Titelkleingrau

9.3.2007 | Von:
Herbert Schubert
Holger Spieckermann
Katja Veil

Sicherheit durch präventive Stadtgestaltung

Sicherheit und Stadtgestaltung in Deutschland

Um die Stadtentwicklung unter Sicherheitsgesichtspunkten konstruktiv zu unterstützen, wird seit einigen Jahren auch in Deutschland für einen räumlich ausgerichteten Handlungsansatz der städtebaulichen Kriminalprävention - als Alternative zu rein technischen Mechanismen des Überwachens - plädiert.[9] § 1 Abs. 5 Nr. 1 BauGB bietet einen Ansatzpunkt dafür; es heißt dort: "Bei der Aufstellung der Bauleitpläne sind insbesondere zu berücksichtigen 1. die allgemeinen Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse und die Sicherheit der Wohn- und Arbeitsbevölkerung." In der kommunalen Planungspraxis wird dieses Gebot fast ausschließlich auf die Verkehrssicherheit bezogen. Obwohl das Planungs- und Baurecht für die Schaffung sicherer Siedlungen genutzt werden kann, werden z.B. Nutzungsfestlegungen, städtebauliche Gebote oder die Regelung städtebaulicher Entwicklungsmaßnahmen für kriminalpräventive Ziele kaum ausgeschöpft.

Nach dem Leitbild der präventiven Stadtgestaltung sollen menschliches Verhalten im Raum positiv beeinflusst und kritische Verhaltensweisen oder Ereignisse verhindert werden. Unter der Bewohnerschaft von Wohnquartieren wird durch städtebauliche, architektonische und freiraumarchitektonische Planungen, die Sichtachsen, Transparenz und Blickbeziehungen im öffentlichen und halböffentlichen Raum einen hohen Stellenwert einräumen, die informelle (d.h. "natürliche") soziale Kontrolle gefördert. Weitere Ziele sind eine moderate Belebung des Wohnumfeldes, Vermeidung großflächiger Monostrukturen der Zwischenstadt, eine kleinteilige Gliederung des Siedlungsraums und eine hohe Aufenthaltsqualität durch ansprechende Gestaltungsmuster. Über begleitende Partizipationsprozesse wird angestrebt, dass Bewohnerinnen und Bewohner sich in nachbarschaftlichen Kontakten engagieren und mehr Verantwortung im öffentlichen und halböffentlichen Raum übernehmen.[10]

Anders als in den angelsächsischen Ländern - wie z.B. Großbritannien und USA - wurde das Modell der situativen Prävention in Deutschland nicht eng geführt übernommen. Denn im Kontext der langen Tradition der "Sozialpolitik" genießt die soziale Prävention in Deutschland einen hohen Stellenwert. Der Schwerpunkt liegt hier traditionell auf der sozialen Prävention, die beispielsweise dem kommunalen sowie wohnungswirtschaftlichen Belegungsmanagement und der sozialpädagogischen Integration einen hohen Stellenwert einräumt. Der situative und der sozialpolitische Ansatz wurden daher in Deutschland auf mehreren Handlungsebenen zum umfassenden Präventionsansatz ISIS integriert:[11]
    ISIS-Modell der präventiven Stadtgestaltung:

    Integrationsmaßnahmen
    Im Zentrum - auf der mikrosozialen Ebene - stehen sozialpädagogische Präventionsansätze zur Integration und Aktivierung gefährdeter Personen und Personengruppen.

    Sozialmanagement
    Auf dieser Ebene ist die Belebung der Nachbarschaften wichtig, damit eine natürliche, d.h. informelle soziale Kontrolle entstehen kann. Wenn beispielsweise die Wohnbevölkerung vom Sozialmanagement der Wohnungsgesellschaften aktiviert und beteiligt wird, stabilisieren sich Sicherheit fördernde Kräfte im Wohnumfeld.

    Intermediäre Kooperation
    Auf der korporativen Ebene entwickelt sich aus der Zusammenarbeit zwischen Professionellen, Organisationen und Institutionen ein präventives Milieu im Wohnquartier und im Stadtteil. Exemplarisch sind hier kommunale Präventionsräte, aber auch Netzwerke zwischen Polizei, Wohnungswirtschaft und Stadtplanung zu nennen.

    Städtebauliche Gestaltung
    Diese Ebene bezieht sich auf den gesamten Siedlungsraum. Nach dem situativen Präventionsansatz kommt es hier darauf an, den städtischen Raum so zu gestalten, dass Tatgelegenheiten minimiert und Angst erzeugende Bereiche planerisch ausgeschlossen werden.
Insgesamt ist das ISIS-Modell durch eine konzentrische Bündelung der Maßnahmen gekennzeichnet. Der Ansatz deckt sich mit Erkenntnissen, nach denen die Wirksamkeit von Kriminalprävention bei integrierten Programmansätzen besonders günstig ausfällt, weil mehrere Maßnahmen und Ebenen komplementär ineinander greifen.[12]

Sicherheitsgefühle werden auf den Ebenen vermittelt durch: (a) Bekanntheit und Kontakte der Nutzer im Raum; (b) koordiniertes Handeln korporativer Akteure; (c) zeitnahe Intervention bei Regelverletzungen; (d) Wert symbolisierendes Material und Image fördernde Gestaltung; (e) verträgliche Mengen/Frequenzen durchlaufender Nutzungen; (f) Gewährleistung von Ordnung und Sauberkeit; und (g) Signale der Identifikation und Verantwortlichkeit.

Soziale Kontrolle in der städtischen Umwelt wird durch folgende Faktoren begünstigt: (a) Induzierung von Belebtheit ...; (b) Ausgestaltung von Sichtachsen zur Sicherung von Blickbeziehungen ...; (c) Transparenz/Übersichtlichkeit der Nahräume ..., (d) hinreichende Orientierung im Siedlungsraum ...; (e) Zonierung und Grenzlinien zur Markierung sozialer Ansprüche im Raum ...; (e) Gelegenheiten zur personalisierten Verantwortung für Territorien bzw. Teilräume im Wohnumfeld und (f) gute Belichtung des öffentlichen Raums zu Tages- und Nachtzeiten.

Initiativen zur Implementierung von Maßnahmen der präventiven Stadtgestaltung gehen in Deutschland vor allem von den Bundesländern und Kommunen aus. Folglich sind unterschiedliche Ansatzpunkte der Kriminalprävention entwickelt worden. In einem Sachstandsbericht des schleswig-holsteinischen Innenministeriums scheint als "roter Faden" der präventiven Strategie durch, einerseits eine Kooperation zwischen Polizei und Stadtplanung zu institutionalisieren und andererseits Bürgerverantwortung in präventiven Räten zu aktivieren. Folgende Ergebnisse lassen sich besonders herausstellen:[13]
    Baden-Württemberg hat im Jahr 2000 eine Checkliste zur städtebaulichen Kriminalprävention entwickelt. Die städtebauliche und wohnungswirtschaftliche Kriminalprävention soll durch Leitbilder und zu entwickelnde Verfahren implementiert werden. So wurde das Themenfeld "Kriminalprävention" in die Ausschreibungen des Programms "Soziale Stadt" integriert. Damit ein Stadtteil Fördergelder aus dem Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" beantragen kann, ist auch eine Stellungnahme der örtlichen Polizeidirektion notwendig. Auf der Ebene der Polizeidirektionen bzw. Landkreise wurden Ansprechpartner für das Thema "Städtebauliche Kriminalprävention" benannt. Es wurde ein Fortbildungskonzept für den Bereich "Städtebauliche Kriminalprävention" entwickelt und in Seminaren mit Polizeibeamten und Vertretern aus Kommunen und Landkreisen umgesetzt. Im Jahr 2005 fand ein Fachsymposium mit 120 Architekten, Stadtplanern und Vertretern der Polizei statt.

    Niedersachsen hat im Jahr 2002 die Handreichung "Sicheres Wohnquartier - gute Nachbarschaft" herausgegeben,[14] die zur Grundlage des Modellvorhabens "Sicheres Wohnen ist planbar" geworden ist. Das Landeskriminalamt entwickelte ein praxistaugliches Verfahren zur Berücksichtigung von kriminalpräventiven Aspekten im Städtebau. Das Vorhaben wurde von einer Lenkungsgruppe begleitet, der die zuständigen Landesministerien, Wissenschaftler sowie Vertreterinnen und Vertreter der Wohnungswirtschaft, der Polizei und der beteiligten Kommunen angehörten. Die Umsetzung erfolgte in den Jahren 2004 bis 2006 in ausgewählten Bau- und Planungsvorhaben von drei niedersächsischen Städten. Im 2005 wurde eine "Sicherheitspartnerschaft im Städtebau" zwischen den beteiligten Ministerien, den Polizeibehörden, dem Landespräventionsrat, einschlägigen Berufs- und Fachverbänden des Planungsbereiches sowie Forschungs- und Bildungseinrichtungen unterzeichnet.

    In Nordrhein-Westfalen hat das Landeskriminalamt im Jahr 2000 ein Handbuch "Städtebauliche Kriminalprävention" für die Polizeiinspektionen erarbeitet. In fünf Städten werden Modellvorhaben zur Kooperation von Kommunen, Wohnungsgesellschaften und Polizei bei städtebaulichen Projekten durchgeführt. In 46 Kreispolizeibehörden gibt es direkte Ansprechpartner zur Kriminalprävention. Der Landespräventionsrat hat eine Reihe von Informationsveranstaltungen und Workshops[15] durchgeführt sowie Leitfäden herausgegeben.[16] Das Institut für Aus- und Fortbildung der Polizei NRW führt seit Jahren Fortbildungskurse für Polizeibeamte durch.

    In Rheinland-Pfalz wurde der Leitfaden "Städtebau und Kriminalprävention" flächendeckend an alle Kommunen verteilt. Im Jahr 2005 wurde vom Landeskriminalamt ein Seminar durchgeführt, um die Leitungen von Polizei- und Kriminalinspektionen mit dem Modell der präventiven Stadtgestaltung vertraut zu machen und für Kooperationen mit der Wohnungswirtschaft und kommunalen Fachbereichen für Stadtplanung vorzubereiten.

    In Schleswig-Holstein gibt es keine landesweiten Initiativen, aber punktuelle lokale Kooperationen in Einzelvorhaben mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen. Zum Thema Städtebau und Prävention wurden 2004 und 2005 zwei Informationsveranstaltungen durchgeführt. Weitere Aktivitäten und Tagungen beziehen sich überwiegend auf den Bereich Sicherheitstechnik.

    In Hamburg wurde 2006 eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die die systematische Beteiligung der Polizei an verkehrs- und städtebaulicher Prävention initiieren soll. 2005 hat die Tagung "Kriminalprävention für die wachsende Stadt" einen Impuls für die Kooperation zwischen der Planungsbehörde, der Wohnungswirtschaft und der Polizei gegeben.[17]
Diese Beispiele verdeutlichen, dass in vielen Bundesländern Initiativen zur Institutionalisierung der städtebaulichen Kriminalprävention im Gange sind. Die Thematik wird über ein Marketing wie die Veranstaltung von Tagungen und die Verbreitung von Informationsbroschüren multipliziert. Die Länder Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit dem Thema und haben bereits organisatorische Strukturen geschaffen, um eine Kultur der städtebaulichen Kriminalprävention langfristig zu etablieren.

Seit Anfang der 1990er Jahre wurden acht Landespräventionsräte und ca. 2000 kommunale Präventionsgremien in Deutschland gegründet.[18] Die kommunalen Präventionsräte leisten die Vernetzungsarbeit zwischen den professionellen Akteuren im Stadtteil und gelten als geeignetes Instrument für den Wissens- und Informationstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis auf der lokalen Ebene.[19] Andererseits werden diese Vernetzungspotenziale auf der kommunalen Ebene noch nicht ausreichend ausgeschöpft. Da Präventionsräte freiwillige Initiativen repräsentieren und demokratisch nicht legitimiert sind, besitzen sie keine Handlungsbefugnisse und können die Bürgerschaft nur begrenzt aktivieren.

Fußnoten

9.
In Niedersachsen hat das Landeskriminalamt in den Jahren 2004/2005 in drei Städten in Zusammenarbeit mit den örtlichen Ämtern für Stadtplanung Modellvorhaben der städtebaulichen Kriminalprävention durchgeführt. Vgl. auch Niedersächsisches Innenministerium (Hrsg.), Sicheres Wohnquartier - Gute Nachbarschaft, Kriminalprävention im Städtebau und bei der Wohnungsbewirtschaftung, Hannover 2002; Zentrale Geschäftsstelle Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (Hrsg.), Städtebau und Kriminalprävention - eine Broschüre für die planerische Praxis, Stuttgart 2004.
10.
Vgl. Anna Brassard, Integrating the Planning Process and Second-Generation CPTED, in: The CPTED-Journal, (2003) 2, S. 46 - 53.
11.
Vgl. Herbert Schubert (Hrsg.), Sicherheit durch Stadtgestaltung: Städtebauliche und wohnungswirtschaftliche Kriminalprävention, Köln 2005, S. 59
12.
Vgl. Dieter Rössner/Britta Bannenberg/Marc Coester, Empirisch gesicherte Erkenntnisse über kriminalpräventive Wirkungen, Gutachten für die Landeshauptstadt Düsseldorf, Marburg-Düsseldorf 2001.
13.
Vgl. Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein, Landeskriminalamt, Zentralstelle Polizeiliche Kriminalprävention, Sachstandsbericht Kriminalprävention im Städtebau "Soziale und sichere Stadt - Sozialraum-Management", Kiel 2006.
14.
Niedersächsisches Innenministerium (Anm. 9).
15.
Z. B. Landespräventionsrat Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Sicherheit durch Gestaltung der Städte, Dokumentation einer Fachtagung mit der Fachhochschule Köln, Düsseldorf 2005.
16.
Z. B. Landespräventionsrat Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Kommunale Kriminalprävention, Ein Leitfaden zur Planung, Durchführung und Evaluation kriminalpräventiver Projekte, Düsseldorf 2004.
17.
Kriminalprävention für die "Wachsende Stadt". Dokumentation der Fachveranstaltung am 17.11.2005 in der bahrena Hamburg, hrsg. v. Bezirksamt Hamburg-Altona, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt der Hansestadt Hamburg und Polizei Hamburg 2005.
18.
Vgl. Verena Schreiber, Regionalisierung von Unsicherheit in der Kommunalen Kriminalprävention, in: Georg Glasze/Robert Pütz/ Manfred Rolfes (Hrsg.), Diskurs - Stadt - Kriminalität. Städtische (Un-)Sicherheiten aus der Perspektive von Stadtforschung und Kritischer Kriminalgeographie, Bielefeld 2005, S. 59 - 103, hier S. 66.
19.
Vgl. Henning van den Brink, Kommunale Kriminalprävention, Mehr Sicherheit in der Stadt? Eine qualitative Studie über kommunale Präventionsgremien, Frankfurt/M. 2005, S. 101ff.