Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Uwe Schimank

Individualisierung der Lebensführung

Individualisierungsgewinne

Sozialer Aufstieg

Aus diesen Entwicklungen erwuchs eine zunehmende Individualisierung, die sich mit ihrer positiven Seite an einer ganzen Reihe von Phänomenen festmachen lässt. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass von den 1950er bis zu den 1980er-Jahren mehr Gesellschaftsmitglieder als zuvor – und danach – einen sozialen Aufstieg geschafft haben. Diese Aufsteiger, etwa vom Arbeiterkind zum Akademiker, sind schon deshalb individualisiert, weil sie mit dem sozialen Milieu, in dem sie sich dann bewegen, erst einmal nicht vertraut sind, und weil sie auch auf Dauer nicht alle habituellen Eigenarten ablegen werden, die sie ihrem Herkunftsmilieu verdanken – was bei den Lieblingsspeisen anfängt. Je mehr Aufsteiger ein Milieu verkraften muss, desto heterogener wird es daher, und desto weniger vermag es noch einen Konformitätsdruck auf einströmende Aufsteiger auszuüben. Sozialer Aufstieg führt so zwangsläufig zu einer Individualisierung in vordem traditional in sich gefestigten Milieus.

Pluralisierung der Lebensstile

Aber auch darüber hinaus hat eine zunehmende Diversifizierung von Lebensstilen stattgefunden, was als Übergang in eine "Erlebnisgesellschaft" (Schulze 1992) verzeichnet worden ist (vgl. Kapitel 8: Werte). Seit den 1960er-Jahren haben viele Menschen in den entwickelten Ländern des Westens eine ganz neuartige Lebenseinstellung kultiviert. Bis dahin ging es primär darum, zunächst vor allem materielle Grundbedürfnisse zu befriedigen und sodann, insbesondere über Bildungsanstrengungen angegangen, berufliche Leistung zu erbringen und Karriere zu machen. Seitdem hat sich das Lebenskonzept Vieler in Richtung "schöner Erlebnisse" verschoben, die neben kulturellen Aktivitäten im engeren Sinne viele weitere Lebensbereiche erfassen: vom Wohnen über Freizeitaktivitäten und Bildungsinteressen bis zum Umgang mit dem eigenen Körper und zum Essen. Dabei bilden sich nach Lebensalter und Bildungsniveau vielfältig differenzierte Lebensstil-Szenen und -Milieus heraus, die relativ friedlich nebeneinander koexistieren. Anders als früher das Bildungsbürgertum, das fraglos beanspruchte, den unteren sozialen Schichten verbindliche kulturelle Standards vorgeben zu können, um sich dann mit vorprogrammiertem Grausen über den "schlechten Geschmack" der "Proleten" erheben zu können, kümmert sich nun etwa das grün-alternative Studienratsmilieu kaum noch darum, was die Schrebergärtner oder die Raver-Szene so treiben.

Die Notwendigkeit, zwischen verschiedenen Optionen zu entscheiden

Diese durch sozialen Aufstieg sowie Milieu- und Lebensstildiversifizierung erfolgte Freisetzung des Einzelnen aus engen Sollens- und Wollens-Vorgaben seiner Lebensführung bedeutet: Jeder muss immer mehr Fragen selbst entscheiden, anstatt einfach das zu tun, was »man« in seinem Milieu in entsprechenden Situationen so tut. Das reicht von vergleichsweise belanglosen Fragen wie der, wo man Urlaub macht, bis zu weittragenden Entscheidungen der Berufswahl oder der Gestaltung einer Lebenspartnerschaft. Etwas pathetisch heißt es über diese Stufe der Individualisierung: "Der Mensch wird (im radikalisierten Sinne Sartres) zur Wahl seiner Möglichkeiten, zum homo optionis. Leben, Tod, Geschlecht, Körperlichkeit, Identität, Religion, Ehe, Elternschaft, soziale Bindungen – alles wird sozusagen bis ins Kleingedruckte hinein entscheidbar, muss, einmal zu Optionen zerschellt, entschieden werden." (Beck/Beck-Gernsheim 1994: 16/17)

Weil aber der Einzelne so viele zugemutete Entscheidungen gar nicht auf sich allein gestellt zu bewältigen vermag, springt ihm die Wissensgesellschaft hilfreich zur Seite. Sie stellt ein unerschöpfliches Reservoir an Ratschlägen und Rezepten zur Verfügung, wie man sie tagtäglich in Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehprogrammen, aber auch in der Ratgeberliteratur sowie natürlich mittlerweile im Internet angeboten bekommt. Es gibt buchstäblich für jede noch so seltene und idiosynkratische Frage der Lebensführung Internetforen, wo sich Betroffene und – oft selbsternannte – Experten austauschen. Diese wissensgesellschaftliche Rundum-Beratung der Person ist an die Stelle der früheren Traditionen getreten, wie beispielsweise ein Blick auf die Kindererziehung zeigt. In sozialen Milieus fest verankerte, fraglos geltende standardisierte Normen der richtigen Erziehung – etwa der Erziehung zur Sauberkeit – sind in den letzten Jahrzehnten einem stärker sachliche Gründe erwägenden und darin auch massiv wissenschaftlich beeinflussten Wissen über Kindererziehung gewichen. Welchem der vielen und oft konträren Ratschläge jemand freilich folgt, muss er letztlich immer noch selbst entscheiden.

Die Frauen als Hauptgewinnerinnen des Wandels

An keiner Bevölkerungsgruppe lässt sich der Individualisierungsschub so deutlich zeigen wie an den Frauen, die insofern erst einmal als die Hauptgewinnerinnen dieses Wandels einzustufen sind. Im Bildungserfolg haben sie die Männer mittlerweile übertroffen, im Berufsleben haben sie trotz nach wie vor bestehender Benachteiligungen große Fortschritte zu verzeichnen, und aus beidem erwachsend können sie inzwischen selbstbewusst in Partnerschaften gehen und eigene Bedürfnisse und Interessen etwa in der familialen Arbeitsteilung geltend machen. Dass heutzutage viel mehr Ehen geschieden werden als früher, ist – so paradox sich das zunächst anhört – ein Indikator dafür, wie sich die Lage der Frauen verbessert hat. Denn sie haben nun, anders als früher, aufgrund eigener beruflicher Qualifikationen und Berufstätigkeit Ausstiegsoptionen aus einer unbefriedigenden Partnerschaft.

Pluralisierung der Formen des Zusammenlebens

Generell ist die Pluralisierung der Formen des Zusammenlebens im Vergleich zur Ära des "Fordismus", als die Kleinfamilie eines männlichen Alleinverdieners und einer den Haushalt führenden und die Kinder erziehenden Frau der Normalfall war, frappierend. Neben diesem weiterexistierenden Typ von Partnerschaft gibt es kinderlose Ehen, nicht-eheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder sowie Wohngemeinschaften – nicht mehr nur unter Studierenden. Weiterhin existiert eine erhebliche Teilgruppe von Menschen, die über eine längere Zeit und freiwillig als Singles – wiederum mit oder ohne Kinder – leben. Manche Beobachter sprechen diesbezüglich sogar von einer "Single-Gesellschaft" (Hradil 1995). Schließlich ist bemerkenswert, wie häufig jemand von einer dieser Lebensformen in eine andere überwechselt, und zwar ohne eine feste Abfolge: Vom Single zur Ehe zur Wohngemeinschaft kann ebenso vorkommen wie von der Wohngemeinschaft zur nicht-ehelichen Partnerschaft mit Kind zum alleinerziehenden Vater (vgl. Kapitel: Familie).

Die Entstehung neuer sozialer Bewegungen

Ein weiteres Ergebnis des gesellschaftlichen Individualisierungsschubs waren die sogenannten "neuen sozialen Bewegungen", die nach der Studentenbewegung der späten 1960er-Jahre als ganz neuartige politische Akteure aufgekommen sind: die Frauen-, die Umwelt- und die Friedensbewegung. Nicht nur in den inhaltlichen Forderungen, auch in den Aktionsformen, die von der "außerparlamentarischen Opposition" der Studenten übernommen wurden, fand die neugewonnene Individualität vor allem jüngerer Menschen aus der Mittelschicht ihren Ausdruck. Es ging um "postmaterialistische" Werte (Inglehart 1977), um "Lebensqualität" – ein damals aufgekommener Begriff – statt um bloßen "Lebensstandard"; und diese politischen Zielsetzungen leiteten sich aus Bildungserlebnissen und neuen Formen des Zusammenlebens ab. Die 1980 gegründete politische Partei "Die Grünen" – die einzige erfolgreiche programmatische Neugründung in der Parteienlandschaft Nachkriegsdeutschlands – wurde zum parlamentarischen Ausdruck dieses Individualisierungsschubs, der sich freilich nachfolgend auch in den beiden großen Volksparteien Bahn brach.