Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Uwe Schimank

Vom "fordistischen" zum "postfordistischen" Kapitalismus

"Postfordimus"

Ursachen des Niedergangs des Fordismus

Hier sind zunächst die sogenannten "Ölkrisen" der Jahre 1973 und 1978 zu nennen. Ein zentraler Rohstoff der industriellen Produktion in vielen Branchen und der räumlichen Mobilität der "automobilen Gesellschaft" wurde verknappt und massiv verteuert, eine bis dahin ungekannte Kombination stagnierenden Wirtschaftswachstums mit hoher Inflation und steigenden Arbeitslosenzahlen trat ein. Nun erfuhren die westlichen Gesellschaften ihre vitale Abhängigkeit von ehemaligen Kolonien. Weiterhin brach ebenfalls 1973 mit dem aus dem Jahr 1944 stammenden Abkommen von Bretton Woods eine stabilitätssichernde Architektur des internationalen Finanzmarkts zusammen. Die Freigabe der Wechselkurse hat seitdem für eine Globalisierung und Verselbständigung des Finanzmarktgeschehens gesorgt – auch die weltweiten Turbulenzen des Herbsts 2008 sind als Folge dessen und weiterer Liberalisierungen des Finanzmarkts einzustufen. Ferner war eine starke Steigerung der Staatsausgaben aufgrund der "Anspruchsinflation" an wohlfahrtsstaatliche Leistungen insbesondere im Bildungs- und Gesundheitswesen zu verzeichnen. Diese öffentliche Finanzkrise wurde Mitte der 1970er-Jahre durch hohe Lohnforderungen der öffentlich Bediensteten zusätzlich angeheizt. Aufkommende "neue soziale Bewegungen" insbesondere zu Fragen der Ökologie – die erste Studie des "Club of Rome" zu den "Grenzen des Wachstums" erschien 1972 – waren weitere Kräfte, die konservative Beobachter das Menetekel einer "Unregierbarkeit" westlicher Demokratien an die Wand malen ließen. Schließlich nahm die wirtschaftliche Globalisierung Fahrt auf: Immer mehr Unternehmen wurden "vaterlandslose Gesellen", nahmen also eine Produktionsverlagerung ins Ausland vor, wo die Ware Arbeitskraft billiger war, oder drohten dies an, um hierzulande Lohnzurückhaltung oder staatliche Subventionen zu erpressen. Dieser Drohung hatten Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften nichts entgegenzusetzen. Die "win-win"-Koalition mit den Arbeitgebern zerbrach, Arbeitslosigkeit und insbesondere Dauerarbeitslosigkeit stiegen auf ein vorher ungeahntes Niveau. "Der kurze Traum immerwährender Prosperität" (Burkhard Lutz), der in den 1950er-Jahren begonnen hatte, zerbrach.
So hat sich der tiefgreifende Wandel zum "Postfordismus" vollzogen, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Die Veränderungen lassen sich in allen vier Merkmalsdimensionen feststellen, die für den "Fordismus" benannt worden sind.

Veränderungen im Produktionsbereich

Erstens gilt, dass die standardisierte Fließband-Massenproduktion, die es natürlich nach wie vor gibt, zunehmend in die Dritte Welt, in "Schwellenländer" und – nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus – nach Osteuropa ausgelagert worden ist. Hierzulande sind diejenigen Produktionsbereiche verblieben, die in "flexibler Spezialisierung" heterogene und schneller wechselnde Kundenpräferenzen bedienen – sei es in der Werkzeugmaschinenbranche, sei es in denjenigen Branchen, die den schnell wechselnden modischen "Lifestyle" gesellschaftlicher Milieus bedienen. Technische Voraussetzungen dieser neuen internationalen Arbeitsteilung sind die Computerisierung und die Ausbreitung des Internet gewesen – womit zugleich, zusammen mit den Medien, diejenigen Branchen benannt sind, in denen, wie bereits erwähnt, bei uns neue Arbeitsplätze entstanden sind.

Die permanente Innovation von Gütern und Dienstleistungen

Makroökonomischer Wachstumsmotor ist damit fortan – in der zweiten Merkmalsdimension – die permanente Innovation von Gütern und Dienstleistungen. Die Musikindustrie ist ein augenfälliges Beispiel: Nachdem die Schallplatte über ein halbes Jahrhundert lang das technische Medium der Musikspeicherung und -übertragung gewesen war und in diesem Zeitraum immer wieder inkrementell verbessert worden ist, haben sich seit Ende der 1990er-Jahre die Ereignisse von der CD über MP3 und iPod überschlagen. Diese Beschleunigung nicht nur des technischen Fortschritts macht auf Seiten der Arbeitskräfte ein "lebenslanges Lernen" erforderlich. Keiner kann sich mehr auf einmal erworbenen Qualifikationen ausruhen.
Auf dieser Basis herrscht im sich ausbreitenden "Finanzmarkt-Kapitalismus" (Windolf 2005) eine gesteigerte Qualitäts- und Flexibilitätskonkurrenz von Berufsgruppen und Unternehmen. Immer mehr Unternehmen geraten unter den Druck von "shareholder value"-Forderungen und müssen kurzfristige Gewinne maximieren, auch wenn sich das negativ auf ihr längerfristiges Überleben auswirkt. Für die Beschäftigten läuft das auf eine Polarisierung in eine kleiner werdende Kern- und eine wachsende Randbelegschaft hinaus. Die Gewerkschaften als kollektiver Interessenvertreter erleben einen Niedergang, der sich unübersehbar in den deutlich sinkenden Mitgliedszahlen zeigt.

Der Abbau sozialstaalicher Leistungen

Drittens führt diese globalisierte Standortkonkurrenz vielerorts zu einem sozialpolitischen "race to the bottom". Jeder Staat baut arbeitsrechtliche und sozialpolitische Sicherungen ab, um attraktiv für die Unternehmen zu sein, die nur noch auf möglichst kostengünstige Standorte schauen. Das im "Fordismus" erreichte Niveau wohlfahrtsstaatlicher Sicherung wird von Garantien auf Förderung und Anreize zurückgeschraubt: Wer sich anzustrengen bereit ist und vielversprechend erscheint, wird unterstützt – alle anderen haben zu leiden. Ein zu der Zeit aufgekommener vielsagender politischer Slogan lautete: "Leistung soll sich wieder lohnen." Das unterstellt zum einen, dass man vorher ohne eigene berufliche Leistung zum "Sozialschmarotzer" werden konnte und immer mehr Gesellschaftsmitglieder diesen scheinbar so bequemen Weg gegangen seien. Zum anderen wird darüber hinweggegangen, dass manche Gesellschaftsmitglieder, ohne etwas dafür zu können, nicht hinreichend leistungsfähig sind – etwa chronisch Kranke. Auch wenn der "fordistische" Sozialstaat hier und da ausgenutzt worden sein mag, kommt in seinem "post-fordistischen" Umbau ein unbarmherziges egoistisches Menschenbild derer zum Ausdruck, denen es – durch eigene Leistung oder durch das Glück sozialer Herkunft oder körperlicher Gesundheit – gut geht.

Viertens ist die typische Lebensführung der Menschen zu betrachten. Hier lautet das entscheidende, im nächsten Abschnitt ausführlicher zu behandelnde Stichwort: Individualisierung.