30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

15.2.2013 | Von:
Frank Oschmiansky

Angebot und Nachfrage: Entwicklungen seit der deutschen Vereinigung

Die deutsche Wiedervereinigung hatte einen großen Einfluss auf das Angebot und die Nachfrage am Arbeitsmarkt. Die Öffnung der Grenzen machte die geringe Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft deutlich. Westdeutschland bescherte die Wiedervereinigung hingegen eine Sonderkonjunktur. Zuletzt hatten vor allem Migrationsbewegungen Einfluss auf das Arbeitsangebot.

Passanten und Kraftfahrer überqueren am 24.01.2012 die deutsch-polnische Grenze am Stadtpark in Görlitz. Polnische Fachkräfte finden immer häufiger eine Arbeit auf deutscher Seite, Hilfskräfte sind weniger gefragt.Passanten und Kraftfahrer überqueren die deutsch-polnische Grenze in Görlitz. (© picture-alliance/dpa)

Der Transformationsschock in Ostdeutschland

Die deutsche Einigung begann mit einer euphorischen Perspektive: In drei bis fünf Jahren sollten in Ostdeutschland "blühende Landschaften" und einheitliche Lebensverhältnisse entstehen, so der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Auch die Finanzierung wurde wenig problematisch gesehen, sie sollte durch Wirtschaftswachstum erfolgen, nicht etwa durch Steuererhöhungen – die Finanzminister Theo Waigel kategorisch ablehnte.

Diese optimistischen Prognosen konnten sich allerdings kaum auf die ökonomische Realität der DDR-Wirtschaft berufen. Im September 1989 hatten führende Mitglieder des Politbüros bereits befürchtet, die DDR könne noch im selben Jahr zahlungsunfähig werden. Der Kapitalstock war in weiten Teilen technisch veraltet, die Infrastruktur heruntergewirtschaftet, die Umwelt verwüstet und auf Jahrzehnte mit Schadstoffen belastet. Die verdeckte Arbeitslosigkeit war hoch und das Produktivitätsniveau je Erwerbstätigen wurde auf gerade 30-50 % des Westniveaus geschätzt. Die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie wurde von den zuständigen Ministerien der DDR im Mai 1990 so eingeschätzt, dass knapp ein Drittel der Betriebe rentabel sei und ohne Fördermittel auskommen könne; gut die Hälfte arbeite mit Verlust, sei aber sanierungswürdig; 14 % der Betriebe seien konkursgefährdet.

Die rasche und abrupte Öffnung der DDR-Wirtschaft für die Weltmarktkonkurrenz, der viele Wirtschaftsexperten kritisch gegenüber standen, wirkte auf die Volkswirtschaft Ostdeutschlands wie ein weiterer Schock. Er wurde durch die mit der Währungsunion und dem Umtauschkurs verbundene Aufwertung auf DM-Preise in einer Größenordnung von 300-400 % noch zusätzlich verstärkt. Hinzu kam der Rückgang der inländischen Nachfrage, da die "neuen" Bundesbürger nun Produkte aus dem Westen präferierten und auch die volkswirtschaftlich relevanten Absatzmärkte in Osteuropa weitgehend ausfielen. Dazu kam die Regelung des Einigungsvertrages, die den Rechten der Alteigentümer des Vermögens der Ex-DDR Vorrang vor den Rechten ihrer jetzigen Nutzer oder potentiell neuer Eigentümer gab. Dies hat sich als Investitions- und Privatisierungshindernis erwiesen. Diese, durch die FDP erstrittene Vorfahrtsregelung für Alteigentümer, band der Treuhandanstalt, die bis Ende 1994 die Kombinatsbetriebe verkaufen, zerlegen, schließen, oder auch "sanieren" sollte, bei Veräußerungsentscheidungen die Hände und verhinderte die Beschaffung von Fremdkapital auf dem Kapitalmarkt.

Im Ergebnis sank 1990 das Bruttoinlandsprodukt in Ostdeutschland um 17,3 %, 1991 gar um 34,8 %. Die Arbeitsmarktbilanz dieser ersten Phase der Vereinigung war verheerend. Von den 9,75 Mio. Erwerbstätigen Ende 1989 waren zwei Jahre später nicht einmal mehr die Hälfte voll erwerbstätig. 550.000 waren in Vorruhestand gegangen, 800.000 in den Westen abgewandert, 400.000 Pendler (Saldo), 1,3 Mio. Kurzarbeiter, 800.000 in sonstigen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und 1,1 Mio. arbeitslos.

Die ostdeutsche Industrieproduktion sank rapide, so dass 1991 die industrielle Leistung nur noch ein Drittel derjenigen von 1989 betrug. Die anfangs erwarteten Milliardenerträge aus den Betriebs- und Landverkäufen der Treuhandanstalt konvertierten zu einem gigantischen Schuldenberg. Während der damalige Präsident der Treuhandanstalt Rohwedder im Oktober 1990 schätzte, dass durch Privatisierung ein Erlös in der Größenordnung von 600 Mrd. DM zu erreichen sei, stand am Ende ein Minus von etwa 350 Mrd. DM.

Die Treuhandanstalt privatisierte die Betriebe im Osten so schnell und so preiswert wie möglich. Die ostdeutsche Firmen wurden von privaten Investoren aufgekauft, doch statt Sanierung zu betreiben und dadurch Arbeitsplätze zu sichern, wurden diese Betriebe vielfach "platt" gemacht. Man empfand sie als Konkurrenz, zumal der Bedarf im Osten mit den Kapazitäten aus dem Westen voll gedeckt werden konnte. Die neuen Bundesländer waren zwar als Absatzmarkt willkommen, aber als Produktionsstandort kaum nachgefragt, höchstens als verlängerte Werkbank. Aber ohne eine wettbewerbsfähige Industrie und eigenständige Forschung konnten die neuen Bundesländer nicht auf eigenen Beinen stehen, zumal auch der industrielle Mittelstand fast völlig fehlte.

Erst ab 1992, bedingt vor allem durch Zuwächse im Baugewerbe und im Dienstleistungsbereich, stieg das BIP in Ostdeutschland bis 1994 wieder in einer jährlichen Größenordnung von etwa neun Prozent an.

Der Rückgang der Erwerbstätigkeit verlief in den einzelnen Wirtschaftsbereichen extrem unterschiedlich. Den sehr frühzeitig erfolgten drastischen Rückgängen in der Land- und Forstwirtschaft (bis November 1994 auf 27 % der Ausgangsbeschäftigung), im Bergbau und der Energiewirtschaft (auf 36 %), in der Metall- und Elektroindustrie sowie im übrigen verarbeitenden Gewerbe (auf 49 bzw. 55 %) standen deutliche Zuwächse im Bereich Banken/Versicherungen (auf 266 %) und im Bau (auf 115 %) gegenüber. 1994 hatte sich die ostdeutsche Erwerbstätigenstruktur sehr stark der Struktur in Westdeutschland angenähert. Lediglich in den Sektoren Handel und Verkehr sowie bei den Dienstleistungen lag der Anteil der ostdeutschen Erwerbstätigen auffallend unter den Anteilen der westdeutschen, während er im Bereich Staat/private Haushalte deutlich darüber lag. Zudem blieb der Anteil der Selbständigen an den Erwerbstätigen in Ostdeutschland deutlich geringer als in Westdeutschland.

Veränderungsrate des BruttoinlandsproduktesVeränderungsrate des Bruttoinlandsproduktes Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Seit 1995 ist der Aufholprozess in den neuen Ländern angesichts des weithin gedeckten Nachholbedarfs bei den Bauinvestitionen indes ins Stocken geraten. Seit 1997 liegen die Zuwächse des BIP in Ostdeutschland in der Regel sogar unter denen in Westdeutschland.

2005 erreichte das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner zwei Drittel des westdeutschen Niveaus, je Erwerbstätigen gerechnet betrug die Wirtschaftsleistung aber schon drei Viertel des in den alten Bundesländern gemessenen Wertes. Bei den Lohnstückkosten besitzt die ostdeutsche Wirtschaft inzwischen durch hohe Produktivitätszuwächse volle Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Westen. Dennoch müssen aus öffentlichen Quellen Jahr für Jahr etwa 80 Mrd. Euro (netto) von West- nach Ostdeutschland transferiert werden. Rund ein Viertel der Nachfrage in den neuen Ländern wird auf diese Art und Weise finanziert. Der größte Teil der Mittel stammt dabei vom Bund bzw. den Sozialversicherungen, nur ein kleiner Teil von den westdeutschen Ländern. Mit den Transfers werden dabei vor allem sozialpolitische Ausgaben in den neuen Ländern finanziert, denn aufgrund des Unterschiedes zwischen Beitragseinnahmen und Ausgaben besteht insbesondere in der Arbeitslosenversicherung und der Rentenversicherung eine erhebliche Diskrepanz.

Generelle Trends seit der Vereinigung

In Westdeutschland bescherte die Öffnung des ostdeutschen Marktes den westdeutschen Unternehmen eine Sonderkonjunktur (sog. Vereinigungsboom) mit Wachstumsraten von 5,7 % im Jahre 1990 (der höchsten seit 1969) und 5,0 % im Jahre 1991, die auch beschäftigungswirksam waren und positive Einflüsse auf die Zahl der Langzeitarbeitslosen hatten.

Als die Schwäche der Weltkonjunktur hier zeitversetzt eintrat und der für Ostdeutschland erhoffte fulminante Aufschwung weiter ausblieb, rutschte die Bundesrepublik 1993 in eine tiefe Krise. Das Bruttoinlandsprodukt sank 1993 in Westdeutschland um zwei Prozent. Das war der größte Einbruch der Nachkriegsgeschichte. Auch nach dieser Krise blieben die deutschen Wachstumsraten in den neunziger Jahren hinter denen vieler anderer Länder zurück, so dass die hohe Arbeitslosigkeit nicht nur nicht abgebaut wurde, sondern im Verlauf der neunziger Jahre weiter zunahm.

Wachstumsrate des BIP in ausgewählten IndustrieländernWachstumsrate des BIP in ausgewählten Industrieländern Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Sozialabgaben- und Steuerquoten im Jahr 2000 und 2010 in ausgewählten europäischen LändernSozialabgaben- und Steuerquoten im Jahr 2000 und 2010 in ausgewählten europäischen Ländern Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Gründe sind umstritten. Einige Ökonomen führten beispielsweise die zu zaghaften Deregulierungen, zu großzügig ausgestaltete soziale Sicherungsleistungen und weiterhin zu hohe Löhne an. Andere beklagten die hohen Steuern und Sozialabgaben in Deutschland, die aber im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht aus dem Rahmen fallen.

Wieder andere sahen beispielsweise den restriktiven geldpolitischen Kurs der Bundesbank und den haushaltspolitischen Sparkurs als Hauptschuldige.

Zitat

Peter Bofinger

"Fehler wurden jedoch nicht nur in Ost-Deutschland gemacht. Enorm geschadet hat es der westdeutschen Wirtschaft, dass die Lasten der Einheit vor allem den Sozialen Versicherungssystemen aufgebürdet wurden, (…). Zu den Hypotheken der neunziger Jahre zählt auch der Stabilitäts- und Wachstumspakt. Er ist das Produkt einer von deutschen Politikern und Wirtschaftswissenschaftlern geschürten Panik vor der Europäischen Währungsunion. (…) Alle Politikfehler der neunziger Jahre wirken bis heute nach. Die durch die deutsche Einheit und die Aufwertung der D-Mark ausgelöste Wachstumsschwäche hat zu steigender Arbeitslosigkeit und hohen Sozialabgaben geführt."

Bofinger, Peter (2005): Wir sind besser, als wir glauben. München, S. 53f.

Das Angebot an Arbeitskräften (Erwerbspersonenpotenzial) ist seit der Vereinigung mit einigen Schwankungen durchgängig gestiegen. Dabei sank allerdings das Erwerbspersonenpotenzial der Jüngeren. Gestiegen ist das Erwerbspersonenpotenzial der mittleren Altersgruppe, was nicht zuletzt ein Späteffekt der geburtenstarken Jahrgänge 1955-1965 ist. Auch in der Gruppe der 50-jährigen und älteren Jahrgänge zeigten sich Zuwächse. Seit dem Jahr 2006 dominiert aber der demografische Trend, dass mehr ältere Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als junge nachrücken und die Erwerbspersonen immer älter werden.

Erwerbspersonenpotential, Erwerbstätige und sozialversicherungspflichtig BeschäftigteErwerbspersonenpotential, Erwerbstätige und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in DeutschlandSozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Zahl der Erwerbstätigen nahm in Deutschland trotz steigenden Erwerbspersonenpotenzials bis 1997 nicht zu und die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sank sogar dramatisch. Erst danach setzte ein positiver Trend ein, der von der Rezession in Folge des abrupten Endes des Booms in der IT- und Kommunikationsbranche 2000/2001 gestoppt wurde. Während die Zahl der Erwerbstätigen bis 2006 zumindest relativ konstant blieb, setzte im Bereich der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine neue Talfahrt ein. In den letzten Jahren zeigen sich sowohl bei den Erwerbstätigen insgesamt als auch bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten positive Trends. Die Zahl der Erwerbstätigen hat 2011 das höchste Niveau seit der Wiedervereinigung erreicht und die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist die höchste seit 1993.

Betrachten wir die Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten differenzierter, so zeigt sich, dass sich die Verluste bis 2005/2006 fast nur auf die Männer konzentrieren, während die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen sehr konstant blieb und den letzten Jahren sogar deutlich ansteigend ist.

Diese relative Konstanz bis 2005/2006 bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung von Frauen zeigt sich allerdings nur in Westdeutschland. In Ostdeutschland waren sowohl Frauen als auch Männer stark von der Beschäftigungskrise betroffen.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in WestdeutschlandSozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Westdeutschland Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in OstdeutschlandSozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Ostdeutschland Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung findet politisches und öffentliches Interesse, weil auf ihr die Finanzierung des Sozialstaates ruht. Die alternde und schrumpfende Bevölkerung sowie die hohe Zahl an Arbeitslosen nehmen die Sozialversicherungen in Anspruch. Es besteht die Gefahr, dass dem mittelfristig keine ausreichend große Beitragszahlergruppe mehr gegenüber steht.

Der stärke Zuwachs an Erwerbstätigen insgesamt im Vergleich zu sozialversicherten Beschäftigten geht vor allem auf das Konto von Selbständigen und geringfügig entlohnten Beschäftigten. Gerade der Trend zur Zunahme der geringfügigen Beschäftigung ist durch die Minijob-Regelung im Rahmen der Hartz-Reformen noch mal forciert worden.

Betrachten wir das potentielle Arbeitsangebot und die Nachfrage nach Arbeit ergibt sich folgendes Bild:

Arbeitsmarktbilanz 2011

in Tausend

ArbeitskräfteangebotArbeitskräftenachfrage
Erwerbspersonenpotential44.904Erwerbstätigkeit41.100
darunter
Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung28.381
Selbständigkeit4.546
Arbeitsgelegenheiten (Mehraufwandsvariante)166
Ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigung4.894
Arbeitslosigkeit und Stille Reserve
Arbeitslosigkeit2.976
Stille Reserve in Maßnahmen738
Stille Reserve im engeren Sinne1561

Quelle: Bundesagentur für Arbeit (2011): Arbeitsmarkt 2011. Amtliche Nachrichten der BA (ANBA)
1Stille Reserve insgesamt abzüglich der Stillen Reserve in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Dabei handelt es sich um Schätzwerte (vgl. Bundesagentur für Arbeit Arbeitsmarktbericht 2011, S. 36 und 59)

Erwerbstätige, sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und ArbeitsvolumenErwerbstätige, sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und Arbeitsvolumen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Der beste Indikator zur Ermittlung der Entwicklung der tatsächlich nachgefragten Arbeit ist das Arbeitsvolumen. Das Arbeitsvolumen umfasst die insgesamt von den Arbeitnehmern und Selbständigen tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden.

Wie die Abbildung zeigt, ist die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 2000 und 2006 annähernd konstant. Das realisierte Arbeitsvolumen ist aber zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2003 um fast 2 Mrd. Stunden gesunken. Dies lag einerseits daran, dass aus Vollzeitstellen Teilzeitstellen wurden und andererseits an der Einführung der Minijobs zum 01.04.2003. Seit dem Jahr 2007 steigt das Arbeitsvolumen wieder an, mit einem Einbruch zwischendrin in Folge der Banken- und Finanzkrise.

Arbeitslose und offene Stellen

Ein weiterer wichtiger Indikator bei der Betrachtung des Arbeitsmarktes ist das Verhältnis Arbeitsloser zu offenen Stellen. Allerdings muss einschränkend bemerkt werden, dass die Arbeitgeber nur einen Teil der zu besetzenden Stellen auch den Arbeitsagenturen melden und dass die Zahl der registrierten Arbeitslosen nicht das gesamte Ausmaß der Unterbeschäftigung wiederspiegelt.

Ein Teil der gemeldeten Stellen kann aus unterschiedlichen Gründen nicht besetzt werden. Der Bestand an unbesetzten Stellen ist zunächst eine Momentaufnahme der laufenden Entstehung und Besetzung offener Stellen. Dauert die Besetzung überdurchschnittlich lange, kann dies verschiedene Gründe haben. Beispielsweise können die Ansprüche der Arbeitgeber zu hoch sein oder den Arbeitsagenturen gelingt es nicht, die gesuchten Personen "herauszufiltern". Offene Stellen, die über einen längeren Zeitraum nicht besetzt werden, können aber auch auf einen Arbeitskräftemangel hindeuten.

Als statistische Messgröße kann hierfür die Vakanzzeit herangezogen werden. Sie misst die Zeitspanne vom gewünschten Besetzungstermin bis zum Abgang der Stelle. Die durchschnittliche Vakanzzeit der abgemeldeten Stellen beträgt seit 2007 jeweils über 60 Tage und ist damit deutlich höher als in den Jahren zuvor.

Arbeitslose und offene StellenArbeitslose und offene Stellen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die hohe Vakanzzeit deutet aber nicht auf einen generellen Arbeitskräftemangel hin. Das Verhältnis von registrierten Arbeitslosen zu gemeldeten offenen Stellen betrug in den letzten Jahren zwischen 17:1 und 8:1. Erst 2011 konnte ein besserer Wert erzielt werden.

Nimmt man als Referenzgröße nicht alle gemeldeten offenen Stellen, sondern nur Stellen für ungeförderte "normale" sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse (ohne geringfügige-, Saison-, Telearbeit-, und Gastarbeiterstellen) verschieben sich die Verhältnisse auf Relationen zwischen 27:1 und 10:1 im letzten Jahrzehnt.

Dennoch zeigen sich nach Berufsordnungen differenziert einige Berufe mit Engpässen. Überdurchschnittlich lange Vakanzzeiten wiesen im Jahr 2007 vor allem folgende Berufsbereiche auf: Metallberufe (u.a. Schlosser, Rohrinstallateure, Schweißer und Dreher), Elektriker (insbesondere Elektroinstallateure und –monteure), Dienstleistungskaufleute (insbesondere Werbefachleute), einige Bau- und baunahe Berufe (Isolierer, Abdichter, Betonbauer, Fliesenleger, Zimmerer), Ingenieure (insbesondere Maschinen-, Fahrzeugbau- und Elektroingenieure), Datenverarbeitungsfachleute, Maschinenbautechniker und Handelsvertreter.

Ein vollständiges Bild der gesamten Kräftenachfrage bieten die Betriebsbefragungen zum gesamtwirtschaftlichen Stellenangebot und zum IAB-Betriebspanel. Danach erweist sich die Fachkräftenachfrage als ausgesprochen konjunkturabhängig. Und sie muss sich danach beurteilen lassen, ob sie das für Fachkräfte marktübliche Niveau an Entgelten und Arbeitsbedingungen bietet. Ein Orientierungswert ist die durchschnittliche reale Wertschöpfung je geleisteter Arbeitsstunde von zurzeit rund 40 Euro.

Migration, Arbeitsmarkt und volle Freizügigkeit in der EU ab 1. Mai 2011

Seit mehr als 150 Jahren ist das jeweils vorhandene Landesgebiet der Deutschen Ziel von Migration, Ein- und Auswanderung gewesen, wenn auch unter Bedingungen sehr unterschiedlicher Art und Freiwilligkeit. Zunächst kamen in das ostelbische Gebiet bis nach Ostpreußen Saisonkräfte für die Landwirtschaft. Dann zog die Industrialisierung in der Gründerzeit Industriearbeiter und Bergleute bis in das Ruhrgebiet und andere Industriezentren. Völlig menschenverachtend war die Zwangsrekrutierung von "Fremdarbeitern" während des 2. Weltkrieges, übrigens mit Hilfe der Arbeitsverwaltung, die dem Reichsarbeitsministerium unterstellt worden war. Ein Millionenstrom von Flüchtlingen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße war nach 1945 aufzunehmen und die Arbeitsfähigen in Arbeit zu integrieren. Millionen verließen bis 1961 die DDR, bis diese durch die Mauer den Verlust vor allem gut ausgebildeter und junger Menschen unterband. Nach dem Fall der Mauer 1989 setzte der Abwanderungsstrom aus dem Bundesgebiet Ost wieder ein.

Schon in den Römischen Verträgen von 1956 war für die Gründungsländer Freizügigkeit von Erwerbspersonen vereinbart worden. In der erweiterten EU gilt -mit zwei Ausnahmen- seit Mai 2011 eine volle Freizügigkeit.

Mit Erreichen der Vollbeschäftigung in Westdeutschland 1960, die bis 1974 anhielt, und dem Einkapseln der DDR mit der Mauer ab 13. August 1961 waren andere Quellen zusätzlicher Arbeitskräfte zu erschließen. Rasch hatte sich herausgestellt, dass weit überwiegend Hochqualifizierte, Spezialisten und Leitungskräfte die EU-Freizügigkeit nutzten. Die Arbeitslosen vor allem aus den Südländern der EU wanderten kaum zu den westdeutschen Arbeitsplätzen. Schon seit der EU-Gründung bemühte sich die Arbeitsverwaltung mit Anwerbekommissionen und "assistierter Freizügigkeit", aus den EU-Mitgliedsländern und bald zunehmend aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei und sogar Nordafrika hunderttausende Arbeitnehmer anzuwerben, die von der deutschen Wirtschaft rasch und produktiv integriert wurden. Erst der Anwerbestopp für Ausländer vom November 1973 beendete diese Praxis. Es blieb die EU-Freizügigkeit, auch bei deren Erweiterungen. Im letzten Drittel des 20. Jahrhundert kamen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge und andere Menschen hinzu, die durch allmögliche Schocks getrieben nach Deutschland gelangten.

i

Info

Integrationsberichte

Die beste Datenquelle für Wanderungsströme und Integration sind die jährlichen Integrationsberichte, für 2011 liegt der 10. Bericht vor.

http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2013/mitMarginalspalte/01/migrationsbericht_2011.html?nn=3315820

In Deutschland lebten 2011 etwa 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Die größte Gruppe sind Spätaussiedler, vor allem aus der früheren Sowjetunion, aus Polen und Rumänien. Aus der Türkei kommen knapp 3 Millionen Menschen. Die Tabelle zeigt die regionale Verteilung der 7,37 Millionen Ausländer, das sind 9 % der Wohnbevölkerung. Die meisten leben in den hochindustrialisierten Ländern Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen haben die höchsten Ausländeranteile. Seitens der Flächenländer haben Baden-Württemberg und Hessen die höchsten Anteile. Die niedrigsten Anteile finden sich in den neuen Ländern. Hier liegt der Anteil bei deutlich unter drei Prozent.“

Gebiet und Bevölkerung - Ausländische Bevölkerung

Bundesland31.12.2011
BevölkerungAusländische Bevölkerung
insgesamtAnteil in %
Baden-Würtemberg10.783.7911.303.29112,1
Bayern12.583.5381.233.8729,8
Berlin3.490.445488.68014,0
Brandenburg2.497.82868.6912,7
Bremen660.04283.43012,6
Hamburg1.796.077 245.93013,7
Hessen6.087.166695.62711,4
Mecklenburg-Vorpommern1.636.30340.1382,5
Niedersachsen7.920.456548.3446,9
Nordrhein-Westfalen17.844.4721.900.16210,6
Rheinland-Pfalz4.000.461314.4937,9
Saarland1.014.16687.4208,6
Sachsen4.137.330116.8882,8
Sachsen-Anhalt2.317.41643.8981,9
Schleswig-Holstein2.837.738148.7825,2
Thüringen2.223.61050.2632,3
Deutschland81.830.8397.369.9099,0

Quelle: Statistisches Bundesamt

Die folgende Tabelle beziffert die Wanderungsbewegungen nach und aus Deutschland, unterteilt nach Deutschen und Ausländern für die Jahre 2000–2011. Die Wanderungsbilanz der Deutschen ist seit 2005 negativ, d.h. es gibt mehr Fort- als Zuzüge. Die Wanderungsbilanz von Ausländern ist dagegen deutlich positiv, d.h. es gibt mehr Zuzüge nach Deutschland als Fortzüge aus Deutschland. Die gesamte Wanderungsbilanz ist im betrachteten Zeitraum mit Ausnahme der Jahre 2008 und 2009 positiv.

Wanderungen 2000 - 2011Wanderungen 2000 - 2011 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Zuzüge von deutschen Aussiedlern sind in den letzten sechs Jahren stark zurückgegangen. Auch die Zuzüge von ausländischen Asylbewerbern sind durch restriktivere Gesetze und Praxis deutlich geringer als in der ersten Hälfte des Jahrzehnts und lagen jährlich bei gut 21.000 Menschen. Seit 2010 steigen sie wieder an und liegen im Jahr 2011 bei knapp 47.000 Menschen.

Die Zuwanderung ausländischer Personen nach Deutschland hat im Jahr 2011 vor allem aus dem EU-Raum deutlich zugenommen, so insbesondere aus Ländern wie Spanien und Griechenland, die von der Finanzkrise schwer betroffen sind. Aber auch die Zahl der Zuwanderer aus Ländern, die 2004 der EU beigetreten sind, ist gestiegen, insbesondere aus Polen und Ungarn. Dazu beigetragen haben dürfte der Wegfall der letzten Beschränkungen zum Arbeitsmarktzugang für die Staatsangehörigen dieser Länder im Mai 2011. Eine Untersuchung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2012 zeigt, dass es nicht zu einer Masseneinwanderung aus diesen Ländern gekommen ist. Dies liegt zum Teil daran, dass migrationsinteressierte Personen bereits in andere Länder wie Großbritannien, Irland und Schweden ausgewandert sind. Zum Teil hat sich die wirtschaftliche Situation in den EU-Beitrittsländern von 2004 verbessert, so dass dort günstigere berufliche Perspektiven herrschen als vor ein paar Jahren. Zu erwarten ist jedoch, dass die Zuwanderung aus diesen Ländern - wie auch aus Bulgarien und Rumänien - zukünftig weiterhin hoch sein wird.

Für Bulgarien und Rumänien gilt noch die Beschränkung des Arbeitsmarktzugangs bis Ende 2013. Auch aus diesen Ländern hat die Zahl der Zuwanderer im Jahr 2011 deutlich zugenommen.

Die Einführung der uneingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit zum 1.Mai 2011 für Arbeitskräfte aus den acht neuen EU-Mitgliedstaaten Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Estland, Lettland und Litauen hat sich auf dem Arbeitsmarkt widergespiegelt. Im April 2011, dem letzten Monat vor der uneingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit, waren 227.000 sozialversicherungspflichtig und ausschließlich geringfügig Beschäftigte aus diesen Ländern in Deutschland gemeldet. Im August lag die Zahl der Beschäftigten aus den acht EU-Mitgliedstaaten bereits bei 363.000. Dabei war die Mehrheit der Beschäftigten sozialversicherungspflichtig beschäftigt (rund 80 Prozent), und 70.000 waren ausschließlich geringfügig beschäftigt.

Nach Projektionen des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit (IAB) könnte das Erwerbspersonenpotential, also das verfügbare Angebot an Arbeitskräften, von gegenwärtig 45 Millionen rein demographisch bedingt bis zum Jahr 2025 um 6,5 Millionen auf dann nur noch 38,1 Millionen Personen sinken, nachdem es in den neunziger Jahren noch stark angestiegen war. Das ist auf der Angebotsseite eine völlig neue Situation, die kontroverse Diskussionen auslöst.

Tatsächliche, errechnete oder befürchtete Engpässe, Knappheiten oder gar Mangellagen an Fachkräften treiben die Zuwanderungsdebatte an. Das gilt vor allem für Ingenieure, Naturwissenschaftler und Informatiker in der Wirtschaft sowie Gesundheits- und Pflegepersonal im Care-Bereich. Es kommt darauf an, unser Erwerbspersonenpotential durch geeignete Maßnahmen nachhaltig zu entwickeln. Es soll nicht so stark schrumpfen wie errechnet, sondern stets ausreichen sowie aktuell und gut qualifiziert sein. Die EU- Freizügigkeit für Arbeitskräfte soll viel Mobilität nach Deutschland auslösen. Für Migranten sollen möglichst attraktive Bedingungen geboten werden. Berufliche Qualifizierung, gute Erwerbsarbeit und soziale Sicherheit sind allgemein anerkannt die wichtigsten und erfolgreichsten Integrationsinstrumente für Migranten. Ein Fachkräftegewinn ("brain gain") ist auch die Rückwanderung von Deutschen: Von den etwa 122.000 Deutschen, die von 1996-2006 in EU-Staaten gingen, kehrten fast vier Fünftel (78%) wieder zurück, bei den Hochschulabsolventen sogar 85%, ein doppelt so hoher Anteil wie bei den gering Qualifizierten.

i

Info

Fachkräfte für Deutschland

Die Verfügbarkeit von ausreichend und guten Fachkräften halten die Einen für den entscheidenden Entwicklungsengpass. Die Anderen halten einen verbreitet behaupteten Fachkräftemangel für einen Mythos.
(http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.363684.de/10-46.pdf
http://www.iwkoeln.de/de/studien/gutachten/beitrag/84059)

Zur Debatte sei verwiesen auf: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,746411,00.html
http://www.ardmediathek.de/das-erste/plusminus/trugbild-gesuchter-ingenieur?documentId=12531316
http://www.bundestag.de/dokumente/analysen/2012/Fachkraeftemangel_in_Deutschland.pdf

Bundesagentur für Arbeit (2010): Perspektive 2025. Fachkräfte für Deutschland, Nürnberg

Als Reaktion auf den diskutierten Fachkräftemangel hat die Bundesregierung im Juni 2011 ein Konzept zur Fachkräftesicherung beschlossen. (vgl. http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/fachkraeftesicherung-ziele-massnahmen.pdf?__blob=publicationFile; vgl. auch http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56869/konzept-zur-fachkraeftesicherung).

Das Konzept führt fünf Pfade zur Sicherstellung der zukünftigen Fachkräftebasis an. Diese umfassen neben Maßnahmen, die vor allem auf die Ausweitung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen zielen, auch die internationale Rekrutierung von Fachkräften. Zwar hat nach dem Konzept die Nutzung und Förderung inländischer Potenziale Vorrang in der Fachkräftesicherungspolitik. Nach dem Konzept reichen diese jedoch mit Blick auf die Folgen des demografischen Wandels nicht aus. Daher müsse verstärkt auch auf qualifizierte Zuwanderung gesetzt werden. Konkret wird in dem Fachkräftesicherungskonzept unter anderem die gezielte Vermittlungsaktivität der Bundesagentur für Arbeit angeführt sowie die Aussetzung der Vorrangprüfung der Bundesagentur für Arbeit für Ärzte und Ingenieurberufe. Danach musste bisher nachgewiesen werden, dass es in Deutschland keinen geeigneten Bewerber für eine konkrete Stelle gibt. Seit April 2012 ist das "Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen“ ("Anerkennungsgesetz“) in Kraft. Mit dem Gesetz soll Fachkräften aus anderen Ländern ein Anreiz gegeben werden, in Deutschland zu arbeiten. Zudem soll Menschen, die ihre Berufsqualifikationen im Ausland erworben haben, eine qualifikationsnähere Beschäftigung im deutschen Arbeitsmarkt ermöglicht werden. Dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zufolge ist davon auszugehen, dass etwa 285.000 Menschen davon profitieren könnten. Das Gesetz sieht einen Rechtsanspruch auf Überprüfung der Gleichwertigkeit eines ausländischen Berufsabschluss mit dem deutschen Referenzberuf vor. Danach soll innerhalb von drei Monaten in einem bundeseinheitlichen Verfahren geprüft werden, ob die in anderen Ländern erworbenen Qualifikationen den deutschen Standards entsprechen und anerkannt werden. Das Gesetz regelt insgesamt knapp 500 Berufe, darunter rund 350 Ausbildungsberufe im dualen System. Allerdings betrifft das Anerkennungsgesetz nur Berufe, die in die Zuständigkeit des Bundes fallen, wie zum Beispiel Arzt oder Kranken- und Altenpfleger. Berufe, die in die Zuständigkeit der Länder fallen wie zum Beispiel Lehrer, sowie Hochschulabschlüsse oder akademische Anerkennungen werden nicht vom Anerkennungsgesetz geregelt. Die Bundesländer haben angekündigt, die in ihre Zuständigkeit fallenden Berufsgesetze zu ändern. (Zu den Erläuterungen vgl.: http://dib.schiele-schoen.de/118/17178/WebInfo_Anerkennungsgesetz/WEB_INFO_Anerkennungsgesetz.html)

Ein weiteres Steuerungsinstrument für die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte stellt die Blaue Karte EU (Blue Card EU) dar. Damit soll hochqualifizierten Menschen aus Drittstaaten der EU ein auf höchstens vier Jahre befristeter Aufenthalt in der EU zum Zweck der Erwerbstätigkeit ermöglicht werden. Die Blaue Karte EU basiert auf der Richtlinie 2009/50/EG (Hochqualifiziertenrichtlinie) der Europäischen Gemeinschaft aus dem Jahr 2009 und ist in Deutschland mit dem Gesetz zur Umsetzung der Hochqualifizierten-Richtlinie der Europäischen Union seit dem 1. August 2012 in Kraft getreten. Die Blue Card erhalten zum einen Personen mit einem Hochschulabschluss und einem jährlichen Mindestverdienst von 44.800 Euro brutto (statt wie bisher 66.000 Euro brutto). Personen mit einem Hochschulabschluss in einem Mangelberuf müssen hingegen lediglich ein Jahresbruttoverdienst von mindestens 34.944 Euro erzielen, sofern die Beschäftigungsbedingungen (inklusive des Lohnes) den ortsüblichen Beschäftigungsbedingungen von deutschen Arbeitnehmern entsprechen. Inhaber einer Blue Card können sich bei mindestens 33-monatiger Beschäftigung und der Zahlung von entsprechenden Rentenbeiträgen nach zwei bis drei Jahren dauerhaft in Deutschland niederlassen. Akademiker können auch ohne Nachweis eines konkreten Arbeitsplatzangebots ein Visum zur Arbeitsplatzsuche beantragen, das bei einer Erteilung bis zu sechs Monaten für die Suche eines Arbeitsplatzes berechtigt. Die Absenkung der Mindestgehaltsgrenze wird von Politikern der Oppositionsparteien als Förderung des Lohndumpings kritisiert.

Eine erste Bestandsaufnahme zeigt, dass die Blaue Karte EU in Deutschland bisher kaum angenommen wird. In den ersten beiden Monaten wurden nur 139 Blaue Karten erteilt, von denen 112 an Ausländer gingen, die bereits vor dem Jahr 2012 nach Deutschland eingereist waren.

Die zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (ZAV) hat seit Beginn des Jahres 2012 ihre Aktivitäten zur Gewinnung qualifizierter Fachkräfte intensiviert. In den ersten neun Monaten wurden 569 Mitarbeiter aus dem Ausland an deutsche Firmen vermittelt. Die meisten Arbeitskräfte kamen aus anderen EU-Staaten, vor allem aus südeuropäischen Ländern wie Spanien, Griechenland und Portugal sowie aus osteuropäischen Ländern (Bulgarien, Polen). Dabei konzentrierte die ZAV ihre Vermittlungsaktivitäten auf Berufe, für die in Deutschland nicht ausreichend Bewerber zur Verfügung stehen, insbesondere technische Berufe, Ärzte, Pflegeberufe sowie den Hotel- und Gastronomiebereich. Ab Januar 2013 sollen im Rahmen eines Pilotprojektes 150 Altenpflegekräfte aus China rekrutiert werden, die an Kliniken in ganz Deutschland vermittelt werden sollen.

Die Dienstleistungsfreiheit ist neben der Arbeitnehmerfreizügigkeit die zweite verbriefte Grundfreiheit im Europa der 27 Mitgliedstaaten. Sie war bis 30.04.2011 ausgesetzt in der Bauwirtschaft und in verwandten Wirtschaftszweigen, im Reinigungsgewerbe, bei Innendekorateuren und in der Arbeitnehmerüberlassung. Selbständige und Unternehmen durften in diesen Bereichen nur mit ihren Kernbelegschaften tätig werden. Nur im Rahmen von Werkvertragsabkommen konnten Arbeitnehmer entsandt werden. Ausgenommen waren also etwa 6% aller 40 Millionen Erwerbstätigen. Die Nutzung der Dienstleistungsfreiheit kann verstärkten Lohnwettbewerb auslösen, zumal andere tarifvertragliche Regelungen gelten. Die Niederlassungsfreiheit könnte die Scheinselbständigkeit und die Schwarzarbeit eindämmen helfen. Selbständige und Unternehmen mit Sitz in der EU dürfen zur Verrichtung von Dienstleistungen mit eigenen Arbeitnehmern hierzulande auch ohne Arbeitsgenehmigung EU-weit tätig werden. Seit 01.05.2011 ist die Entsendung von Arbeitnehmern auch in die bis dahin geschützten Branchen möglich.


Zum Weiterlesen

IAB Infoplattform: Migranten am Arbeitsmarkt – Problem oder Potenzial? http://infosys.iab.de/infoplattform/dokSelect.asp?pkyDokSelect=90&title=Migranten_am_Arbeitsmarkt__Problem_oder_Potenzial?&show=Lit&sortLit=2

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2011): Migrationsbericht 2010, Bundesinnenministerium. Berlin, http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Migrationsberichte/migrationsbericht-2010.html?nn=1362958

Brücker, Herbert; Klinger, Sabine; Möller, Joachim; Walwei, Ulrich (Hrsg.) (2012): Handbuch Arbeitsmarkt 2013. Analysen, Daten, Fakten. IAB-Bibliothek, 334. Bertelsmann. Bielefeld

Engelen-Kefer, Ursula; Kühl, Jürgen; Peschel, Peter; Ullmann, Hans (1995): Beschäftigungspolitik. 3. Aufl., Köln.

Foroutan, Naika (Hrsg.) (2011): Sarazins Thesen auf dem Prüfstand. Ein empirischer Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen zu Muslimen in Deutschland. Berlin. http://www.heymat.hu-berlin.de

Franke, Heinrich (1987): Arbeit für alle: Wege aus der Krise in die Zukunft der Arbeitslandschaft. Unter Mitarbeit von Franz Prast. Herford.

Frerich, Johannes (Hrsg.) (1993): Handbuch der Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland. Bd. 3: Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland bis zur Herstellung der Deutschen Einheit; München.

Lorenz, Frank (2010): Arbeitnehmerfreizügigkeit und Dienstleistungsfreiheit in der Europäischen Union. Rechtliche Rahmenbedingungen und politischer Handlungsbedarf. Wiso-Diskurs. http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07445.pdf

Schmid, Günther (2006): Der kurze Traum der Vollbeschäftigung: Was lehren 55 Jahre deutsche Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik? S. 177-201 in: Manfred G. Schmidt; Reimut Zohlnhöfer (Hrsg.): Regieren in der Bundesrepublik Deutschland. Innen- und Außenpolitik seit 1949. VS-Verlag. Wiesbaden.

Schmid, Günther / Oschmiansky, Frank (verschiedene Jahrgänge): Arbeitsmarktpolitik und Arbeitslosenversicherung. In: Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945. Hrsg. v. Bundesministerium für Arbeit und Soziales und Bundesarchiv; verschiedene Bände, Baden-Baden.

Schmuhl, Hans-Walter (2003): Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsverwaltung in Deutschland 1871-2002: Zwischen Fürsorge, Hoheit und Markt. BeitrAB 270. Nürnberg

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Frank Oschmiansky für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Rentenpolitik

Die Alterssicherung stellt, egal wie sie organisiert ist, in allen modernen Gesellschaften einen erheblichen Anteil an der Verwendung des Sozialprodukts dar. Sie ist quantitativ der Kernbereich des Sozialstaats.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Der Reformdruck im deutschen Gesundheitswesen hat deutlich zugenommen. Während noch vor wenigen Jahren nur Experten über die Finanzierbarkeit und Qualitätssicherung des Gesundheitssystems nachdachten, suchen heute viele Bürgerinnen und Bürger nach Antworten.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Coverbild APuZ 26-2017 Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Arbeitsmarktpolitik versucht den Rahmen zu setzen, in dem wir arbeiten. Dass sie dabei nicht immer a...

APuZ_15/2011_80.jpg

Humanisierung der Arbeit

"Hauptsache Arbeit!" lautet oft der Ruf – die Qualität der Arbeitsplätze rückt dabei in den Hin...

Gewerkschaften

Gewerkschaften

Mit dem Übergang vom wohlfahrts-
staatlichen Kapitalismus zum Finanzmarkt-Kapitalismus setzte ei...

Migration und Arbeitsmarkt

Migration und Arbeitsmarkt

Durch den demografischen Wandel droht der deutschen Gesellschaft nicht nur die Überalterung, sonder...

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarkt-
politik

Die Instrumente der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungs-
politik haben sich im Laufe der Jahre stä...

APuZ48_2010.jpg

Arbeitslosigkeit

2003 verkündete Gerhard Schröder ein umfassendes Reformprogramm für Deutschland: die "Agenda 2010...

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Der Verlust der eigenen Arbeit kann kann zu psychischen Beeinträchtigungen führen, die den Betroff...

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Die Mittelschicht schrumpft. Immer mehr Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Die aktuelle ...

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Die Ansprüche der Arbeitswelt wachsen, dabei bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Aber wie l...

Grundeinkommen?

Grund-
einkommen?

Seit einiger Zeit diskutiert Deutschland über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ist e...

Zum Shop

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen