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Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Norbert F. Schneider

Die familiendemografische Entwicklung in Deutschland

Die traditionellen Heiratsmotive leben fort

Dieser Wandel der Ehe als Institution vermindert zwar die Heiratshäufigkeit, scheint aber auf die Motive der zu einer Heirat Entschlossenen kaum Einfluss zu haben. Dass in Zeiten sinkenden Nutzens und fortschreitender De-Institutionalisierung der Ehe weiterhin so häufig geheiratet wird, immerhin entscheiden sich vier Männer und fünf Frauen im Laufe ihres Lebens für eine Heirat, ist zu einem erheblichen Teil mit der fortbestehenden Bedeutung traditioneller Wertorientierungen erklärbar (Schneider/Rüger 2007). Die Ehe als Institution, die um ihrer selbst willen eingegangen wird, scheint lebendiger als vielfach angenommen. Die reine Liebesheirat ist entgegen gängigen Vorstellungen nicht sehr weit verbreitet. Nur etwa jede siebte Eheschließung erfolgt als reine Liebesheirat. Weit häufiger sind dagegen traditionelle und wertbezogene, aber auch nutzenorientierte Heiratsmotive. Auch die immer wieder anzutreffende These, Menschen heiraten dann, wenn sie Kinder wollen, lässt sich nicht bestätigen. Nur etwa jede zehnte Heirat erfolgt aus diesem Grund. Geheiratet wird heute meist dann, wenn die Beteiligten den Eindruck haben, dadurch sehr konkrete Vorteile zu erlangen. Trotz des gesellschaftlich sinkenden Nutzens scheinen die Vorteile einer Ehe aus Sicht der Akteure jedoch weiterhin recht zahlreich und offenkundig zu sein.

Sinn und Nutzen einer Heirat werden nicht allein durch die Vor- und Nachteile der Ehe und ihrer Alternativen bestimmt. Sehr wesentlich wird die Entscheidung natürlich auch durch den Partner und dessen persönliche Eigenschaften und soziale Merkmale geprägt. Die Partnerwahl ist heute in der Regel eine individuelle Entscheidung. Die für die Vergangenheit typische Einmischung von Familie und Verwandtschaft bei der Partnerwahl ist in Deutschland nur noch eine Randerscheinung. Bei der Wahl des Partners dominiert heute weiterhin eindeutig Ähnlichkeit, während sich Personen aus unterschiedlichen sozialen Milieus offenbar nur selten attraktiv finden und statistisch gesehen auch eine kleinere Chance haben, sich überhaupt zu begegnen. So haben 67 % der Ehepartner den gleichen Schulabschluss und 85 % wohnten vor dem Kennenlernen nicht weiter als 20 km voneinander entfernt. Das heißt, soziale Schichten und Milieus vermischen sich durch Heirat kaum, grenzen sich vielmehr voneinander ab. Eine auffallende Ausnahme bleibt allerdings zu vermerken: War bis in die 1960er-Jahre die sogenannte "Mischehe" zwischen Partnern unterschiedlicher Konfessionen sehr selten, spielt heute die Religionszugehörigkeit bei der Partnerwahl nur noch eine untergeordnete Rolle, und gemischt-konfessionelle Ehen sind heute weit verbreitet.

Aufschub biografischer Übergänge

Zahlreiche bedeutsame biografische Ereignisse finden heute in einem deutlich höheren Lebensalter statt als noch vor vierzig Jahren. Dazu gehören vor allem der Eintritt ins Erwerbsleben, der Auszug aus dem Elternhaus, die Heirat sowie der Übergang zur Elternschaft.

Das Alter bei der ersten Heirat ist seit 1975 um mehr als sieben Jahre angestiegen. Es betrug 2009 bei ledigen Männern 33 und bei ledigen Frauen 30 Jahre. Die in Deutschland geborenen Kinder haben im Durchschnitt auch relativ alte Eltern. Vor allem Akademikerinnen gründen eine Familie immer häufiger im vierten oder sogar erst zu Beginn ihres fünften Lebensjahrzehnts. Die Familienbildung wird aufgeschoben, weil viele junge Menschen immer länger im Bildungssystem verbleiben und zu Beginn des Erwerbslebens oft nur befristete Beschäftigungsverhältnisse erhalten. Das ist besonders für Männer problematisch, da das traditionelle Erwartungsmuster, wonach eine Familie erst dann gegründet werden soll, wenn sie auch versorgt werden kann, nach wie vor verhaltensrelevant ist. Viele der gut ausgebildeten Frauen finden sich häufig in einer anderen schwierigen Situation wieder. Sie wissen, dass Beruf und Familie schwer zu vereinbaren sein werden und Mutterschaft einem beruflichen Aufstieg im Wege stehen kann. Daher versuchen sie sich zunächst im Erwerbsleben gut zu integrieren, bevor sie sich für ein Kind entscheiden.

Während der Aufschub von Heirat und Elternschaft bei Männern und Frauen in vergleichbarer Weise erfolgt, bestehen ausgeprägte geschlechtstypische Unterschiede beim Auszugsalter aus dem Elternhaus. Jungen ziehen im Durchschnitt mit 26 Jahren und damit erheblich später aus als Mädchen, die im Mittel knapp 22 Jahre alt sind, wenn sie das Elternhaus verlassen. Der Altersabstand zwischen den Geschlechtern hat sich in den letzten Jahren vergrößert

Demografische Prozesse in Deutschland – Vielfalt statt Einheitlichkeit

Die hier dargestellten Entwicklungen setzen sich aus zum Teil sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen der einzelnen Bevölkerungsgruppen zusammen. Bedeutsame Unterschiede bestehen zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Stadt und Land, zwischen Bildungsgruppen und zwischen Personen ohne bzw. mit Migrationshintergrund.
So sind die Auffassungen im Hinblick auf die Rolle von Frauen und Müttern in den neuen Bundesländern erheblich moderner als in Westdeutschland. Dies kommt in einer wesentlich höheren Vollerwerbstätigkeit von Müttern mit Kindern zwischen einem und 12 Jahren sowie einem weitaus höheren Anteil von Kindern unter drei Jahren, die in öffentlichen Einrichtungen betreut werden, zum Ausdruck.

Im Jahr 2009 lebten etwa 15,7 Millionen Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland (vgl. dazu Kapitel 4: Migration). Das entspricht 19,2 % der Gesamtbevölkerung. Frauen mit Migrationshintergrund haben häufiger Kinder als Frauen ohne einen solchen. Der Anteil kinderloser Frauen ist bei ersteren kaum mehr als halb so hoch (10 zu 18 % bei den 45- bis 54-Jährigen), dagegen ist der Anteil der Mütter mit mindestens drei Kindern deutlich höher (29 zu 19 %). Auffällig ist daneben, dass Kinder von Migranten meist mit verheirateten Eltern aufwachsen. Von allen minderjährigen Kindern leben bei Migranten 84 % zusammen mit ihren verheirateten Eltern, bei Personen ohne Migrationshintergrund sind es nur 70 Prozent.

Wenig überraschend ist, dass das demografische Verhalten von Migranten stark nach ihrem Herkunftsland variiert und in der ersten hier geborenen Generation häufig noch die Verhaltensweisen des Herkunftslandes dominieren. Bei der zweiten Generation finden dann meist Anpassungstendenzen an das demografische Verhalten der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund statt, ohne dass sich Unterschiede ganz auflösen.