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Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

23.7.2004 | Von:
Matthias Adrian

"Rechtsextremismus ist der große Aberglaube unserer Zeit"

Ein Gespräch mit dem NPD-Aussteiger und Mitarbeiter der Aussteigerinitiative EXIT, Matthias Adrian

Teil II: Ausstieg aus der JN und Arbeit für EXIT

bpb: Im Jahr 2000 sind Sie aus der NPD ausgetreten und haben begonnen, sich von der rechtsextremen Ideologie zu distanzieren.

Adrian: Ich war unzufrieden mit dem Umfeld. Das war mir zu spaßorientiert, zu wenig ideologisch. Der Lebenswandel stimmte nicht mit der Theorie überein. Ich bin aus der JN ausgetreten, aber zunächst nicht mit dem Vorsatz, mich von der Weltanschauung zu lösen. Doch irgendwann kam ich ins Grübeln, mir wurden Widersprüche bewußt. Teilweise kamen die ideologischen Fragmente ja aus meiner Kindheit, es ist schwer sich davon zu befreien. Als der grundlegende Glaube nicht mehr da war, fiel alles innerhalb von Wochen zusammen. Wenn man feststellt, dass man fast sein ganzes Leben in einem Riesenirrtum gelebt hat und dafür auch Verbrechen begangen hat, damit muss man erst mal fertig werden. Für mich ist der Rechtsextremismus der große Aberglaube des 20. oder 21. Jahrhunderts. Das ist wie der Ausstieg aus einer Psychosekte. Es gab dann natürlich auch Drohungen über Telefon, über Internet, über Briefe.

bpb: Was hat Ihren Aberglauben erschüttert?

Adrian: Ein Beispiel: In der rechten Szene ist die Beschäftigung mit "Rasse" ja ganz wichtig. Aber die wenigsten wissen, dass der Chefideologe der NSDAP, Alfred Rosenberg, davon ausging, dass der Ursprung der nordischen Rasse in Atlantis liegt - dass also die weiße, germanische Rasse aus Atlantis ausgewandert ist. Das ist so absurd, da kann man eigentlich gar nicht mehr diskutieren.

bpb: Hat Ihnen jemand geholfen damals?

Adrian: Als ich in dem seelischen Tief war, bekam ich Kontakt zu einer Internetseite, die sich provokant www.nazis.de nennt, um Rechtsextreme anzulocken und ins Gespräch zu ziehen. Chat-Räume gibt es da und Diskussionsforen. Da traf ich einen Aussteiger aus dem Linksextremismus, der diese ganzen psychischen Vorgänge selbst durchlebt hat. Wir kamen ins Gespräch. Die Website ist ideal für Leute, die vielleicht am Rande der Szene stehen oder die schon weitergedacht haben und raus möchten.

bpb: Sie haben aus ihrem Ausstieg eine Aufgabe gemacht und informieren heute im Auftrag der Aussteigerinitiative EXIT über Rechtsextremismus.

Adrian: Es entstand das Bedürfnis, den gesellschaftlichen Schaden, den ich verursacht habe, auszugleichen. Da kam der Wunsch auf, die Leute aufzuklären. Ich dachte, wenn ich das anschaulich darlege, werden sie es verstehen. Ich musste feststellen, dass man nicht jeden erreichen kann. Aber es ist auf jeden Fall so eine Art Lebensaufgabe geworden, gegen Rechtsextremismus etwas zu tun, mich zu engagieren und aufzuklären.

bpb: Worin besteht ihre Arbeit bei EXIT?

Adrian: Da gibt es zum Einen die Fallbetreuung, dabei übernehme ich besonders die ideologische Betreuung. Dann mache ich ganz viele Sachen mit Jugendlichen, mit Jugendclubs, ich halte Vorträge und leiste Aufklärungsarbeit. Wir arbeiten auch gerade an einem Konzept der ausstiegsorientierten Jugendarbeit, das schon sehr weit fortgeschritten ist. Und Mitte diesen Jahres fange ich in der Jugendvollzugsanstalt Ichtershausen eine Projektwerkstatt mit Jugendlichen an.

bpb: Bei Ihrer Arbeit mit Jugendlichen: Kommen Sie da eigentlich an den "harten Kern" heran?

Adrian: Es hat schon ein paar mal geklappt. Es ist ganz klar, ich maße mir nicht an zu sagen, ich gehe zwei Stunden in einen Jugendclub und drehe alle rum. Ich möchte den Leuten einfach Denkanstöße geben. Vielleicht erlebt später einer etwas, das er schon mal von mir gehört hat, und sieht dann: Das war gar nicht so falsch, was der mir damals erzählt hat. Mein Maximalziel ist es zu verunsichern.

bpb: Ist das gefährlich?

Adrian: Es ist noch nicht wirklich was passiert, aber ich bin sehr vorsichtig. Ich verlange von den Veranstaltern immer, dass man sich über ein Sicherheitskonzept unterhält und dass ich das Hausrecht habe, damit ich Leute des Saales verweisen kann. Aber ich scheue keine Diskussion mit Rechtsextremen, ich habe da auch noch nie negativen Erfahrungen gemacht.

bpb: Warum, glauben Sie, wollen die rechtsextremen Jugendlichen eigentlich mit Ihnen reden, wieso kommen die zu Ihren Vorträgen?

Adrian: Die fragen sich zum einen: Warum ist der eigentlich so? Wir haben eine supergeile Szene, und der ist da ausgestiegen. Warum? Dann denken sicher einige: Der ist ja noch nicht mal feige, der stellt sich uns sogar. Und dann sind da die Ideologen, die sagen, den wollen wir jetzt mal fertig machen. Das klappt dann aber meistens nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. An die Skinheadszene kommt man aber nur sehr schwer über die Ideologie heran, denen geht es halt eher um ihren Kult, ihre Subkultur, ihre Alkoholexzesse und ihre Gewalt. Aber bei ideologischen Leuten hab ich eigentlich kein Problem, mich auseinander zu setzen und mit denen zu diskutieren.

Das Interview führte Klemens Vogel.