Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Wolfgang Seifert

Probleme der Integration

Die Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt

Seit dem Anwerbestopp von 1973 haben sich die Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt erheblich geändert. Von diesem Strukturwandel waren ausländische Beschäftigte in besonderem Maße betroffen. Einerseits wurden arbeitsintensive Produktionsprozesse zunehmend in "Billiglohnländer" verlagert, anderseits ersetzte die Weiterentwicklung der Mikroelektronik vermehrt manuelle Arbeit in der Fertigung. Als Folge davon sank der Bedarf an gering qualifizierten Arbeitskräften deutlich und insbesondere ausländische Arbeitskräfte mit geringem Qualifikationsprofil waren in hohem Maße von Arbeitslosigkeit betroffen.

Obwohl sich die ausländische Wohnbevölkerung zwischen 1973 und 2009 von knapp 4 Millionen auf 7,2 Millionen erhöhte, verringerte sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländerinnen und Ausländer von knapp 2,5 Millionen auf knapp 1,9 Millionen. Dies reflektiert einerseits den Übergang von dem allein auf Erwerb ausgerichteten Gastarbeiterstatus zur Wohnbevölkerung, zeigt aber anderseits die Schwierigkeiten der ausländischen Bevölkerung am Arbeitsmarkt. Letzteres lässt sich an der überdurchschnittlich hohen Arbeitslosigkeit erkennen, die während der Phase der Anwerbung praktisch keine Rolle spielte.

Die Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist deutlich niedriger als in der Gruppe ohne Migrationshintergrund. Zum Teil lässt sich dies durch die Qualifikationsunterschiede erklären, es zeigt sich jedoch, dass auch in der Gruppe mit mittlerer und höherer Qualifikation die Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund niedriger ist, als bei den entsprechenden Vergleichsgruppen. Gleiches gilt für die Betroffenheit von Arbeitslosigkeit. Während Personen ohne Migrationshintergrund und hohem Qualifikationsgrad ein sehr niedriges Erwerbslosigkeitsrisiko tragen, liegt es bei den Erwerbspersonen mit Migrationshintergrund zwar ebenfalls niedriger als in der Gruppe mit geringen Qualifikationen, aber deutlich höher als dies bei Personen ohne Migrationshintergrund und entsprechender Qualifikation der Fall ist (Seifert 2007).

Probleme des Qualifikationstransfers

Die ungünstige Arbeitsmarktlage der Personen mit Migrationshintergrund, die höhere Qualifikationen erreicht haben, dürfte unter anderem auf Probleme des Qualifikationstransfers zurückzuführen sein. Bestimmte Qualifikationen sind landesspezifisch und können nur bedingt transferiert werden, andere werden nicht oder kaum nachgefragt. Zudem besteht das Problem der Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Gesetzliche Vorgaben zu den Anerkennungsverfahren gibt es lediglich für Spätaussiedlerinnen und -aussiedler, sowie für bestimmte Berufe auch für Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union. Das Informationsangebot zu den Anerkennungsmöglichkeiten und -zuständigkeiten für Zugewanderte ist lückenhaft. Es kommt hinzu, dass neben der formellen Anerkennung auch eine Anerkennung der entsprechenden Qualifikationen auf dem freien Markt erfolgen muss, d. h. die Arbeitgeber müssen bereit sein, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit diesen Qualifikationen einzustellen (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2007). Dem kommt eine besondere Bedeutung zu, da die Bundesregierung bestrebt ist, dem Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften mit einer gezielt geförderten Zuwanderung ausländischer Fachkräfte zu begegnen. Außerdem zeichnet sich im Rahmen der Globalisierung eine Internationalisierung der Arbeitsmärkte für das oberste Arbeitsmarktsegment ab. Dies gilt auch für den Spitzensport und die Unterhaltungsindustrie.

Insgesamt lassen sich jedoch bei der Arbeitsmarktintegration der Personen mit Migrationshintergrund erhebliche Defizite erkennen, die nicht nur deren niedrigerem Qualifikationsgrad geschuldet sind, sondern auch strukturellen Barrieren auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungssystem.

Erhöhtes Armutsrisiko

Aufgrund der erkennbaren Defizite im Bereich der Arbeitsmarktintegration ist es wenig verwunderlich, dass das Armutsrisiko der Bevölkerung mit Migrationshintergrund höher ist als das der Bevölkerung insgesamt. Als armutsgefährdet gelten Personen, deren persönliches Haushaltsnettoeinkommen (äquivalenzgewichtet) unter 60 % des Durchschnittseinkommens (Median) liegt. Mehr als ein Viertel der Personen mit Migrationshintergrund lebten demnach 2009 in einem Haushalt, der armutsgefährdet war. Bei den Personen ohne Migrationshintergrund trifft dies lediglich auf 11,7 % zu. Leistungen der sozialen Mindestsicherung (SGB II, SGB XII und Asylbewerberleistungsgesetz) werden von Ausländerinnen und Ausländern zu einem wesentlich größeren Teil bezogen (21,1 %) als von Deutschen, von denen lediglich 8,4 % Mindestsicherungsleistungen beziehen (Beauftrage der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2009: 87 ff).

Erfolge und Schwierigkeiten der sozialen Integration

Zum Bereich der sozialen Integration ist die Datenlage eher schlecht. Außer den Indikatoren des Sozio-Ökonomischen Panels finden sich nur wenige repräsentative Untersuchungen. Im Folgenden werden einige aktuelle Daten hierzu aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung, die 2009 durchgeführt wurde, zitiert:

Mehr als zwei Drittel (69 %) der Personen mit Migrationshintergrund [1] geben an, sich in Deutschland wohl zu fühlen. 58 % möchten auch, dass ihre Kinder in Deutschland aufwachsen. Weniger als die Hälfte (43 %) sagen: "Deutschland ist meine Heimat, meine Zukunft liegt hier". Bei denjenigen, die in Deutschland geboren wurden, bezeichnen sogar 62 % Deutschland als ihr Heimatland. Lediglich 21 % geben an, früher oder später in das Herkunftsland zurückkehren zu wollen. Ein großer Teil (41 %) fühlt sich gleichermaßen dem Heimatland verbunden als auch Deutschland. Knapp drei Viertel der Personen mit Migrationshintergrund wollen für sich die Werte und Traditionen Deutschlands mit denen des Herkunftslandes verbinden. Rund zwei Drittel fühlen sich in Deutschland integriert und nur 14 % fühlen sich in Deutschland fremd. Außerdem hat mehr als die Hälfte der Personen mit Migrationshintergrund viele deutsche Freunde.

Ein eher negatives Bild ergibt sich hingegen bei der subjektiven Einschätzung der Chancen in der Gesellschaft. So glauben 42 %, dass Schülerinnen und Schüler aus Zuwandererfamilien nicht die gleichen Chancen haben wie deutsche Schülerinnen und Schüler. Auch auf dem Arbeitsmarkt werden Benachteiligungen wahrgenommen. Die Hälfte der Personen mit Migrationshintergrund gibt an, nicht den Eindruck zu haben, dass alle Personen unabhängig von ihrer Herkunft die gleichen Chancen am Arbeitsmarkt und im Berufsleben haben. Allerdings geben nur 23 % an, persönlich aufgrund ihrer Herkunft am Arbeitsmarkt oder im Berufsleben benachteiligt worden zu sein (Bertelsmann Stiftung 2009).

Religion hat bei den Personen mit Migrationshintergrund einen hohen Stellenwert. Dies gilt insbesondere für Personen mit muslimischem Glauben. Hierzu einige Daten aus einer aktuellen Studie (Haug u. a. 2009): In Deutschland leben nach Schätzungen zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Menschen muslimischen Glaubens. 98 % davon leben in den alten Bundesländern. 36 % von ihnen schätzen sich selbst als sehr stark gläubig ein, weitere 50 % als eher gläubig. Ein Drittel der der Personen muslimischen Glaubens mit Migrationshintergrund gibt an, täglich zu beten und 70 % begehen religiöse Feste und Feiertage.

Fußnoten

1.
Hier wird die gleiche Definition verwendet wie im Mikrozensus.

Ausländische Bevölkerung nach Staatsangehörigkeit
Die soziale Situation in Deutschland

Migration

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