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Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Norbert F. Schneider

Familie in Deutschland – Stabilität und Wandel

Keine Krise der Familie

Der Wandel in der jüngeren Vergangenheit hat die Familie fraglos verändert. Eine Auflösung grundlegender Regelmäßigkeiten von Familienstruktur und Familienentwicklung hat jedoch nicht stattgefunden und keine Anzeichen deuten darauf hin, dass dies alsbald geschieht. Die feststellbaren Veränderungen sind Ausdruck eines fortlaufenden historischen Wandels der Familie und keine typische Erscheinung der Gegenwart. Daher geben die gegenwärtigen Entwicklungen der Familie keinen Anlass für Krisenszenarien.

Kleiner historischer Rückblick

Der Wandel der Familie seit den 1960er-Jahren hat sich nicht kontinuierlich vollzogen. Beginn, Ausmaß, Tempo, nicht aber die Richtung des Wandels verliefen in den einzelnen Regionen und Milieus unterschiedlich. Die Entwicklungen in der Bundesrepublik und in der DDR waren teilweise vergleichbar, wiesen aber auch deutliche Unterschiede auf. In der alten Bundesrepublik war die Entwicklung nach 1960 von wenigen Schüben gekennzeichnet. Ende der 1960er-Jahre setzte ein erster intensiver Wandlungsschub ein, der Anfang der 1980er-Jahre endete. In diesem Zeitraum kam es zu einem starken Absinken der Geburtenrate (1965 – 1975), einem Rückgang der Heiratsneigung (1963 – 1978) und einem raschen Anstieg der Scheidungshäufigkeit (1969 – 1984). In dieser Zeit wurde durch eine Gesetzesreform eine weitgehende rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau in der Familie erreicht (1977). Danach schloss sich eine Phase relativer Stabilität an, die bis Anfang der 1990er-Jahre andauerte. Während die Geburtenrate seit 1975 in Westdeutschland bis heute nahezu konstant blieb, stieg die Scheidungsquote seit 1992 deutlich, gleichzeitig nahm die Heiratsneigung ab. Seit 2005 blieb die Scheidungshäufigkeit wieder konstant und der Rückgang der Heiratsneigung verlor an Dynamik. Kennzeichnend für den zweiten Entwicklungsschub seit Mitte der 1990er-Jahre sind auch die Veränderungen der rechtlichen Position des Kindes und der Eltern-Kind-Beziehung durch die Novellierung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) 1990/91, die Gleichstellung nichtehelicher Kinder 1998, das Gewaltverbot in der Erziehung 2000 und das gemeinsame Sorgerecht auch für nichtverheiratete Eltern 2010.

Die Entwicklung in der DDR und in den neuen Bundesländern

In der DDR vollzog sich ein vergleichbarer familiendemografischer Wandel, wenn auch zum Teil mit unterschiedlichem Tempo und auf anderem Niveau. Die Scheidungsrate stieg rascher als in der Bundesrepublik, die Heiratsneigung ging langsamer zurück und die Geburtenrate sank in den frühen 1970er-Jahren ähnlich stark wie in Westdeutschland. Aber es gab auch markante Unterschiede. Besonders auffällig waren die höhere Erwerbsbeteiligung der Mütter und der weitaus größere Anteil der in öffentlichen Institutionen betreuten Kinder sowie ein erheblich höherer Anteil nichtehelicher Geburten und die biografisch sehr früh erfolgende Familiengründung. Junge Paare heirateten in der DDR im Durchschnitt in ihrem 23. Lebensjahr und bekamen in diesem Alter auch ihr erstes Kind. Der Wandel der Familie in der DDR war ab 1975 durch die Einführung umfangreicher sozialpolitischer Unterstützungsmaßnahmen der Familien beeinflusst, deren Ziel es war, die Geburtenrate zu steigern. Tatsächlich kam es in den Folgejahren zu einem deutlichen Anstieg der Geburtenhäufigkeit. Dieser Anstieg, so zeigt sich heute, beruhte jedoch nicht auf einer bedeutsamen Erhöhung der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau, sondern erfolgte hauptsächlich, weil die Frauen Geburten vorgezogen haben (Tempoeffekt).

Nach 1989 war in den neuen Bundesländern ein starker Rückgang aller relevanten familiendemografischen Ereignisse zu verzeichnen, der in der Wissenschaft unter dem Stichwort "Demografischer Einbruch" zusammengefasst ist. Geburten, Heiraten und Scheidungen fielen für einige Jahre auf historische Tiefstände. Ab Mitte der 1990er-Jahre kam es zu einer Trendumkehr im Sinne eines Wiederanstiegs von Geburten, Eheschließungen und Scheidungen (vgl. Abb. 1, 3 und 6).
Gegenwärtig sind die familiendemografischen Situationen in Ost- und Westdeutschland durch das Nebeneinander von Divergenz und Konvergenz gekennzeichnet. Weitgehend an westliche Muster angenähert hat sich das Alter bei der Familiengründung, wohingegen die Entkoppelung von Ehe und Elternschaft in den neuen Bundesländern weiter vorangeschritten ist. Im Jahr 2010 wurden in Ostdeutschland (einschließlich Berlin) 58 % aller Kinder nichtehelich geboren. Auch die Müttererwerbstätigkeit und der Anteil der in Krippen betreuten Kinder sind im Osten immer noch weit höher als im Westen Deutschlands.