30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Titelkleingrau

28.12.2005 | Von:
Dirk Halm
Martina Sauer

Parallelgesellschaft und ethnische Schichtung

Parallelgesellschaft und Integration

Thomas Meyer schlägt fünf Indikatoren für die Existenz parallelgesellschaftlicher Strukturen in Migrantencommunities vor:[3]

  • ethno-kulturelle bzw. kulturell-religiöse Homogenität;
  • nahezu vollständige lebensweltliche und zivilgesellschaftliche sowie weitgehende Möglichkeiten der ökonomischen Segregation;
  • nahezu komplette Verdopplung der mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen;
  • formal freiwillige Segregation;
  • siedlungsräumliche oder nur sozial-interaktive Segregation, sofern die anderen Merkmale alle erfüllt sind.
Diese Definition legt die Messlatte für das Vorliegen parallelgesellschaftlicher Strukturen ausgesprochen hoch. Auch ohne empirische Prüfung kann man davon ausgehen, dass Parallelgesellschaften von Zuwanderern zumindest in Deutschland in diesem Sinne nicht existieren. Die Möglichkeiten zur Segregation sind hier, gemessen an den oben formulierten Kriterien, doch eher begrenzt, insbesondere was die Bildung alternativer Institutionen der Migrantengesellschaft betrifft. Eine Operationalisierung dieser Indikatoren ist aber für eine dynamische Betrachtung sinnvoll: Gibt es eine Entwicklung hin zur oder weg von der Parallelgesellschaft?

Wie verhält sich die oben gegebene Definition von Parallelgesellschaften zur Zuwandererintegration? Meyers Definition fokussiert die Form, das "Wie" des Zusammenlebens, weniger die Frage, ob die Form des Zusammenlebens (oder Getrenntlebens) mit einer sozialen, ökonomischen und kulturellen Benachteiligung der Minoritätengruppe einhergeht. Damit umfasst der Begriff der Parallelgesellschaft nur einen Ausschnitt dessen, was durch Integration bzw. Desintegration beschrieben wird, insbesondere indem er den Umfang der sozialen und wirtschaftlichen Teilhabe ausblendet. Diese Teilhabedimension muss aber berücksichtigt werden, wenn es um die Einschätzung der gesellschaftlichen Folgen von Parallelgesellschaften geht, da sie der wohl wichtigste Bestandteil gesellschaftlicher Integration ist.

Die Migrationsforschung hat eine Reihe von Modellen entwickelt, welche die Integration von Zuwanderern beschreiben sollen. Verbunden mit diesen Konzepten sind jeweils spezifische Theorien des Integrationsverlaufs. Trotz einer Fülle unterschiedlicher Modelle lassen sie sich auf zwei Grundtypen reduzieren: Entweder werden mögliche Integrationsverläufe im Spannungsfeld von Akkulturation (also die Übernahme kultureller Standards der Aufnahmegesellschaft) und gesellschaftlicher Teilhabe verortet oder aber durch die Nähe oder Distanz zur Herkunfts- bzw. Aufnahmecommunity beschrieben.[4] Die Integrationsverläufe, die sich aus den beiden Modellen ergeben, beruhen entsprechend auf unterschiedlichen Annahmen:

Sind etwa bei Wilhelm Heitmeyer Inklusion - also die Möglichkeit gleichberechtigter Teilhabe bei Aufrechterhaltung kultureller Differenz - und Assimilation (also die Erreichung gleichberechtigter Teilhabe bei Aufgabe der Herkunftskultur) zumindest theoretisch gleichwertige Alternativen, weil Handlungsorientierungen und Teilhabechancen als zumindest theoretisch-konzeptionell unabhängig voneinander aufgefasst werden,[5] ist die Annahme bei Hartmut Esser eine grundsätzlich andere. Empirisch gelingt nachhaltige Sozialintegration nur auf der Grundlage assimilativer Muster, genauer: Erfolgreiche Prozesse der Akkulturation, Platzierung, Interaktion und der Identifikation sind interdependent. Insbesondere die erfolgreiche Platzierung kann eigentlich nur in der Aufnahmegesellschaft stattfinden, da die ethnische Community keine adäquaten Platzierungen in hinreichender Zahl bietet. Dies setzt jedoch Akkulturation und ein Mindestmaß an Interaktion voraus, womit im Anschluss auch die Identifikation mit der neuen Heimat verbunden sein sollte.

In der ethnischen Community laufen die Minoritäten vielmehr zunehmend Gefahr, sich in ethnische Mobilitätsfallen zu begeben, in denen sie höchstens schlechte und mittelmäßige Platzierungen erreichen können. Die "Entkopplung" insbesondere von Kulturations- und Platzierungsprozessen ist bei Esser nicht vorgesehen.[6]

Speziell für integrationspolitische Schlussfolgerungen, die aus den beiden Modellen abgeleitet werden können, sind diese Unterschiede sehr bedeutend - und für die Einschätzung der Folgen der Etablierung parallelgesellschaftlicher Strukturen für die Teilhabechancen derjenigen, die ihr angehören. Es stellt sich, anders formuliert, die Frage nach der Zwangsläufigkeit der Entstehung ethnischer Schichtung[7] in multikulturellen Gesellschaften. Empirische Befunde zu Deutschland sprechen bisher für eine solche Zwangsläufigkeit. Zum Beispiel hat Robert Kecskes die sozialen Netzwerke türkeistämmiger Jugendlicher in Köln untersucht. Im Ergebnis stellt er eine ausgeprägte, im Jungerwachsenenalter noch zunehmende ethnische Schließung fest, innerhalb derer sich allerdings sehr unterschiedliche Einstellungen, Lebensstile und Identitäten etabliert haben.[8] Letztendlich bestehe aber für die Mehrheit der jungen Erwachsenen das Problem der Beschränkung auf das Positionierungssystem der eigenen Community, das im Vergleich zur Aufnahmegesellschaft nur marginale Platzierungen ermöglicht. Die türkischen Jugendlichen sind in der Mehrheit nicht assimiliert, in keinem Wortsinn. Kecskes misst, wie auch Esser, den "ethnischen Mobilitätsfallen"[9] große Bedeutung zu, da "das ethnische Positionssystem weniger differenziert ist als das Positionssystem der Aufnahmegesellschaft und dieses unterschichtet (... und) schneller das obere Ende erreicht (ist), das jedoch (...) noch immer einer marginalen Stellung entspricht."[10]

Auch Wolfgang Glatzer zeigt in seiner Studie zum Integrationsstand von Jugendlichen mit italienischem und türkischem Migrationshintergrund, dass die sozialstrukturelle (Erwerbsbeteiligung, Haushaltseinkommen, Abiturientenquote, Wohneigentumsquote) und die sozialkulturelle Partizipation (deutsche Sprachkenntnisse, deutscher Medienkonsum, Fremdheitsempfinden) eng verknüpft zu sein scheinen und gleichgerichtet verlaufen.[11]


Fußnoten

3.
Vgl. Thomas Meyer, Parallelgesellschaft und Demokratie; in: ders./Reinhard Weil (Hrsg.), Die Bürgergesellschaft. Perspektiven für Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation, Bonn 2002, S. 343 - 372.
4.
Vgl. etwa Wilhelm Heitmeyer/Wolfgang Kühnel/Rainer Strobel, Junge Aussiedler zwischen Assimilation und Marginalität. Abschlussbericht an das Ministerium für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport NRW, Düsseldorf 1999, S. 5; Faruk Sen/Martina Sauer/Dirk Halm, Integration oder Abschottung? Zur Situation türkischer Zuwanderer in Deutschland, in: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik, (2001) 5, S. 214. Zum Begriff der Akkulturation vgl. insbesondere John W. Berry, Acculturation and Adaption in a New Society, in: International Migration, 30 (1992), S. 69 - 85; Bernhard Nauck/Anja Steinbach, Intergeneratives Verhalten und Selbstethnisierung von Zuwanderern. Gutachten für die Unabhängige Kommission "Zuwanderung", 2001; Hartmut Esser, Integration und ethnische Schichtung, ebd.
5.
Vgl. W. Heitmeyer/W. Kühnel/R. Strobel (Anm. 4), S. 5.
6.
Vgl. H. Esser (Anm. 4), S. 35 - 36 und S. 63.
7.
Nach H. Esser, Aspekte der Wanderungssoziologie, Darmstadt-Neuwied 1980. Ethnische Schichtung bezeichnet das Vorliegen systematischer vertikaler sozialer Ungleichheiten zwischen ethnischen Gruppen bei gleichzeitiger Gleichheit der Gruppen in sozialstruktureller Hinsicht.
8.
Vgl. Robert Kecskes, Die starken Gründe unter sich zu bleiben. Zur Begründung und Entstehung ethnisch homogener sozialer Netzwerke unter türkischen Jugendlichen, in: Zeitschrift für Türkeistudien, (2001) 1/2, S. 180.
9.
Vgl. Norbert F. Wiley, The Ethnic Mobility Trap and Stratification Theory, in: Peter I. Rose (Hrsg.), The Study of Society. An Integrated Anthology, New York 19733, S. 400 - 411.
10.
R. Kecskes (Anm. 8), S. 180.
11.
Vgl. Wolfgang Glatzer, Integration und Partizipation junger Ausländer vor dem Hintergrund ethnischer und kultureller Identifikation. Ergebnisse des Integrationssurveys des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung (BiB), in: Materialien zur Bevölkerungswissenschaft, (2004) 105 c, S. 47 f.

Dossier

Megastädte

Die Welt wird Stadt: Erstmals leben mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Und 2005 zählten die Vereinten Nationen zum ersten Mal 20 Megastädte weltweit. Das Dossier stellt nach und nach alle 20 vor und erschließt Hintergründe der Verstädterung.

Mehr lesen