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Arzt läuft durch Krankenhausflur

11.8.2014 | Von:
Thomas Gerlinger
Wolfram Burkhardt

Die gegliederte Krankenversicherung

Krankenkassen im Wettbewerb

Gersundheitskarten verschiedener Krankenversicherungen. Ein Jahr vor dem Start des Gesundheitsfonds im Jahr 2009 rechnen immer mehr Krankenkassen mit deutlich steigenden Belastungen für gesetzlich Versicherte.Der Wettbewerb unter den Krankenkassen soll die gesundheitliche Versorgung verbessern. (© AP)
Seit 1996 haben die Mitglieder weitgehende Wahlmöglichkeiten unter den gesetzlichen Krankenkassen. Die Kassen befinden sich damit untereinander im Wettbewerb um Mitglieder.

Die Einführung von Wahlmöglichkeiten und Wettbewerb ist in einem breiten, parteiübergreifenden Konsens ("Kompromiss von Lahnstein" 1992) beschlossen worden. Die beteiligten Gesundheitspolitikerinnen und -politiker wollten damit mehrere Ziele erreichen:
  • Zum einen galt es, das bestehende System der Kassenzuweisung abzuschaffen, das mit nicht länger akzeptablen Ungleichbehandlungen verbunden war: Arbeiterinnen und Arbeiter wurden bis 1995 meist einer bestimmten Kasse zugewiesen und hatten keinerlei Wahlmöglichkeit. Angestellte konnten dagegen zwischen mehreren Kassen wählen.
  • Zum anderen sollte der Wettbewerb unter den Krankenkassen längerfristig dazu führen, dass die gesundheitliche Versorgung verbessert und stärker an den Wünschen und Bedürfnissen der Versicherten ausgerichtet würde. Maßgeblich war hier die Vorstellung, dass Wettbewerb – so wie im übrigen Wirtschaftsleben auch – die Anbieter dazu zwingen würde, den Kundinnen und Kunden möglichst gute Qualität zu einem möglichst günstigen Preis anzubieten.
Vor der Einführung von Wettbewerb galt es jedoch, gleiche Startchancen für die Kassen herzustellen. Ferner mussten Rahmenbedingungen geschaffen werden, die sicherstellen sollen, dass der Kassenwettbewerb in sinnvolle, das heißt für die GKV-Versicherten insgesamt nützliche, Bahnen gelenkt wird.Um beides zu erreichen, wurde der sogenannte Risikostrukturausgleich (RSA) eingeführt. Der RSA ist heute für die Krankenkassen von zentraler Bedeutung, denn er bestimmt zum weitaus größten Teil die Einnahmen einer Krankenkasse. Die konkrete Ausgestaltung des RSA übt einen bestimmenden Einfluss auf viele Kassenentscheidungen aus. Beispielsweise wird die Einführung von besonderen "Chroniker-Programmen" (Disease-Management-Programme, DMP) vor allem deshalb mit Nachdruck betrieben, weil die Kassen seit der letzten RSA-Reform für Versicherte, die in ein DMP eingeschriebenen sind, mehr Geld aus dem RSA erhalten.


Seit 2009 – so stand es bereits in dem Ende 2001 verabschiedeten Gesetz zur Reform des Risikostrukturausgleichs – werden Morbiditätsunterschiede der Versicherten direkt erfasst und berücksichtigt.
Ausführliche Erläuterungen zum Risikostrukturausgleich erhalten Sie in den folgenden Lernobjekten:


Brauchen wir so viele Krankenkassen?

Interessenvertreterinnen und -vertreter der Ärzteschaft stellen bisweilen gern diese rhetorische Frage: Leisten wir uns nicht eine enorme Verschwendung von Mitteln im Gesundheitswesen, wenn wir so viele Kassenverwaltungen aufrechterhalten?

Die Frage, ob man so viele Kassen benötigt oder nicht, lässt sich letztlich nicht beantworten und sollte in einem wettbewerblich ausgerichteten System auch nicht an irgendeinem grünen Tisch beantwortet werden. Die Einführung des Kassenwettbewerbs hat innerhalb weniger Jahre bereits zu einem massiven Konzentrationsprozess unter den Krankenkassen geführt.

Viele Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass sich dieser Prozess fortsetzen wird. Zu einer beschleunigten Konzentration könnte es vor allem dann kommen, wenn der Gesetzgeber die Möglichkeiten der einzelnen Kassen zum Abschluss von Verträgen mit den Leistungsanbietern erweitert. Hiermit verbunden wäre, dass die Verbände ihre weitreichenden Funktionen verlieren beziehungsweise die Vorgabe gemeinsamen und einheitlichen Handelns häufiger entfällt und die einzelne Kasse größere Handlungsspielräume erhält.

Der Hauptvorwurf von Vertreterinnen und Vertretern der Leistungserbringer betrifft die angeblich zu hohen Verwaltungsausgaben, die nicht zuletzt Resultat einer durch die Vielzahl von Kassen unnötig aufgeblähten Bürokratie seien.

Auch hinsichtlich dieser Frage gibt es keinen absoluten Maßstab, wie viel Verwaltung in der GKV unabdingbar ist. Man kann jedoch Vergleiche anstellen. Um die Höhe der Verwaltungsausgaben der GKV-Kassen zu bewerten, bietet sich der Vergleich zur privaten Krankenversicherung (PKV) an.

Der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) hat im Jahr 2003 in seiner Eigenschaft als Abgeordneter des Deutschen Bundestages eine Anfrage an die damalige Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung, Ulla Schmidt (SPD), gerichtet: "Wie hoch sind die durchschnittlichen Verwaltungskosten in der GKV und der PKV?"
Aus Sicht der Ministerin ließen sich die Verwaltungskosten beider Systeme an ehesten vergleichen, wenn man ihren Anteil an den jeweiligen Beitragseinnahmen vergleicht:
  • In der GKV lagen die Nettoverwaltungskosten im Jahr 2010 bei etwa 9,37 Milliarden Euro. Die Beitragseinahmen betrugen 175,6 Milliarden Euro. Die Verwaltungskosten machten also etwa 5,33 Prozent der Beitragseinnahmen aus.
  • In der PKV lagen die Gesamteinnahmen im Jahr 2010 bei insgesamt 35,8 Milliarden Euro. Die Techniker Krankenkasse geht davon aus, dass 10,5 Prozent der Beitragseinnahmen für die Verwaltung ausgegeben werden, also fast doppelt so viel wie bei den gesetzlichen Krankenkassen.
Die Verwaltungskosten liegen in der privaten Krankenversicherung somit mehr als doppelt so hoch wie in der GKV. Der wesentliche Grund dafür sind die Abschlusskosten, also die in der PKV üblichen Provisionen, die die Versicherungsagenten für jeden Vertragsabschluss erhalten.

Die hohen Kosten der PKV für die Akquise von neuen Kundinnen und Kunden können natürlich nicht als Entschuldigung für unnötige Verwaltungsausgaben von gesetzlichen Krankenkassen herhalten. Die pauschale Behauptung von den "aufgeblähten Kassenapparaten" trifft jedoch ebenfalls nicht zu.