Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Hartmut Häussermann

Die fordistische Stadt

Viele der neu entstehenden Beschäftigungen im Dienstleistungsbereich entsprechen nicht mehr dem Normalarbeitsverhältnis, wie es für den Fordismus typisch war, das durch eine lebenslange Anstellung mit voller Arbeitszeit und einen "Familienlohn" charakterisiert war. Heute sind neue Arbeitsplätze sehr häufig zeitlich befristet und verlangen eine hohe zeitliche Flexibilität (vgl. dazu Kapitel12: Arbeitsmarkt). Neben hoch bezahlten Arbeitsplätzen entstehen so zahlreiche Beschäftigungen, bei denen die Verdienste unstet und daher im Durchschnitt gering sind. "Prekäre" Beschäftigungen breiten sich aus, u. a. in der Form einer neuen Selbstständigkeit. Jüngere, akademisch qualifizierte Personen in den Bereichen der Kultur-und Wissensproduktion finden sich in befristeten "Projekten" zusammen, und sie müssen sich für weitere Projekte immer wieder neu vernetzen. Mit ihren komplexen, projektbezogenen Kooperationsbeziehungen sind sie auf das kommunikative Umfeld der innerstädtischen Quartiere mit ihren vielfältigen urbanen Milieus angewiesen, in dem sie sich über neuere Entwicklungen und Beschäftigungsmöglichkeiten austauschen können. In dieser neuen urbanen Arbeitsgesellschaft verflüssigt sich die traditionelle Trennung von Arbeiten, Wohnen und Freizeit. Eine funktionale Durchdringung und enge Integration von beruflichem, sozialem und persönlichem Leben ist eines der wesentlichen Merkmale der Arbeits- und Lebensweise dieses neuen Beschäftigungstypus.

Die veränderte Rolle der Frauen

Eine entscheidende Komponente für die Aufwertung der funktional gemischten, innerstädtischen Altbauquartiere als Wohnort ist die veränderte Rolle der Frauen. Ihr Qualifikationsniveau und damit auch ihre biografischen Orientierungen haben sich mit der Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte stark verändert. Waren sie in den 1970er-Jahren im höheren Bildungswesen noch stark unterrepräsentiert, so hat sich die Abiturientenquote der Frauen inzwischen derjenigen der jungen Männer angeglichen. Die Neigung, sich mit einem Lebenspartner mit dem gleichen formalen Bildungsabschluss zusammen zu tun (und diesen evtl. auch zu heiraten), dominiert die Paarbildung und die Heiratsbeziehungen. Daher gibt es immer mehr Haushalte, in denen beide Partner akademisch qualifiziert und auf Erwerbstätigkeit orientiert sind. Wenn nun beide mit einem Arbeitsmarkt konfrontiert sind, auf dem hohe Flexibilität verlangt und immer wieder mit Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit gerechnet werden muss, verändert sich die wohnbiografische Orientierung. Das typische biografische Muster der fordistisch Ära war, in dem der Abschluss einer qualifizierten Ausbildung des Mannes mit einem langfristigen Arbeitsvertrag und einer ausreichend hohen Bezahlung für die Ernährung einer Familie verbunden war, die Gründung einer Familie und der Umzug ins Umland. Dort kümmerte sich die Frau um Haushalt und Kinder und organisierte das Familienleben, das mit weiten Wegen in einem zeitlich stabilen Ablauf verbunden war. Die Haushalte konnten sich langfristig verschulden und so die Eigentumsbildung finanzieren. Die Suburbanisierung beruhte auf einem Hausfrauenmodell. Und dieses (klein-)bürgerliche Ideal wurde in den drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg millionenfach verwirklicht.

Instabile Einkommensverhältnisse, die simultane Orientierung beider Partner auf einem Arbeitsmarkt, der durch wachsende Prekarität gekennzeichnet ist, das Erfordernis einer großen zeitlichen Flexibilität und die stärkere Vermischung von Arbeiten und Wohnen haben die Attraktivität dieses Modells bei einem großen Teil der jüngeren Stadtbewohner verblassen lassen. Wenn sie auch noch Kinder haben, sind die funktional vielfältigen, verdichteten Innenstadtgebiete, wo sich Dienstleistungen verschiedenster Art und Arbeitsmöglichkeiten in leicht erreichbare Nähe befinden, eine Existenznotwendigkeit. Außerdem nimmt der Anteil von allein lebenden Personen in den großen Städten ständig zu, deren Wunsch nach einer aktiven Teilnahme am öffentlichen Leben der Stadt in den reinen Wohngebieten am Stadtrand nur schwer zu befriedigen wäre. Durch diese Entwicklungen steigt also die Nachfrage nach innerstädtischen Wohnmöglichkeiten wieder erheblich an.

Die Pluralisierung der Lebensweisen

Nach einer langen Phase der Angleichung an die "Normalität" des Lebens in der Kleinfamilie, bestehend aus einem erwerbstätigen Mann, einer Hausfrau und ein oder zwei Kindern, differenzieren sich die Lebensweisen und damit auch die Wohnweisen wieder stärker aus. Unterschiedliche Wohnformen ("Singles", Wohngemeinschaften) breiten sich aus, und damit sinkt die Attraktivität der Wohnungen mit den standardisierten Grundrissen, wie sie für die fordistische Stadt typisch waren. Die nachlassende Prägekraft von Klassen- oder Schichtzugehörigkeit für die Lebensstile hat zur Herausbildung einer Pluralität von Milieus geführt, die in den Städten an verschiedenen Orten sichtbar werden. Die wachsende soziale und kulturelle Differenzierung der Stadtbevölkerung führt auch zu neuen Mustern der sozialen Segregation bis hin zu einer sozialen Polarisierung der Städte – und auch zu neuen Konflikten.

Gentrification

Wo durch die Deindustrialisierung und den Wegzug der früheren Arbeiterbevölkerung in der Nähe zur Innenstadt ehemalige Fabrikgebäude und qualitativ unattraktive Wohnungen frei geworden sind, haben sich einerseits "ethnische Kolonien" durch den Zuzug von Migranten gebildet, die den heruntergekommenen Vierteln ihr eigenes Image verleihen. Andererseits entstehen ›Szeneviertel‹, die durch die politischen und kulturellen Aktivitäten von Studenten, Künstlern und sonstigen Bohemiens (die "Pioniere" einer neuen Entwicklung) geprägt sind. In früheren Gewerberäumen werden Kultureinrichtungen gegründet, eine neue, innovative Infrastruktur entsteht, und dadurch werden die Quartiere kulturell aufgewertet und auch für die neuen Urbaniten aus den höheren Einkommensschichten der "kreativen Berufe" interessant, die dort ein geeignetes Umfeld für ihren unbürgerlichen Lebensstil zu finden hoffen. Ähnliche Lebensstile mit unterschiedlicher Kaufkraft konkurrieren nun um die gleichen Standorte. Wenn private Investoren die Möglichkeit zur Eröffnung eines neuen Renditezyklus entdecken, werden Wohnungen aufwändig modernisiert und die Wohnmöglichkeiten für die einkommensschwächeren Bewohner dadurch verengt.

Dieser Vorgang wird als Gentrification bezeichnet, weil die Quartiere sozial und baulich aufgewertet und damit in ein anderes Segment des Wohnungsmarktes transferiert werden. Von den Pionieren wird dies als "Verdrängung" thematisiert und der Verlust von preiswertem Wohnraum in der Innenstadt beklagt und bekämpft. Wenn sich der Trend zum Wachstum von hochwertigen Dienstleistungsbeschäftigungen in den Zentren der großen Städte verstetigt, dürfte diese Entwicklung allerdings auf lange Sicht kaum aufzuhalten sein. Denn das System der Wohnungsversorgung ist in der postfordistischen Periode zunehmend liberalisiert und privatisiert worden, so dass den Städten – sofern sie das überhaupt wollen – nur wenige Instrumente zur Steuerung zur Verfügung stehen.