Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Jürgen Wilke

Funktionen und Probleme der Medien

Die Medien als Sozialisationsagenturen

Medien spielen eine wichtige Rolle für die individuelle Sozialisation und die gesellschaftliche Integration, denn sie vermitteln Wissen, Normen, Leitbilder, Rollenerwartungen, Verhaltensweisen etc. Dies geschieht nicht nur auf dem Wege der Information, sondern auch durch fiktive Programminhalte, beispielsweise durch Familienserien und Doku-Soaps im Fernsehen (z. B. Gute Zeiten-schlechte Zeiten, Marienhof). Die Medien tragen somit zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Auseinandersetzung mit der Umwelt bei. Sie treten neben die herkömmlichen Sozialisationsinstanzen wie Familie und Schule. Man kann sogar behaupten, dass sie deren Einfluss schwächen. Eltern können viel weniger als früher kontrollieren und bestimmen, was ihre Kinder erfahren und was sie durch den Medienkonsum erleben. War das bei der Auswahl der Lektüre von Büchern noch einfach, so hat schon das Fernsehen die Schwelle zwischen den Erwachsenen und den Kindern abgebaut. Erst recht vermag dies heute das Internet, dessen Inhalte schier unerschöpflich sind und zu denen man sich mit der nötigen technischen Fertigkeit leicht Zugang verschaffen kann. Auch dem einstigen "Bildungsmonopol" der Schule haben die Medien zunehmend den Boden entzogen.

Die zwiespältige Bedeutung der Medien für die gesellschaftliche Integration

Der gesellschaftlichen Integration dienen Medien auf mehrfache Weise. Einerseits durch gemeinsamen Medienkonsum (in der Familie oder Gruppe), andererseits durch Bereitstellung von Informationen und Inhalten, die allen zur Verfügung stehen und die Gegenstand von Gedankenaustausch und Gesprächen sowie Anlass für soziales Handeln sind. Allerdings wird die Integrations-Leistung der Medien auch in Zweifel gezogen. Zum einen weil die bevorzugte Darstellung von abweichendem Verhalten die Geltung gesellschaftlicher Normen schwächen kann. Zum anderen hat man die Vermehrung der Medienangebote (insbesondere im Fernsehen) für eine Fragmentierung des Publikums und einen Verlust an Gemeinsamkeiten verantwortlich gemacht. Es kann weniger als früher unterstellt werden, dass die Bürgerinnen und Bürger das gleiche aktuelle Wissen haben. Dabei besteht heute hinsichtlich der Migranten noch ein zusätzlicher Integrationsbedarf (Klingler/Kutteroff 2009). Generell wird die Individualisierung der Gesellschaft von einer Individualisierung des Medienkonsums begleitet, ja durch sie vorangetrieben und gefördert.

Neue Formen der Integration und der sozialen Beziehungen hat das Web 2.0 mit seinen interaktiven Möglichkeiten eröffnet (Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2009). Man kann im Internet Menschen in Partnerbörsen kennen lernen und mit ihnen virtuell kommunizieren. Zahlreiche soziale Netzwerke sind entstanden, in denen man heute geradezu Mitglied sein muss. Das gilt vor allem für SchülerVZ und StudiVZ. Facebook hat sich international als größtes Netzwerk etabliert (2009: 400 Mio. Mitglieder, 12 Mio. in Deutschland). Dort werden immer mehr Informationen, Fotos, Videos, Musikstücke und Blogbeiträge konsumiert und weiter empfohlen. Bemerkenswert ist die Unbefangenheit, mit der viele Nutzer ihre persönlichen Daten und Bilder in diese Netzwerke zur Selbstdarstellung und Partizipation präsentieren (Richard/Grünwald/Recht/Metz 2010). Warnungen vor potentiellem Missbrauch und "digitalen Nachstellungen" blieben vielfach ungehört.

Der "digital divide" als gesellschaftliches Problem

Indessen hat das Aufkommen des Internets auch neue Hürden in der Gesellschaft aufgerissen. Man spricht von "digital divide" – der Kluft zwischen denen, die sich der digitalen Medien bedienen, und jenen, die keinen Zugang zu ihnen haben. Zwar hat sich das Medium in Deutschland so rasch verbreitet wie kein anderes vor ihm. Aber bis zur Sättigung fehlt noch einiges. Durchgesetzt hat sich das Internet primär bei den jüngeren Menschen, und zwar vor allem bei Männern. Die weiblichen User haben mittlerweile aber aufgeholt. Eine Kluft besteht noch zu älteren Menschen. Zwar haben auch diese in der Internet-Nutzung zugelegt ("silver surfer"), aber ihnen fehlen nicht selten die technischen Fertigkeiten und die Motive zur interaktiven Nutzung von Computern. Abhängig ist diese generell vom Bildungsgrad, und sie kann ihrerseits Bildungsabstände vergrößern. Der digitalen Kluft muss zunächst einmal durch das Bildungswesen entgegengewirkt werden. Allerdings lässt die Ausstattung mit PCs in den Schulen in Deutschland noch zu wünschen übrig.

Die internationale Dimension des "digital divide"

Mehr als auf nationaler Ebene besteht heute international noch eine große digitale Kluft. Das hat mit der unterschiedlichen Verbreitung von Computern, Servern und Telefonverbindungen zu tun. Diese gibt es vor allem in den entwickelten und industrialisierten Staaten. Hohe Internetverbreitung findet sich in den skandinavischen Ländern (Dänemark: 84,2 %; Finnland 83,5 %), in Großbritannien (76,4 %), der Schweiz (75,5 %), in Deutschland (65,9 %), in den USA (74,2 %), auch in Südkorea (77,3 %) und Japan (75 %). Die größte Internetgemeinde hat weltweit inzwischen jedoch die Volksrepublik China. Allerdings machen die 360 Millionen Internet-Nutzer nur gut ein Viertel der dortigen Bevölkerung aus. Gering ist die Verbreitung des Internet vor allem in den unterentwickelten Regionen Afrikas (im Durchschnitt 14,6 %, in einzelnen Ländern noch unter 1 %) und in Asien (Indien: 7 %; Laos: 1,9 %; Myanmar: 0,2 %) (www.internetworldstats.com, Daten von 2009).

Die Zugänglichkeit des Internet hängt nicht nur von den infrastrukturellen technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen ab, sondern auch von der politischen Herrschaftsordnung. Hindernisse gibt es vor allem in Ländern ohne Pressefreiheit wie China, Iran, Kuba, Vietnam und Libyen. Dort wird vor allem der Zugang zu Websites gesperrt, die politisch und gesellschaftlich unerwünscht sind. Dokumentiert wird dies durch internationale Organisationen wie Reporter ohne Grenzen (www.reporter-ohne-grenzen.de).

Mediennutzung als Suchtproblem

Mediennutzung kann individuell zu einem Suchtphänomen werden. Beim Fernsehen kennt man seit längerem das Vielseher-Syndrom. Das sind Zuschauer, bei denen der Fernsehkonsum überdurchschnittlich hoch ist (über fünf Stunden täglich). Dabei handelt es sich vorwiegend um ältere Menschen, die zur Häuslichkeit und zur Passivität verurteilt sind. Sie pflegen nur wenige soziale Kontakte, ja ihnen dient der Fernsehkonsum als Ersatz dafür ("para-soziale Interaktion"). Allerdings wird das Fernsehen heute mehr als früher (wie schon das Radio) als Kulisse eingeschaltet, wobei andere Tätigkeiten gleichzeitig ausgeführt werden. Zumal bei älteren Menschen hat solche "Parallelnutzung" zugenommen (auf 44 % im Jahr 2007). Befunde der Medienforschung belegen, dass die Wahrnehmung der Wirklichkeit bei Vielsehern besonders stark vom Fernsehen beeinflusst wird.

Suchtgefahren bestehen vor allem bei Computer- und Videospielen. Durch sie kann der Mensch besonders leicht der Wirklichkeit entfliehen (Eskapismus). Das Spielen in Gilden vermag aber auch Gefühle von Stärke und Gebrauchtwerden zu vermitteln. 5 % gelten als Intensivspieler, 24 % als Gewohnheitsspieler. 28 % spielen täglich, manche mitunter bis zu zehn Stunden.

Auch das Internet generell kann seine Nutzer "süchtig" machen. Deshalb sind diese auch schon ins Visier der Drogenbeauftragten der Bundesregierung getreten. In deren Suchtbericht (2011) wird die Anzahl der Internet-Süchtigen mit 560.000 angegeben. Solche User versinken gewissermaßen stundenlang in der virtuellen Welt des Cyberspace. Präventive Maßnahmen sind hier angesagt.