Titelkleingrau

1.7.2003 | Von:
Markus Ottersbach

Die Marginalisierung städtischer Quartiere in Deutschland

Theoretische Überlegungen zur Marginalisierung städtischer Quartiere

1. Ein Modell der Integration der Individuen in urbanen Gesellschaften
Um die Integration von Menschen in urbanen Gesellschaften zu veranschaulichen, bedient sich die Soziologie theoretischer Modelle. Auf diese Weise können gesellschaftliche Aktivitäten dargestellt werden, allerdings nur auf einer abstrakten Ebene. Um Kenntnisse über konkrete gesellschaftliche Abläufe zu erlangen, ist Feldforschung quantitativer oder qualitativer Art unerlässlich.

Das folgende Modell (vgl. Schaubild 1), mit dem ich mich auf Jürgen Habermas' Modell von "System" und "Lebenswelt"[10] beziehe - und das inzwischen in etwas erweiterter Form auch in der Stadtforschung etabliert ist[11] - kann gesellschaftliche Prozesse in urbanen Gesellschaften veranschaulichen:

Die Integration von Menschen in urbanen Gesellschaften erfolgt durch gesellschaftliche Systeme (Systemintegration), innerhalb der Lebenswelt und mit Hilfe von verständigungsorientierten Diskursen (Sozialintegration). Ziel der Integration der Individuen durch gesellschaftliche Systeme ist deren Einschluss (Inklusion) in den Bereichen der Ökonomie, des Rechts etc. Ziel der Integration der Individuen durch die Lebenswelt ist deren Anerkennung in Bezug auf Kultur, Werte, Milieus, ihre Lebensstile etc. Ziel der Integration der Individuen durch verständigungsorientierte Diskurse ist deren Partizipation im Bereich des zivilgesellschaftlichen Engagements.[12]

2. Ein Modell der Marginalisierung städtischer Quartiere
Bezieht man das Modell auf das Phänomen der Marginalisierung städtischer Quartiere, so erhält man in etwa folgendes Modell (vgl. Schaubild 2):

Um die Entstehung marginalisierter Quartiere als Folge des Einflusses der gesellschaftlichen Systeme zu verdeutlichen, muss man die wirtschaftliche Schwäche, die rechtliche Benachteiligung, das Fehlen kultureller und sozialer Einrichtungen und städtebauliche Mängel aufzeigen. Die wirtschaftliche Schwäche dieser Quartiere drückt sich in der Regel durch eine Kumulation ökonomischer Probleme aus, das heißt, in diesen Vierteln wohnen überdurchschnittlich viele SozialhilfeempfängerInnen, Arbeitslose, BezieherInnen von Wohngeld, Alleinerziehende und Alte. Rechtlich benachteiligt sind die BewohnerInnen dieser Orte dadurch, dass viele keinen deutschen Pass besitzen und auf wichtigen Ebenen von der politischen Partizipation ausgeschlossen sind. Auch kulturelle und soziale Einrichtungen sind kaum zu finden. Um ins Theater und Kino zu gehen oder an sonstigen kulturellen Angeboten teilzuhaben, muss man das Quartier verlassen. Es gibt z.B. nur wenige Kindergärten und Horte, zu wenig weiterführende und höhere Schulen, selten öffentliche Bibliotheken und weniger Ärzte als in anderen Stadtvierteln. Städtebauliche Mängel sind z.B. die dichte Bebauung, die schlechte Bausubstanz vieler Wohnungen, die zu dunklen Hinterhöfe oder die zu wenigen Grünanlagen in unmittelbarer Umgebung - die schlechte Wohnqualität.

Ist die systemische Inklusion der Individuen dermaßen lückenhaft, kann es zu sozialen Problemen kommen, die in der Lebenswelt sichtbar werden. Ist zudem die Anerkennung der lebensweltlichen Bezüge (der Kultur, der Identität) in den Quartieren gefährdet oder gar nicht gegeben, kann es entweder zu apathischen Zuständen, zu einem Rückzug ins Private oder auch zu Gewalt und Rassismus kommen. Andere BewohnerInnen versuchen möglicherweise, sich mittels verständigungsorientierter Diskurse in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen, eine Bürgerinitiative zu gründen oder auch an Stadtteilforen teilzunehmen und dort ihren Unmut über die Lage kundzutun. Ist das Medium Öffentlichkeit ebenfalls blockiert, gerät die Situation zumeist außer Kontrolle, die Alternativen werden noch geringer, es kommt verstärkt zu Kriminalität oder Apathie.


Fußnoten

10.
Vgl. hierzu Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 1 und 2, Frankfurt/M. 1988. Habermas hat den Bereich der verständigungsorientierten Diskurse der Lebenswelt zugerechnet. Aufgrund der besonderen Bedeutung dieses Bereichs für die Entwicklung der Städte ist er hier hervorgehoben.
11.
Vgl. hierzu Albrecht Göschel, Integration und Stadt, in: Deutsche Zeitschrift für Kommunalwissenschaften, (2001) 1, S. 5f.; Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von A. Göschel in dieser Ausgabe.
12.
Die Verbindung der drei Bereiche ist als ein Kreislauf zu verstehen. Die gesellschaftlichen Systeme prägen die Lebenswelt der Menschen. Wird diese Prägung von den Menschen als Problem empfunden, ist eine mögliche Reaktion die Bildung zivilgesellschaftlicher Assoziationen, in denen versucht wird, diese Probleme in die Öffentlichkeit zu tragen und im Rahmen deliberativer und partizipativer Verfahren Lösungen zu suchen. Die so entstehenden verständigungsorientierten Diskurse können dazu führen, dass die gesellschaftliche Prägung bestätigt oder kritisiert wird. Darüber wird sozialer Wandel erklärbar.

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