30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Titelkleingrau

1.7.2003 | Von:
Markus Ottersbach

Die Marginalisierung städtischer Quartiere in Deutschland

Zur Entstehung marginalisierter Quartiere

Der Marginalisierung geht der Prozess der Polarisierung voraus. Quartiere können erst dann verelenden, wenn zuvor eine Differenzierung bzw. eine Segregation stattgefunden hat. In unserem Fall ist dies zunächst die Polarisierung zwischen Städten. Zu unterscheiden ist deshalb eine Polarisierung zwischen bundesdeutschen Städten und zwischen Stadtquartieren.[13]

1. Die Polarisierung zwischen bundesdeutschen Städten
Mit Polarisierung ist vor allem das Auseinanderdriften von Orten in Bezug auf die bereits genannten Kriterien wirtschaftliche Lage, kulturelle Infrastruktur und soziale Probleme gemeint. Betroffen sind davon in erster Linie die bundesdeutschen Großstädte. Spätestens seit den siebziger Jahren beginnt eine Segregation der Städte, die in den achtziger Jahren durch regionale Krisen und Umstrukturierungsprozesse noch verstärkt wird. Ab 1987 stagniert diese Ausdifferenzierung, die Entwicklung verläuft dann auf hohem Niveau parallel.[14]

Bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war die Differenz in Bezug auf die wirtschaftliche Stärke zwischen dem Ruhrgebiet und den florierenden Städten im Süden der Republik besonders groß. In Frankfurt am Main war 1985 die Quote der Bauinvestitionen fast dreimal so hoch wie in Oberhausen. In Stuttgart und Frankfurt am Main entsprach die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in etwa der Einwohnerzahl. In Dortmund, Duisburg und Bochum stellen sich die Verhältnisse anders dar: Hier war die Einwohnerzahl doppelt so hoch wie die Anzahl der Beschäftigten. Eine vergleichbare Entwicklung gab es bei den Gewerbesteuereinnahmen. Während diese 1985 in München fast sieben Mal, in Frankfurt am Main mehr als acht Mal so hoch waren wie 1960, hatten sie sich in Duisburg, Bochum und Gelsenkirchen im selben Zeitraum gerade verdoppelt. Vergleichbare Ungleichheitsverhältnisse weisen diese Städte in Bezug auf die Arbeitslosenquote und die Kaufkraft in den Jahren 1985 bzw. 1986 auf.

Dieses Bild ändert sich erst langsam seit 1991, als die ersten Daten für Städte in den ostdeutschen Bundesländern vorgelegt wurden. Jetzt rangieren nicht mehr die Ruhrgebietsstädte am Ende der Skala, sondern die strukturschwachen Gebiete in Ostdeutschland. Zunächst war nur die Arbeitslosenquote in diesen strukturschwachen Regionen am höchsten, inzwischen gilt dies auch für die Sozialhilfedichte.

2. Die Polarisierung der Quartiere innerhalb der Städte
Die Polarisierung der Quartiere ist insbesondere in den Großstädten sehr stark. Als prägnantes Beispiel soll die Stadt Hamburg genannt werden, in der - proportional betrachtet - die meisten Millionäre und zugleich die meisten SozialhilfeempfängerInnen wohnen. In fast allen Großstädten findet man entsprechend sowohl sehr reiche Quartiere als auch sehr arme Viertel.

Als Gründe für diese Polarisierung innerhalb der Städte werden vor allem die Globalisierung der Arbeitsmärkte, der Wohnungsmangel, die Pflege des Wirtschaftsstandorts und die ethnisch bedingte Segregation erwähnt.[15] Mit der zunehmenden Globalisierung ist ein Wegfall einfacher Arbeitsplätze in der Bundesrepublik verbunden. Menschen, die nur eine geringe schulische und berufliche Qualifikation aufweisen, gehören deshalb zu den so genannten Globalisierungsverlierern. Auch der Wohnungsmarkt hat sich zu einer wichtigen Ursache für Armut und soziale Ungleichheit entwickelt. Falsche Bedarfsprognosen, eine Verknappungspolitik, die Bevorteilung der gewerblichen gegenüber der privaten Nutzung von Gebäuden in bestimmten städtischen Lagen und ungünstige Rahmenbedingungen für den Bau von Wohnungen (hohe Zinsen, hohe Baukosten etc.) führt Jens Dangschat als Ursachen für das Dilemma auf dem deutschen Wohnungsmarkt und die damit verbundene Segregation der Quartiere an.[16] Einen weiteren Grund für die Entstehung marginalisierter Viertel sieht Dangschat in der steigenden Konkurrenz der Städte um wirtschaftliche Güter bzw. Dienstleistungen. Insbesondere der Wettbewerb um moderne Industrien, Dienstleistungsbetriebe und zahlungskräftige Konsumenten veranlasst die Städte immer mehr dazu, ihre Investitionen an die Erfordernisse der lokalen Wirtschaft anzupassen. Dies verdeutlicht z.B. die Entwicklung der Innenstädte zu Büro- und Freizeitzentren mit horrenden Mieten, die nur noch finanzstarke Anbieter von Dienstleistungen aufbringen können. Wirtschaftsmanager, Bänker und Kommunalpolitiker ziehen dabei in der Regel am selben Strang. Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, werden deutliche Signale gefordert, was etwa die Höhe der Mieten in erstklassigen Bürolagen angeht, mit denen dann Werbung für den Standort betrieben wird.[17]

Auch die hohe Konzentration von Nicht-Deutschen wird als ein Grund für die Vernachlässigung dieser Quartiere genannt. Anfängliche, später aber wieder aufgehobene Zugangsbeschränkungen für MigrantInnen bei öffentlich geförderten Wohnungen und eine einseitige Belegungspolitik haben die Segregation und die räumliche Konzentration von Nicht-Deutschen in wenig attraktiven Wohnvierteln gefördert; ihre Folgen sind heute noch zu spüren.

3. Von der Polarisierung zur Marginalisierung
Von der Polarisierung zur Marginalisierung ist es nur ein kleiner Schritt. Wird das Stadtbild in Bezug auf die genannten Kriterien der ökonomischen Inklusion, der politischen Partizipation und der kulturellen und sozialen Anerkennung sehr heterogen und wird diese Entwicklung noch medial aufbereitet und verstärkt, bleibt eine Marginalisierung bestimmter Quartiere nicht aus. Deren BewohnerInnen sind dann derart stigmatisiert, dass allein schon ihr Wohnort einen ausreichenden Grund für ihre Diskriminierung darstellt. Allein der Name des Stadtteils bewirkt dann eine berufliche oder soziale Ablehnung. Schon in der Schule oder sogar im Kindergarten entscheiden Wohnorte mit über das Ansehen der Kinder. Die Karrieren vieler BewohnerInnen marginalisierter Quartiere verlaufen deshalb in sehr engen Bahnen.

Ein besonderer Fall von Marginalisierung liegt dann vor, wenn das Quartier zusätzliche Stigmatisierung erfährt. Diese kann durch die Wissenschaft, die Verwaltung oder die Politik geleitet sein und über die Medien in die Öffentlichkeit transportiert werden. Besonders verheerend sind solche negativen Einflüsse von außen, wenn sich das Quartier von innen nahezu alleine stabilisieren könnte.


Fußnoten

13.
Von dem marginalisierten Quartier zu sprechen, verkennt jedoch die Vielfalt. Deshalb ist es wichtig, zwischen verschiedenen Typen marginalisierter Quartiere zu unterscheiden. Dabei kann man grob zwischen mindestens fünf Typen differenzieren, auch wenn sich die Bewohnerschaft zwischen den einzelnen Quartieren - strukturell betrachtet - nicht sonderlich unterscheidet (zur Typologie marginalisierter Quartiere und deren Problematik vgl. Markus Ottersbach, Das Leben in marginalisierten Quartieren in der BRD, in: Helmut Karpe/ders./Erol Yildiz, Urbanität zwischen Zerfall und Erneuerung, Köln 2001 S. 108ff.).
14.
Vgl. Jens Dangschat, Entwicklung sozialer Problemlagen als Herausforderung für die soziale Stadt, in: Walter Hanesch (Hrsg.), Überlebt die soziale Stadt? Konzeption, Krise und Perspektiven kommunaler Sozialstaatlichkeit, Opladen 1997, S. 89f.
15.
Vgl. ebd., S. 88ff.
16.
Vgl. ebd., S. 95.
17.
Ein prägnantes Beispiel ist die Werbung um den Wirtschaftsstandort Köln mit dem neuen KölnTurm. So argumentiert der Wirtschaftsdezernent der Stadt Köln, Karl O. Fruhner, dass die Höhe der Miete des KölnTurms ein wichtiges Signal für die Weiterentwicklung bestimmter Standorte ist: "Wir brauchen sie (die hohen Mieten, d. Verf.), um in drei bis vier Jahren im Rechtsrheinischen richtig landen zu können." Der Generalbevollmächtigte der Hypothekenbank Essen AG, Eigentümerin des KölnTurms, fügt hinzu: "Köln muss weg von den Billigmieten bei den Büroimmobilien." Ansonsten könne die Stadt im internationalen Wettbewerb nicht mithalten. (Zitate entnommen aus: Kölner Stadtanzeiger vom 30.05.2001.)

Dossier

Megastädte

Die Welt wird Stadt: Erstmals leben mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Und 2005 zählten die Vereinten Nationen zum ersten Mal 20 Megastädte weltweit. Das Dossier stellt nach und nach alle 20 vor und erschließt Hintergründe der Verstädterung.

Mehr lesen