Titelkleingrau

15.5.2006 | Von:
Marc Bose
Peter Wirth

Gesundschrumpfen oder Ausbluten?

Die Region um die Kleinstadt Johanngeorgenstadt in Sachsen zählt zu den deutschen Extremschrumpfungsgebieten. Wohnungsleerstand, die Schließung von Schulen und leere Kassen belasten die Kommunen. Gibt es auch die Möglichkeit, sich gesund zu schrumpfen?

Einleitung

Johanngeorgenstadt schrumpft. 1990 hatte die Kleinstadt im Erzgebirge an der tschechischen Grenze 9.000 Einwohner. Ende 2004 waren es nur noch 5.600. Johanngeorgenstadt schrumpft also sehr schnell: Während der Freistaat Sachsen im selben Zeitraum nur 10 Prozent seiner Einwohner verloren hat, waren es in der ehemaligen Bergbaustadt 39 Prozent! Eine selbst erstellte Prognose geht von einer weiteren Abnahme auf 3.800 Einwohner bis zum Jahr 2016 aus. Damit gehört die Region Johanngeorgenstadt zu den Extremschrumpfungsgebieten in Ostdeutschland.

Während Wissenschaft und Politik die Folgen des "demographischen Wandels" erst seit Ende der neunziger Jahre offen diskutiert haben, war in Johanngeorgenstadt und den umgebenden Gemeinden bereits Mitte der neunziger Jahre klar, dass es abwärts gehen würde, und zwar nicht nur mit der Einwohnerzahl.

In anderen Regionen wurde zu dieser Zeit noch eine politische Diskussion darüber geführt, ob es legitim sei, leerstehende Gebäude abzureißen; in der Johanngeorgenstädter Region war der Abriss bereits in vollem Gange. Ein stagnierender Fremdenverkehr, der Zusammenbruch der größten Industriebetriebe und das Ausbleiben von Investoren runden das Bild von der schrumpfenden Region ab.

Die sächsische Landesplanung reagierte seinerzeit rasch auf das heranreifende Problem. Zunächst erstellte man mit staatlicher Förderung ein städtebauliches Entwicklungskonzept für Johanngeorgenstadt. Als klar wurde, dass dessen Umsetzung durch die im Zuge des Bergbaus entstandenen Umweltschäden nicht möglich sein würde, setzte sich die sächsische Landesplanung erfolgreich dafür ein, das Bundesmodellvorhaben "Sanierungs- und Entwicklungsgebiete" in der Region um Johanngeorgenstadt durchzuführen mit dem Ziel, die Entwicklungshindernisse zu überwinden und damit die Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen.[1] Bedingung war seinerzeit, dass sich die Städte und Gemeinden um Johanngeorgenstadt zu einem Kooperationsverbund zusammenschlössen. Dieser hat bis heute Bestand und firmiert unter dem Namen Zentrales Erzgebirge um Johanngeorgenstadt. Als dieses erste gemeinsame Vorhaben zu Tage brachte, dass die Region mit der Lösung der Probleme überfordert wäre, wurde ein weiteres Modellprojekt mit dem Namen "Umbau von Siedlungsstrukturen unter Schrumpfungsbedingungen" initiiert, das 2005 abgeschlossen wurde.[2] Mit den Forschungsarbeiten waren erste Umsetzungsschritte verbunden. Obwohl das Problem auch dadurch nicht gelöst werden konnte, gibt es nun relativ klare Zielvorstellungen für das gemeinsame Handeln der Kommunen, die in einer so genannten Integrierten Regionalen Anpassungsstrategie (INRAS) dargelegt sind. Probleme, Handlungsoptionen und Entwicklungsschwerpunkte des Zentralen Erzgebirges werden im Weiteren dargestellt.

Fußnoten

1.
Gefördert durch das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Zu den Ergebnissen siehe Bernhard Müller/Jörg Rathmann/Peter Wirth, Sanierungs- und Entwicklungsgebiet. Modellvorhaben in einer ehemaligen Uranbergbauregion, Berlin 2000.
2.
Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Zu den Ergebnissen siehe Peter Wirth/Marc Bose (Hrsg.), Schrumpfung an der Peripherie. Ein Modellvorhaben und was Kommunen daraus lernen können, München 2006.

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