Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Historischer Rückblick

Ein- und Auswanderungen

Ein- und Auswanderungen sind nicht neu (vgl. Bolte/Kappe/Schmid 1980: 77 f.). Nach dem großen Sterben des Dreißigjährigen Krieges versuchten viele deutsche Fürsten die Bevölkerungszahl ihrer Länder zu vermehren. Sie förderten die Einwanderung (zum Beispiel der Hugenotten) und verboten die Auswanderung. Dennoch emigrierten im 18. Jahrhundert viele Menschen nach Nordamerika und nach Osteuropa, besonders aus Südwestdeutschland. Hauptgrund war das dortige Realteilungserbrecht, das den einzelnen Bauern zu wenig Land übrig ließ. Erst in der napoleonischen Zeit ebbte die Auswanderung ab. Danach stieg sie aber bis nach 1850 erneut stark an, weil es für die stark wachsende Bevölkerung außerhalb der stagnierenden Landwirtschaft kaum Arbeitsplätze gab. Die Industrialisierung, die Arbeitsplätze hätte bieten können, war in Deutschland noch kaum in Gang gekommen. Hungersnöte (z. B. 1846/47) und die gescheiterte Revolution von 1848 veranlassten viele zur Auswanderung. Allein 1854 waren es 230 000.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Auswanderung wieder ab, weil die Industrialisierung mehr und mehr Arbeitsplätze schuf. Aber noch bis zum Ersten Weltkrieg war Deutschland ein Auswanderungsland. Hauptziel waren die USA. Erst als dort 1890 die freie Siedlung auf Regierungsland nicht mehr möglich war, erlosch die Auswanderung bis 1914.

Gleichzeitig war Deutschland aber auch Einwanderungsland geworden, denn die Reichsgründung 1871 und die Reparationszahlungen Frankreichs nach dem Krieg von 1870/71 verhalfen der Industrialisierung zu einem stürmischen Aufschwung. Zahlreiche Menschen aus ostelbischen deutschen und polnischen Gebieten strömten vor allem in das Ruhrgebiet. Viele polnische Familiennamen lassen dies dort bis heute erkennen.

Vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland

Zwischen den beiden Weltkriegen hielten sich kleinere Auswanderungs- und Einwanderungswellen die Waage. Während Deutschland bis zum Zweiten Weltkrieg ein Auswanderungsland war, ist es seither zum Einwanderungsland geworden. Wenigsten fünf Wellen von Zuwanderern lassen sich unterscheiden (vgl. dazu im Einzelnen Kapitel Migration):
In der Nachkriegszeit sind ungefähr 12 Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten nach Deutschland gekommen, davon etwa acht Millionen nach West- und ca. vier Millionen nach Ostdeutschland.

Bis zum Bau der "Berliner Mauer" im August 1961 flohen etwa drei Millionen Menschen aus der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR in die Bundesrepublik.
Seit den späten 1950er-Jahren, verstärkt aber nach dem Mauerbau 1961, wurden "Gastarbeiter" aus den Mittelmeerländern angeworben. 1973, als die Anwerbung beendet wurde, lebten knapp 4 Millionen Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Weitaus die meisten waren Gastarbeiter und ihre Familien.

Seit 1950, vor allem aber in den späten 1980er-und frühen 1990er-Jahren wanderten aus Osteuropa und aus der damaligen Sowjetunion mehr als zwei Millionen deutschstämmige Aussiedler ein, die in Deutschland einen Anspruch auf Einbürgerung hatten.

Schließlich kamen seit dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche politische Flüchtlinge und Asylbewerber nach Deutschland, der größte Teil von ihnen in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren. Viele sind zurückgekehrt oder in andere Länder weiter gezogen, doch mehr als eine Million leben in Deutschland.

Wanderung über die Grenzen DeutschlandsWanderung über die Grenzen Deutschlands Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Seit den 1950er-Jahren sind nach Abzug der Auswanderung insgesamt gut 9 Millionen Menschen nach Deutschland eingewandert. Deutschland ist zum Einwanderungsland geworden. Jährlich zogen im Mittel knapp 200.000 Menschen mehr zu als fort. Freilich kann man Deutschland auch als "Drehtür" für Ein- und Auswanderungen bezeichnen, denn sieben von zehn Zuwanderern sind wieder fortgezogen (Zuwanderungskomm. 2001: 14).

Im Gegensatz zu Geburten und Sterbefällen sind Außenwanderungen durch politische Maßnahmen und ökonomische Veränderungen sehr direkt beeinflussbar und waren deshalb in der Vergangenheit durch ein krasses Auf und Ab gekennzeichnet. Anfang der 1990er-Jahre nahm die Bevölkerungszahl durch eine immens hohe Zuwanderung jährlich um 700 – 800 Tausend Menschen zu. Seit 1993 sinkt die Zahl der Zuwanderer und 2008 übertraf die Zahl der Auswanderer sogar die der Einwanderer.

Bevölkerungszahl und Altersstruktur

Hohe Geburtenraten und Zuwanderungen sorgten von der Gründung der Bundesrepublik bis Mitte der 1960er-Jahre für eine rapide Bevölkerungsvermehrung (vgl. Hradil 2006: 63 ff): 1946 lebten in Westdeutschland erst 46 Millionen, 1966 schon 59 Millionen Menschen. Von da an wuchs die Bevölkerung Westdeutschlands bis Ende der 1980er-Jahre nur noch langsam. Seit 1972 sterben nämlich jährlich in Deutschland mehr Menschen, als geboren werden, und nur die Einwanderung ermöglichte ein bescheidenes Bevölkerungswachstum. Ohne Zuwanderung wäre die Bevölkerung seither geschrumpft. Um das Jahr 1990 wuchs nach den erheblichen Einwanderungen und der Wiedervereinigung die Bevölkerung nochmals deutlich an, um seither bei 82 Millionen zu stagnieren.

Der Baby-Boom sorgte dafür, dass in der Nachkriegszeit bis zum Beginn der 1970er-Jahre die Bevölkerung Deutschlands relativ jung war. Freilich war der Bevölkerungsanteil der Kinder längst nicht so hoch wie Ende des 19. Jahrhunderts. Dazu war der Baby-Boom zu schwach und die Lebenserwartung mittlerweile zu hoch. In den 1980er-und 1990er-Jahren, als die geburtenstarken Jahrgänge herangewachsen waren, gab es viele Menschen im mittleren, erwerbsfähigen Lebensalter. Dies stärkte die Wirtschaftskraft und das Steueraufkommen und ermöglichte es, den (relativ wenigen) Rentnern hohe Altersrenten zu zahlen, trug aber auch zur Erhöhung der Arbeitslosigkeit bei.


Internationaler Vergleich

In der öffentlichen Diskussion spielen demografische Unterschiede zwischen Deutschland und anderen westlichen Ländern eine erhebliche Rolle. So werden immer wieder die höheren Geburtenraten Frankreichs und Schwedens oder die längere Lebenserwartung in den Mittelmeerländern erwähnt. Daraus entsteht nicht selten die Vorstellung, dass sich in den einzelnen Ländern unterschiedliche demografische Entwicklungen vollzogen hätten und heute ganz verschiedene demografische Verhältnisse herrschten. Doch ein Vergleich ergibt, dass in praktisch allen entwickelten Ländern gleichgerichtete demografische Entwicklungen abliefen und sich die gegenwärtigen demografischen Gegebenheiten nicht so sehr unterscheiden.

Lebenserwartung Neugeborener in ausgewählten Ländern der Welt 2005-2010Lebenserwartung Neugeborener in ausgewählten Ländern der Welt 2005-2010 (© eigene Darstellung nach United Nations (2011). Quelle: United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division (Hrsg.) (2011): World Population Prospects: The 2010 Revision. CD-Rom Edition.)
In allen alten Industrieländern verlängerte sich das Leben der Menschen seit dem 18. oder 19. Jahrhundert, als die Nahrungsversorgung, die hygienischen Verhältnisse und die medizinische Versorgung sich verbesserten. Diese Entwicklung verlief in den einzelnen Ländern zwar nicht gleichzeitig, doch im Ergebnis bewegt sich die durchschnittliche Lebenserwartung in fast allen entwickelten Ländern auf ähnlichem Niveau.

Im Zusammenhang mit der Industrialisierung, dem dadurch entstehenden Wohlstand und den aufkommenden Alterssicherungs- und Gesundheitsversorgungssystemen gingen die Kinderzahlen in allen Industriegesellschaften seit dem 19. Jahrhundert zurück. Auch ein "Baby-Boom" und ein "Pillenknick" war in den meisten entwickelten Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg zu beobachten. In Deutschland kam es dazu zwar etwas früher und heftiger als in anderen Ländern, aber insgesamt überwiegen auch hier die internationalen Gemeinsamkeiten. In keinem entwickelten Land ist gegenwärtig die Geburtenrate, auch wenn sie von Land zu Land variiert, hoch genug, um ein Bevölkerungswachstum sicherzustellen.

Ein Blick auf die Entwicklungsländer

In den weniger entwickelten Ländern kam es in den letzten Jahrzehnten zu ähnlichen Entwicklungen wie zuvor in Westeuropa und Nordamerika. Die Lebenserwartung hat sich schnell verlängert. In den meisten der weniger entwickelten Länder können Neugeborene derzeit mit einem Leben von etwa 60 Jahren rechnen. Dies war in Mitteleuropa erst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg der Fall. In den Armenhäusern der heutigen Welt, vor allem in Afrika südlich der Sahara, können die meisten Menschen allerdings noch nicht auf ein so langes Leben hoffen.

Auch in den weniger entwickelten Gesellschaften sanken in den letzten Jahrzehnten überall auf der Welt die Geburtenraten. Aber dieser Prozess ist sehr unterschiedlich weit fortgeschritten: Die Zahl der Geburten pro Frau ist in vielen Schwellenländern (China, Brasilien, Korea etc.) schon bis an oder sogar unter das Bestandserhaltungsniveau (2,1 Kinder pro Frau) gesunken. Im zweitgrößten Land der Erde, in Indien, ist der Geburtenrückgang aber bisher nur mittelstark gewesen. Deshalb wird erwartet, dass Indien China in absehbarer Zeit an Bevölkerungszahl überholen wird. Ähnlich mittelstark haben die Menschen unter anderem in Ägypten und Algerien ihre Kinderzahlen reduziert. Aber in wenig entwickelten Ländern wie Afghanistan, Kamerun, Nigeria, Uganda und Pakistan hielt sich der Geburtenrückgang bisher in Grenzen. Dort bringt jede Frau auch heute noch ca. fünf Kinder zur Welt.

Diese Unterschiede sind primär eine Frage des Entwicklungsstandes. Je niedriger das Bildungsniveau und der Wohlstand eines Landes, desto mehr Kinder bekommen die Frauen. Aber auch die jeweilige Religion, die spezifische Situation und die Politik in den jeweiligen Ländern üben Einflüsse auf die Fruchtbarkeit aus. Insgesamt ist festzustellen, dass nicht nur die Verlängerung der Lebenserwartungen, sondern auch die Geburtenrückgänge in den heutigen Entwicklungsländern wesentlich schneller vor sich gingen als zuvor in den heutigen Industrieländern. Dort dauerte der Geburtenrückgang 50 bis 100 Jahre lang (Höhn 1997: 173).