Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

13.10.2005 | Von:
Britta Schellenberg

Rechtsextremismus und Medien

Migration und Ausländer thematisieren

Die Rezeptionsanalysen, die innerhalb der ARD/ZDF-Untersuchung vorgenommen wurden, bestätigen, dass Zuschauer, die sich der "rechten Mitte" mit "gesundem Nationalstolz" zugehörig fühlten, bei den Themen Ausländer, Migration und Fremdenfeindlichkeit stark emotional reagieren. Dabei warfen sie den öffentlich-rechtlichen Sendern vielfach eine Verharmlosung der "Ausländerproblematik" vor oder begrüßten negative Stellungnahmen über Migranten, beispielsweise in Interviews.[21] Neben den bereits oben erwähnten Befunden zur aktuellen Bedeutung von Fremdenfeindlichkeit ist es eine besondere Herausforderung für die Medien, Ressentiments gegenüber Migranten bzw. generelle Fremdenfeindlichkeit nicht weiter zu fördern, sondern ihnen entgegenzutreten.[22]

Der gemeinsame Lebensalltag von Einheimischen und Zugewanderten wird immer noch zu wenig als etwas Selbstverständliches dargestellt. Migranten sind in den modernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts aber etwas Alltägliches und Normales. Daher sollten sie nicht vorwiegend als Kriminelle oder Auslöser von Konflikten gezeigt werden, wie das überdurchschnittlich häufig der Fall ist,[23] sondern als "normale", in Deutschland lebende Bürger. Auffällig ist, dass fremd erscheinende Gruppen in der Berichterstattung - verglichen mit ihrem statistischen Anteil an der Bevölkerung - deutlich überrepräsentiert sind. Sie werden zugleich besonders häufig negativ bewertet. Für das "Ausländerproblem" wird vielfach das Handeln und Verhalten der Migranten selbst verantwortlich gemacht, etwa durch bestimmte Verhaltenszuordnungen und Marginalisierungen.[24]

Besondere Umsicht ist im Zusammenhang mit der Darstellung von ausländischen Gruppierungen geboten. Untersuchungen zu Berichterstattung und Rezeption zum Beispiel von "Kurden und Extremismus" haben ergeben, dass unter bestimmten Gruppen die Gewaltbereitschaft der Rezipienten gegenüber Ausländern/Migranten wächst.[25] Unter Umständen kann die in den Medien verwendete (Bild-)Sprache negativen Einfluss auf die Zuschauer ausüben und unerwünschte Handlungsstrategien fördern. So sollten zum Beispiel Wörter wie "Asylantenflut" nicht verwendet werden, da solche Metaphern Bedrohungsängste hervorrufen oder gar potenzieren könnten.[26] In diesem Sinne sollten auch fragwürdige Politikeräußerungen problematisiert werden.

Anstelle einer negativen Diskussion des Themenkomplexes Migration und Ausländer ist es wichtig, dass Migranten und Ausländer zu Subjekten in der Berichterstattung werden. Informationen über die Kultur und Herkunftsländer der Migranten ebenso wie über die "Normalität" des Lebens von Migranten und Ausländern in Deutschland können dazu beitragen. Es reicht nicht, vereinzelt alltägliche, normale und damit verstärkt positive Facetten von Zuwanderung darzustellen. Notwendig ist es, ein Konzept bzw. ein Leitbild für die Medien zu entwickeln, das Einwanderung und Einwanderer grundsätzlich anerkennt, akzeptiert und begrüßt.[27] In diesem Kontext ist es wichtig, das Thema Fremdenfeindlichkeit als zentral für Strategien gegen Rechtsextremismus zu betrachten und entsprechend sensibel damit umzugehen.

Ausblick

Ein verbesserter Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus in den Medien ist möglich. Dafür sind kontinuierliche Berichterstattung, kompetente, Ausgrenzung vermeidende Auseinandersetzung, differenzierte Darstellung und die Reflexion möglicher Rezeptionsweisen vor der Gestaltung eines Beitrags notwendig. Besonderes Augenmerk sollte den Themen "Migration" und "Ausländer" geschenkt werden.

Probleme bei der Thematisierung des Rechtsextremismus sind originär in den Medien verankert. Die Gründe dafür liegen im Visualisierungs-, Dramatisierungs- und Quotendruck, in der mangelnden Ausleuchtung von Hintergründen und am Übergewicht an ereignisorientierter und tagespolitischer Berichterstattung. Diese Entwicklungen müssen reflektiert werden, um Einschränkungen bei der Qualität zu vermeiden. Die Medien sind kein abgeschlossenes System für sich, sie interagieren nicht nur, sondern sie sind Teil eines breiten öffentlichen Diskurses, der problematische Stereotypisierungen und Ausgrenzungsstrategien in sich birgt. Diese Strukturen gilt es zu analysieren, um unsere demokratische Gesellschaft aktiv zu gestalten.

Beitrag aus: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nummer 42 / 2005, "Rechtsextremismus".

Fußnoten

21.
Vgl. ebd., S. 171f., S. 198.
22.
Vgl. Jessika ter Wal (Hrsg.), Racism and Cultural Diversity in the Mass Media - An overview of research and examples of good practice in EU Member States, 1995 - 2000, Wien 2003, S. 90 - 419; Georg Ruhrmann, TV-Nachrichtenauswahl und -wirkung der Berichterstattung über Migranten. Kurzfassung DFG-Projekt, unveröff. Arbeitspapier Juni 2004.
23.
Vgl. Siegfried Jäger, Von deutschen Einzeltätern und ausländischen Banden. Medien und Straftaten, in: Heribert Schatz u.a. (Hrsg.), Migranten und Medien, Opladen 2000, S. 207 - 216.
24.
Barbara Pfetsch und Hans- Jürgen Weiß, Die kritische Rolle der Massenmedien bei der Integration sozialer Minderheiten: Anmerkungen aus einem deutsch-israelischen Forschungsprojekt, in: H. Schatz (Anm. 24), S. 106 - 115.
25.
Betram Scheufele, Mediale Kultivierung des Fremden. Mehrstufige Klimaeffekte der Berichterstattung - Medien, Problemgruppen, öffentliche Meinung und Gewalt am Fallbeispiel "Kurden", in: F. Esser/ B.Scheufele/H.-B. Brosius (Anm. 1), S. 142 - 185.
26.
Vgl. Matthias Jung/Thomas Niehr/Karin Böke, Ausländer und Migranten im Spiegel der Presse, Wiesbaden 2000; ein diskurshistorisches Wörterbuch zur Einwanderung seit 1945 mit gesellschaftspolitischen Reflektionen und Implikationen. Vgl. auch Martin Wengeler, "Asylantenfluten" im "Einwanderungsland" Deutschland. Brisante Wörter in der Asyldiskussion, in: Sprache und Literatur, 72 (1993), S. 2 - 30.
27.
Das Themenfeld "Migration" wird immerhin verstärkt als Zukunftsthema begriffen. Allerdings spiegelt sich das bisher kaum bzw. gar nicht in der Ausbildung von Journalisten bzw. im Programm der Medien wider. Das zeigte eine am C.A.P. im Frühjahr 2004 durchgeführte Recherche, die Journalistenschulen und Rundfunkanstalten in Deutschland befragte. Pionierarbeit leistet seit einigen Jahren vor allem der WDR.