Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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23.7.2004 | Von:
Matthias Adrian

"Rechtsextremismus ist der große Aberglaube unserer Zeit"

Ein Gespräch mit dem NPD-Aussteiger und Mitarbeiter der Aussteigerinitiative EXIT, Matthias Adrian

Der Lebenslauf von Matthias Adrian ist gespalten: In seinem alten Leben war er aktives Mitglied der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD. Heute engagiert er sich gegen Rechtsextremismus, betreibt ausstiegsorientierte Jugendarbeit bei der Aussteigerinitiative EXIT. Ein Gespräch über Ideologien, Irrwege und Initiativen gegen Rechts.
Ex-Neonazi Matthias Adrian zeigt seinen ehemaligen Personalausweis, auf dem er einen Hitlerbart trägt. Berlin, 24.10.2006. Heute versucht er in der Berliner Initiative Exit-Deutschland auch andere Neonazis zum Ausstieg zu bewegen.In seinem Personalausweis dokumentierte Ex-Neonazi Matthias Adrian früher auf recht eindeutige Weise seine Gesinnung. (© AP)

Teil I: Der Weg in den Rechtsextremismus

Der Lebenslauf von Matthias Adrian ist gespalten: In seinem alten Leben glaubte er an rechtsextreme Parolen und Weltbilder und war aktives Mitglied der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD. Heute engagiert sich Adrian gegen Rechtsextremismus: Er betreibt ausstiegsorientierte Jugendarbeit bei der Aussteigerinitiative EXIT. Die rechtsextreme Weltanschauung ist sein Lebensthema geblieben. Seine Arbeit sieht er als Wiedergutmachung – an der Gesellschaft und an sich selbst.

bpb: Herr Adrian, Sie waren von 1997 bis 2000 aktives Mitglied bei den Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD. Verfassungsschützer schätzen die JN als rechtsextrem ein, mit starkem neonazistischen Potential. Wieso haben Sie in diesem radikalen Umfeld ihre politische Heimat gefunden?

Adrian: Ich komme aus einem sehr konservativen Elternhaus, wo gewisse Vorstellungen üblich waren – zum Beispiel solche über die "saubere Wehrmacht" oder dass nicht alles schlecht war im Dritten Reich. Ich bekam Probleme in der Schule, als ich meinen Lehrern gegenüber solche Äußerungen machte. Das fing an mit zehn oder elf Jahren. Vielleicht hätten sich meine Lehrer anders mit mir auseinandersetzen müssen – so bekam ich bald die Antworten auf meine Fragen aus rechten Publikationen wie der "Nationalzeitung". Dort fand ich eine Erklärung, warum die Lehrer etwas anderes erzählten als mein Opa, der ja Zeitzeuge war: Seit 1945 werde das deutsche Volk umerzogen und Medien und Lehrer stecken unter einer Decke. Für mich war klar: Der Lehrer will mich umerziehen.


bpb: Damals waren Sie noch sehr jung. Von dort ist es ein weiter Schritt bis zum JN-Beitritt mit Anfang 20.

Adrian: Das war eine langfristige Entwicklung. Durch den ständigen Kontakt mit den Medien der rechtsextremen Parteienlandschaft kam es dazu, dass ich ein rechtes Weltbild aufgebaut habe. Mit 14 Jahren habe ich meine erste Kameradschaft – oder was ich damals dafür hielt – gegründet. Das war so ein Zwischenspiel, in der Pubertät hat mich Politik nicht sehr interessiert. Aber etwa mit 21 Jahren habe ich festgestellt: Das ist meine Meinung, und ich muss jetzt eine Art Sprachrohr dafür finden. Durch die ständige Selbstindoktrination war ich sehr radikal geworden, nationalsozialistische Ideologiemomente wurden wichtig. So blieb für mich nur die NPD als radikalste Kraft übrig.

bpb: Und dann haben Sie sich irgendwann bei der NPD vorgestellt?

Adrian: Erste Kontakte kamen über Demos. Da hat man Leute kennen gelernt, auch solche in Führungspositionen. Mit dem Mitläuferumfeld, also mit den Skinheads und so, konnte ich nie etwas anfangen. Die waren zu weit weg von meiner konservativen Wertewelt. Für mich war das unmöglich, dass man als Deutscher mit Jeans rumläuft. Auch das Sozialverhalten in der Skinheadszene sprach mich nicht an. Ich bekam relativ schnell Kontakt mit der ideologischen, mit der so genannten Scheitel-Szene. Ideologisch war ich da schon auf einem hohen Level, weil ich seit dem 13. Lebensjahr fast nur aus rechten Quellen geschöpft habe.

bpb: Sie sind schnell integriert worden?

Adrian: Ich wurde auf einen Schulungsabend eingeladen, und der ging dann den Schritt weiter, den die "Nationalzeitung" nicht gehen kann, um legal zu bleiben. Da wurde über die zionistische Weltverschwörung, die Kapitalverschwörung des Weltjudentums unterrichtet. Ich begann dann auch, Gastartikel in Szenezeitschriften zu schreiben. Und irgendwann hieß es: Wir bauen in Hessen einen neuen Landesverband auf, und ich könne dort eine Funktion übernehmen und mich mehr politisch betätigen.

bpb: Sie waren im Landesvorstand der JN in Hessen. Was waren ihre Aufgaben?

Adrian: Zunächst war ich Ordnerdienstleiter. Ich habe immer spöttisch gesagt, ich bin Glatzendompteur. Ich habe darauf geachtet, dass sie auf Demos Viererreihen bilden, nicht anfangen, den rechten Arm zu heben oder verbotene Parolen zu grölen. Aber ich habe auch im Vorfeld von Parteifeiern mitgewirkt, mal einen Kranz für den Rudolf-Hess-Gedenkmarsch besorgt oder Plakate in Auftrag gegeben. Mir wurde dann die Landesorganisation für Südhessen angetragen. Als später einmal ein V-Mann kam und sagte, der Verfassungsschutz möchte ihn anwerben, war ich zum Beispiel dafür verantwortlich, welche Informationen er weitergeben darf und dass das Geld an die Parteikasse abgeführt wird.

bpb: Die Ausschwitz-Leugnung oder das Zeigen nationalsozialistischer Symbole stehen unter Strafe. Wurden Sie mit solchen Straftaten konfrontiert?

Adrian: Ja, ich habe sie selbst begangen. Offiziell wird sich die NPD immer von Straftaten distanzieren und sie werden auch nicht direkt von der NPD angeordnet. Aber sie kommen halt immer wieder aus dem Umfeld. Es gibt Schulungen, die sich mit Holocaust-Leugnung oder mit antisemitischen Themen beschäftigen. Die werden nicht als offizielle NPD-Schulungen abgehalten, obwohl die Mehrheit dort NPD-Mitglieder sind. Die Partei hat gelernt, nicht unbedingt Verbotsgründe zu liefern. Wenn man unter sich war, wurde Tacheles geredet. Da wurden Hitlergeburtstage gefeiert, wo komplette NPD-Landesvorstände mit NSDAP-Parteizeichen und Armbinde herumsaßen.

bpb: Ist die NPD eigentlich ideologisch, wird da viel theoretisch gearbeitet?

Adrian: Ja sehr. Ich denke, es ist die einzige rechtsextreme Partei, die auch wirklich eine ideologische Ausrichtung hat, die extrem demokratiefeindlich ist. Ganz oft wird bei der NPD von der "Reichsidee" gesprochen. Das heißt, sie wollen wieder ein deutsches Reich aufbauen und das wird auf keinen Fall in demokratischen Strukturen ablaufen. Es gibt enge Verflechtungen mit dem Thule-Seminar vom Pierre Krebs. Dann ist da der Chefideologe der NPD, Herbert Schweiger aus Österreich, der selbst aus der SS kommt, und auch das Deutsche Kolleg von Horst Mahler hat Einfluss.

Das Interview führte Klemens Vogel im Juni 2004.

Teil II: Ausstieg aus der JN und Arbeit für EXIT

bpb: Im Jahr 2000 sind Sie aus der NPD ausgetreten und haben begonnen, sich von der rechtsextremen Ideologie zu distanzieren.

Adrian: Ich war unzufrieden mit dem Umfeld. Das war mir zu spaßorientiert, zu wenig ideologisch. Der Lebenswandel stimmte nicht mit der Theorie überein. Ich bin aus der JN ausgetreten, aber zunächst nicht mit dem Vorsatz, mich von der Weltanschauung zu lösen. Doch irgendwann kam ich ins Grübeln, mir wurden Widersprüche bewußt. Teilweise kamen die ideologischen Fragmente ja aus meiner Kindheit, es ist schwer sich davon zu befreien. Als der grundlegende Glaube nicht mehr da war, fiel alles innerhalb von Wochen zusammen. Wenn man feststellt, dass man fast sein ganzes Leben in einem Riesenirrtum gelebt hat und dafür auch Verbrechen begangen hat, damit muss man erst mal fertig werden. Für mich ist der Rechtsextremismus der große Aberglaube des 20. oder 21. Jahrhunderts. Das ist wie der Ausstieg aus einer Psychosekte. Es gab dann natürlich auch Drohungen über Telefon, über Internet, über Briefe.

bpb: Was hat Ihren Aberglauben erschüttert?

Adrian: Ein Beispiel: In der rechten Szene ist die Beschäftigung mit "Rasse" ja ganz wichtig. Aber die wenigsten wissen, dass der Chefideologe der NSDAP, Alfred Rosenberg, davon ausging, dass der Ursprung der nordischen Rasse in Atlantis liegt - dass also die weiße, germanische Rasse aus Atlantis ausgewandert ist. Das ist so absurd, da kann man eigentlich gar nicht mehr diskutieren.

bpb: Hat Ihnen jemand geholfen damals?

Adrian: Als ich in dem seelischen Tief war, bekam ich Kontakt zu einer Internetseite, die sich provokant www.nazis.de nennt, um Rechtsextreme anzulocken und ins Gespräch zu ziehen. Chat-Räume gibt es da und Diskussionsforen. Da traf ich einen Aussteiger aus dem Linksextremismus, der diese ganzen psychischen Vorgänge selbst durchlebt hat. Wir kamen ins Gespräch. Die Website ist ideal für Leute, die vielleicht am Rande der Szene stehen oder die schon weitergedacht haben und raus möchten.

bpb: Sie haben aus ihrem Ausstieg eine Aufgabe gemacht und informieren heute im Auftrag der Aussteigerinitiative EXIT über Rechtsextremismus.

Adrian: Es entstand das Bedürfnis, den gesellschaftlichen Schaden, den ich verursacht habe, auszugleichen. Da kam der Wunsch auf, die Leute aufzuklären. Ich dachte, wenn ich das anschaulich darlege, werden sie es verstehen. Ich musste feststellen, dass man nicht jeden erreichen kann. Aber es ist auf jeden Fall so eine Art Lebensaufgabe geworden, gegen Rechtsextremismus etwas zu tun, mich zu engagieren und aufzuklären.

bpb: Worin besteht ihre Arbeit bei EXIT?

Adrian: Da gibt es zum Einen die Fallbetreuung, dabei übernehme ich besonders die ideologische Betreuung. Dann mache ich ganz viele Sachen mit Jugendlichen, mit Jugendclubs, ich halte Vorträge und leiste Aufklärungsarbeit. Wir arbeiten auch gerade an einem Konzept der ausstiegsorientierten Jugendarbeit, das schon sehr weit fortgeschritten ist. Und Mitte diesen Jahres fange ich in der Jugendvollzugsanstalt Ichtershausen eine Projektwerkstatt mit Jugendlichen an.

bpb: Bei Ihrer Arbeit mit Jugendlichen: Kommen Sie da eigentlich an den "harten Kern" heran?

Adrian: Es hat schon ein paar mal geklappt. Es ist ganz klar, ich maße mir nicht an zu sagen, ich gehe zwei Stunden in einen Jugendclub und drehe alle rum. Ich möchte den Leuten einfach Denkanstöße geben. Vielleicht erlebt später einer etwas, das er schon mal von mir gehört hat, und sieht dann: Das war gar nicht so falsch, was der mir damals erzählt hat. Mein Maximalziel ist es zu verunsichern.

bpb: Ist das gefährlich?

Adrian: Es ist noch nicht wirklich was passiert, aber ich bin sehr vorsichtig. Ich verlange von den Veranstaltern immer, dass man sich über ein Sicherheitskonzept unterhält und dass ich das Hausrecht habe, damit ich Leute des Saales verweisen kann. Aber ich scheue keine Diskussion mit Rechtsextremen, ich habe da auch noch nie negativen Erfahrungen gemacht.

bpb: Warum, glauben Sie, wollen die rechtsextremen Jugendlichen eigentlich mit Ihnen reden, wieso kommen die zu Ihren Vorträgen?

Adrian: Die fragen sich zum einen: Warum ist der eigentlich so? Wir haben eine supergeile Szene, und der ist da ausgestiegen. Warum? Dann denken sicher einige: Der ist ja noch nicht mal feige, der stellt sich uns sogar. Und dann sind da die Ideologen, die sagen, den wollen wir jetzt mal fertig machen. Das klappt dann aber meistens nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. An die Skinheadszene kommt man aber nur sehr schwer über die Ideologie heran, denen geht es halt eher um ihren Kult, ihre Subkultur, ihre Alkoholexzesse und ihre Gewalt. Aber bei ideologischen Leuten hab ich eigentlich kein Problem, mich auseinander zu setzen und mit denen zu diskutieren.

Das Interview führte Klemens Vogel.
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