Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Rolf Becker

Bildungserträge und andere Folgen der Bildungsexpansion

Die engere Kopplung des Bildungs- an das Beschäftigungssystem und die Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen

Weil in der Nachkriegszeit und nicht zuletzt als Folge der Bildungsexpansion die Kopplung von Bildungs- und Beschäftigungssystem enger geworden ist, hängen auch die Berufschancen immer mehr vom jeweiligen Bildungsniveau ab. Statt zu einer Bildungsinflation kam es eher zu einer bildungsbezogenen Schließung von Arbeitsplätzen mit positiven Attributen wie Einkommen, Prestige, Arbeitsbedingungen, Karrieremöglichkeiten, Arbeitslosigkeitsrisiken, etc. Für Arbeitsplätze mit mittlerem und insbesondere höherem Anforderungsniveau, die in den letzten Jahrzehnten im Dienstleistungs- und Verwaltungsbereich gegenüber den Produktionsberufen zahlenmäßig angestiegen sind, hat die Bedeutung von Bildung besonders deutlich zugenommen. Die Transformation der Berufsstruktur hin zur Dienstleistungsökonomie sowie die Zunahme bildungsintensiver Tätigkeiten hat die Nachfrage nach bereits qualifizierten Arbeitskräften erhöht. Davon haben insbesondere immer besser ausgebildete Frauen profitiert, deren Erwerbsbeteiligung und Integration in den Arbeitsmarkt im Zusammenspiel von Bildungsexpansion und Expansion des Wohlfahrtsstaates von Geburtsjahrgang zu Geburtsjahrgang deutlich angestiegen ist. Auch die Heirat und – in einem etwas geringeren Maße – die Familienbildung stellen schon lange keine unüberwindbaren Hürden mehr für besser qualifizierte Frauen dar, berufstätig zu werden und zu bleiben.

Allerdings haben sich strukturelle Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung zwischen Männern und Frauen nicht aufgelöst. In allen Qualifikationsgruppen ist bei Frauen der Anteil von Nichterwerbspersonen doppelt so hoch wie bei den Männern. Gemessen am gesellschaftlichen Ansehen des Berufs haben für Berufsanfänger die Abstände zwischen den Bildungsgruppen zugenommen und die Erträge der Berufseinsteiger lassen sich am besten – und besser als vor oder kurz nach 1945 – durch ihren Bildungsabschluss erklären. Die gleichzeitig abnehmende Zahl von Jobs mit einfacher Tätigkeit, die nach Anlernen ausgeübt werden können, hat zu verschärften Arbeitsmarktproblemen von gering Qualifizierten oder Ausbildungslosen geführt. Das Risiko, arbeitslos zu werden, hat sich für die Gruppe der "Bildungsarmen" deutlich verschärft. Während im Jahre 2008 bei einer mittleren Arbeitslosigkeit von 10 % die Arbeitslosenquote für Hochschulabsolventen bei 4 bis 5 Prozent und für Erwerbspersonen mit einem mittleren Abschluss bei 10 % lag, betrug sie für Ausbildungslose etwa 22 %. Bildungsarme werden durch die bildungsbezogene Verdrängung vom Ausbildungs- und Arbeitsmarkt stigmatisiert und von Wohlstand und Wohlfahrt ausgeschlossen (Solga 2005).

Die Bedeutung der Bildungszertifikate für Arbeitsmarkterfolge ist – trotz befürchteter, aber de facto nicht eingetretener "Bildungsinflation" im Sinne einer Überproduktion von Akademikern – nicht gesunken, sondern gestiegen. Dabei führt die Höherqualifizierung der Berufsstruktur zu Umschichtungen in der Sozialstruktur, bei der die Arbeiterschichten zugunsten der Mittelschichten mit Dienstleistungs- und Verwaltungsberufen schrumpfen. Die bildungsbezogene Schließung des Arbeitsmarkts koppelt Bildung, Beruf und Einkommen aneinander und lässt soziale Ungleichheit trotz Bildungsexpansion andauern.

Kognitive und politische Mobilisierung durch Bildung

Von der Bildungsexpansion erhoffte man sich auch eine kognitive Mobilisierung – ein wachsendes intellektuelles Potential, gesellschaftliche und alltägliche Vorgaben zu verstehen und mit ihnen umzugehen – in der Bevölkerung. Eine höhere Bildung bedeutet höhere individuelle Fähigkeiten der Informationsverarbeitung und Problemlösung, stärkere Handlungskompetenzen und damit verbesserte Teilhabe- und Gestaltungsmöglichkeiten in vielen Lebensbereichen. Sie sollte auf kollektiver Ebene ein Element langfristigen gesellschaftlichen Wandels sein. Gemessen an den Intelligenz- und Schulleistungen hat die Bildungsexpansion zu positiven Entwicklungen beigetragen. Beispielsweise ist der Anteil derjenigen gestiegen, die eine oder mehrere Fremdsprachen beherrschen. Auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens gibt es Hinweise für positive Folgen der Bildungsexpansion, vor allem die zunehmende Akzeptanz kultureller, sozialer oder ethnischer Minderheiten, die abnehmende Akzeptanz der sozialen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern oder die zunehmende Toleranz kultureller Verschiedenheit.

In Bezug auf die politische Mobilisierung ist festzuhalten, dass die habituelle Parteiidentifikation gesunken und das individuelle Wahlverhalten stärker reflektiert wird. Ausgänge von politischen Wahlen sind damit für die Parteien unberechenbarer geworden. Träger einer politischen Mobilisierung oder auch "partizipatorischen Revolution", die unter anderem neue, unkonventionelle politische Partizipationsformen sowie eine kritischere Haltung gegenüber politischen Parteien hervorgebracht hat, sind die jüngeren besser gebildeten Generationen. Auch im manifesten politischen Partizipationsverhalten zeigen sich bildungsspezifische Veränderungen: Bei höher Gebildeten ist eine deutliche Zunahme unkonventionellen politischen Engagements (Demonstration, Hausbesetzung, Mitwirkung an Bürgerinitiative oder sozialer Bewegung, etc.) festzustellen. Die besser Gebildeten sind auch politisch interessierter, aber hierbei schwinden in der Abfolge von Geburtskohorten distinktive Bildungseffekte durch Überlagerung anderer Prozesse wie etwa verändertes Medienangebot und Mediennutzung (Hadjar/Becker 2006).

Der Zusammenhang von Bildung und Werthaltungen bzw. Einstellungen gegenüber Migranten

Die Bildungsexpansion hat auch zum Wertewandel hin zum Postmaterialismus (Einstellung einzelner Personen oder ganzer Bevölkerungsgruppen mit Streben nach Frieden, Freiheit, Demokratie, Umweltschutz, Selbstverwirklichung, etc.) beigetragen. Nicht die jeweils jüngeren Generationen per se sind die Träger des Wertewandels, sondern vielmehr die höher Gebildeten unter ihnen (Hadjar 2006). Die Bildungsexpansion hat in Zusammenspiel mit anderen Einflussfaktoren und Entwicklungen (z. B. gestiegener Wohlstand, Zunahme von Auslandsreisen, Zunahme von Kontakten mit Personen aus anderen Kulturkreisen, etc.) Fremdenfeindlichkeit in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgehen lassen. Doch die Formel: "Je mehr Bildung, desto geringer die Fremdenfeindlichkeit" gilt nicht generell, wie Erhebungen in den jüngsten Geburtsjahrgängen zeigen (Rippl 2006). Offensichtlich kann ein verändertes politisches Klimas die normalerweise positive Wirkung von Bildung auch aufheben oder gar umkehren. Wenn der Fremdenfeindlichkeit entgegen gesteuert werden soll, sind Investitionen in Bildung also notwendig, aber offenkundig nicht hinreichend. Doch generell bleibt festzuhalten, dass die zunehmende Bedeutung postmaterialistischer Werthaltungen bei den jüngeren Geburtsjahrgängen sowie gestiegene Möglichkeiten für Kontakte mit "Fremden" über die Bildungsexpansion vermittelt sind und zur Verhinderung und zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit in jüngeren Generationen beitragen.

Bildung und Demographie

Es besteht auch ein enger Zusammenhang zwischen Bildungsexpansion und Lebenserwartung. Zum einen sind gesündere Personen mit höherer Lebenserwartung leistungsfähiger und können daher eher eine höhere Bildung erwerben. Doch das spielt eine viel geringere Rolle als die (umgekehrten) Auswirkungen der Bildung auf gesundheitsbewusste Lebensweisen: Besser Gebildete verfügen über das Wissen, wie sie ihr Leben und das ihrer Kinder und anderer Familienangehörigen gesund gestalten können, und über finanzielle Spielräume für gesundes Leben (Prävention und Kuration). Höher Gebildete haben nicht zuletzt aufgrund ihrer besseren finanziellen Möglichkeiten einen besseren Zugang zu einer wirksamen Gesundheitsversorgung als gering gebildete Bevölkerungsschichten.

Die Bildungsexpansion hat sich schließlich auch auf die Fertilität und die Chancen auf dem Partnerschaft- und Heiratsmarkt ausgewirkt. Familienbildungsprozesse verzögern sich im Lebenslauf sowohl wegen der längeren Verweildauer in der Ausbildung als auch infolge der Höherqualifikation selbst sowie wegen der gestiegenen Frauenerwerbstätigkeit (vgl. Kapitel "Bevölkerung" und Kapitel "Familie"). So sinken in der Abfolge von Geburtsjahrgängen die Heiratsraten, aber das Heiratsalter und das Alter bei Geburt des ersten Kindes steigt mit der Höherqualifikation der aufeinander folgenden Geburtskohorten, wobei die Unterschiede zwischen den jüngeren Geburtsjahrgängen in den letzten Jahren zusehends abgenommen haben. Besonders bei höher gebildeten Frauen ist bei den jüngeren Geburtsjahrgängen die Wahrscheinlichkeit gestiegen, kinderlos zu bleiben.

Die Chancen, einen Partner oder eine Partnerin zu finden, sind zunehmend mit dem Bildungsniveau der Beziehungspartner verknüpft, wobei vor allem niedrig gebildete Männer deutlich geringere Chancen haben, eine Partnerin mit höherem Bildungsniveau zu finden. Der Partnerschafts- und Heiratsmarkt hat also eine bildungsbezogene Schließung erfahren und die Bildungshomogenität der Partnerschaften und Ehen hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Ausbildungslose und gering qualifizierte Personen, Männer mehr als Frauen, haben vergleichsweise geringe Chancen auf dem Partnerschafts- und Heiratsmarkt.