Titelkleingrau

1.7.2003 | Von:
Markus Ottersbach

Die Marginalisierung städtischer Quartiere in Deutschland

Zwei Entwicklungsszenarien für marginalisierte Quartiere

Die Entwicklung marginalisierter Quartiere verläuft nicht immer einheitlich. In mancherlei Hinsicht gibt es durchaus Zeichen einer deutlichen Verbesserung der Lebens- und Wohnqualität. Diese findet man hauptsächlich in den Vierteln, die von sozioökonomischen Umbrüchen betroffen waren und aufgrund eines Gentrifikationsprozesses[18] den Status eines marginalisierten Quartiers ablegen konnten. Gelingt die Aufwertung, identifiziert sich die Bevölkerung stärker mit ihrem Viertel. Zugleich wird jedoch in einigen Quartieren eine Verbesserung verhindert oder gar blockiert. Anhand zweier verschiedener Entwicklungsszenarien soll einerseits die Aufwertung und andererseits die weitere Abwertung marginalisierter Quartiere dargestellt werden.

1. Die Aufwertung eines ehemals marginalisierten Viertels am Beispiel des Severinsviertels in der Kölner Südstadt
Das Severinsviertel im Herzen der Südstadt von Köln galt lange Zeit als ein so genanntes marginalisiertes Quartier.[19] Im Zuge der Industrialisierung hatten sich dort viele kleinere Unternehmen angesiedelt. Die Bevölkerung, vor allem ArbeiterInnen und HandwerkerInnen, zog nach; es entstand eine sehr dichte Wohnbebauung. Da die Südstadt im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde, änderte sich an der vorhandenen Bebauungsstruktur bis weit in die Nachkriegszeit wenig. Insbesondere für junge Familien waren die vorhandenen Wohnverhältnisse jedoch völlig ungeeignet. Es gab nur sehr wenige Grünflächen, und die Infrastruktur war schlecht. Auch fehlte es an Kindergärten, Altenheimen und Erholungsmöglichkeiten.

Aus einer Dokumentation der Stadt Köln[20] geht hervor, dass im Laufe der siebziger Jahre erste Untersuchungen zu diesen Problemen entstanden. Von Seiten der Stadt wurde schließlich ein Sanierungskonzept entworfen, das der Prämisse "Erhaltung und Stärkung des Severinsviertels als relativ preisgünstiges Wohngebiet mit hoher funktionaler Mischung, gemischter Sozialstruktur und typischem Milieu und Stadtbild" folgte.

Mit dem Ziel der Sanierung der Häuser führte die Stadt mit den betreffenden Hausbesitzern Gespräche und informierte sie über mögliche Unterstützungsmaßnahmen. Dabei konnten die Hausbesitzer entweder öffentliche Fördermittel in Anspruch nehmen und Sozialwohnungen bauen oder eine privatfinanzierte Modernisierung wählen und die Kosten später - entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen - auf die Miete umlegen. Im Zuge der Sanierung wurden Häuser abgerissen, deren Renovierung sich nicht mehr lohnte, und das alte Gebäude der inzwischen in Köln-Porz angesiedelten Fabrik der Firma Stollwerck wurde nach zähen Auseinandersetzungen mit Hausbesetzern demontiert. Zahlreiche Häuser wurden saniert, bis dahin fehlende kulturelle und soziale Einrichtungen gebaut, Verkehrsstraßen beruhigt und begrünt und neue Grünanlagen und Kinderspielplätze geschaffen.

Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts war die Bürgerbeteiligung: Es gab eine Informations- und Beratungsstelle, öffentliche Veranstaltungen wurden durchgeführt und in einem eigens eingerichteten Forum konnten die BügerInnen aus dem Viertel die Konzepte einsehen. Es wurde ein Sanierungsbeirat gegründet, an dem 15 BürgerInnen mit unterschiedlichem sozialen Status, verschiedenen Alters und unterschiedlicher Nationalität beteiligt waren. Dieser hatte die Aufgabe, den Rat der Stadt Köln zu beraten. Seine Mitglieder konnten Anfragen stellen und über die Bezirksverwaltung Anträge in den Rat einbringen.

Das Viertel wurde stark aufgewertet, so dass sich die Atmosphäre verbesserte und der Wohnwert und die Lebensqualität enorm anstiegen. Trotz zahlreicher Sanierungs- und Umbaumaßnahmen konnte der Mietpreis relativ stabil gehalten werden, so dass kaum Menschen gezwungen waren, das Quartier zu verlassen. Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist in etwa gleich geblieben. Zahlreiche neue Betriebe, Läden und Geschäfte sind entstanden, die das Flair des Viertels erheblich verbessert haben. Insgesamt ist hier ein bereits vorher bestehendes multikulturelles Viertel bewahrt worden, obwohl das Äußere des Stadtteils teilweise nicht mehr wieder zu erkennen ist.

2. Die weitere Abwertung eines marginalisierten Viertels durch Stigmatisierung: das Beispiel des Keupstraßenviertels in Köln-Mülheim
Auch das Keupstraßenviertel in Köln-Mülheim durchlief im Laufe der Zeit mehrfach Marginalisierungsprozesse. Zunächst war es ein reines Arbeiterquartier gewesen. Hier wohnten die Beschäftigten der umliegenden Fabriken, insbesondere der Firma Felten & Guillaume. Es gab eine ganze Reihe Einzelhandelsgeschäfte, kleinere Handwerksbetriebe und natürlich Arbeiterwohnungen. In den fünfziger und sechziger Jahren zogen die ersten MigrantInnen in das Viertel. Erst später, im Zuge der Rezession und als die inzwischen heruntergekommenen Häuser nicht mehr den Ansprüchen der deutschen Bevölkerung entsprachen, zogen immer mehr Deutsche entweder ganz aus Mülheim fort oder in benachbarte Siedlungen. Die Wohnungen und Geschäfte wurden von den damaligen HausbesitzerInnen nicht saniert, sondern gleich an die zugezogenen MigrantInnen vermietet, teilweise sogar an sie verkauft. So nahm sowohl die Wohn- als auch die Geschäftsbevölkerung mit Migrationshintergrund im Quartier deutlich zu.

Einige BewohnerInnen vertraten in Interviews die Auffassung, dass das Viertel blüht.[21] Es ist zu einem großen Teil verkehrsberuhigt, der überwiegende Teil der Häuser saniert, es gibt zahlreiche kleine Geschäfte (Reisebüros, Juweliere, Kaffeehäuser, Imbissbuden, Restaurants, Gemüseläden) und Handwerksbetriebe. Mit einem Wort - hier hat sich ein echtes Szeneviertel etabliert.

Die Stimmung im Viertel ist jedoch geteilt. Schon seit Jahren existiert eine so genannte Interessengemeinschaft (IG) Keupstraße, deren Mitglieder sich über den hohen Anteil der "ausländischen" Bevölkerung beklagen: Inzwischen wohnten zu viele MigrantInnen hier, so dass die kulturelle Identität der deutschen Bevölkerung bedroht sei. Zudem gäbe es zu viel Lärm, zu viel Schmutz und zu viel Verkehr.

Auch im öffentlichen Diskurs, vor allem in den Zeitungen und im Rundfunk, wurde lange Zeit vor allem ein negatives Bild des Viertels vermittelt: Es war die Rede von "massenhafter und illegaler Einwanderung", von Drogen, Kriminalität und Gewalt. Nicht zuletzt aufgrund der Initiative dieser Interessengemeinschaft haben das Bezirksamt Mülheim, die Stadt Köln und das Land Nordrhein-Westfalen eine Dokumentation über die Situation des Viertels publiziert, welche die Berichterstattung der Medien und auch der im Viertel wohnenden Deutschen abbildet.[22] Die alltägliche Situation oder die Schwierigkeiten der MigrantInnen kommen darin jedoch nicht zur Sprache. Stattdessen ist von "Problemen", "Konflikten" und "Auswirkungen, Konsequenzen und Bewältigung der Einwanderung" die Rede. Dabei werden auch einige methodische Probleme offenbar: Obwohl mehr als 50 Prozent der Bevölkerung MigrantInnen sind, wurden diese in der Dokumentation nicht berücksichtigt, und obwohl sie inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung dieses Viertels stellen, wird so getan, als ob die IG Keupstraße die Stimmung aller BewohnerInnen wiedergibt. Die Dokumentation der Stadt Köln nimmt die Argumente der IG Keupstraße und der Medien auf und reproduziert deren Vorurteile. Die Folgen dieser Stigmatisierung sind nicht zu unterschätzen: Sie produziert oder verschärft zumindest Konflikte. So entsteht der Eindruck, dass die Stadt, das Bezirksamt und auch das Land NRW als Auftraggeber nur hinter der deutschen Bevölkerung stehen und sich um die - in diesem Fall sogar - Mehrheit der BewohnerInnen dieser Straße nicht kümmern. Anstatt die Situation der Bevölkerung offen zu legen, zementiert die Dokumentation die tatsächliche soziale Ungleichheit, Diskriminierung, fehlende Partizipation, indem sie diese Schwierigkeiten regelrecht vertuscht bzw. sich auf Probleme wie Verkehr, Lärm und Schmutz konzentriert und die Verursacher ausschließlich in der eingewanderten Bevölkerung ausfindig macht.

Mit Hilfe der Labeling-Theorie[23] könnte man aufzeigen, dass die Stigmatisierung der "primären Devianz" (dies wären in diesem Beispiel die aufgrund der ökonomischen, rechtlichen und sozialen Ungleichheit entstehenden abweichenden Verhaltensweisen der eingewanderten Bevölkerung) eine "sekundäre Devianz" provozieren kann (dies wäre die Inkorporation der von außen erfolgten Schuldzuweisung, die zu verstärkter Apathie und Resignation oder Gewalt und Kriminalität führen kann).


Fußnoten

18.
Der Gentrifikationsprozess ist von Blasius und Dangschat als Form der Verdrängung alteingesessener Bevölkerungsgruppen durch jüngere, besser ausgebildete und meist mit höherem Einkommen versehene Haushalte in innenstadtnahen Wohngebieten beschrieben worden (vgl. Jörg Blasius/Jens Dangschat, Gentrification. Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel, Frankfurt/M. 1990).
19.
Vgl. hierzu Fritz Sack, Stadtgeschichte und Kriminalsoziologie, in: Klaus Lüderssen/ders., Seminar Abweichendes Verhalten I: Die selektiven Normen der Gesellschaft, Frankfurt/M. 1982, S. 302, 309.
20.
Vgl. Stadt Köln (Hrsg.), Stadterneuerung. Die Sanierung des Severinsviertels 1974 - 1997. Eine Dokumentation, Köln (o.J.).
21.
Vgl. Ilka Flören, Über Konfliktpotentiale in multikulturellen Stadtquartieren am Beispiel der Keupstraße in Köln-Mülheim, unveröffentlichte Diplomarbeit, Köln 2000.
22.
Vgl. Stadt Köln u.a. (Hrsg.), Veränderungsprozesse und Konfliktebenen in der Keupstraße. Dokumentation, Köln (o.J.).
23.
Vgl. hierzu z.B. Edwin M. Lemert, Der Begriff der sekundären Devianz, in: K. Lüderssen/F. Sack (Anm. 19), S. 433ff.

Dossier

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Die Welt wird Stadt: Erstmals leben mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Und 2005 zählten die Vereinten Nationen zum ersten Mal 20 Megastädte weltweit. Das Dossier stellt nach und nach alle 20 vor und erschließt Hintergründe der Verstädterung.

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