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Titelkleingrau

28.12.2005 | Von:
Dirk Halm
Martina Sauer

Parallelgesellschaft und ethnische Schichtung

Die Integrationsperspektive der Angehörigen von Parallelgesellschaften

Wie verteilen sich die beschriebenen Merkmale aber auf die Individuen in der türkischen Community in NRW? Inwiefern haben einzelne Gruppen tatsächlich so etwas wie parallele Subgesellschaften gebildet? Um die Angehörigen einer türkischen Parallelgesellschaft zu identifizieren und so ihre Integrationsperspektive zu untersuchen, mussten für die hier verwendeten Indikatoren Grenzwerte festgelegt werden, jenseits derer die Befragten als segregiert oder nicht segregiert definiert werden.[15]

Die Datenanalyse zeigt, dass nur eine kleine Gruppe von einem Prozent mit Blick auf alle fünf Indikatoren der Parallelgesellschaft die definierten Segregationsgrenzwerte überschreitet. Knapp 4 Prozent liegen bei vier und knapp 18 Prozent bei drei Bereichen über diesen Werten. Ein Drittel überschreitet in zwei Bereichen und ebenso viele in einem Bereich die Grenze zur Segregation. Gut jeder zehnte türkeistämmige Migrant ist hinsichtlich keines der Merkmale segregiert (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version).

Diejenigen Befragten, die in drei oder mehr Bereichen die Grenzwerte überschreiten, wurden anschließend in einer Gruppe, die als potenziell segregiert gelten kann, zusammengefasst, diejenigen, die in zwei oder weniger Bereichen die Grenzwerte überschreiten, zur Gruppe der nicht Segregierten. Daraus ergibt sich ein Anteil von 77,5 Prozent, der als nicht segregiert gelten kann, und ein Anteil von 22,5 Prozent, der als tendenziell segregiert einzustufen ist - bzw. vermehrt parallelgesellschaftliche Strukturen ausbildet.

In der Gruppe der tendenziell in parallelgesellschaftlichen Strukturen Lebenden sind Migranten ab 60 Jahre und solche mit schlechten Deutschkenntnissen deutlich überrepräsentiert. Betrachtet man die Zusammenhangsmaße, so besteht der stärkste Zusammenhang zwischen Segregation und Deutschkenntnissen sowie Segregation und der beruflichen Stellung. Aber auch das Alter und die Aufenthaltsdauer, das Land des Schulbesuchs und die formale Schulbildung in Deutschland, die berufliche Stellung und das Haushaltseinkommen sind hier zu nennen. Das Geschlecht spielt hingegen kaum ein Rolle.

Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil derjenigen, die in mindestens drei der fünf Bereiche parallelgesellschaftliche Tendenzen aufweisen. Besonders groß und mit deutlichem Abstand zur nächstjüngeren Gruppe ist der Anteil der ab 60-Jährigen. Entsprechend sind Angehörige der ersten Generation überproportional häufig unter den Segregierten zu finden, aber auch die als Erwachsene nachgereisten Ehepartner der zweiten Generation sind hier überrepräsentiert, wodurch sich der Alterszusammenhang verwischt. Angehörige der zweiten Generation, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind, sind seltener unter den Angehörigen der Parallelgesellschaft zu finden (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version).

Am sichtbarsten ist der Zusammenhang von Segregation und Deutschkenntnissen. Bei sehr oder eher schlechten Kenntnissen der deutschen Sprache ist die Wahrscheinlichkeit, in parallelgesellschaftlichen Strukturen zu leben, deutlich größer als bei guten oder sehr guten Sprachkenntnissen. Einfluss auf die Tendenz zum Leben in Parallelgesellschaften haben aber auch das formale Bildungsniveau, das in Deutschland erworben wurde, sowie die berufliche Stellung. Migranten, die nur eine geringe formale Bildung aufweisen oder als Arbeiter tätig sind, sind häufiger unter den Segregierten anzutreffen als Migranten mit hohem Bildungsniveau und Angestellte. Entsprechend sind Migranten mit einem niedrigen Einkommen eher dazu prädestiniert, sich in parallelgesellschaftlichen Strukturen zu bewegen, als Migranten mit einem höheren Einkommen.


Fußnoten

15.
Folgende Merkmale wurden für die Bereiche als Segregationskennzeichen definiert: Religion: sehr und eher religiös; Lebenswelt: nie und selten Freizeitbeziehungen zu Deutschen; Zivilgesellschaft: Organisation ausschließlich in türkischen Vereinen; Freiwilligkeit von Segregation: keine Diskriminierungserfahrung; Wohnraum: Leben in Vierteln mit überwiegend türkischer Bevölkerung.

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