Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Hans-Peter Müller

Die Pluralisierung sozialer Milieus und Lebensstile

Die sozialen Milieus der Personen mit Migrationshintergrund unterscheiden sich erwartungsgemäß deutlich von denen der einheimischen Bevölkerung. Die einzelnen "Migrantenmilieus" sind jedoch nicht, wie man glauben könnte, primär von der Nationalität der Zugewanderten geprägt. Es macht wenig Sinn, zum Beispiel von "dem" Türkenmilieu oder "dem" Italienermilieu zu sprechen. Vielmehr unterscheiden sich die "Migrantenmilieus" hauptsächlich danach, ob in ihnen traditionale bzw. religiöse Werthaltungen oder aber moderne bzw. individualisierte Werthaltungen vorherrschen. Anders als es viele Deutsche wissen wollen, machte 2008 der Anteil der tief religiösen und traditionalen Zuwanderer nur 7 % der Menschen mit Migrationshintergrund aus.

Die Übergänge zwischen sozialen Milieus sind fließend. Viele Menschen leben am Rande eines Milieus, stehen zwischen Milieus oder sind mehreren Milieus zugleich zuzuordnen. Soziale Milieus stellen zwar relativ homogene Binnenkulturen einer Gesellschaft dar, aber keine strikt voneinander getrennten gesellschaftlichen Gruppierungen mit allgemein bekannten und anerkannten Namen und symbolisch (z. B. durch die Kleidung) klar ausgewiesenen Zugehörigkeitszeichen. Es handelt sich vielmehr um von Sozialwissenschaftlern nach typischen Merkmalskonstellationen zusammengefasste sowie "künstlich" abgegrenzte und benannte Gruppierungen. In modernen Gesellschaften sind Großgruppen nicht mehr so leicht sichtbar, wie dies früher einmal der Adel, das Großbürgertum und die Industriearbeiterschaft waren. Sie müssen mehr als früher durch solche sozialwissenschaftliche "Milieulandkarten" erst sichtbar gemacht werden. Als solche Sozialkartierungen entwickeln sie ein Eigenleben, indem sie zum zustimmenden oder ablehnenden Bezugspunkt von Selbst- und Fremdidentifikationen von Personen werden oder in institutionellen und kommerziellen Klassifikationssystemen (z. B. von Problemgruppen oder Konsumententypen) Eingang finden. Analoges gilt für die Gesellschaftsbegriffe selbst, die als Schlagworte in öffentlichen Debatten zirkulieren, ohne dass die dahinter stehenden sozialwissenschaftlichen Konzepte, empirischen Belege und begrenzten Geltungshorizonte wirklich reflektiert werden. Ein Beispiel dafür ist die inzwischen inflationäre Rede von der Erlebnisgesellschaft.

Soziale Milieus verändern sich im Laufe der Zeit. Sie werden größer oder kleiner, neue Milieus bilden sich heraus, alte verschwinden oder teilen sich. Allein seit den 1980er-Jahren hat sich der Bevölkerungsanteil traditioneller Milieus fast halbiert, weniger weil die Menschen in modernere Milieus wechselten, sondern weil die meist älteren Menschen in traditionellen Milieus nach und nach starben. Wie dieser Prozess der strukturellen Veränderung sozialer Milieus sich im Einzelnen vollzogen hat, wissen wir erst seit den 1980er-Jahren. Erst seit dieser Zeit liegen methodengleiche Wiederholungsuntersuchungen vor. Vieles spricht aber dafür, dass seit dem späten 19. Jahrhundert eine Pluralisierung sozialer Milieus im Gange ist. Mehr neue Milieus kommen hinzu bzw. mehr Milieus fächern sich auf, als alte Milieus verschwinden.

Was bewirkt die Milieuzugehörigkeit?

In modernen Dienstleistungsgesellschaften definieren sich die Menschen selbst nicht mehr so vorrangig durch ihren Beruf und ihre Schichtzugehörigkeit wie die Menschen in typischen Industriegesellschaften, auch wenn die zeitliche Beanspruchung durch die Berufsarbeit bei den Führungskräften und in vielen Kreativberufen keineswegs nachgelassen hat. Vielmehr identifizieren sich die Angehörigen postindustrieller Gesellschaften nicht zuletzt durch ihre Werthaltungen und damit durch ihre Milieuzugehörigkeit sowie durch ihren Lebensstil. Oft symbolisieren sie dies durch ihre Kleidung, ihren Musikgeschmack etc. und tragen somit ihre Zugehörigkeit auch nach außen.

Immer mehr Menschen wollen ihren eigenen Lebensentwurf (aus)leben, jedoch in der Regel nicht allein, sondern zusammen mit Gleichgesinnten in der eigenen Wohnung bzw. im eigenen Haus und in der Nachbarschaft. Dies trägt dazu bei, dass die sozialen Milieus auch räumlich auseinanderrücken. Das macht sich zum Beispiel in den Städten bemerkbar. Nicht nur die sozialstrukturellen (vgl. Kapitel "Soziale Ungleichheit"), sondern auch die soziokulturellen Merkmale der Bewohner der einzelnen Stadtviertel unterscheiden sich immer deutlicher. Angesichts dieser Tendenz hin zur sozialen Segregation (vgl. Kapitel "Siedlungsstruktur") wird es immer schwieriger, eine "soziale Durchmischung" in den einzelnen Stadtvierteln zu erreichen.

Die Menschen, die einem bestimmten sozialen Milieu angehören, denken und verhalten sich in der Praxis relativ ähnlich und unterscheiden sich dadurch von den Mitgliedern anderer Milieus z. B. hinsichtlich Konsumneigungen, Parteipräferenzen und Erziehungsstilen. Milieugliederungen dienen daher auch Marketinganalysten, um Zielgruppen zu definieren, Wahlkampfstrategen, um Wählerpotenziale zu erschließen, Sozialisationsforschern, um typische Lernstrategien zu lokalisieren und zu erklären.

Ist die Milieuzugehörigkeit von Menschen bekannt, dann weiß man viel über die Sehnsüchte, Interpretationen, Motive und Nutzenerwartungen von Menschen. So lässt sich die Nutzung bestimmter Medien, der Kauf bestimmter Konsumgüter, die Neigung zu bestimmten Parteien etc. aufgrund der Werthaltungen und Zielsetzungen der Menschen ein gutes Stück weit erklären und voraussagen. Umgekehrt kann man so aufzeigen, welche Inhalte Zeitschriftenartikel, Werbebotschaften oder Parteiprogramme aufweisen müssen, um den Motiven und Werthaltungen bestimmter Menschen zu entsprechen. Ist dagegen die Schichtzugehörigkeit von Menschen bekannt, weiß man viel über die Ressourcen bzw. Kapitalien (Geld, Bildung, Beziehungen etc.), die den Einzelnen zur Verfügung stehen, um ihre Ziele zu erreichen und ihren Werthaltungen gemäß zu leben. Auf diese Weise können sich Informationen und Daten zur Schicht- und zur Milieuzugehörigkeit sehr gut ergänzen.

Im Übrigen stellte sich im Rahmen internationaler Milieuvergleiche immer wieder heraus, dass sich die Mentalitäten von Angehörigen bestimmter Milieus über Ländergrenzen hinweg nur wenig unterscheiden. Innerhalb von Ländern waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Milieus wesentlich größer. Daher hat man transnationale "Metamilieus" (wie z. B. "Konsum-materialistische Milieus"; vgl. Hradil 2006) herauspräpariert, die sich in ähnlicher Weise in vielen Ländern finden.

Lebensstilgruppierungen in Deutschland

Als Lebensstil bezeichnet man die typischen, mehr oder minder frei gewählten Routinen und Muster des Alltagsverhaltens von Menschen (siehe Abschnitt 2). Lebensstile werden unter anderem beeinflusst von den Werthaltungen und damit von der Milieuzugehörigkeit der Menschen. Ein "Konservativer" wird in der Regel andere Gewohnheiten und Präferenzen haben als ein "Hedonist". Aber auch die verfügbaren Ressourcen und damit die Klassen- und Schichtzugehörigkeit sowie die Haushalts- und Familienform prägen den Lebensstil. Wer über wenig Geld oder Bildung verfügt, dem werden bestimmte Lebensstile unerreichbar bleiben. Wer eine Familie gründet, der wird erleben, wie schnell und drastisch sich sein Lebensstil verändert. Bis zu einem gewissen Grad sind Lebensstile aber nicht nur von außen geformt, sondern werden von Menschen selbst gestaltet. In wohlhabenden und liberalen Gesellschaften, die den Menschen viele Möglichkeiten zur Lebensgestaltung bieten, spielen Lebensstile daher eine größere Rolle als in armen und autoritären Gesellschaften.

LebensstileLebensstile in Deutschland (© GWP – Gesellschaft. Wirtschaft. Politik 60, 2011, S. 59)
Ähnlich wie die Milieuzugehörigkeit ist der Lebensstil identitätsbildend geworden; es ist heute auch eine Frage des Lebensstils, wie sich Menschen selbst einordnen und im Verhältnis zu anderen sehen. In vielen Fällen, jedoch keineswegs immer, demonstrieren Menschen ihren Lebensstil (in Kleidung, Wohnungseinrichtung, Fahrzeugen etc.) deutlich nach außen, um Zugehörigkeiten und Abgrenzungen den Mitmenschen deutlich zu machen und die eigene Identität über die Reaktionen der Mitmenschen zu festigen. Lebensstile sind so auch zu einer wichtigen Basis für das Suchen und Finden von Freunden und Partnern geworden.

Ähnlich wie soziale Milieus weisen auch die verschiedenen Lebensstilgruppierungen in der Regel Affinitäten zu einer bestimmten sozialen Schicht oder Klasse auf. Durch die Zunahme der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen (vgl. Kapitel "Soziale Ungleichheit") rücken die Lebensstilgruppen daher in vertikaler Hinsicht weiter auseinander. Auf diese Weise schlägt sich die wachsende soziale Ungleichheit auch im Alltagshandeln der Menschen nieder. Durch die Pluralisierung sozialer Milieus in den letzten Jahrzehnten, auch infolge der Zuwanderung aus ganz anderen Kulturkreisen, entfernen sich die Lebensstilgruppen auch horizontal voneinander. Wer in Deutschland lebt, sieht sich also keiner geschlossen-einheitlichen Kultur gegenüber. Vielmehr herrscht, wie in den meisten freiheitlichen westlichen Gesellschaften, eine pluralistisch-heterogene kulturelle Gemengelage aus vielfältigen historischen Erfahrungen, gemeinsamen westlich-europäischen Werten und genuin nationalen Eigenarten vor. Im Falle Deutschlands liegt die Einzigartigkeit im Trauma von Krieg, Gewalt und beispielloser Vernichtung, wie der Holocaust lehrt. Dies ist unter anderem für die anhaltende Debatte um die Integration von Zuwanderern bedeutsam. Die geforderte Anpassung an eine gemeinsame deutsche (Leit-)Kultur kann daher nur auf das Erlernen der deutschen Sprache, auf Erfolge im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt sowie auf die Einhaltung von (grund)gesetzlichen Normen zielen.


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