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31.5.2012 | Von:
Norbert F. Schneider

Die familiendemografische Entwicklung in Deutschland

Der demografische Wandel hat sich in Ost und West teilweise sehr unterschiedlich vollzogen. Nach der Wiedervereinigung haben sich die Unterschiede aber nur partiell verringert. Beispielsweise gibt es kaum einen Unterschied beim Erstgeburtsalter. Der Anteil nichtehelicher Geburten ist wiederum in den neuen Bundesländern doppelt so hoch wie in den alten.
Nichtehelichenquote für West- und Ostdeutschland, 1946 bis 2009Nichtehelichenquote für West- und Ostdeutschland, 1946 bis 2009
Die demografische Entwicklung ist in beiden deutschen Staaten und nach der Wiedervereinigung in den alten und neuen Bundesländern teilweise sehr unterschiedlich verlaufen (vgl. dazu Kapitel das "Bevölkerung"). Nach 1990 haben sich die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern teilweise verringert, etwa beim Erstgeburtsalter, das sich heute kaum noch unterscheidet, andere haben sich dagegen weiter vergrößert, etwa der Anteil nichtehelicher Geburten, der im Osten mehr als doppelt so hoch ist wie im Westen[1].

Zusammengefasste Geburtenziffern in West- und Ostdeutschland, 1945 bis 2009Zusammengefasste Geburtenziffern in West- und Ostdeutschland, 1945 bis 2009
Die Entwicklung der Geburtenrate

Deutschland gehört seit Anfang der 1970er-Jahre global zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate. Auf dem Höhepunkt des sogenannten "Baby-Booms" in Deutschland wurden 1957 bis 1968 etwa 2,4 Kinder je Frau geboren. Danach setzte ein sehr massiver Rückgang der Geburtenrate ein, der bis etwa 1975 andauerte. Seither wurden im Durchschnitt (gemessen mit der Zusammengefassten Geburtenziffer TFR) etwa 1,4 Kinder je Frau geboren (2010: 1,39), wobei jedoch teils erhebliche regionale Unterschiede zu beobachten sind. Damit ist jede nachfolgende Generation um etwa ein Drittel kleiner als die Elterngeneration.

Gründe für die niedrige Geburtenhäufigkeit

Grundsätzlich sind drei Ursachenbündel zu unterscheiden. Strukturell gilt Deutschland als ein Land, in dem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders schwierig ist. Gründe liegen im Fehlen einer ausreichenden Zahl an Kinderbetreuungsplätzen, vor allem im Krippen- und im Grundschulalter in Westdeutschland, aber auch in der weithin geringen Bereitschaft der Wirtschaft, durch flexible Arbeitszeitstrukturen familienfreundlicher zu werden. Kulturell ist festzustellen, dass besonders in Westdeutschland sehr traditionelle Familienleitbilder und Geschlechterrollen weiterhin eine hohe Bedeutung haben und die Förderung des Kindeswohls als Aufgabe der Eltern einen sehr hohen gesellschaftlichen Stellenwert besitzt. In Verbindung mit dem verbreiteten Bestreben vieler (potentieller) Eltern, in der Erziehung alles richtig zu machen und so den hohen gesellschaftlichen Erwartungen an eine gelingende Erziehung zu entsprechen, wird die Entscheidung für Kinder erschwert oder sogar verhindert.

Während die niedrige Geburtenrate auf kulturelle und strukturelle Faktoren zurückzuführen ist, ist der Rückgang der Geburtenhäufigkeit, also der absoluten Zahl von Geburten, durch die demografische Entwicklung bedingt, weil die schrumpfende Größe der jeweiligen Elterngeneration auch bei konstanter Geburtenrate in der Summe zu weniger Geburten führt. Gab es im Jahr 2000 noch knapp 20 Millionen Frauen im gebärfähigen Alter (15 bis 49 Jahre), werden es 2020 nur noch knapp 16 Millionen sein – und damit etwa 20 Prozent weniger.

Veränderungen des generativen Verhaltens

Das generative Verhalten hat sich in den letzten Jahrzehnten in vielfacher Weise verändert. Besonders markant ist dabei der rasch gestiegene Anteil dauerhaft kinderloser Frauen. Mehr als jede fünfte Frau, die zwischen 1964 und 1968 geboren worden ist, war im Jahr 2008, also im Alter zwischen 40 und 44 Jahren, noch kinderlos und es kann angenommen werden, dass nur noch ein sehr kleiner Teil dieser Frauen Mutter werden wird. Deutschland gehört damit weltweit zu den Ländern mit den höchsten Anteilen dauerhaft kinderloser Frauen. Dabei bestehen erhebliche regionale Unterschiede: Während in den neuen Bundesländern nur 13 % kinderlos geblieben sind, ist dieser Anteil in den alten Bundesländern doppelt so hoch. Die Dynamik des Wandels belegt ein Vergleich mit den um 1945 geborenen Frauen. Unter ihnen waren nur 12 % kinderlos geblieben, 13 % in den alten und 7 % in den neuen Bundesländern.

Kinderlose Frauen von 45 Jahren und älter nach Ausbildungsabschluss in West- und Ostdeutschland (Stand: 2008)Kinderlose Frauen von 45 Jahren und älter nach Ausbildungsabschluss in West- und Ostdeutschland (Stand: 2008)
Bedeutsame Unterschiede im Ausmaß der Kinderlosigkeit sind auch nach dem formalen Schulabschluss der Frauen erkennbar. Bei Frauen mit Abitur beträgt der Anteil Kinderloser in der Geburtskohorte 1964 – 68 28 % [2], bei Frauen ohne Schulabschluss dagegen 17 %. Es zeigen sich allerdings in Ostdeutschland weniger ausgeprägte Unterschiede für die Anteile dauerhaft kinderloser Frauen nach ihrem Ausbildungsabschluss als in Westdeutschland. Soweit es die spärlich vorhandenen empirischen Befunde erlauben, kann für Männer von einem umgekehrten Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderlosigkeit ausgegangen werden: Je höher die formale Bildung, desto mehr Kinder haben die Männer im Durchschnitt, wohingegen Männer mit weit unterdurchschnittlicher Bildung das höchste Risiko dauerhafter Kinderlosigkeit tragen.

Kinderlosigkeit kann gewollt oder ungewollt sein. Erstere beruht meist auf einer prinzipiellen Ablehnung von Elternschaft oder auf einem immer wieder vollzogenen Aufschub eines latent vorhandenen Kinderwunschs mit abschließendem Verzicht auf Kinder. Ungewollte Kinderlosigkeit kann infolge des Fehlens eines geeigneten Partners oder auf Grund von Infertilität entstehen. Das Risiko unfruchtbar zu sein bzw. zu werden steigt mit zunehmendem Alter stark an. Im Alter von 20 bis 25 Jahren sind etwa 6 % der Frauen betroffen, bei den 35- bis 40-Jährigen ist dieser Anteil vier- bis fünffach erhöht. Die zunehmende Inanspruchnahme reproduktionsmedizinischer Unterstützung, die sich zu einem blühenden Wirtschaftszweig entwickelt hat, ist demnach nicht in erster Linie Folge einer allgemein sinkenden Fruchtbarkeit, die durch Umwelteinflüsse hervorgerufen wird, sondern Ergebnis des verbreiteten Verhaltens, Elternschaft in immer höhere Lebensalter zu verschieben.

Der biografische Aufschub des Übergangs zur Elternschaft ist ein zweites bedeutsames Merkmal des Wandels des generativen Verhaltens. Mütter sind in Deutschland im Durchschnitt bei der Geburt ihres ersten ehelichen Kindes 30 Jahre alt und damit rund fünf Jahre älter als noch vor dreißig Jahren. Gegenwärtig hat jedes vierte Neugeborene eine Mutter, die 35 Jahre oder älter ist. Als Folge eines fortschreitenden biografischen Aufschubs von Elternschaft erhöht sich, wie erwähnt, das Risiko ungewollter Kinderlosigkeit, demografisch ist damit auch eine Vergrößerung des Abstands zwischen den Generationen verbunden, mit erheblichen Folgen für die Bevölkerungsstruktur. Das veranschaulicht ein kleines Modellbeispiel: Sind Mütter im Durchschnitt bei der Geburt ihrer Kinder 25 Jahre alt, werden in einem Jahrhundert vier Generationen geboren, sind sie dagegen 33 Jahre alt, sind es nur drei Generationen.

Noch ein dritter demografischer Faktor hat Einfluss auf das Geburtengeschehen – der Rückgang von Müttern mit mindestens drei Kindern. Zwei Zahlen sollen den Wandel demonstrieren: Während 32 % der Frauen der Geburtsjahrgänge 1933 – 38 mindestens drei Kinder geboren haben, war dieser Anteil in den Geburtsjahrgängen 1959 – 63 auf rund 16 % gesunken.

Während also Kinderlosigkeit zunimmt und Mehrkindfamilien seltener werden, kann die weit verbreitete Einschätzung, dass immer mehr Kinder ohne Geschwister aufwachsen, nur bedingt bestätigt werden. 1984 waren 12 % und 2008 ca. 16 % aller Kinder geschwisterlos.

In Westdeutschland sind Elternschaft und Ehe nach wie vor eng verknüpft. Im Vergleich mit vielen westlichen Industrieländern weisen die alten Bundesländer, trotz eines beständigen Anstiegs seit Mitte der 1960er-Jahre, einen vergleichsweise niedrigen Anteil nichtehelich Geborener auf. Nur in wenigen Ländern, etwa Irland, Griechenland und Italien, ist dieser Anteil noch geringer. In Skandinavien, Frankreich oder auch Großbritannien ist er dagegen beträchtlich höher. 1966, in einer Zeit, in der eine nichteheliche Geburt durchaus noch mit negativen sozialen Konsequenzen verbunden sein konnte, waren 5 % aller Geburten in der Bundesrepublik Deutschland nichtehelich mit seitdem steigender Tendenz. In Ostdeutschland ist vom Verlauf her eine ähnliche Entwicklung zu beobachten, jedoch auf sehr viel höherem Niveau.

Veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Der soziale Kontext, in den das generative Verhalten in Deutschland eingebunden ist, hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Drei Faktoren sind dabei von herausragender Bedeutung. Mit der gewachsenen Bildungs- und Erwerbsbeteiligung der Frauen eröffneten sich für diese neue Optionen, die die Phase ihrer alternativlosen Festlegung auf das Hausfrauen- und Mutterdasein beendet haben. Ein zweiter Faktor beruht darauf, dass Elternschaft heute nicht mehr selbstverständlich ist, sondern sich zu einer Option entwickelt hat, für die man sich entscheidet oder nicht. Elternschaft als Option setzt die prinzipielle Möglichkeit einer relativ zuverlässigen Planbarkeit voraus, die durch die Verbreitung sicherer und frei zugänglicher Verhütungsmittel seit den sechziger Jahren gegeben ist. Trotz dieser Möglichkeiten, das sei hier nur erwähnt, gibt es empirische Hinweise, dass jede dritte nicht abgebrochene Schwangerschaft ungeplant ist. Der dritte und vielleicht bedeutsamste Faktor gründet im Bedeutungswandel von Elternschaft. Er ergab sich aus neuartigen an Mütter und Väter gerichteten Rollenerwartungen, aus veränderten Einstellungen gegenüber Kindern und aus der Aufwertung der gesellschaftlichen Stellung von Kindern, wie sie etwa an ihrer Anerkennung als Rechtssubjekte erkennbar wird (vgl. Auszug BGB). Hinzu kommt, dass Elternschaft mit der Etablierung neuer Leitbilder, etwa den "Neuen Vätern", der "Gelingenden Erziehung" oder der "Verantworteten Elternschaft" heute deutlich voraussetzungsreicher und anspruchsvoller ist als noch vor wenigen Jahrzehnten. Daraus und auch aus der Tatsache, dass auf die Belange von Eltern gesellschaftlich wenig Rücksicht genommen wird, resultieren Probleme, die die Realisierung vorhandener Kinderwünsche verhindern oder dazu führen, dass ein steigender Anteil junger Menschen keine Kinderwünsche entwickelt.
Ehescheidung: Vom Stigma zur Normalität

Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland bei der Scheidungshäufigkeit eine mittlere Position ein. In den skandinavischen Ländern und in Teilen Osteuropas ist die Scheidungsrate etwas höher, in den südeuropäischen Ländern und in Irland dagegen wesentlich niedriger. Unter den gegenwärtigen Ehescheidungsverhältnissen ist davon auszugehen, dass etwa 40 % der in den letzten zehn Jahren geschlossenen Ehen geschieden werden. Für die Eheschließungsjahrgänge 1950 und 1970 lag dieser Wert bei zehn bzw. bei 25 %.

Noch in den frühen 1960er-Jahren hatte eine Ehescheidung gravierende soziale und persönliche Folgen. Sie war sozial unerwünscht und wurde gleichgesetzt mit persönlichem Scheitern und Versagen. Doch Scheidung ist mittlerweile ein gesellschaftlich akzeptierter Schritt zur Auflösung einer als unbefriedigend oder belastend empfundenen Ehe. Das gilt zunehmend auch für Ehen mit kleinen Kindern. Mit einer Scheidung sind zumeist erhebliche Kosten und eine Verschlechterung der ökonomischen Situation sowie, zumindest kurzfristig, psychische und emotionale Belastungen verbunden. Dennoch ist ein Leben als geschiedene Person heute, im Unterschied zu früher, unproblematischer und eine sozial anerkannte Alternative zur lebenslangen Ehe oder zur Wiederheirat.

Bezogen auf die Ehedauer hat sich das Scheidungsgeschehen in Deutschland in zweifacher Hinsicht verändert. Erstens werden immer mehr Ehen immer früher geschieden. Die höchste ehedauerspezifische Scheidungshäufigkeit liegt heute im fünften Ehejahr. Da dieser Ziffer der Zeitpunkt der juristisch vollzogenen Scheidung zu Grunde liegt, ist davon auszugehen, dass die faktische Trennung der Partner am häufigsten im dritten und vierten Ehejahr stattfindet. Zweitens kam es zu einer generellen Erhöhung der Scheidungswahrscheinlichkeit. Auch Ehen mit einer Dauer von 20 oder mehr Jahren werden heute häufiger geschieden als in der Vergangenheit.

Die Zahl der von der Scheidung ihrer Eltern betroffenen minderjährigen Kinder ist über lange Zeit hinweg relativ konstant geblieben. Seit den späten 1970er-Jahren erleben, von Schwankungen im Zuge der Wiedervereinigung und einem kurzen Anstieg zwischen 2002 und 2004 abgesehen, pro Jahr zwischen 140 und 150 Tausend minderjährige Kinder die Scheidung ihrer Eltern. Im langjährigen Durchschnitt sind pro 100 Ehescheidungen etwa 80 Kinder betroffen.

Über die Folgen einer Scheidung für die Kinder bestehen in der Öffentlichkeit unterschiedliche und zum Teil unzutreffende Auffassungen. Wie die Kinder die Scheidungsfolgen bewältigen, ist weniger abhängig vom Scheidungserlebnis an sich als von den familialen Beziehungen vor, während und vor allem auch nach der Scheidung. Insgesamt gibt es wenige Hinweise auf langfristige und schwerwiegende Scheidungsfolgen (Schmidt-Denter/Beelmann 1995), gut belegt sind aber kurzfristige Folgen, die unter anderem in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht der Kinder variieren.

Kinder aus einer Scheidungsfamilie tragen selbst wieder ein höheres Scheidungsrisiko. Wurde dies in der Vergangenheit mit negativen Ehevorstellungen und unzureichender Bindungsfähigkeit erklärt, geht man heute eher davon aus, dass Scheidungskinder ihre früheren Erfahrungen konstruktiv anwenden und weniger Angst haben, unglückliche Beziehungen zu beenden.

Veränderte Scheidungsgründe

Die Scheidungsursachen haben sich im Lauf der letzten Jahrzehnte deutlich gewandelt. Zu unterscheiden ist zwischen objektiven Rahmenbedingungen der Lebenssituation, die das Scheidungsverhalten beeinflussen können und den jeweiligen subjektiven Scheidungsgründen. Als subjektive Scheidungsgründe haben Gewalttätigkeit, Alkoholismus und sexuelle Untreue stark an Bedeutung verloren. Sie wurden abgelöst durch "Kommunikationsprobleme" sowie durch "emotionale Verarmung" und "fehlende gemeinsame Interessen". Mit der "Normalisierung" der Scheidung hat die Bedeutung bestimmter Merkmale der Lebenssituation, die lange als Scheidungsbarrieren gewirkt haben, großenteils abgenommen. So haben sich frühere konfessionelle und milieutypische Unterschiede erheblich nivelliert. Andere haben dagegen Bestand. Dazu gehören ausgeprägte Stadt-Land-Unterschiede. So ist das Scheidungsrisiko in Städten fast doppelt so hoch wie in ländlichen Gebieten. Ehen, in denen beide Partner erwerbstätig sind, werden häufiger geschieden als Ehen, in denen die Frau zu Hause bleibt. Vor allem Kinder sind in Westdeutschland immer weniger Scheidungsbarriere. Ehen mit Kindern weisen derzeit kein signifikant niedrigeres Scheidungsrisiko mehr auf als kinderlose Ehen. Nur in der Phase mit Kindern unter fünf Jahren ist noch ein die Ehe stabilisierender Effekt nachweisbar (Wagner/Weiß 2003).

Die insgesamt gestiegene Scheidungshäufigkeit wird sehr unterschiedlich interpretiert. Manche sehen darin eine krisenhafte Entwicklung und Anzeichen für eine sinkende Solidaritätsbereitschaft, andere werten dies als Indiz für die zunehmende Wichtigkeit glücklicher Partnerschaften. In Zeiten fortgeschrittener Individualisierung ist Scheidung jedenfalls eine bedeutsame Option, um als unbefriedigend erlebte Ehen beenden zu können, ohne die vermutlich die Heiratsneigung deutlich geringer wäre.

Die Ehe hat Konkurrenz erhalten, bleibt aber attraktiv

Die Zahl der Eheschließungen ist seit Anfang der 1960er-Jahre stark rückläufig. Verglichen mit 1961, als nahezu 700 Tausend Ehen in Deutschland geschlossen wurden, hat sich diese Zahl bis 2009 nahezu halbiert (vgl. Abb. 1). Mit einer Heiratsziffer (Eheschließungen je 1.000 Einwohner) von 4,7 im Jahr 2010 weist Deutschland im europäischen Vergleich einen mittleren Wert auf.

Der Rückgang der Heiratshäufigkeit ist zum Teil Folge demografischer Veränderungen (zurückgehende Zahl von Personen im typischen Heiratsalter zwischen 20 und 40 Jahren), basiert aber auch auf einem Absinken der Heiratsneigung. Darauf deutet der Anstieg dauerhaft lediger Personen hin. Nach den gegenwärtigen Heiratsverhältnissen ist davon auszugehen, dass etwa 29 % der Männer und rund 18 % der Frauen, die 1965 geboren wurden, dauerhaft ledig bleiben werden. Innerhalb der letzten dreißig Jahre hat sich der Anteil dauerhaft lediger Männer verdreifacht, während der Anteil der ledigen Frauen im selben Zeitraum nur geringfügig angestiegen ist. Zurückgegangen ist auch die Wiederheiratswahrscheinlichkeit geschiedener und verwitweter Personen im Zeitverlauf. Gegenwärtig heiratet gut die Hälfte dieser Personen ein weiteres Mal (vgl. Abb. 2).

Zwei Gründe für die gesunkene Heiratsneigung

Die gesunkene Heiratsneigung hat vielfältige Ursachen. Zwei davon sind besonders wichtig: Die mit einer Eheschließung verbundenen Vorteile haben abgenommen, ebenso wie die Nachteile, die mit der Ehelosigkeit verbunden sind. Damit hat sich der Nutzen, in einer Ehe zu leben, im Vergleich zu anderen Alternativen verringert, wodurch die Ehe an Attraktivität und an Selbstverständlichkeit eingebüßt hat.

Die zweite wichtige Ursache für den Rückgang der Heiratsneigung ist der Wandel der Grundlagen von Liebesbeziehungen: Nach Giddens (1993) werden Beziehungen heute auf der Basis leidenschaftlicher Liebe begründet, die im Unterschied zur romantischen Liebe der Vergangenheit, die in erster Linie instrumentellen Charakter hatte, vergänglich und nicht auf eine lebenslange Verbindung ausgerichtet ist. "Reine" Beziehungen werden nur um ihrer selbst willen begründet und aufrechterhalten. Ihr Hauptzweck ist die emotionale Befriedigung der Partner. Wird dieser Zweck nicht mehr hinreichend erfüllt, wird die Beziehung beendet. Für diese Art nicht auf lebenslange Dauer ausgerichteter Beziehungen, die weder auf ökonomischen Kalkülen noch auf sozialen Konventionen beruhen, sondern auf persönlichen, emotionalen Motiven, ist die Ehe mit ihren Verbindlichkeiten eher hinderlich. Normative Erwartungen und institutionelle Setzungen, in der Vergangenheit oft Grundlage persönlicher Beziehungen, wurden durch individuelle Motive und Vorlieben abgelöst. Allgemeine Regelungen wurden ein Stück weit durch private Vereinbarungen und Maßstäbe ersetzt.
Die traditionellen Heiratsmotive leben fort

Dieser Wandel der Ehe als Institution vermindert zwar die Heiratshäufigkeit, scheint aber auf die Motive der zu einer Heirat Entschlossenen kaum Einfluss zu haben. Dass in Zeiten sinkenden Nutzens und fortschreitender De-Institutionalisierung der Ehe weiterhin so häufig geheiratet wird, immerhin entscheiden sich vier Männer und fünf Frauen im Laufe ihres Lebens für eine Heirat, ist zu einem erheblichen Teil mit der fortbestehenden Bedeutung traditioneller Wertorientierungen erklärbar (Schneider/Rüger 2007). Die Ehe als Institution, die um ihrer selbst willen eingegangen wird, scheint lebendiger als vielfach angenommen. Die reine Liebesheirat ist entgegen gängigen Vorstellungen nicht sehr weit verbreitet. Nur etwa jede siebte Eheschließung erfolgt als reine Liebesheirat. Weit häufiger sind dagegen traditionelle und wertbezogene, aber auch nutzenorientierte Heiratsmotive. Auch die immer wieder anzutreffende These, Menschen heiraten dann, wenn sie Kinder wollen, lässt sich nicht bestätigen. Nur etwa jede zehnte Heirat erfolgt aus diesem Grund. Geheiratet wird heute meist dann, wenn die Beteiligten den Eindruck haben, dadurch sehr konkrete Vorteile zu erlangen. Trotz des gesellschaftlich sinkenden Nutzens scheinen die Vorteile einer Ehe aus Sicht der Akteure jedoch weiterhin recht zahlreich und offenkundig zu sein.

Sinn und Nutzen einer Heirat werden nicht allein durch die Vor- und Nachteile der Ehe und ihrer Alternativen bestimmt. Sehr wesentlich wird die Entscheidung natürlich auch durch den Partner und dessen persönliche Eigenschaften und soziale Merkmale geprägt. Die Partnerwahl ist heute in der Regel eine individuelle Entscheidung. Die für die Vergangenheit typische Einmischung von Familie und Verwandtschaft bei der Partnerwahl ist in Deutschland nur noch eine Randerscheinung. Bei der Wahl des Partners dominiert heute weiterhin eindeutig Ähnlichkeit, während sich Personen aus unterschiedlichen sozialen Milieus offenbar nur selten attraktiv finden und statistisch gesehen auch eine kleinere Chance haben, sich überhaupt zu begegnen. So haben 67 % der Ehepartner den gleichen Schulabschluss und 85 % wohnten vor dem Kennenlernen nicht weiter als 20 km voneinander entfernt. Das heißt, soziale Schichten und Milieus vermischen sich durch Heirat kaum, grenzen sich vielmehr voneinander ab. Eine auffallende Ausnahme bleibt allerdings zu vermerken: War bis in die 1960er-Jahre die sogenannte "Mischehe" zwischen Partnern unterschiedlicher Konfessionen sehr selten, spielt heute die Religionszugehörigkeit bei der Partnerwahl nur noch eine untergeordnete Rolle, und gemischt-konfessionelle Ehen sind heute weit verbreitet.

Aufschub biografischer Übergänge

Zahlreiche bedeutsame biografische Ereignisse finden heute in einem deutlich höheren Lebensalter statt als noch vor vierzig Jahren. Dazu gehören vor allem der Eintritt ins Erwerbsleben, der Auszug aus dem Elternhaus, die Heirat sowie der Übergang zur Elternschaft.

Das Alter bei der ersten Heirat ist seit 1975 um mehr als sieben Jahre angestiegen. Es betrug 2009 bei ledigen Männern 33 und bei ledigen Frauen 30 Jahre. Die in Deutschland geborenen Kinder haben im Durchschnitt auch relativ alte Eltern. Vor allem Akademikerinnen gründen eine Familie immer häufiger im vierten oder sogar erst zu Beginn ihres fünften Lebensjahrzehnts. Die Familienbildung wird aufgeschoben, weil viele junge Menschen immer länger im Bildungssystem verbleiben und zu Beginn des Erwerbslebens oft nur befristete Beschäftigungsverhältnisse erhalten. Das ist besonders für Männer problematisch, da das traditionelle Erwartungsmuster, wonach eine Familie erst dann gegründet werden soll, wenn sie auch versorgt werden kann, nach wie vor verhaltensrelevant ist. Viele der gut ausgebildeten Frauen finden sich häufig in einer anderen schwierigen Situation wieder. Sie wissen, dass Beruf und Familie schwer zu vereinbaren sein werden und Mutterschaft einem beruflichen Aufstieg im Wege stehen kann. Daher versuchen sie sich zunächst im Erwerbsleben gut zu integrieren, bevor sie sich für ein Kind entscheiden.

Während der Aufschub von Heirat und Elternschaft bei Männern und Frauen in vergleichbarer Weise erfolgt, bestehen ausgeprägte geschlechtstypische Unterschiede beim Auszugsalter aus dem Elternhaus. Jungen ziehen im Durchschnitt mit 26 Jahren und damit erheblich später aus als Mädchen, die im Mittel knapp 22 Jahre alt sind, wenn sie das Elternhaus verlassen. Der Altersabstand zwischen den Geschlechtern hat sich in den letzten Jahren vergrößert

Demografische Prozesse in Deutschland – Vielfalt statt Einheitlichkeit

Die hier dargestellten Entwicklungen setzen sich aus zum Teil sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen der einzelnen Bevölkerungsgruppen zusammen. Bedeutsame Unterschiede bestehen zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Stadt und Land, zwischen Bildungsgruppen und zwischen Personen ohne bzw. mit Migrationshintergrund.
So sind die Auffassungen im Hinblick auf die Rolle von Frauen und Müttern in den neuen Bundesländern erheblich moderner als in Westdeutschland. Dies kommt in einer wesentlich höheren Vollerwerbstätigkeit von Müttern mit Kindern zwischen einem und 12 Jahren sowie einem weitaus höheren Anteil von Kindern unter drei Jahren, die in öffentlichen Einrichtungen betreut werden, zum Ausdruck.

Im Jahr 2009 lebten etwa 15,7 Millionen Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland (vgl. dazu Kapitel 4: Migration). Das entspricht 19,2 % der Gesamtbevölkerung. Frauen mit Migrationshintergrund haben häufiger Kinder als Frauen ohne einen solchen. Der Anteil kinderloser Frauen ist bei ersteren kaum mehr als halb so hoch (10 zu 18 % bei den 45- bis 54-Jährigen), dagegen ist der Anteil der Mütter mit mindestens drei Kindern deutlich höher (29 zu 19 %). Auffällig ist daneben, dass Kinder von Migranten meist mit verheirateten Eltern aufwachsen. Von allen minderjährigen Kindern leben bei Migranten 84 % zusammen mit ihren verheirateten Eltern, bei Personen ohne Migrationshintergrund sind es nur 70 Prozent.

Wenig überraschend ist, dass das demografische Verhalten von Migranten stark nach ihrem Herkunftsland variiert und in der ersten hier geborenen Generation häufig noch die Verhaltensweisen des Herkunftslandes dominieren. Bei der zweiten Generation finden dann meist Anpassungstendenzen an das demografische Verhalten der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund statt, ohne dass sich Unterschiede ganz auflösen.
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Fußnoten

1.
Sinnvoll wäre es, die Situation in Ost und West getrennt zu behandeln. Da dies im Rahmen dieses Beitrags nicht geleistet werden kann, erfolgt die Darstellung und Diskussion langfristiger Entwicklungen zumeist für Gesamtdeutschland, wobei vor 1990 die Daten für die DDR und die Bundesrepublik zusammengerechnet werden. Bei besonders bedeutsamen Unterschieden wird explizit zwischen West und Ost differenziert.
2.
Auch hier sind erhebliche Ost-West-Unterschiede zu beobachten: 30 % der Abiturientinnen im Westen und 13 % im Osten sind kinderlos geblieben.