Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Uwe Schimank

Vom "fordistischen" zum "postfordistischen" Kapitalismus

»Fordismus«

Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft muss noch tiefgreifender als Transformation eines Grundmusters verstanden werden, dem nicht nur die Wirtschaft, sondern auch deren weitere gesellschaftliche Einbettung unterzogen wurde. Das alte Muster, dessen erste Anfänge in den 1920er Jahren erkennbar wurden und das seinen eigentlichen Siegeszug nach dem Zweiten Weltkrieg feierte, war der "Fordismus" – benannt nach dem amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford. Der "Fordismus" lässt sich durch vier Merkmale kennzeichnen.

Standardisierte Massenproduktion

Erstens stellt er den Höhepunkt der Industriegesellschaft dar. Standardisierte Massenproduktion von Gütern am Fließband beherrscht das Bild – siehe schon Charlie Chaplins Film "Moderne Zeiten" aus dem Jahr 1936. Das ist als selbstironische Devise pointiert in dem Ford zugeschriebenen Diktum formuliert, dass ein Ford-Automobil in allen Farben erhältlich sei – solange es sich um die Farbe schwarz handle! Diese Form der hochgradig rationalisierten und technisierten Güterproduktion erfordert ein mittleres Qualifikationsniveau der meisten Beschäftigten ohne größeren Weiterbildungsbedarf. Wichtiger als größtenteils "on the job" erlernbare spezielle Qualifikationen ist Arbeitsdisziplin: Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft, Sich-fügen in eine monotone Tätigkeit, die sich häufig auf ganz wenige immer gleiche Handgriffe beschränkt.

Steigerung der Massenkaufkraft

Die durch standardisierte Massenproduktion erzielbaren Kostenvorteile sorgten dafür, dass viele Güter sehr viel erschwinglicher wurden als zuvor. Das stellt das zweite Merkmal des "Fordismus" dar. Wiederum mit einer Devise Fords ausgedrückt: Jeder Arbeiter in einer seiner Fabriken solle sich auch selbst einen Ford leisten können. Im Vergleich zur Ausbeutungs-Haltung, wie sie Karl Marx und andere Kapitalismuskritiker nicht zu Unrecht den Unternehmern des 19. Jahrhunderts zugeschrieben hatten, war das eine durchaus revolutionär zu nennende Einstellungsänderung. Sie basierte auf der Erkenntnis, dass die Unternehmen mit zunehmender Ausdehnung industrieller Produktion auf die Kaufkraft der Massen angewiesen waren. Wer sollte denn sonst all die Autos, Möbel, Konserven oder Damenoberbekleidung kaufen? Die Reichen oder das Militär – wichtige Abnehmer im 19. Jahrhundert – reichten als Nachfrager bei weitem nicht mehr aus. Eine Voraussetzung solcher Massenkaufkraft waren entsprechende Lohnsteigerungen, ohne dass die Unternehmer dafür auf stabile und sogar noch steigende Gewinne verzichteten; und diese Konstellation beiderseitiger Vorteile setzte starke, aber gesamtwirtschaftlich verantwortliche, "Maß haltende" Gewerkschaften als Gegenüber der Arbeitgeber voraus.

Aufbau des Sozialstaats

Der Sozialstaat, dessen Aufbau Ende des 19. Jahrhunderts begann, und eine keynesianische Konjunktur- und Vollbeschäftigungspolitik, wie sie in den 1960er Jahren etabliert wurde, flankierten als drittes Merkmal des "Fordismus" diesen Klassenkompromiss von Kapital und Arbeit, wie ihn Marx vor dem Erfahrungshintergrund des 19. Jahrhunderts nicht für möglich gehalten hatte (vgl. Kapitel Sozialstaat). Wirtschaftliche Schicksalsschläge, die den Einzelnen in Form von Arbeitslosigkeit, krankheits- oder altersbedingter Arbeitsunfähigkeit trafen, wurden durch entsprechende Versicherungssysteme abgefedert; und gesamtwirtschaftlichen Krisen wollte man nach der Erfahrung der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise durch eine ausgleichende Wirtschaftspolitik begegnen, der gemäß der Staat in Krisenzeiten Schulden macht, um Beschäftigung zu sichern und die Konjunktur wieder anzukurbeln, um dann mit den nach der wirtschaftlichen Erholung wieder sprudelnden Steuereinnahmen diese Schulden abzahlen zu können.

Steigende Ansprüche an die individuelle Lebensführung

Die typische Lebensführung der Gesellschaftsmitglieder, die mit dem "Fordismus" verbunden war, lässt sich viertens mit folgenden Stichworten umreißen: Kleinfamilie mit männlichem Alleinverdiener; Betriebstreue und bescheidene Aufstiegsaspirationen; standardisierter Konsum. Man wollte sich etwas erarbeiten, so dass es einem im Lauf des Lebens immer besser geht. Insbesondere das eigene Haus in den sich ausdehnenden Vorstädten stellte für Facharbeiter und Angestellte das zentrale Objekt des Begehrens dar. Der Jahresurlaub im Süden kam schon in den 1950er-Jahren als neuer Luxus auf.

In den 1960er-Jahren trat dann auch der Wunsch hinzu, dass es die eigenen Kinder durch Bildungsanstrengungen und sich daraus ergebenden beruflichen Erfolg einmal besser haben sollten als man selbst. Diese Ambition, die einen massiven gesellschaftlichen Individualisierungsschub einleitete, sprengte im Grunde bereits das Stabilitätsmuster, das den "Fordismus" ausgezeichnet hatte. Aber sie war nicht der entscheidende Grund dafür, dass sich der "Fordismus" Mitte der 1970er-Jahre aufzulösen begann. Das hing vielmehr mit einem nicht ganz zufälligen Zusammentreffen mehrerer Ursachen zusammen.