nichts im Kopf haben und eine verwerfliche Gesinnung pflegen. Weitgehend vernachlässigt bleibt hingegen der gesellschaftlich akzeptierte und etablierte Rechtsextremismus, der so genannte "Rechtsextremismus im Nadelstreifen" und der Alltagsrassismus. Mit einer Berichterstattung, die stärker bis in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit oder auch Antisemitismus in den Blick nimmt, könnte es gelingen, die Zuschauer besser für die Formen des latenten Rechtsextremismus zu sensibilisieren.[20]

Eine ausgewogene und das Phänomen "Rechtsextremismus" umspannende Berichterstattung muss facettenreich sein und auch argumentationsfähige Repräsentanten der Szene in den Blick nehmen. Unterschiedliche Typen Rechtsextremer zu betrachten, trägt nicht nur zu einer realitätsgetreueren Darstellung bei, sondern ist auch wichtig, um den generell vorhandenen Manipulationsverdacht gegenüber dem Medium, den - wie die Rezeptionsanalysen ergaben - Rechtsextreme erheben, aufzubrechen. Bei der Täterdarstellung ist aber ebenso darauf zu achten, das Thema Rechtsextremismus nicht zu entpolitisieren.

Die Chronistenpflicht des Journalisten wie auch eine sachgerechte Darstellung des Rechtsextremismus gebietet es, mehrere Perspektiven auszuleuchten. Dabei sollten auch Sichtweisen von Rechtsextremen oder ihnen nahe stehenden Personen gezeigt und hinterfragt werden. Indem mehrere Perspektiven eingebracht werden, wird die Darstellung vielfältiger und breiter. So kann es interessant sein, die Perspektive der Opfer, die der Täter, die von Politikern und Experten oder auch die des sozialen wie politischen Umfelds zu betrachten. Das ermöglicht den Zuschauern, sich selbst eine Meinung zu bilden. Differenzierte Argumentationen können mitunter sogar die Möglichkeit bieten, Betroffenheit und Nachdenklichkeit auch bei rechtsextrem orientierten Zuschauern auszulösen. Allerdings ist es wichtig, dass Journalisten die eingenommenen Perspektiven kritisch reflektieren. Rechtsextremen und fremdenfeindlichen Äußerungen muss dezidiert widersprochen werden, da eine nichtkommentierte Darstellung von den Rezipienten als Beipflichtung und Bestätigung rechtsextremer Ansichten wahrgenommen werden könnte.

Fußnoten

13.
Vgl. Shanto Iyengar, Is Anyone Responsible? How Television Frames Political Issues, Chicago 1991.
14.
Vgl. E. Oehmichen/I. Horn/S. Mosler (Anm. 8), S. 194ff.; Beate Winkler (Hrsg.), Die Täter-Opfer-Falle. Journalisten und Psychoanalytiker im Gespräch über Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit, Weinheim 2000, S. 7 - 136.
15.
Vgl. E. Oehmichen/I. Horn/S. Mosler (Anm. 8), S. 204f.
16.
Vgl. Peter Widmann, Vortrag zu Rechtsextremismus als Thema in den Medien, Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin, 30. 3. 2005.
17.
Vgl. Thomas Ohlemacher, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus: Mediale Berichterstattung, Bevölkerungsmeinung und deren Wechselwirkung mit fremdenfeindlichen Gewalttaten, 1991 - 1997, Hannover 1998; H.-B. Brosius/F. Esser (Anm. 7).
18.
Leonard Berkowitz, The contagion of violence: An S-R mediational analysis of some effects of observed aggression, in: Nebraska Symposium on Motivation, 18 (1970), S. 95 - 135.
19.
Michael Kohlstruck/Anna Vera Münch, Der Mordfall Marius Schöberl. Arbeitspapier 1/2004, S. 37 - 40; publiziert in: Wolfram Hülsemann/Michael Kohlstruck (Hrsg.), Mobiles Beratungsteam. Einblicke. Ein Werkstattbuch, Potsdam 2004, S. 15 - 46.
20.
Vgl. E. Oehmichen/I. Horn/S. Mosler (Anm. 8), S. 203f.