Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Johannes Berger

Die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland

Die Auswirkungen der Wiedervereinigung auf die wirtschaftliche Entwicklung

So erfolgreich die wirtschaftliche Entwicklung auch war, die "Erfolgsrate" hat von Periode zu Periode abgenommen. Noch im letzten Jahrzehnt vor der Wiedervereinigung belief sich die Wachstumsrate des realen BIP auf durchschnittlich 2,6 %, ein auch international beachtlicher Wert (zum Vergleich: das BIP der USA als die wirtschaftlich fortgeschrittensten Nation der Welt wuchs preisbereinigt zwischen 1947 und 2010 jährlich um 3,3 %). Seit der deutschen Einigung hat sich das wirtschaftliche Wachstum weiter abgeschwächt. Damit schrumpfen auch die Möglichkeiten, den Zuwachs des Sozialprodukts verteilungspolitisch zu instrumentralisieren. Diesen neuerlichen Rückgang des Wachstums im Verbund mit dem Anstieg der Einkommensungleichheit halten Fuchs- Schündeln u. a. (2010: 127) für so gewichtig, dass sie "zwei Deutschlands" unterscheiden: "The data tell a tale of two different countries, one that existed in the West prior to reunification, and post-reunification Germany." [4]

Die zwiespältigen Folgen der deutschen Wiedervereinigung

Auch wenn die ökonomisch besseren Zeiten vor der Wiedervereinigung vorbei sein mögen, die Vereinigung selbst war für die westdeutsche Wirtschaft keineswegs nur nachteilig. Die ostdeutsche Konkurrenz wurde praktisch weggefegt und die »Beitrittsgebiete« wurden zum Absatzgebiet westdeutscher Waren gemacht. Zwei Faktoren kamen zusammen, um dieses Ergebnis zu bewirken: die politisch wohl unvermeidliche, ökonomisch aber desaströse Währungsunion mit einem Wechselkurs von 1:1 von Mark der DDR und Deutscher Mark, die der ostdeutschen Wirtschaft angesichts ihrer viel geringeren Produktivität kaum eine Überlebenschance ließ, sowie eine auch von der westdeutschen Konkurrenz der Treuhandfirmen vorangetriebene Lohnsteigerung, die weit jenseits der Leistungsfähigkeit dieser Firmen lag. Nach zwanzig Jahren deutscher Einheit hat sich die ostdeutsche Wirtschaft aber von diesem Schock erholt und ist auf vielen Gebieten konkurrenzfähig geworden (Burda 2010). Die Lebensverhältnisse in Ost und West haben sich angeglichen (vgl. Krause/Ostner 2010). Besucher der ostdeutschen Innenstädte, die vielerorts zu Schmuckstücken geworden sind, könnten leicht den Eindruck gewinnen, dass der bedürftigere Teil nicht der Osten, sondern der Westen ist. Finanziert wurde der "Aufbau Ost" genauso wie der ostdeutsche Konsum durch Transfers aus dem Westen in einer Größenordnung, die historisch einmalig ist. [5] Nicht zuletzt aufgrund dieser Transfers haben sich die realen Pro-Kopf Einkommen Ostdeutschlands dem Niveau Westdeutschlands angenähert. Statistisch gesehen belaufen sie sich zwar nur auf ca. 80 % des Niveaus im alten Westen, aber diese Differenz verschwindet, wenn man die regionalen Preisdifferenzen in Rechnung stellt. Trotzdem kann nicht davon die Rede sein, dass die westdeutsche und die ostdeutsche Wirtschaft konvergierten. Dies wäre erst dann der Fall, wenn die ostdeutsche Wirtschaft sukzessive den Produktivitätsabstand zum Westen abbaute. Tatsächlich bleibt die Produktivität Ostdeutschlands aber bei ungefähr drei Viertel des Westniveaus stehen.(Burda 2010: 27)

Der wirtschaftliche Strukturwandel

Von ähnlicher Bedeutung wie die entschiedene Verbesserung der materiellen Lebenslage der Bevölkerung erst in der alten Bundesrepublik, dann auch in Ostdeutschland ist der wirtschaftliche Strukturwandel gewesen. 1950 arbeiteten noch knapp 25 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei. Schon 1960 waren es nur noch knapp 14 %, 1990 nur noch 3,5 % . Sowohl gemessen an dem Anteil der Beschäftigen (2009 etwas mehr als 2 %) als auch nach dem Beitrag zum Sozialprodukt (unter 1 %) ist der primäre Sektor mittlerweile eine gesamtwirtschaftlich zu vernachlässigenden Größe. Das gilt jedoch nicht für die Bedeutung, die der primäre Sektor in der Politik und der öffentlichen Wahrnehmung hat. Dort dominiert die Vorstellung, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln vollständig von den Erzeugnissen der Landwirtschaft abhängt und es der Bevölkerung um so besser geht, je leistungsfähiger die Landwirtschaft ist. Die Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft seit 1950 stellt sogar noch die Steigerung in der Industrie in den Schatten. Im Verlauf dieser Entwicklung hat sich die Landwirtschaft zu einer Art Industrie unter freiem Himmel entwickelt. Der Umbruch im bäuerlichen Leben, den dieser Produktivitätssprung impliziert, hätte kaum größer ausfallen können.

Deutschland auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft

Der Gewinner des strukturellen Wandels war eindeutig der Sektor Dienstleistungen. Mit einem Anteil von 32,5 % der Beschäftigten 1950, knapp 60 % im letzten Jahr der alten Bundesrepublik und 73 % im Jahr 2009 ist auch die deutsche Wirtschaft den Weg in die Dienstleistungsgesellschaft gegangen. Nach der sog. Drei-Sektoren-Theorie durchlaufen alle modernen Industriegesellschaften nach einem Stadium, in dem die Landwirtschaft dominant ist, zunächst ein zweites Stadium, in dem der industrielle Sektor die Vorherrschaft hat. Die Entwicklung endet mit der Dominanz des Dienstleistungssektors. Die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland weicht von diesem Muster insofern ab, als die Industrie zwar auch Prozentanteile am Sozialprodukt abgegeben hat, aber in Deutschland auf einem im internationalen Vergleich hohen Niveau verharrt. Im Jahr 2009 beschäftigt das produzierende Gewerbe (einschließlich des Bausektors) noch knapp 25 % der Erwerbstätigen (nach fast 43 % 1950). Einer der Gründe, warum Deutschland schneller aus der jüngsten Krise herausfindet als z. B. Großbritannien, ist darin zu suchen, dass hier die Tertiarisierung anders als in Großbritannien nicht gleichbedeutend mit flächendeckender Deindustrialisierung war.

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes

Weniger erfreulich stellt sich die wirtschaftliche Entwicklung aus der Sicht des Arbeitsmarkts dar (vgl. dazu Kap. "Arbeitsmarkt"). Im Ausgangsjahr 1950 betrug die Arbeitslosigkeit 11 % der abhängig Erwerbstätigen. Im darauf folgenden Jahrzehnt wurde sie bis auf einen Restbestand von 154.000 Arbeitslosen (1962) abgebaut. Damit herrschte nicht nur Vollbeschäftigung in der üblichen Definition der Arbeitsmarktforschung (bereits bei einer Arbeitslosigkeit von 3 Prozent der Beschäftigten wird von Vollbeschäftigung gesprochen), sondern der Arbeitsmarkt war praktisch leergefegt. Die Entwicklung seit Mitte der 70er-Jahre ist dann von einem stufenweisen Anstieg der Arbeitslosigkeit von einem Konjunkturzyklus zum nächsten gekennzeichnet. Der Anstieg im Verlauf des Rückgangs der Konjunktur wurde nicht mehr wettgemacht durch einen parallelen Abbau der Arbeitslosigkeit im nächsten Aufschwung. Weil auch z. B. Frankreich und Italien sowie weitere Volkswirtschaften Europas trotz beträchtlicher Heterogenität der Arbeitslosenraten dieses treppenförmige Verlaufsmuster zeigen, spricht die Forschung von "European Unemployment" (z. B. Nickell 1997, Blanchard 2006) und kontrastiert dieses Muster mit der konjunkturellen Schwankung um einen Mittelwert als dem für die USA typischen Muster. Die Arbeitslosigkeit erreichte ihren numerischen Höhepunkt 2005 mit 4,86 Millionen Arbeitslosen. Die Arbeitslosenquote in diesem Jahr betrug (trotz neuer Zählart) 13 % und übertraf damit die Quote des Ausgangsjahres 1950. Allerdings ist die Zahl der Arbeitslosen seitdem wieder im Abnehmen begriffen; im Herbst 2010 war diese Zahl auf rund drei Millionen abgesunken. Es wäre daher voreilig, aus dem treppenförmigen Anstieg der Arbeitslosigkeit seit den 1970er-Jahren auf einen ständigen und unvermeidlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit auch in der Zukunft als unvermeidlicher Begleiterscheinung einer kapitalistischen Wirtschaft (Marx: das Anschwellen der industriellen Reservearmee) zu schließen.

Kein Ende der Arbeitsgesellschaft

Auch die in Deutschland so beliebte These vom "Ende der Arbeitsgesellschaft" wird von den Daten nicht bestätigt. Zwar ist das Arbeitsvolumen (die Zahl der Arbeitsstunden in der Gesamtwirtschaft) tendenziell immer weiter abgeschmolzen, aber die Beschäftigung ist z. B. im letzten Jahrzehnt wieder gestiegen. Der Rückgang des Arbeitsvolumens hat in Deutschland nicht in gleichem Maß zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt, sondern zu einer Zunahme der freien Zeit pro Beschäftigen. Ordnet man die Länder nach dem Grad dieser Befreiung von der Arbeit, dann ist Deutschland mit nur noch gut 1.600 Stunden, die jeder Beschäftigte im Jahr durchschnittlich arbeitet, auf einem der vordersten Plätzen zu finden. Die Deutschen lassen sich die Produktivitätssteigerung der Wirtschaft zu einem erheblichen Teil nicht in der Form von Einkommenssteigerungen ausbezahlen, sondern in der Form des Gewinns an freier Zeit. Dieser Zugewinn ist eine zentrale Komponente des wirtschaftlichen Fortschritts der letzten Jahrzehnte. Addiert man ihn zu den Einkommenssteigerungen hinzu, dann verschwindet sogar der ansonsten auffällige Einkommensabstand zu den USA, deren Arbeitsbevölkerung ca. 200 Stunden im Jahr länger arbeitet als die deutsche.

Die Entwicklung der Einkommen

Die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter sind wie das BIP pro Kopf seit Bestehen der Bundesrepublik kontinuierlich gestiegen, seit Mitte der neunziger Jahre allerdings stark verlangsamt. Auch die durchschnittlichen Nettolöhne- und -gehälter sind seit der Wiedervereinigung weiterhin angestiegen. Allerdings sind sie, anders als in der "alten" Bundesrepublik, im Zeitraum von 1991 bis 2010 u. a. wegen der Zunahme von Teilzeitarbeit, geringfügiger Beschäftigung etc. in "realer" Betrachtung gesunken. Erschwerend kommt hinzu, dass wegen der seit zwei Jahrzehnten wieder zunehmenden Einkommensungleichheit nicht alle Schichten der Bevölkerung an der wirtschaftlichen Entwicklung gleichmäßig teilhaben (vgl. dazu Kap. "Soziale Ungleichheit"). Aussagen über die Größe der Einkommensungleichheit hängen allerdings von vielen methodischen Vorentscheidungen ab, so etwa der Definition des Einkommens (z. B. brutto oder netto, Stundenlohn, jährliches Gehalt oder Lebenszeiteinkommen), der Wahl des zeitlichen Bezugsrahmens (seit 1950 oder später), der Wahl der Einkommenseinheit (Haushalt oder Individuum) usw. Auch bei der Entscheidung für die Messgröße der Einkommensungleichheit (z. B. Gini, Theil oder Atkinson) bestehen Alternativen. Hält man alle damit verbunden Probleme für gelöst, dann findet die meiste Unterstützung durch die Daten wahrscheinlich eine Skizze der Entwicklung, wonach die Einkommensungleichheit bis in die 80er-Jahre tendenziell abnahm und sie danach vor allem in den 90er-Jahren merklich anstieg. Es fällt auf, dass die Ungleichheit der Haushaltsbruttoeinkommen deutlich höher ist als die der Nettoeinkommen. Darin kommt zum Ausdruck, dass der Sozialstaat in Deutschland, anders als vielfach vermutet, keine Illusion ist, sondern in die Einkommensverhältnisse deutlich korrigierend eingreift. Über die Ursachen der wieder steigenden Einkommensungleichheit sagt der Befund ihres Anstiegs selbst nichts aus. Bei aller Kritik an der zunehmenden Einkommensungleichheit sollte jedoch im Auge behalten werden, dass steigende Ungleichheit nicht zwangsläufig sinkende Wohlfahrt bedeutet, wenn gleichzeitig der Mittelwert der Einkommen ansteigt.

Fußnoten

4.
Zu einem ähnlichen Urteil aus sozialpolitischer Sicht gelangt Ritter (2006). Die Übertragung des westdeutschen Sozialsystems auf die neuen Bundesländer hat zu einem rapiden Anstieg der Staatsschulden geführt und die Krise des Sozialstaats verschärft.
5.
Verlässliche Schätzungen der Kosten der Einheit hängen von einer Vielzahl methodischer Annahmen ab, aber die Summe von 1,3 Billionen Euro ist wohl nicht zu hoch gegriffen.