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Titelkleingrau

1.7.2003 | Von:
Markus Ottersbach

Die Marginalisierung städtischer Quartiere in Deutschland

Schlussfolgerungen und Perspektiven

Das Beispiel des Severinsviertels in Köln verdeutlicht, dass auch marginalisierte Quartiere aufgewertet werden können. Gerade in solchen Quartieren findet man aufgrund des Engagements der Bevölkerung und zielgerichteter politischer und ökonomischer Maßnahmen eben auch die positiven Errungenschaften postmoderner Gesellschaften wieder.

Das Beispiel des Keupstraßenviertels in Köln-Mülheim zeigt, dass eine von außen gesteuerte Stigmatisierung bereits begonnene positive Prozesse (Sanierung, Entstehung kleiner Unternehmen, Realisierung kultureller Vielfalt) beeinträchtigen oder sogar blockieren kann.

Klaus Ronneberger, Stephan Lanz und Walther Jahn[24] haben nachgewiesen, dass solche Stigmatisierungsprozesse keine Einzelfälle sind. Die diskursive Verschränkung von Verwahrlosung, Gewalt, hohem Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und Armut lässt sich in vielen Berichten über marginalisierte Quartiere erkennen. Zu solchen einseitigen, überpointierten und Angst einflößenden Schreckensszenarien tragen sowohl die Medien und die Wissenschaft als auch die Politik bei. Ein großes Problem ist, dass solche - aus publizistischen, wissenschaftlichen und politischen Aspekten bestehenden - "Verstärkerkreisläufe"[25] auch die Legitimation für repressive und ausgrenzende ordnungspolitische Maßnahmen liefern können, um die als "gefährlich" etikettierten Orte zu befrieden, wie es Ronneberger/Lanz/Jahn aufgezeigt haben. Deshalb ist es wichtig, Stigmatisierungsprozesse dieser Art unbedingt zu vermeiden, die sog. "Selbsterhaltungskräfte"[26] der ansässigen Bevölkerung zu fördern und für ein ausgewogenes Bild der Quartiere in der Öffentlichkeit zu sorgen. Dies kann nur gelingen, wenn die gesamte Bevölkerung in Erhebungs- und auch in Gestaltungsprozesse einbezogen wird. Gibt die Stadtplanung dagegen vor, doch "alles besser zu wissen als die Betroffenen", lässt sie einen Teil der Bevölkerungsmeinung außer Acht und riskiert, dass sich nur die Interessen einer Gruppe durchsetzen und darüber hinaus - wie in diesem Fall geschehen - eine Stigmatisierung des Quartiers erfolgt.

Richtet man den Blick nun auf die Perspektiven marginalisierter Quartiere in bundesdeutschen Städten, dann müsste man zunächst einmal genau schauen, inwiefern die Menschen von Marginalisierung betroffen oder bedroht sind, wie sie sich mit ihrer Situation arrangieren und vor allem welche Maßnahmen sie selbst ergreifen, um ihren Alltag erträglich zu gestalten und sich gegen diese Marginalisierung zu wehren.

Damit wird eine in der modernen Ethnographie[27] schon längere Zeit diskutierte und praktizierte Methodologie angewandt, bei der nicht über oder für die Betroffenen gesprochen wird, sondern mit ihnen. Kultur ist dann nicht mehr als etwas Fixes oder Fixierbares aufzufassen, sondern als etwas Prozesshaftes, Flexibles und Veränderbares, das für sich selbst spricht und nicht der Repräsentation bedarf.

Sind die Stärken der Menschen in diesen Quartieren bekannt und bleiben Stigmatisierungen aus, können in einem zweiten Schritt wirkungsvolle Konzepte erschlossen werden, um eine Segregation bzw. eine Marginalisierung städtischer Wohnviertel zu verhindern. Hier ist erstens an Konzepte zur Verbesserung der sozioökonomischen Inklusion, zweitens an eine Erhöhung der kulturellen Anerkennung und drittens an einen Ausbau der politischen Partizipation der QuartiersbewohnerInnen auf kommunaler Ebene zu denken. Wie sich am Beispiel der Keupstraße in Köln gezeigt hat, wird im Rahmen von Hilfe zur Selbsthilfe schon versucht, die ökonomische Inklusion durch die Ansiedlung zahlreicher kleiner Unternehmen zu verbessern. Dadurch kann Arbeitslosigkeit bereits reduziert werden. Sicherlich sind solche Betriebe kein Allheilmittel. Deshalb müssen v. a. weitere Bildungsangebote und eine frühe und nachhaltige Förderung von SchülerInnen möglichst ohne spezifische, auf benachteiligte Gruppen beschränkte, wiederum stigmatisierende Maßnahmen initiiert werden. Zudem sollte in ausreichendem Maße preisgünstiger Wohnraum in möglichst vielen Quartieren vorhanden sein, um die Segregation zu verhindern. Auch die kulturelle Anerkennung sollte erhöht werden, indem kulturelle Vielfalt endlich als ein positiver Wert aufgefasst und im Alltag gelebt wird. Vor allem gilt es, Kultur als einen Prozess aufzufassen, nicht als etwas Statisches. Verschiedene Kulturen müssen als eine Bereicherung interpretiert werden. Die Anerkennung verschiedener Lebensstile sollte im Zeitalter der Globalisierung und der Postmoderne nicht mehr ein unumgängliches Problem darstellen. Last but not least sollte politische Partizipation z.B. durch Stadtteilkonferenzen oder -foren forciert werden. Solche Beteiligungsmöglichkeiten können nachweislich zu einer verbesserten Integration der Zielgruppen beitragen. In Stadtteilforen können Wünsche der BewohnerInnen gegenüber der Stadt artikuliert, realistische Veränderungsmöglichkeiten diskutiert, aber auch Konflikte zwischen den BewohnerInnen thematisiert und gelöst werden. Gefragt ist hier allerdings weniger ein an egoistischen Interessen als vielmehr ein an der "Verantwortung für die Gesamtheit der Stadtgesellschaft"[28] orientiertes bürgerschaftliches Engagement.


Fußnoten

24.
Vgl. Klaus Ronneberger/Stephan Lanz/Walther Jahn, Die Stadt als Beute, Bonn 1999, S. 82f.
25.
Vgl. Sebastian Scheerer, Der politisch-publizistische Verstärkerkreislauf. Zur Beeinflussung der Massenmedien im Prozeß strafrechtlicher Normgenese, in: Kriminologisches Journal, 10 (1978) 10.
26.
Vgl. P. Bourdieu (Anm. 9).
27.
Vgl. hierzu Martin Fuchs/Eberhard Berg, Phänomenologie der Differenz. Reflexionsstufen ethnographische Repräsentation, in: Eberhard Berg/Martin Fuchs, Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischer Repräsentation, Frankfurt/M. 1995, S. 72.
28.
Vgl. hierzu Helga Fassbinder: Die Produktion der Zukunft - Stadtplanung in der Zivilgesellschaft, in: K. M. Schmals/H. Heinelt (Anm. 7), S. 203 (kursiv i. Orig.).

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