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Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Norbert F. Schneider

Die familiendemografische Entwicklung in Deutschland

Ehescheidung: Vom Stigma zur Normalität

Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland bei der Scheidungshäufigkeit eine mittlere Position ein. In den skandinavischen Ländern und in Teilen Osteuropas ist die Scheidungsrate etwas höher, in den südeuropäischen Ländern und in Irland dagegen wesentlich niedriger. Unter den gegenwärtigen Ehescheidungsverhältnissen ist davon auszugehen, dass etwa 40 % der in den letzten zehn Jahren geschlossenen Ehen geschieden werden. Für die Eheschließungsjahrgänge 1950 und 1970 lag dieser Wert bei zehn bzw. bei 25 %.

Noch in den frühen 1960er-Jahren hatte eine Ehescheidung gravierende soziale und persönliche Folgen. Sie war sozial unerwünscht und wurde gleichgesetzt mit persönlichem Scheitern und Versagen. Doch Scheidung ist mittlerweile ein gesellschaftlich akzeptierter Schritt zur Auflösung einer als unbefriedigend oder belastend empfundenen Ehe. Das gilt zunehmend auch für Ehen mit kleinen Kindern. Mit einer Scheidung sind zumeist erhebliche Kosten und eine Verschlechterung der ökonomischen Situation sowie, zumindest kurzfristig, psychische und emotionale Belastungen verbunden. Dennoch ist ein Leben als geschiedene Person heute, im Unterschied zu früher, unproblematischer und eine sozial anerkannte Alternative zur lebenslangen Ehe oder zur Wiederheirat.

Bezogen auf die Ehedauer hat sich das Scheidungsgeschehen in Deutschland in zweifacher Hinsicht verändert. Erstens werden immer mehr Ehen immer früher geschieden. Die höchste ehedauerspezifische Scheidungshäufigkeit liegt heute im fünften Ehejahr. Da dieser Ziffer der Zeitpunkt der juristisch vollzogenen Scheidung zu Grunde liegt, ist davon auszugehen, dass die faktische Trennung der Partner am häufigsten im dritten und vierten Ehejahr stattfindet. Zweitens kam es zu einer generellen Erhöhung der Scheidungswahrscheinlichkeit. Auch Ehen mit einer Dauer von 20 oder mehr Jahren werden heute häufiger geschieden als in der Vergangenheit.

Die Zahl der von der Scheidung ihrer Eltern betroffenen minderjährigen Kinder ist über lange Zeit hinweg relativ konstant geblieben. Seit den späten 1970er-Jahren erleben, von Schwankungen im Zuge der Wiedervereinigung und einem kurzen Anstieg zwischen 2002 und 2004 abgesehen, pro Jahr zwischen 140 und 150 Tausend minderjährige Kinder die Scheidung ihrer Eltern. Im langjährigen Durchschnitt sind pro 100 Ehescheidungen etwa 80 Kinder betroffen.

Über die Folgen einer Scheidung für die Kinder bestehen in der Öffentlichkeit unterschiedliche und zum Teil unzutreffende Auffassungen. Wie die Kinder die Scheidungsfolgen bewältigen, ist weniger abhängig vom Scheidungserlebnis an sich als von den familialen Beziehungen vor, während und vor allem auch nach der Scheidung. Insgesamt gibt es wenige Hinweise auf langfristige und schwerwiegende Scheidungsfolgen (Schmidt-Denter/Beelmann 1995), gut belegt sind aber kurzfristige Folgen, die unter anderem in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht der Kinder variieren.

Kinder aus einer Scheidungsfamilie tragen selbst wieder ein höheres Scheidungsrisiko. Wurde dies in der Vergangenheit mit negativen Ehevorstellungen und unzureichender Bindungsfähigkeit erklärt, geht man heute eher davon aus, dass Scheidungskinder ihre früheren Erfahrungen konstruktiv anwenden und weniger Angst haben, unglückliche Beziehungen zu beenden.

Veränderte Scheidungsgründe

Die Scheidungsursachen haben sich im Lauf der letzten Jahrzehnte deutlich gewandelt. Zu unterscheiden ist zwischen objektiven Rahmenbedingungen der Lebenssituation, die das Scheidungsverhalten beeinflussen können und den jeweiligen subjektiven Scheidungsgründen. Als subjektive Scheidungsgründe haben Gewalttätigkeit, Alkoholismus und sexuelle Untreue stark an Bedeutung verloren. Sie wurden abgelöst durch "Kommunikationsprobleme" sowie durch "emotionale Verarmung" und "fehlende gemeinsame Interessen". Mit der "Normalisierung" der Scheidung hat die Bedeutung bestimmter Merkmale der Lebenssituation, die lange als Scheidungsbarrieren gewirkt haben, großenteils abgenommen. So haben sich frühere konfessionelle und milieutypische Unterschiede erheblich nivelliert. Andere haben dagegen Bestand. Dazu gehören ausgeprägte Stadt-Land-Unterschiede. So ist das Scheidungsrisiko in Städten fast doppelt so hoch wie in ländlichen Gebieten. Ehen, in denen beide Partner erwerbstätig sind, werden häufiger geschieden als Ehen, in denen die Frau zu Hause bleibt. Vor allem Kinder sind in Westdeutschland immer weniger Scheidungsbarriere. Ehen mit Kindern weisen derzeit kein signifikant niedrigeres Scheidungsrisiko mehr auf als kinderlose Ehen. Nur in der Phase mit Kindern unter fünf Jahren ist noch ein die Ehe stabilisierender Effekt nachweisbar (Wagner/Weiß 2003).

Die insgesamt gestiegene Scheidungshäufigkeit wird sehr unterschiedlich interpretiert. Manche sehen darin eine krisenhafte Entwicklung und Anzeichen für eine sinkende Solidaritätsbereitschaft, andere werten dies als Indiz für die zunehmende Wichtigkeit glücklicher Partnerschaften. In Zeiten fortgeschrittener Individualisierung ist Scheidung jedenfalls eine bedeutsame Option, um als unbefriedigend erlebte Ehen beenden zu können, ohne die vermutlich die Heiratsneigung deutlich geringer wäre.

Die Ehe hat Konkurrenz erhalten, bleibt aber attraktiv

Die Zahl der Eheschließungen ist seit Anfang der 1960er-Jahre stark rückläufig. Verglichen mit 1961, als nahezu 700 Tausend Ehen in Deutschland geschlossen wurden, hat sich diese Zahl bis 2009 nahezu halbiert (vgl. Abb. 1). Mit einer Heiratsziffer (Eheschließungen je 1.000 Einwohner) von 4,7 im Jahr 2010 weist Deutschland im europäischen Vergleich einen mittleren Wert auf.

Der Rückgang der Heiratshäufigkeit ist zum Teil Folge demografischer Veränderungen (zurückgehende Zahl von Personen im typischen Heiratsalter zwischen 20 und 40 Jahren), basiert aber auch auf einem Absinken der Heiratsneigung. Darauf deutet der Anstieg dauerhaft lediger Personen hin. Nach den gegenwärtigen Heiratsverhältnissen ist davon auszugehen, dass etwa 29 % der Männer und rund 18 % der Frauen, die 1965 geboren wurden, dauerhaft ledig bleiben werden. Innerhalb der letzten dreißig Jahre hat sich der Anteil dauerhaft lediger Männer verdreifacht, während der Anteil der ledigen Frauen im selben Zeitraum nur geringfügig angestiegen ist. Zurückgegangen ist auch die Wiederheiratswahrscheinlichkeit geschiedener und verwitweter Personen im Zeitverlauf. Gegenwärtig heiratet gut die Hälfte dieser Personen ein weiteres Mal (vgl. Abb. 2).

Zwei Gründe für die gesunkene Heiratsneigung

Die gesunkene Heiratsneigung hat vielfältige Ursachen. Zwei davon sind besonders wichtig: Die mit einer Eheschließung verbundenen Vorteile haben abgenommen, ebenso wie die Nachteile, die mit der Ehelosigkeit verbunden sind. Damit hat sich der Nutzen, in einer Ehe zu leben, im Vergleich zu anderen Alternativen verringert, wodurch die Ehe an Attraktivität und an Selbstverständlichkeit eingebüßt hat.

Die zweite wichtige Ursache für den Rückgang der Heiratsneigung ist der Wandel der Grundlagen von Liebesbeziehungen: Nach Giddens (1993) werden Beziehungen heute auf der Basis leidenschaftlicher Liebe begründet, die im Unterschied zur romantischen Liebe der Vergangenheit, die in erster Linie instrumentellen Charakter hatte, vergänglich und nicht auf eine lebenslange Verbindung ausgerichtet ist. "Reine" Beziehungen werden nur um ihrer selbst willen begründet und aufrechterhalten. Ihr Hauptzweck ist die emotionale Befriedigung der Partner. Wird dieser Zweck nicht mehr hinreichend erfüllt, wird die Beziehung beendet. Für diese Art nicht auf lebenslange Dauer ausgerichteter Beziehungen, die weder auf ökonomischen Kalkülen noch auf sozialen Konventionen beruhen, sondern auf persönlichen, emotionalen Motiven, ist die Ehe mit ihren Verbindlichkeiten eher hinderlich. Normative Erwartungen und institutionelle Setzungen, in der Vergangenheit oft Grundlage persönlicher Beziehungen, wurden durch individuelle Motive und Vorlieben abgelöst. Allgemeine Regelungen wurden ein Stück weit durch private Vereinbarungen und Maßstäbe ersetzt.