Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.

17.6.2008 | Von:
Rainer Fromm

We play NS-Hardcore!

Die Mythisierung rechten Gedankenguts in der Musik

Straight Edge

Insgesamt ist es ein Bündel von Faktoren, die Hatecore für Rechte attraktiv machen. Neben dem modernen Outfit, das es Jugendlichen ermöglicht, subkulturell aktiv zu sein, ohne sich mittlerweile im Skinhead-Outfit lächerlich zu machen, ist es vor allem die konsequentere Lebensführung. Gerade die Forderung nach gesunder Lebensführung und die Absage an Drogen kollidierte oft mit dem exzessiven Alkoholgenuss der Skinheadbewegung. Gefragt nach "Straight Edge" erklärt die deutsche NS Hatecore-Band Might of Rage: "Ich persönlich halte die Idee für keine Schlechte, weil es keine Schande ist, seinen Körper drogenfrei zu halten (...). Es ist halt auch hier eine Definitionssache und zu den Drogen dieser Art gehören nun auch Alkohol und Tabak, obwohl dies sehr viele nicht so sehen wollen. Dabei sei noch bemerkt, dass wir uns alle gewiss sein sollten, welche 'Nasen' am Tabakkonsum Geld verdienen und damit unter anderem solche 'netten' Lügenausstellung(en) oder den Staat Israel mitfinanzieren".(47)

Damit wird in die Propagierung einer gesunden Lebensweise wieder in ein offen antisemitisches Denkmuster verpackt. Auch hier dokumentiert sich die Kombination aus neuem Lifestyle und alten Feindbildern. Andere rechte Hatecorebands hingegen verzichten auf eine ideologische Überfrachtung ihrer Straight Edge-Lebensweise. So erklärt ein Musiker von Daily Broken Dream, dass er sich "ohne Alkohol und die daraus resultierenden Nebenwirkungen einfach viel besser" fühle.(48) Erheblich provokativer richtet sich die Band Anger Within mit dem Song "Alcoholic" auch gegen den weit verbreiteten Drogen- und Alkoholkonsum im rechten Lager. Im Text heißt es: "12 years old you started smoking. Maybe too early you wanted to be cool. You wanted to break free. Now you´re a slave of their industry." Im Interview erklärt ein Bandmitglied zur Intention des Songs: "Ich finde es nur etwas abstoßend, wenn Leute, die nationale Symbolik auf den Klamotten (oder in ihrem Suffgerede) verbreiten, gleichzeitig nach Alk oder Kippen stinken und kaum gerade laufen können. Irgendwie ist das nicht das Bild des deutschen Freiheitskämpfers, das ich aus alten Büchern und Filmen im Hinterkopf habe. Auf unser Volk, welchem unser Kampf ja angeblich gilt, wirken viele dieser Leute abschreckend."(49)

Die amerikanische Hardcore-Organisation Terror Edge kämpft gegen Alkohol, Drogen und Tabak in der rechten Bewegung mit der Absicht, "weiße Männer und Frauen" für ein Leben ohne Gifte zu vereinigen: "Our purpose is to promote a poison free life for NS worldwide to clean the scenes and make NS stronger and focused".(50) Dazu müssten Nationalsozialisten für eine Zukunft der "weißen Rasse und allen weißen Nationen" streiten, und die Gesellschaft von den Giften jüdisch-kontollierter Nahrung säubern. In dieser Eindeutigkeit wurden die Leitlinien der "Straight-Edge"-Philosophie bisher noch nie mit den Kernbotschaften neonationalsozialistischer Ideologie verschmolzen. Darüber hinaus dient die Webseite »www.terror-edge.com« auch der Vernetzung sowie der ideologischen Radikalisierung der rechten Hardcore-Fans. In den Literaturempfehlungen finden sich neben Hitlers "Mein Kampf" auch die Terror-Publikation "Turner Diaries", die einen rassistischen Bürgerkrieg in den USA propagiert. 2006 wurde die Schrift von der BPJM indiziert.(51) Ebenfalls empfohlen werden "Die Protokolle der Weisen von Zion". Die antisemitische Hetzschrift wird von der Mehrzahl der Historiker dem Leiter der Auslandsorganisation des zaristischen Geheimdienstes Ochrana, Iwanowitsch Ratschkowski, zugeschrieben und ist hinsichtlich seiner Tatsachenbehauptungen längst als Fälschung widerlegt.(52) So spricht Joachim Valentin Schwarz vom "zähllebigste(n) Dokument des modernen internationalen Antisemitismus", das aus "mehreren fiktionalen Texten zusammengestellt" sei.(53)

Neben den rechten Schriften enthält die Seite auch Informationen über Vegetarismus und Straight Edge (54) und ist vernetzt mit den Webseiten der Bands Fear Rains Down, Hate for Breakfast oder H8 Maschine. Insgesamt verfügt die NS Hatecore-Subkultur mit der Webseite "Terror Edge" über einen ersten internationalen organisatorischen Überbau.

NS Hatecore und Auswirkungen für den Jugendschutz

Auf nationaler Ebene in Deutschland sind es heute vor allem die vielen Bands, denen es mit ihrer modernen Verpackung gelingt, rechte Ideologie zeitgemäß in die Köpfe vieler Jugendlicher zu transportieren. Über Umweltschutz, Sozialthemen, Globalisierungskritik und Vegetarismus wird die Schneise in aktuelle Zeitfragen geschlagen, um dann die vermeintlichen Antworten mit völkischen, antiamerikanischen und antisemitischen Klischees aufzuladen.

Trotzdem führen Auftreten und Inhalte der NS Hatecore-Bewegung auch zu einer Veränderung der jugendsubkulturell geprägten rechten Szene. Zu allererst ist eine Etablierung der englischen Sprache als Songsprache im Neonazismus zu erwähnen. Darüber hinaus führt die allgegenwärtige Thematisierung sozialkritischer Inhalte auch zu einer ideologischen und strukturellen Veränderung. Während sich Anhänger des traditionellen Rechtsextremismus durch viele der Texte und die Stilelemente des NSHC abgestoßen fühlen, entsteht eine wachsende inhaltliche Grauzone zu linken Protestbewegungen. Den Geist vieler NS-Hatecorebands fasst Moshpit in einem Interview exemplarisch zusammen: "Wir begreifen die nationalrevolutionären Ideen des dritten Weges als Alternative zu festgefahrenen rechts/links Denkschablonen. Die Bewegung muss sich endlich vom alten Dumpfrassismus & Futterneid trennen, um sich den wahren Problemen unserer Zeit/unseres Volkes zu widmen. Die Grenze verläuft nicht zwischen Rechts und Links, sondern zwischen oben und unten. (...) Das Hauptziel unserer Musik ist es auch unpolitische Leute oder Vertretungen anderer Meinungen zu erreichen und sie für unsere Sache zu begeistern."(55)

Die Hatecoregruppe H8 Maschine erklärt im Fan-Heftchen "Violence": "Unser Ziel war es die CD so zu machen, dass sie neue Leute in die Szene bringt. Sieh es so: dieses ganze 'Töte diese, schlage jenen´ ist veraltet. Um neue Leute zu begeistern, musst Du Musik und Texte machen, die sich ihrem Stil anpassen."(56) Mit den neuen Inhalten werden Konzerte auch für gesellschaftskritische Jugendliche interessanter, die über das Einfallstor des NS-Hatecore wiederum auch mit anderen rechtsgerichteten Inhalten konfrontiert werden. Gesamtgesellschaftlich muss die oben skizzierte subkulturelle Entwicklung sehr ernst genommen werden. Insbesondere die Kombination aus Globalisierungskritik und Antikapitalismus mit völkischen Inhalten entspricht nach einer neuen Analyse von Richard Stöss (Freie Universität Berlin) dem politischen Denken vieler Menschen aus der Szene. So waren nach einer Untersuchung aus dem Jahr 2003 insgesamt 85 Prozent der rechtsgerichteten Szene kapitalismuskritisch und 91 Prozent globalisierungskritisch eingestellt. Umgekehrt verortet Stöss eine rechtsextreme Einstellung bei 30 Prozent der Kapitalismuskritiker, 24 Prozent der Globalisierungskritiker und sogar bei bei 38 Prozent der Antikapitalisten.(57) Damit treffe laut Stöss das "NPD-Konzept eines völkischnationalistischen Antikapitalismus bzw. Sozialismus (...) exakt die (Protest-) Stimmung ihrer Adressaten".(58) Daraus abgeleitet würden künftig Wahlergebnisse rechter Parteien davon abhängen, "in welchem Umfang sich rechtsextreme Einstellungen mit kapitalismuskritischen Protest verbinden".(59)

Eine Entwicklung mit weitreichenden Folgen für die künftige Propagandaaktivität der rechten Szene und damit auch für den Jugendschutz. Während traditionell-rechtsgerichtete Tonträger aus der Skinhead-Szene der achtziger und neunziger Jahre mit äußerster Aggressivität gegen Ausländer, Juden und Demokraten hetzten und offen den nationalsozialistischen Terrorstaat glorifizierten, ist der NSHC mit seiner Agitation in der Gegenwart angekommen. Statt offener Hetze gegen die klassischen Feindbilder des Rechtsextremismus erfolgt eine gesellschaftskritisch verpackte unterschwellige Diffamierung des Judentums. Dazu werden Kampfansagen gegen das demokratische Deutschland in Zeitgeist- und Mainstream-kompatible Widerstandsparolen gegen ein angeblich "liberal-kapitalistische(s) Verwertungssystem" (Path of Resistance) verpackt. Auch werden fast sämtlichen globale Probleme mit der Existenz westlicher Demokratien gleichgesetzt, die wiederum angeblich jüdisch kontrolliert seien. Letztendlich sind auch die Appelle für Umweltschutz und gegen Kapitalismus in dieser Diktion nichts anderes als eine Forderung nach einem neuen Nationalen Sozialismus.

Das Gefährdungspotential dieser sich modern gerierenden rechten Szene geht weit über die altbekannte Forderung nach der Restauration der historisch und politisch diskreditierten nationalsozialistischen Terrordiktatur hinaus. Rechtsextremismus wird dann gesellschaftlich gefährlich, wenn es ihm auch gelingt, sozialisierend in die Gesellschaft zu wirken. Insofern sollte das Kriterium einer Transfereignung rechtsgerichteter und menschenverachtender Inhalte in die Köpfe Jugendlicher in der Bewertungspraxis weit mehr Raum gegeben werden. Denn in dem Maß, wie es rechtsgerichteten Kreisen gelingt, die realen Probleme in der Lebenswirklichkeit vieler Jugendlicher mit Hassparolen zu verknüpfen und aufzuladen, wächst auch die gesellschaftliche Brisanz. In diesem Zusammenhang ist es nur ein Beispiel darauf hinzuweisen, dass völkischer Antikapitalismus beispielsweise nichts anderes als eine "Abkehr des Egalitarismus" darstellt, "um die ethnische bzw. kulturelle Verschiedenheit (Ethnopluralismus)" zu bewahren.(60) Das bestätigen auch Aussagen von NSHC-Bands wie Brainwash: "In der jetzigen Gesellschaftsform ist ein artgerechtes Bestehen nicht möglich. Die Macht des Geldes muss gebrochen werden und eine auf nationalen Pfeilern gefestigte Volksgemeinschaft geschaffen werden. Von Demokratie halte ich nicht allzu viel, da bis zum heutigen Tage dieser Begriff nur dazu diente der Unterdrückung einen schönen Namen zu geben. Der soziale Aspekt ist nicht zu unterschätzen, da die Zukunft eines Volkes nur darüber zu sichern ist."(61)

Im Anbetracht der neuen subkulturellen Entwicklung ist es dringend erforderlich, dass die Bewertungsmaßstäbe des Jugendschutzes mit den aktuellen Formen der rechten Agitation Schritt halten. Gerade die neuesten Rechercheergebnisse zeigen die Brisanz, die sich durch die Kombination vom Aufgreifen realer politischer Defizite (Globalisierungsfolgen, Sozialabbau) mit dem Transport traditioneller rechter Agitation ergibt. Hier ist ein hochbrisanter Ideologiemix entstanden, der in der Präventionsarbeit bisher noch viel zu wenig thematisiert wurde.




1) Dr. Rainer Fromm ist freier Journalist und hat bereits mehrere Beiträge zu jugendmedienschutzrelevanten Themen veröffentlicht.

2) Interview mit H8 Machine, Rufe ins Reich, Doppelausgabe 3/4, o.O., o.J., S. 12.

3) www.verfassungsschutz.de/publikationen/gesamt/page14.htm, 13.3.2002, zit. aus: Die berufsbildende Schule (BdSch) 55, 2003, S. 294 .

4) Verfassungsschutzbericht des Freistaates Sachsen 2005, Dresden Dezember 2005, S. 16 Aufsatz.

5) vgl. www.turnitdown.de/musik.html, 19.1.2008.

6) vgl. www.turnitdown.de/155.html.

7) zit. aus: www.turnitdown.de/155.html.

8) BAnz Nr. 20, 29.1.2005.

9) Entscheidung Nr. 6856 (V) vom 10.1.2005, S. 11.

10) Entscheidung Nr. 6856 (V) vom 10.1.2005, S. 11.

11) vgl. Christian Dornbusch/Jan Raabe: RechtsRock – Made in Thüringen, Erfurt 2006, S. 44.

12) www.turnitdown.de/706.html, 20.1.2008.

13) zit. aus: Verfassungsschutzbericht des Freistaates Sachsen 2005, Dresden Dezember 2005, S. 17.

14) Der Panzerbär, 6. Ausgabe, Chemnitz 2003.

15) http://aryanmusic.net/2107_plugins/content/content.php?content.183, 20.1.2008.

16) vgl. aryan88.com, 23.5.2006.

17) http://aryanmusic.net/2107_plugins/content/content.php?content.183, 20.1.2008.

18) http://aryanmusic.net/2107_plugins/content/content.php?content.181, 20.1.2008.

19) zit. aus Morrigan Rising, Nr. 9, 2004, S. 16, zit. aus: Christian Dornbusch/Jan Raabe: RechtsRock – Made in Thüringen, Erfurt 2006, S. 41.

20) www.sunsetmailorder.de/eb.htm, 18.7.2007.

21) www.sunsetmailorder.de/burndown.htm, 18.7.2007.

22) www.untiltheend-records.com/Shop, 18.7.2007.

23) www.sunsetmailorder.de/teardown.htm, 18.7.2007.

24) www.sunsetmailorder.de/h8machine, 18.7.2007.

25) www.sunsetmailorder.de/burndown.htm, 18.7.2007.

26) www.v7versand.com/shop/de/dept_78.html, 20.1.2008.

27) www.v7versand.com/shop/de/dept_78.html, 20.1.2008.

28) www.streetwear-tostedt.de, 15.1.2008.

29) www.2yt4u-records.com/, 15.1.2008.

30) http://hate-front.com/, 21.01.2008.

31) Landesamt für Verfassungsschutz Brandenburg: Feinde der Demokratie – Hassmusiker, Potsdam o.J..

32) Der Panzerbär, 6. Ausgabe, Chemnitz 2003.

33) Liedabschrift ist im Besitz des Autoren.

34) www.sunsetmailorder.de/brainwash.htm, 18.7.2007.

35) Interview mit dem Autoren, November 2007.

36) Rock Nord, Nr. 112/113, 13. Jahrgang, S. 28.

37) www.sunsetmailorder.de/brainwash.htm, 18.7.2007.

38) http://aryanmusic.net/2107_plugins/content/content.php?content.183, 20.1.2008.

39) Der Panzerbär, Nr.5, Interview mit Brainwash, Chemnitz, 2002.

40) http://aryanmusic.net/2107_plugins/content/content.php?content.181, 20.1.2008.

41) www.sunsetmailorder.de/hfb.htm, 18.7.2007.

42) www.sunsetmailorder.de/angerwithin.htm, 18.7.2007.

43) Rock Nord, Nr. 112/113, 13. Jahrgang, S. 34.

44) www.sunsetmailorder.de/hftw.htm, 18.7.2007.

45) www.sunsetmailorder.de/frd.htm, 18.7.2007.

46) Interview mit dem Autoren November 2008.

47) Rufe ins Reich, Doppelausgabe 3/4, o.O., o.J., S. 76.

48) www.sunsetmailorder.de/rrin ti.htm, 19.1.2008.

49) www.sunsetmailorder.de/angerwithin.htm, 19.1.2008.

50) www.terror-edge.com/index/Untitled-1.html, 20.1.2008.

51) BAnz Nr. 82, 29.4.2006.

52) www.shoa.de/content/view/50/204/, 20.1.2008.

53) Johannes Valentin Schwarz: Die 'Protokolle der Weisen von Zion', aus der Didaktikmappe der Ausstellungjüdischer Nippes, populäre Judenbilder und aktuelle Verschwörungstheorien, JMH, 2005.

54) www.terror-edge.com/index/englishliterature.html, 20.1.2008.

55) Der Panzerbär, 6. Ausgabe, Chemnitz 2003.

56) Violence Nr. 11, o.O., o.J..

57) Richard Stöss: Rechtsextremismus und Kapitalismuskritik, Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Nr. 9, Berlin, Januar 2008, S. 53.

58) Richard Stöss, a.a.O. 2008, S. 55.

59) Richard Stöss, a.a.O. 2008, S. 57.

60) Richard Stöss, a.a.O. 2008, S. 8f.

61) http://aryanmusic.net/2107_plugins/content/content.php?content.183, 20.1.2008 Info.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Bundesprüftstelle.