Titelkleingrau

9.3.2007 | Von:
Herbert Schubert
Holger Spieckermann
Katja Veil

Sicherheit durch präventive Stadtgestaltung

Sicherheit und Stadtgestaltung in Großbritannien

Eine gesetzliche Grundlage für die Verankerung von kriminalpräventiven Aspekten in der britischen Stadtplanung bietet der Crime and Disorder Act von 1998. Durch diesen sind Gemeinden und Kommunen in Großbritannien dazu verpflichtet, jede Planung auf kriminalpräventive Aspekte hin zu überprüfen. Durch dieses Gesetz wurde Kriminalprävention zur verbindlichen Aufgabe der Kommunen, wobei an dieser Aufgabe alle relevanten öffentlichen Träger teilhaben müssen. Mit dem Ziel der Übertragung der Kriminalprävention auf andere Akteure als das Justizsystem und die Polizei sollte einerseits eine Entlastung dieser Akteure, zum anderen aber auch eine bessere Ausschöpfung der öffentlichen Ressourcen erfolgen. In welcher Form die Gemeinden dabei auf städtebauliche Maßnahmen zurückgreifen, bleibt jedoch weitgehend unbestimmt. Die Initiative für die Sicherung von gebauten Strukturen durch Gestaltung wird trotz des Gesetzes weiterhin eher von den Polizeibehörden und nicht von den Planungsbehörden getragen. Dafür wurden so genannte liaison officers geschult, welche bei Bauvorhaben beratend tätig werden.

Zusätzlich zu diesen Bemühungen, am Prozess des Planungsverfahrens beratend mitzuwirken, entwickelte sich aus der polizeilichen Arbeit heraus eine Initiative, das Projekt der städtebaulichen Kriminalprävention auf einem weiteren Weg zu fördern. Secured by Design (SCB) lautet das entwickelte Produkt, mit dem das Ziel verfolgt wird, das Baugewerbe anzuregen, Wohngebäude und städtebauliche Strukturen unter Berücksichtung von Sicherheitskriterien zu planen und zu implementieren. Dabei werden Wohngebäude und andere gebaute Strukturen nach festgelegten Kriterien überprüft, und gegebenenfalls wird ein SCB-Zertifikat ausgestellt. Die Ziele, die dabei berücksichtigt werden sollen, sind die Reduktion von Tatgelegenheiten, die Verbesserung des Sicherheitsempfindens und allgemein die Planung von sicheren und robusten städtebaulichen Strukturen. Secured by Design ist ein Label, das Eigentum der Association of Chief Police Officers (ACPO) ist und sowohl vom Innenministerium als auch dem für Planung zuständigen Ministerium unterstützt wird.[20]

Das SCB-Label findet vor allem bei Versicherungen Beachtung und bietet indirekte Anreize, den Marktwert der Immobilie zu erhöhen. Durch die polizeiliche Initiative wurde einerseits ein Schwerpunkt auf Gestaltungsfragen im Rahmen der Kriminalprävention gelegt, andererseits wurden dabei jedoch Elemente der situativen Kriminalprävention und der städtebaulichen Gestaltung nicht aufgegriffen, denn der Fokus von SCB konzentriert sich weitgehend auf die technischen Aspekte der Sicherung von Gebäuden, etwa durch geeignete Türen, Fenster oder auch Alarmanlagen. Diese relativ direkten und effizienten Möglichkeiten der Sicherung von Gebäuden decken jedoch weder das Spektrum der situativen Kriminalprävention noch das der städtebaulichen Gestaltung ab. Die Stadtplanung wurde dabei kaum integriert.

Seit dem Bericht der Urban Task Force Towards an Urban Renaissance im Jahr 2000 und der darauf aufbauenden nationalen Planungsstrategie ist die Stärkung der Wohn- und Lebensqualität in urbanen Bereichen auch zu einem Ziel der britischen Planung erklärt worden.[21] Dabei wurde die objektive und subjektive "Sicherheit" als ein Merkmal der Attraktivität und damit im weiteren Sinne auch der sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit erfasst. Dies gab der aus der polizeilichen Kriminalprävention stammenden städtebaulichen Kriminalprävention neue Impulse. Die Initiative, Sicherheitsaspekte in die Planung aufzunehmen, erhielt dadurch einen neuen politischen Stellenwert. Damit veränderte sich jedoch auch der Zielfokus; es ging nicht mehr um die Entlastung des Justizsystems durch situative Kriminalprävention, sondern um die Nutzungsqualität und die Wertigkeit der gebauten Strukturen. Unter gemeinsamer Leitung des Home Office, des britischen Innenministeriums, des Design Councils und des Departments of Trade and Industry wurde die Forschungsinitiative Design against Crime (DAC) initiiert. Dabei wurde das Potenzial von Planung in eine umfassendere Perspektive gestellt und vor allem als Gestaltungsprozess aufgegriffen. Das Ziel von DAC ist bisher vor allem das Sammeln von guten Beispielen, die dann zur Erzeugung von Lernprozessen veröffentlicht werden. [22]

Design against Crime versteht sich als ein Forschungsprojekt, das durch die Qualifizierung von Designern und Architekten Sicherheitsaspekte in die Planung einbringen will. Vielversprechend ist, dass dieser Ansatz im Denken und Handeln des Gestaltens verankert ist, was es ermöglicht, ein verbessertes interdisziplinäres Verständnis zu entwickeln und zugleich neue innovative Wege zu gehen. Feste Gestaltungsvorgaben erwiesen sich in den kreativen Disziplinen bisher als wenig durchsetzungsfähig. Das Aufzeigen von guten Beispielen und das Offenhalten von Wegen, die zur Lösung führen, entsprechen der Idee von Gestaltung besser. DAC versucht in dieser Hinsicht junge Designer durch Wettbewerbe zu ermutigen, kreativ mit dem Thema "Sicherheit" zu arbeiten. Um die Sensibilität für dieses Thema zu erhöhen, wird weniger Wert auf Gestaltungsregeln gelegt, sondern in der Ausbildung von Designern vermittelt, auch Verantwortung für die soziale Wirkung von Produkten zu übernehmen - so genanntes "socially responsible design".

Fußnoten

20.
Vgl. ACPO, Secure by Design Principles, www.securedbydesign.com/guides, Stand 2004.
21.
Vgl. DETR, Our Towns and Cities: The Future - Delivering an Urban Renaissance (The Urban White Paper), London 2000; DETR, Towards an urban renaissance: final report of the Urban Task Force, London 1999.
22.
Vgl. Stephen Town/Caroline Davey/Andrew Wootton, Design against Crime. Secure urban environments by design. Guidance for the design of residential areas, Salford 2003.