Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Uwe Schimank

Individualisierung der Lebensführung

Schattenseiten der Individualisierung

Soweit zum positiv verzeichneten Zugewinn an Optionen! Dieser hat allerdings auch seine Schattenseiten, die im Laufe der Zeit immer deutlicher zum Vorschein gekommen sind.

Die Zunahme der Entscheidungszumutungen

Die eine davon ist als "Multioptionsgesellschaft" (Gross 1994) porträtiert worden. Wie bereits angesprochen, explodieren die Entscheidungszumutungen, mit denen sich jeder tagtäglich konfrontiert sieht, aufgrund des Ligaturenverlusts. Alles könnte auch anders gemacht werden, und nicht zuletzt die Massenmedien versorgen einen mit Alternativangeboten. Beratungsangebote können partiell abhelfen, bleiben aber hinterfragbar – und dann steht jeder letztendlich mit dem vagen, aber nachhaltig schlechten Gefühl da, er hätte es vielleicht doch besser machen können. Sichtbar wird das natürlich vor allem am eigenen Scheitern: der Ehe, der Kindererziehung oder der beruflichen Karriere. Doch selbst für denjenigen, bei dem es "gut läuft", steht die Frage im Raum: Hätte es nicht noch besser laufen können – und müssen?! Und weil das nicht bloß bei einer einzelnen Entscheidung, sondern jedes Mal so ist, verdichtet es sich zu einem Lebensgefühl, das soweit gehen kann, dass jemand sich als kompletter Versager vorkommt.

Die weitreichende Selbstverantwortung

Die andere Schattenseite der Individualisierung besteht darin, dass der "homo optionis" auch selbst dafür verantwortlich gemacht wird, was aus seinen Entscheidungen wird. Wer z. B. einen Beruf wählt, der ihn dann mit Mitte Vierzig arbeitslos werden lässt, kann nicht mehr so einfach sagen, er habe nur das getan, was sein Vater und Großvater ihm vorgelebt und geraten haben – es war kein Milieu-Schicksal, sondern seine höchstpersönliche Entscheidung! Niemandem sonst und schon gar nicht "der Gesellschaft" kann die Schuld zugeschoben werden. Selbstverantwortung ist immer schwer – aber sie kann zu einer übermenschlichen Belastung werden, wenn es um unabsehbare Folgen einer Entscheidung geht oder einem die gesellschaftlichen Umstände keine Chance lassen. Wer konnte schon vor dreißig Jahren absehen, dass er einen Beruf erlernt, der heute keine Zukunft mehr hat – und wer kann etwas dafür, dass ihm eine schwere Wirtschaftskrise den Arbeitsplatz nimmt?

Solche lebensgeschichtlichen Risiken, die sich zu einem totalen Scheitern auswachsen können, gab es zwar immer. Dass der Einzelne sie nunmehr viel stärker als früher sich selbst zurechnen muss, ist seit den 1980er-Jahren virulent geworden, als viele Arbeitsplätze unsicherer wurden und zugleich die Löhne nicht mehr so stetig stiegen wie bisher. In den USA erschien 1991 der Roman "Generation X" des Schriftstellers Douglas Copeland. Das zweite Kapitel ist überschrieben: "Unsere Eltern hatten mehr", und im Anhang wird das Ergebnis einer Meinungsumfrage wiedergegeben, dass 65 % der damals 18- bis 29-jährigen Amerikaner "… der Ansicht sind, dass 'so, wie die Dinge liegen, es für Leute meiner Generation viel schwieriger sein wird, ebenso angenehm zu leben wie vorausgegangene Generationen' …" Dieser Befund dürfte mit leichten Abstrichen auf Deutschland übertragbar sein und sich seitdem nicht sehr verbessert haben – eher im Gegenteil! Die Überzeugung vieler Generationen vorher, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen wird als einem selbst, ist auch hierzulande bei nicht wenigen Menschen einer tiefgreifenden Zukunftsverunsicherung gewichen.

Die zunehmende "Prekarität"

Bei einem solchen Lebensgefühl kann man nur versuchen, sich so lange wie möglich findig und lernbereit als "flexibler Mensch" (Sennett 1998) durchzuschlagen und hinzunehmen, dass das eigene Leben keine lineare Aufwärtsbewegung mehr ist, sondern unter Umständen kreuz und quer dahin treibt. An Großorganisationen wie Gewerkschaften als kollektive Interessenvertreter, die für stabile Verhältnisse sorgen, glaubt man immer weniger; stattdessen verhält sich der einzelne Arbeitnehmer als "Arbeitskraftunternehmer" (Voß/Pongratz 1998) in eigener Sache – propagandistisch konsequent zu Ende gedacht mit der Erfindung der "Ich AG" als arbeitsmarktpolitischer Maßnahme. Dabei nimmt die Versuchung zu, mit Ellenbogenmentalität nach dem Motto "Jeder ist sich selbst der Nächste!" zu agieren. Gerade die gesellschaftliche Mitte verspürt inzwischen eine zunehmende "Prekarität" (Bourdieu 1998) ihrer Lage, obwohl es ihr alles in allem immer noch weit besser geht als den unteren Schichten. Das Wort vom "Prekariat" kursiert bereits in der öffentlichen Debatte und bezieht sich auch auf gut ausgebildete Söhne und Töchter aus Mittelschichtfamilien, die sich nach ihrem Studium von einem Praktikum – siehe die journalistische Wortprägung der "Generation Praktikum" – zum nächsten Projekt hangeln und heute nicht wissen, was morgen kommt (vgl. Kapitel: Arbeitsmarkt).

Die neue Gruppe der "Überflüssigen"

Die Anzahl der Menschen, die irgendwann dieses Sich-Weiterhangeln nicht mehr hinkriegen, weil die Kräfte ausgehen, was sich etwa in chronischen Krankheiten und psychischen Beschwerden äußern kann, oder die einfach Pech haben, nimmt seit vielen Jahren zu. Schon Ende der 1970er-Jahre wurde Deutschland als "Zweidrittel-Gesellschaft" etikettiert. Das verwies auf eine nicht länger bagatellisierbare Anzahl von Gesellschaftsmitgliedern, die – wie es gut zehn Jahre später hieß – Opfer gesellschaftlicher "Exklusion" geworden waren. Zwar kennt man das "Lumpenproletariat" schon seit Anbeginn der kapitalistischen Gesellschaft, das als "industrielle Reservearmee" nur in wirtschaftlich guten Zeiten Beschäftigung findet und in schlechten Zeiten freigesetzt wird. Doch inzwischen sehen einige Beobachter eine Zuspitzung derart, dass unter den heutigen Langzeitarbeitslosen eine wachsende Anzahl von Menschen sei, die man im radikalen Sinne als neue Gruppe der "Überflüssigen" (Bude/Willisch 2006) einstufen müsse: Sie werden auch in besseren Zeiten nie mehr gebraucht werden, sondern sind nur noch gesellschaftliche Kostgänger. Träfe dies zu, läge hier ein äußerst brisantes gesellschaftliches Konfliktfeld vor; und die Brisanz spitzte sich nochmals zu, wenn sich erwiese, dass nicht nur diese Menschen selbst für den Rest ihres Lebens chancenlos sind, sondern auch ihre Kinder keine realistische Chance bekommen. Gerade für Deutschland hat sich ja im internationalen Vergleich gezeigt, wie schichtabhängig Bildungschancen, an denen spätere Arbeitsmarktchancen hängen, verteilt sind.

Zunehmende Ausländerfeindlichkeit

Eine Ausprägung solcher Konflikte kennt Deutschland bereits seit den 1990er-Jahren in erheblichem Maße: Ausländerfeindlichkeit, die sich immer wieder nicht nur verbal, sondern auch gewalttätig äußert. Wer auch immer die Rädelsführer sind: Die Gefolgschaft und die Sympathisanten setzen sich zu großen Teilen aus jenen zusammen, die wirtschaftlich abgehängt sind und gesellschaftlich nicht mehr mitkommen. Sie suchen Sündenböcke, die sie für die eigene Misere verantwortlich machen können. Dazu taugen bestimmte Gruppen von Ausländern – nicht der italienische Restaurantbesitzer oder der aus Kanada stammende Bankangestellte, sondern in Deutschland insbesondere Türken. Sie sind in der Öffentlichkeit an ihrem Äußeren zumeist gut erkennbar; sie haben einen fremdartigen, nicht christlich geprägten kulturellen Hintergrund, der noch dazu spätestens seit "9/11" über den radikalen Islamismus mit Terrorismus assoziiert wird; und sie nehmen Deutschen – so das simple Wahrnehmungsschema – Arbeitsplätze und/oder Sozialhilfe weg. Dass derartige Ausländerfeindlichkeit regional, bis auf Stadtteilebene heruntergebrochen, immer dort am meisten verbreitet ist, wo die Arbeitslosenquoten und vor allem der Anteil der Langzeitarbeitslosen am höchsten liegen, zeigt, dass vor allem wirtschaftlich verursachte Frustrationen pauschal zum angeblichen Kulturkonflikt umgedeutet werden.

Nicht wenige Gesellschaftsmitglieder – und nicht nur dezidierte Ausländerfeinde – sehen die Gefahr einer "Überfremdung" der deutschen Kultur durch zu viele hier lebende Ausländer, wiederum vor allem mit Blick auf Türken. Der Bau von Moscheen oder der Gebetsruf des Muezzins sind in den letzten Jahren immer wieder Steine des Anstoßes geworden, ganz zu schweigen von der Beschneidung junger Mädchen oder der familialen Gewalt gegen Frauen. Spätestens letztere Phänomene lassen schnell befürchten, dass der von manchen Medienberichterstattungen dramatisierte weltweite "Kampf der Kulturen" nun in Deutschland, gleich um die Ecke, angekommen sei, und dass man die "deutsche Kultur" – was immer man genau darunter verstehen mag – entschieden verteidigen müsse, bevor es zu spät sei.