Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Relatives Armutsmaß: Armutsrisikoquoten

Armut ist immer relativ - zum Wohlstandsniveau der jeweiligen Gesamtpopulation. Als Standard in der Politik wie in der Wissenschaft gilt dabei, wenn es um die Messung der Bevölkerungsanteile in Armut (bzw. im Armutsrisiko) geht, die zwischen den EU-Mitgliedsstaaten vereinbarte Definition des relativen Armutsrisikos, die vorrangig mit dem Indikator der Armutsrisikoquote abgebildet wird. Sie ist definiert als Anteil der Personen in Haushalten, deren bedarfsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 Prozent des Mittelwertes (Median) aller Einkommen der jeweiligen Gesamt- oder Teilpopulationen beträgt.

Blick in eine Kleiderkammer in Bochum-WattenscheidKleiderkammer in Bochum: Armut ist immer relativ zum Wohlstandsniveau der jeweiligen Gesamtpopulation. (© AP)


Wenn es um die empirische Erfassung einer so definierten Armuts- bzw. Altersarmutsquote geht, zeigt sich, dass die Befunde je nach Datenquelle leicht differieren (vgl. Tabelle "Armutsrisikoquoten nach verschiedenen Datenquellen"). Ursache ist, neben dem statistischen Unsicherheitsbereich bei Stichproben, die leicht unterschiedliche Definition der Grundgesamtheit bei den betrachteten Repräsentativerhebungen.

Armutsrisikoquoten nach verschiedenen Datenquellen 2013

Angaben in Prozent

Leben in Europa (EU-SILC) 2013EVS 2013Mikrozensus 2013SOEP 2013
Bevölkerung insgesamt 16,1 16,6 15,5 15,4
65 und älter 14,9 18,414,3 13,8

Quelle: Eigene Berechnungen und Zusammenstellung.

Im zeitlichen Verlauf zeigt sich ein Anstieg: die Tabelle "Armutsrisikoquoten 2005 - 2014" weist dies im Vergleich der Jahre 2005 bis 2014 auf Basis des Mikrozensus aus. Es lässt sich feststellen, dass die Einkommensarmut Älterer derzeit ein durchaus relevantes Problem darstellt. Dabei ist die Betroffenheit der Frauen stets größer als die der Männer, und Altersarmut in Westdeutschland (gemessen am jeweiligen regionalen Median) verbreiteter als in den ostdeutschen Bundesländern. In Ostdeutschland (gemessen am dortigen Durchschnittseinkommen/Median!) ist die Armutsrisikoquote wesentlich niedriger. Das ist vor allem eine Folge der (noch) geringeren Einkommensspreizung dort und einer im Vergleich zur Gesamteinkommensverteilung in den neuen Ländern relativ guten Einkommenslage der Älteren, vor allem der Frauen.

Armutsrisikoquoten1 2005 − 2014

Angaben in Prozent

2005200620072008200920102011201220132014
Deutschland insgesamt
Insgesamt 14,7 14,0 14,3 14,4 14,6 14,5 15,0 15,0 15,5 15,4
65 und älter 11,0 10,4 11,3 12,0 11,9 12,3 13,2 13,6 14,3 14,4
Westdeutschland
Insgesamt 14,8 14,2 14,3 14,5 14,8 14,7 15,2 15,4 15,9 16,0
65 und älter 13,5 12,7 13,7 14,3 14,1 14,4 15,4 16,0 16,9 17,0
Ostdeutschland
Insgesamt 14,3 13,3 13,5 13,8 13,8 13,2 13,3 13,0 13,1 12,6
65 und älter 5,3 4,8 5,1 5,5 5,2 5,4 6,2 6,6 6,7 6,7

1Bundes- bzw. jeweiliger regionaler Median
Quelle: Statistische Ämter (2015): Mikrozensus.

Armutsgefährdungsquoten nach ausgewählten Merkmalen 2005 – 2014Armutsgefährdungsquoten nach ausgewählten Merkmalen 2005 – 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 65 KB) (© bpb)
Wie die Abbildung "Armutsgefährdungsquoten nach ausgewählten Merkmalen 2005 – 2014" erkennen lässt, weisen bestimmte andere Personengruppen ein deutlich höheres Armutsrisiko auf: Im Jahr 2014 waren Alleinerziehende (41,9 Prozent), Einpersonenhaushalte (25,6 Prozent) und Personen unter 18 Jahren (19,0 Prozent) überproportional häufig von Armut betroffen. Vor allem aber Erwerbslose tragen mit 57,6 Prozent ein besonders hohes Armutsrisiko.

Allerdings verstellt die Berücksichtigung allein der Quoten das Bild: Da die Älteren (60 Jahre und älter) nahezu 30 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, befinden sich unter der einkommensarmen Bevölkerung automatisch im hohen Maße ältere Menschen. Dies bedeutet zugleich, dass die allgemeine Armutsquote und die Armutsquote der Älteren schon rein mathematisch nicht gravierend voneinander abweichen können, da die Älteren aufgrund ihrer hohen Zahl stets auch den Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung maßgeblich beeinflussen. Eine hohe Armutsquote Älterer kann dabei z. B. auch erhebliche regionalpolitische Folgen haben.

Quellentext

Altersarmut als regionalpolitisches Problem

Altersarmut hat nicht nur eine sozialpolitische, sondern auch eine regionalpolitische Dimension. Ältere, v. a. diejenigen mit geringen Einkommen, sind weniger mobil als Junge. Man kennt es aus peripheren Gebieten vor allem in den südeuropäischen Ländern: Die ärmeren Alten bleiben zurück, die Jungen ziehen weg, es beginnt eine regionale Abwärtsspirale.

Sinkende Renten bzw. eine steigende Altersarmut der verbleibenden Bevölkerung haben nicht nur Konsequenzen für die Vorhaltung staatlicher Infrastrukturangebote (von Krankenhäusern bis zum Nahverkehr), sondern auch für das Angebot von Geschäften, Dienstleistungsbetrieben usw. Im kleinräumlichen Maßstab sind solche Prozesse bereits in Teilen Ostdeutschlands, aber auch schon in strukturschwachen Gebieten z. B. Bayerns zu beobachten (Bayern hat aus wirtschaftshistorischen Gründen noch vor Rheinland-Pfalz die höchsten Armutsrisikoquoten Älterer aller deutschen Bundesländer, und auch eher niedrige Rentenzahlbeträge; vgl. Bayerisches Staatsministerium 2015). Kleinräumig (z. B. auf Kreisebene) stehen keine Daten zur Berechnung von Armutsrisikoquoten zur Verfügung, sondern es lassen sich allenfalls aus Strukturinformationen Wahrscheinlichkeiten errechnen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2015).

Treffen solche ökonomischen Abwärtsspiralen mit negativen demografischen Effekten (geringe Geburtenziffern, Abwanderung, hohe Anteile Älterer) zusammen, so können Entwicklungen entstehen, die mit dem grundgesetzlichen Gebot gleichwertiger Lebensbedingungen nicht vereinbar sind, was gerade in einigen ostdeutschen Bundesländern schon virulent ist.

Armutsrisikolücke

Aus der Erhebung "Soziale Lage in Europa" stammen zwei wichtige Befunde, die Auskunft geben über die "innere" Differenzierung der Altersarmut in Deutschland. Sie sind in folgender Tabelle wiedergegeben.

Armutsrisikolücke Älterer und relatives Einkommensmedianverhältnis Älterer 2005 bis 2013

Angaben in Prozent

200520062007200820092010201120122013
Relative Armutslücke insgesamt 19 20 23 22 22 21 21 21 20
Relative Armutslücke ab 65-Jährige 17 17 18 17 17 17 18 19 18
Relatives Einkommens-
medianverhältnis
0,94 0,93 0,87 0,87 0,88 0,89 0,9 0,88 0,89

Quelle: European Commission (2015a), S. 305; (2015b), S. 77.

Die relative Armutslücke gibt an, um wie viel Prozent das mittlere Einkommen der Armutspopulation unter der Armutsrisikoschwelle liegt. Diese Armutslücke ist bei Älteren durchgehend kleiner als diejenige der Gesamtbevölkerung und auch weitestgehend unterhalb derjenigen aller jüngeren Altersgruppen. Das bedeutet, dass die Alterseinkommen der ab 65-Jährigen - und darunter vor allem die gesetzlichen Renten - relativ am knappsten unterhalb der Armutsrisikogrenze liegen. Oder mit anderen Worten: Selbst im untersten Einkommensbereich bringen die Renten aus der Gesetzlichen Rentenversicherung viele Betroffene wenigstens recht nahe heran an diese Schwelle. Viele davon haben dann ein Alterseinkommen, das sich zwischen der Grundsicherungsgrenze plus Wohnkosten und der Armutsrisikoschwelle bewegt.

Die dritte Zeile in der Tabelle "Relative Armutsrisikolücke Älterer und relatives Einkommensmedianverhältnis Älterer" gibt das Verhältnis zwischen dem mittleren (medianen) Äquivalenzeinkommen von über 65-Jährigen zum medianen Äquivalenzeinkommen der unter 65-Jährigen wieder. Auch anhand dieses Indikators wird deutlich, dass sich seit 2005 bei der Einkommensposition der Älteren eine Verschlechterung ergeben hat.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikation zum Thema

Die Zukunft des Generationenvertrags

Die Zukunft des Generationenvertrags

Wie können langfristig ein angemessenes Rentenniveau, eine tragbare Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen und ein Schutz vor Altersarmut gesichert werden? Ebert fordert eine Reform des Rentensystems, bei der die Finanzierungsbasis verbreitert und die solidarische Umverteilung gestärkt wird.Weiter...

Zum Shop

Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Jetzt ansehen

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung.

Mehr lesen

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten?

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen