Blick auf den Erdball vom Weltall aus. Im Zentrum des Betrachters ist die nördliche Halbkugel zu sehen. Sie ist kaum von Wolken bedeckt. Im Westen liegt der amerikanisch Kontinent, im Osten liegt Europa. Dazwischen leuchtet blau der Ozean Atlantik.

27.8.2007 | Von:
Guido Steinberg

Al-Qaida

4. Strategie und Vorgehensweisen

Die Strategie der al-Qaida ist darauf ausgerichtet, durch spektakuläre terroristische Anschläge auf amerikanische Ziele die USA zum Rückzug aus der arabischen Welt zu bewegen. Sie beschränkt sich dabei ausdrücklich nicht auf militärische Ziele, sondern hat im Februar 1998 offen erklärt, dass sie Militär und Zivilisten gleichermaßen bekämpft. Dem ersten nachweislich der al-Qaida zuzuschreibenden Anschlag auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 folgten ein Attentat auf den Zerstörer USS Cole im Hafen von Aden im Oktober 2000 und schließlich die Anschläge vom 11. September 2001. Gleichzeitig förderte sie finanziell und logistisch weitere Anschlagsplanungen, die von Gruppen und Einzelpersonen durchgeführt wurden, die nicht zum Kernbereich der al-Qaida gehörten, ihr aber dennoch eng verbunden waren. Deren Zielspektrum wich häufig von dem der al-Qaida ab. Hierzu gehörten beispielsweise Planungen für Anschläge zum Jahreswechsel 1999/2000 in den USA und in Jordanien.

Nach 2001 erweiterte al-Qaida ihre Zielauswahl und griff vermehrt jüdische und israelische Ziele an. Hierzu gehörten Attentate auf israelische Touristen in Kenia im November 2002 und auf eine Synagoge in Istanbul im November 2003. Parallel ging al-Qaida dazu über, in Kooperation mit lokalen militanten Gruppierungen Anschläge auf westliche und einheimische Ziele in Pakistan zu verüben. Möglicherweise ist sie auch für die Anschläge pakistanischstämmiger Briten in London mitverantwortlich. Darüber hinaus bemüht sich die al-Qaida-Führung, junge Muslime weltweit zu terroristischen Anschlägen gegen diejenigen Staaten zu bewegen, die die Irak-Politik der USA unterstützen, insbesondere gegen solche, die Truppen im Irak stationiert haben.

5. Entwicklungstendenzen

Die Führungsspitze der al-Qaida lebt seit dem Winter 2001/2002 weitgehend isoliert in den pakistanischen Bergen nahe der afghanischen Grenze. Sie kann nur noch eingeschränkt mit anderen Teilen der Organisation kommunizieren. Stattdessen veröffentlichen Bin Laden und Zawahiri seit Oktober 2001 Audio- und Videobotschaften, die sie über arabische Fernsehsender und das Internet veröffentlichen. So versuchen sie, ihre Anhänger weltweit anzuleiten: Neben Propaganda verbreiten sie ideologische, strategische und taktische Informationen (wie z.B. konkrete Zielvorgaben), so dass sich die al-Qaida immer mehr von einer Organisation zu einer ideologisch-strategischen Leitstelle entwickelt. Seit 2003 scheint die al-Qaida-Führung bewusst nur noch die strategische Ausrichtung vorzugeben, während lokale, autonom operierende Gruppen versuchen, in deren Sinne zu operieren. Dies gilt insbesondere für Europa, wo es seit 2003 zunehmend schwieriger wird, Anschläge und Anschlagsplanungen auf al-Qaida oder deren Umfeld zurückzuführen. Dies war beispielsweise nach den Anschlägen von Madrid im März 2004 und in London im Juli 2005 der Fall. Immer häufiger ist in diesem Zusammenhang von "homegrown-terrorism" die Rede.

Ein neuartiges Phänomen, das 2003 erstmals aufgetreten ist, ist die Entstehung von regionalen oder nationalen al-Qaida-Ablegern. In Saudi-Arabien wurde im Frühjahr 2003 al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel gegründet, die zumindest bis 2005 als integraler Bestandteil der al-Qaida Bin Ladens gelten konnte. Bei al-Qaida im Zweistromland (Oktober 2004) und al-Qaida im Islamischen Maghreb (Februar 2007) handelt es sich hingegen um eigenständige Organisationen mit eigenen Zielen und Strategien. Sie haben sich der Mutterorganisation nur angeschlossen, um ihre Rekrutierungs- und Finanzierungsmöglichkeiten zu verbessern.

Ausgewählte Literatur

Bergen, Peter L.: Heiliger Krieg Inc. Osama bin Ladens Terrornetz, Aktualisierte Neuauflage, Berlin: Berliner Taschenbuch-Verlag 2003

Gerges, Fawaz A.: The Far Enemy. Why Jihad went global, Cambridge: University Press 2005 Kepel, Gilles/ Jean-Pierre Milelli (Hrsg.): al-Qaida. Texte des Terrors, München/Zürich: Piper 2006

Musharbash, Yassin: Die neue Al-Qaida. Innenansichten eines lernenden Terrornetzwerks, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2006

Sageman, Marc: Understanding Terror Networks, Philadelphia: University of Pennsylvania Press 2004

Steinberg, Guido: Der nahe und der ferne Feind. Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus, München: Beck 2005

Wright, Lawrence: The looming Tower. Al-Qaeda and the road to 9/11, New York: Knopf 2006