Demografischer Wandel

13.3.2019 | Von:
Kathrin Schwarze-Reiter
Roland Preuß

Bevölkerungswachstum in Niger

Auswirkungen von Trockenheit und Terrorismus

Afrika ist ein junger Kontinent, in Niger ist die Hälfte der Einwohner 15 oder weniger Jahre alt. Das Land ist kein Einzelfall. Um allen Afrikanern Arbeit zu geben, müsste man auf dem Kontinent 20 Millionen zusätzliche Jobs schaffen, rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) vor – pro Jahr. Das wird nicht passieren. Viele afrikanische Staaten haben zwar ein beeindruckendes Wachstum hingelegt, doch die Bevölkerung wächst in einigen Ländern noch schneller. So steigt die Zahl der Armen wieder, in Nigeria, im Kongo, in Niger.

Armut herrscht in all diesen Staaten nicht nur auf dem Land, sie plagt auch Städte und Metropolen. In einem Hinterhof in Nigers Hauptstadt Niamey ducken sich zwei Verschläge an eine Hauswand, Holz und Pappe schützen notdürftig gegen die Güsse der Regenzeit, Hühner scharren auf dem Sandboden, ein Kind schreit. Omar, der Sohn von Hamidou und Rowkeiya Aboubacar, zieht seine Mutter am Ärmel. Die 30-Jährige löst Milchpulver in Wasser auf, gibt dem Zweijährigen zu trinken. Omar ist zu klein für sein Alter, der Bauch ist aufgebläht, er ist unterernährt.

Vor vier Jahren sind die Aboubacars aus einem Dorf im Süden in die Hauptstadt gezogen. "Es gab keine Arbeit, kaum Wasser, auf den Feldern wuchs nichts mehr", sagt die Mutter. Ihnen blieb nur die Millionenstadt Niamey. Auch Omars Haut und Haare sind vom Sand verkrustet, die Mutter bekommt den Jungen mit der wässrigen Milch nicht satt, Tränen lösen Staub von seinen Wangen. Die Sahelzone wächst unaufhaltsam, die Sahara frisst sich nach Süden vor, bedingt durch den weltweiten Klimawandel. In Niger und damit mitten in der Sahelzone sind Klimawandel und Erderwärmung in voller Härte zu spüren. Hauptverantwortlich sind die Industrie- und Schwellenländer, die den Löwenanteil der Treibhausgase ausstoßen. Aber die Menschen in der Sahelzone tragen ihren Teil bei. Sie holzen die dürren Steppenbüsche ab, schleppen sie zu Bündeln verschnürt auf die Märkte, verkaufen sie als Feuerholz. Sie fördern so die Erosion durch Wind und Regen, machen der Wüste den Weg frei.

Zu den Plagen Hitze und Trockenheit kommen die Dschihadisten. Die Militanten von Boko Haram, Ansaru und al-Qaida legen Minen, entführen junge Mädchen und Ausländer, machen den Alltag gefährlich, die Regierung ist machtlos. Der Terror ist einer der Gründe, warum die Aboubacars in die Hauptstadt gezogen sind. Sie hatten Glück: "Mein Mann arbeitet als Hausmeister und Gärtner in einem Studentenheim. Wir haben im Hinterhof ein Zimmer und die zwei Verschläge", sagt Rowkeiya. Auch wenn die Familie kaum etwas besitzt, geht es ihr in der Stadt besser als auf dem Land. "Hier müssen wir nicht um unsere Sicherheit fürchten. Und wir bekommen Lebensmittel."

Ihr Dorf mag Rowkeiya Aboubacar verlassen haben, aus ihrem Heimatland würde sie nie weggehen. Sie liebt Niger. Neben Mutter, Vater und Sohn leben sechs Verwandte im Hinterhof. Der Neffe Amidou findet keinen Job, er ist ungeduldig und unzufrieden. Der 18 Jahre alte Elektriker glaubt, dass anderswo alles besser ist, dass er weit weg von seiner Heimat eine Chance hat: in Europa.

"Migrationspotenzial in Millionenhöhe"

Wie Amidou denken, hoffen viele. Immer mehr junge Nigrer wollen weg, verlassen die Dörfer. Nigers demokratisch gewählter Präsident Mahamadou Issoufou hat ehrgeizige Entwicklungsziele, aber mit dem Versprechen einer besseren Zukunft allein kann er seine Bürger nicht aufhalten. Die suchen ihr Glück längst in südlichen Nachbarländern wie Nigeria, Ghana oder der Elfenbeinküste, arbeiten dort als Händler, Bauarbeiter oder Taxifahrer. Andere machen sich gleich auf den Weg nach Europa.

Das Bild zeigt Jugendliche in Niger.Immer mehr junge Nigrer wollen auswandern, vor allem in die USA und nach Europa. (© picture-alliance/dpa)

Das US-Institut Gallup befragt alle paar Jahre weltweit mehr als eine halbe Million Menschen, ob sie auswandern wollen. In den Staaten südlich der Sahara würde fast jeder dritte Erwachsene in ein anderes Land ziehen, wenn es möglich wäre. In Nordafrika und den Ländern des Nahen Ostens war es jeder fünfte. Als Wunschziel gaben die potenziellen Migranten am häufigsten die USA an. Und dann Deutschland.

Nicht jeder, der vom Auswandern träumt, macht sich auf. Grenzschützer, geldgierige Menschenschmuggler und die Angst vor dem Tod im Mittelmeer halten die meisten am Ende ab. Trotzdem zeigt die Umfrage, wie viele Menschen sich aufmachen könnten. Ein Rechenbeispiel: Die UN erwarten, dass die Zahl der Afrikaner bis zum Jahr 2030 um rund 350 Millionen wachsen wird. Würde von ihnen, – wie derzeit – jeder Dritte auswandern wollen, wären dies 117 Millionen potenzielle Migranten. Wenn sich nur jeder Hundertste davon auf den Weg macht, wären dies fast 1,2 Millionen Menschen im Jahr – das sind so viele, wie Europa im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 aufgenommen hat.

"Wir haben ein Migrationspotenzial in Millionenhöhe", sagt Entwicklungsexperte Klingholz über Afrika. Ob der Ernstfall eintreten werde, könne niemand vorhersagen. Dies hänge auch davon ab, ob bevölkerungsreiche Länder wie Ägypten, Nigeria oder Äthiopien politisch wenigstens halbwegs stabil blieben. Doch die Migranten kommen jetzt schon. Alessandra Morelli, Beauftragte des UNHCR-Kommissariats für Flüchtlingsfragen in Westafrika, sagt: "Wer kann einen jungen Mann mit Hunger im Bauch und Ideen im Kopf aufhalten?"

Hoffnung Europa

Junge Männer mit Hunger im Bauch und dem Wunsch nach Zukunft gibt es Ungezählte. Wer sich einen Eindruck verschaffen will, kann in jedem beliebigen Dorf in Niger anhalten. Ein paar Kilometer von Salamatou Baubacans Hütte entfernt ist der Dorfälteste Hamidou Bonyamari so etwas wie Bürgermeister und Seelsorger in einer Person. Wer ihn nach der größten Familie in seinem kleinen Ort fragt, den führt er auf den Dorfplatz und bietet den Ehrenplatz auf einem Teppich an. Dann führt der ehemalige Olympiaboxer Männer mit drei Ehefrauen und 20 bis 30 Kindern herbei. Das ist nur ein Teil der Familie; die Kleinen bleiben im Dorf, die Größeren gehen in eine weit entfernte Schule oder arbeiten in der Stadt, einige andere sind ausgewandert. Eine komplette Großfamilie sieht man in Niger selten.

Der Fliegengewichtsboxer Bonyamari war selbst im Ausland, in Kanada, Russland und Frankreich, als Mitglied der nigrischen Olympiamannschaft. Wenn er den Nachbarn von seinen Auslandsreisen erzählt, wird die Fremde zum Wunderland. Für das Wunderland legen Familien Geld zusammen, damit eines der Kinder, oft der älteste Sohn, es bis nach Europa schafft. Oder die jungen Männer leihen sich selbst das nötige Geld für die Reise, schmieren unterwegs Mittelsmänner, Schleuser, Polizisten, Grenzer. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Niger liegt bei umgerechnet 850 Euro im Jahr, die Hälfte der Nigrer muss täglich mit weniger als zwei Euro auskommen.

Da bleibt nicht viel – außer der Hoffnung, dass der Älteste in Europa genug verdient, um die Angehörigen in der Heimat zu unterstützen und die Schulden abzubezahlen. Die meisten riskieren die gefährliche Reise auf den Routen über das westliche und zentrale Mittelmeer, landen in Italien, auf Malta oder in Spanien. 2008 kamen 46 000 Menschen auf diesen Wegen, 2016 waren es schon gut 191 000.

Eine Frage der Gerechtigkeit?

Auch wenn Ungezählte in der Wüste verdursten oder im Mittelmeer ertrinken – der Menschenstrom reißt nicht ab. Nur: Ist die bloße Zahl der Menschen in Afrika wirklich die Ursache des Problems? Oder geht es darum, Land, Nahrung und Reichtum gerechter zu verteilen? Das ist nicht nur eine ethische, sondern auch eine praktische Frage: Theoretisch kann die Erde weitere Milliarden Bewohner ernähren. Verstärken die Industrieländer durch Ausbeutung und Handelspraxis nicht Armut und Migration? Ist es anmaßend, wenn reiche Staaten, deren Bevölkerung während ihrer Entwicklungszeit rasant wuchs, heute die Menschen ärmerer Länder zur entschlossenen Verhütung drängen?

Geburtenrate und Säuglingssterblichkeitsrate
Das Diagramm zeigt die Geburten pro Frau und die Säuglingssterblichkeitsrate für ausgewählte Länder im Vergleich. Die durchschnittliche Anzahl von Kindern, die eine Frau in ihrem Leben zur Welt bringt, ist in Niger mit 7,3 weltweit am höchsten. Zum Vergleich: In Afghanistan werden 5,3 Kinder pro Frau geboren, in Indien 2,3, in Deutschland 1,5. Auch die jährliche Anzahl der Todesfälle von Säuglingen im ersten Lebensjahr pro tausend Lebendgeborene ist in Niger mit 61 weltweit am höchsten. Zum Vergleich: In Afghanistan liegt die Säuglingssterblichkeitsrate bei 60, in Indien bei 37, in Deutschland bei 3,3.Niger ist das Land mit der weltweit höchsten Geburtenrate: Eine Frau bekommt hier im Durchschnitt 7,3 Kinder. (© Süddeutsche Zeitung)



Naheliegend auch die Gegenfragen: Warum kümmern sich die Regierungen Afrikas und des Nahen Ostens so wenig um die Zukunft ihrer Bürger? Würde fairer Handel allein die allgegenwärtige Misswirtschaft und Korruption – und damit den Migrationsdruck – verringern? Wie realistisch ist es, dass die Bürger wohlhabender Staaten ihren Wohlstand teilen? Und am Ende die entscheidende Frage: Kann Europa der fatalen Entwicklung noch länger tatenlos zusehen?

Fest steht: Wenn die Bevölkerung weniger stark wächst, profitieren ein Land und seine Bürger. Das zeigen die Erfahrungen auf anderen Kontinenten, Wissenschaftler nennen dies die "demografische Dividende". So lief es in Thailand und in einigen Staaten Südamerikas, etwa in Chile. Wie man zu kleineren Familien kommt, ist bekannt: Je höher die Überlebenschancen der ersten Kinder, desto weniger Babys bringen Frauen später zur Welt. Je besser die staatliche Alterssicherung, desto weniger sind die Menschen auf vielköpfigen Nachwuchs als Garanten der eigenen Altersvorsorge angewiesen. Je höher die Einkommen, desto mehr Wert legen Menschen auf Karriere, Kultur, Komfort. Voraussetzung ist nicht allein der Zugang zu Pille oder Kondom. Je mehr Bildung Mädchen und Frauen erhalten, desto weniger Kinder bekommen sie. "Bildung ist das wirkungsvollste Verhütungsmittel von allen", sagt Bevölkerungsexperte Klingholz.

Verhütungsmittel bleiben zu teuer

In der Humedica-Klinik im Bezirk Kollo reißt eine Krankenschwester die Schutzhülle eines Kondoms auf, zieht das Präservativ heraus und erklärt zwei jungen Müttern, wie man es dem Mann überstülpt. Dann spricht sie über Antibabypille und Dreimonatsinjektion. Die Frauen hören zu, sie kichern nicht, Verhütung ist für sie ein ernstes Thema. Beide wiegen ein Baby im Arm, ein älteres Kind schaut der Schulung gelangweilt zu. "Wir zeigen den Frauen bald nach der Geburt, wie sie verhüten können", sagt Chefarzt Ribeira Da Sousa. "Viele nehmen an, dass sie nicht schwanger werden können, wenn sie stillen. Und dann kommen manchmal zwei Kinder innerhalb eines Jahres."

Der Brasilianer kümmert sich seit 2015 um die Menschen im Kreis Kollo. In seiner Klinik werden Babys geboren, Kinder geimpft. Die meisten Patientinnen wählen eine Injektion oder die Pille, damit sie selbst die Verhütung in der Hand haben: So müssen sie ihre Männer nicht zum Verwenden des Kondoms drängen. "Im Bett hat noch immer der Mann das Sagen", sagt der Arzt Da Sousa: "Will er nicht verhüten, passiert auch nichts."

Für die Hälfte der Menschen in Niger bleiben Verhütungsmittel aber trotz aller Aufklärungskampagnen unerreichbar. Es gibt kaum Apotheken, und wenn es sie gibt, bleiben Antibabypille, Injektion und Kondom für die Bauern zu teuer, eine Monatspackung der Pille kostet umgerechnet 15 Cent. Da Sousas Klinik verteilt die Verhütungsmittel daher kostenlos. "Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird in Niger alles zusammenbrechen", sagt der Mediziner. Denn zu viele Frauen verlassen sich weiter auf die traditionelle Methode: Sie zählen die Perlen einer Halskette. Eine rote Perle steht für den ersten Tag der Monatsblutung. Dann schiebt die Frau einen schwarzen Gummiring weiter, Tag um Tag. Braune Perlen zeigen die sichere, weiße die unsicheren Tage an. So wird Verhütung zum Glücksspiel.

Einsatz von Verhütungsmitteln / Einwohner unter 15 Jahren
Das Schaubild zeigt zwei Balkendiagramme. Im linken Diagramm wird der Einsatz von Verhütungsmitteln in Prozent der verheirateten Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren im weltweiten Vergleich dargestellt. Nutzen in Niger nur 14 Prozent der verheirateten Frauen Verhütungsmittel, sind es in Deutschland 62 Prozent, in Brasilien 77 Prozent, in China 84 Prozent. Das rechte Diagramm zeigt die Einwohner unter 15 Jahren in Prozent der Bevölkerung. In Niger sind 50 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahren, in Afghanistan 45 Prozent, in Indien 29 Prozent, in Deutschland nur 13 Prozent.Für viele Frauen in Niger bleiben Verhütungsmittel trotz aller Aufklärungskampagnen unerreichbar. (© Süddeutsche Zeitung)



"Animas-Sutura" versucht, wie Doktor Da Sousa, zu helfen. Das Hauptquartier der Organisation ist im Straßengewirr von Niamey schwer zu finden, am Eingang hängt kein Namensschild, es gab Drohungen. Animas-Sutura benennt sich nach dem traditionellen Wort für Schleier und Schutz. "Akzeptanz zu erlangen, war anfangs schwierig", sagt Monika Franzke, die deutsche Beraterin, das Projekt wird von der deutschen KfW-Entwicklungsbank gefördert. Der Durchbruch kam dank schwergewichtiger Verbündeter. Die Ringer des Landes machten sich stark. In Niger ist das Ringen Nationalsport, die Champions werden verehrt wie anderswo Fußballer oder Rockstars. Wenn Meisterschaften stattfinden, bilden sich Menschentrauben vor Straßencafes und Ständen, wo die raren TV-Geräte oft stehen. Mit dem Spruch "Foula anima na!" ("Der Hut ist mein bester Freund") halten die Ringer Latexröllchen in die Kamera und werben mit ihrem Ruhm für Kondome als Schutz vor Aids und Mittel der Familienplanung.


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