Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Gerechtigkeit

Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit werden in aller Regel für nationalstaatliche Gesellschaften heute lebender Menschen erhoben. Daran wird immer kritisiert, dass Gerechtigkeitsvorstellungen nicht an Landesgrenzen Halt machen dürfen (z. B. im Rahmen des Welthandels), Altersgruppen unterscheiden sollten (so Rentner und Erwerbstätige) und (etwa im Hinblick auf den Ressourcenverbrauch) auch unsere Nachfahren mit einbeziehen müssen. Konzepte der "Globalen Gerechtigkeit" sind daher auf alle Menschen unseres Planeten gerichtet. Forderungen nach "Generationengerechtigkeit" erstrecken sich auf die Güter- und Lastenverteilung der heute lebenden Generationen wie auch der kommenden.

Die Konzepte einer globalen und einer intergenerationalen Gerechtigkeit stellen keine neuen Gerechtigkeitsarten, sondern Maßstabsveränderungen bisheriger Gerechtigkeitsverständnisse dar. Wer Generationengerechtigkeit fordert, kann damit auch Leistungsgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, Bedarfsgerechtigkeit und/oder Gleichheitsgerechtigkeit meinen. Die vier Grundtypen sozialer Gerechtigkeitsvorstellungen sind nicht alle vereinbar. Wer Leistungsgerechtigkeit und/oder Chancengerechtigkeit fordert, befürwortet die Verteilung von ungleich hohen Belohnungen, also soziale Ungleichheit. Wer sich jedoch für Gleichheitsgerechtigkeit oder Bedarfsgerechtigkeit ausspricht, sieht gleich oder ähnlich hohe Belohnungen als Kern der Gerechtigkeit. Diese Konzeptpaare stehen also im Widerspruch zueinander und können nicht ohne weiteres gleichzeitig gefordert werden. Will man sie vereinbaren, so sind mindestens gegenseitige Begrenzungen erforderlich.

Ungeachtet ihrer prinzipiellen Gegensätzlichkeit setzen die genannten Gerechtigkeitsformen einander aber auch ein Stück weit voraus. So dient ein Mindestmaß an Bedarfsbefriedigung und sozialer Gleichheit – Ralf Dahrendorf nannte dies einmal den Fußboden und die Decke, die jede Gesellschaft benötigt – der Realisierung von Chancen- und Leistungsgerechtigkeit. Und die motivierenden und produktiven Kräfte der Chancen- und Leistungsgerechtigkeit schaffen erst die Ressourcen, um Bedarfs- und Gleichheitsgerechtigkeit realisieren zu können.

Auch die Beziehungen innerhalb der beiden Gerechtigkeitspaare sind komplex und erfordern ein gegenseitiges Austarieren. So kann durch die ausschließliche Beachtung von Leistungsgerechtigkeit (z. B. in der Schule) schnell die Chancengerechtigkeit unter die Räder geraten – und umgekehrt.

Empirische Befunde

Empirische Befunde (Lippl/Wegener 2004) zeigen, dass fast alle Menschen in Deutschland, allerdings leicht sinkende Anteile, Forderungen nach Leistungsgerechtigkeit zustimmen. Forderungen nach Chancengerechtigkeit und Bedarfsgerechtigkeit schließen sich die meisten, und zwar steigende Anteile der Menschen an. Forderungen nach gleicher Verteilung stimmt nur eine, allerdings ebenfalls steigende Minderheit der Menschen zu.

In vielen Meinungsäußerungen, Parteiprogrammen etc. verschmelzen diese teils widersprüchlichen, teils einander ergänzenden oder voraussetzenden Gerechtigkeitskonzepte häufig bis zur Ununterscheidbarkeit. Selbst wenn die jeweiligen Gerechtigkeitsverständnisse auseinandergehalten werden, so bleibt die operationale Definition (Was gilt als Leistung? Welche Grundbedarfe sollen gedeckt werden?) meist offen. Maßgebend ist daher vielfach eher ein "Gefühl" von Gerechtigkeit als eine exakte Definition.

Die empfundene Gerechtigkeit des eigenen Einkommens in Deutschland 2008Die empfundene Gerechtigkeit des eigenen Einkommens in Deutschland 2008 (© Wochenbericht des DIW Berlin. Nr. 31/2008: 437)
Fragt man nach dieser gefühlten Gesamtbeurteilung, so ergibt sich, dass die weit überwiegende Mehrheit der Menschen der Meinung ist, der Wohlstand in Deutschland sei nicht gerecht verteilt und die soziale Gerechtigkeit habe in den letzten drei, vier Jahren abgenommen (Glatzer 2009: 19). Dieser Gesamteinschätzung widerspricht allerdings die Einschätzung der eigenen Situation: Ihren eigenen Anteil am Wohlstand halten in Westdeutschland zwei Drittel (in Ostdeutschland nur gut ein Drittel) für gerecht (Statistisches Bundesamt 2008: 415).

Nur eine mehrheitlich als gerecht empfundene Gesellschaft wird auf Dauer friedlich kooperieren und Konflikte ohne Gewalt regeln können. Dies gilt umso mehr in einer Gesellschaft wie Deutschland, die kulturell, ethnisch, sprachlich, religiös und im Alltagsverhalten immer heterogener wird, deren traditionelle Bindeglieder also immer schwächer werden. Gerechtigkeitsempfindungen als integrierender "Kitt" der Gesellschaft werden auch deshalb immer wichtiger, weil der verfügbare Wohlstand der Bürger in absehbarer Zeit eher stagnieren als zunehmen wird. Gibt es weniger zu verteilen, dann werden die Verteilungskonflikte härter. Vor diesem Hintergrund stimmen die Anzeichen eines wachsenden "Gerechtigkeitsdefizits" bedenklich.