Titelkleingrau

9.11.2005 | Von:
Peter Kolbe

Staatlichkeit im Wandel am Beispiel der Kriminalprävention

Community Policing und kommunale Kriminalprävention

Das aus den USA stammende Konzept des Community Policing kann charakterisiert werden als "gemeinsame Anstrengung zwischen der Polizei und der Gemeinde, um Probleme der Kriminalität und Unordnung zu identifizieren, wobei alle Akteure der Gemeinde Lösungen für Probleme suchen. Es basiert auf engen, von gegenseitigem Nutzen geprägten Beziehungen zwischen der Polizei und Mitgliedern der Gemeinde."[7] Der Bedeutungsgewinn, den Community Policing als polizeiliches Konzept zur Bekämpfung und Vorbeugung von Kriminalität und Kriminalitätsfurcht in den letzten zwei Jahrzehnten erfahren hat, kann auf eine Vielzahl von Faktoren zurückgeführt werden. So war in den USA eine Gemengelage vorhanden, die dem Konzept enormen Auftrieb verlieh. Diese bestand vor allem aus den folgenden Elementen: Problemdruck, wissenschaftlichen Erkenntnissen und den notwendigen Ressourcen zur Umsetzung.

Problemdruck: Insbesondere in den urbanen Zentren der USA nahm die Kriminalität zu, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung verschlechterte sich, worauf die Behörden reagieren mussten. Die bisherigen Bemühungen um Veränderung zeichneten sich vor allem durch einen polizeiinternen Fokus aus. Es ging vornehmlich darum, Interventionszeiten zu verkürzen und die Einsätze effizienter zu organisieren.

Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse: Zwei Studien aus den USA können als wesentliche Hintergrundtheorien des Community Policing angesehen werden.

  • Herman Goldstein beschrieb 1979 in einem Aufsatz das oben genannte Problem der Beschäftigung der Polizei mit sich selbst.[8] Er kam zu dem Schluss, die Polizei müsse sich wieder verstärkt auf ihre eigentlichen Ziele ausrichten. Sie solle sich, im Sinne einer problemorientierten Arbeit, an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, für die sie tätig ist.
  • James Wilson und George Kelling befassten sich drei Jahre nach Goldstein mit der Frage nach den Auswirkungen der Unsicherheit der Bürgerinnen und Bürger.[9] Sie stellten fest, dass neben Kriminalität auch das Unsicherheitsgefühl einen wesentlichen Einfluss auf das Sicherheitsempfinden der Menschen hat. Dabei spielen Faktoren wie Unordnung oder Verwahrlosung eine große Rolle, da hierdurch ein Signal zunehmender Gefährdung ausgestrahlt wird. In der Folge kann eine Kettenreaktion eintreten, bei der die Bürgerinnen und Bürger unsichere Gebiete meiden und zusätzlich Kriminelle angezogen werden.

    Ressourcen: Einen besonderen Schub erhielt Community Policing in den USA durch ein 1994 erlassenes Gesetz - den Community Policing Act -, das beträchtliche finanzielle Mittel für die Förderung des Community Policing auf der lokalen Ebene zur Verfügung stellte.

    Die genannten Faktoren führten dazu, dass bereits bestehende Elemente einer lokal bezogenen Polizeiarbeit noch verstärkt wurden. Die Polizei wurde sichtbarer. Eine verstärkte Präsenz und Kommunikation zwischen den Beteiligten vor Ort trug dazu bei, das Sicherheitsempfinden der Bürgerinnen und Bürger sowie die Zufriedenheit mit der Polizeiarbeit zu erhöhen.

    Daher lässt sich Community Policing durch die folgenden Zusammenhänge charakterisieren:

    Erstens: Im Rahmen des Community Policing wird Kriminalprävention in einer grundsätzlichen Form in Angriff genommen. Nicht nur das Begehen von Straftaten soll verhindert und verfolgt werden. Vielmehr geht es auch darum, soziale Zustände zu verhindern, aus denen Gefahren für die kommunale Sicherheit erwachsen können. Es sind vor allem Probleme, wie sie in sozialen Brennpunkten auftreten. Sie bilden den zentralen Ansatzpunkt für die Arbeit im Rahmen des Community Policing und werden idealerweise gelöst, bevor Kriminalität entsteht.

    Zweitens: Wesentlich für das Erkennen und die Bearbeitung derartiger Tatbestände ist die Zusammenarbeit verschiedener Akteure. Nicht mehr die Polizei allein ist der handelnde Akteur bei der Lösung sicherheitsrelevanter Probleme. Vielmehr sind diverse Akteure (zum Beispiel Stadtverwaltungen, Wirtschaftsvereine oder spezifische Interessengruppen) eingebunden, welche Informationen liefern oder an der Beseitigung von Missständen mitwirken. Dabei handelt es sich - im Idealfall - um eine durch gegenseitigen Nutzen geprägte Zusammenarbeit.

    Drittens: Die Lösung von Problemen der Kriminalität und Kriminalitätsfurcht weist einen engen Bezug zum jeweiligen örtlichen Umfeld auf. Insbesondere in den städtischen Räumen ist die Beziehung zwischen Kriminalität und räumlicher Struktur evident. So gibt es in Großstädten nicht selten bestimmte Stadtteile oder Straßenzüge, die von der übrigen Stadtbevölkerung gemieden werden ("no-go areas").

    Zur Lösung von Sicherheitsproblemen kommen also proaktive, interaktive Maßnahmen lokal vernetzter Akteure zum Einsatz. Hierin spiegeln sich die Entgrenzung und Enthoheitlichung des Staates wider. Sinnbildlich gesprochen ist es nicht mehr der Leviathan, der als Monopolist für die Wahrung von Sicherheit und Gemeinwohl auftritt. Ursachen hierfür sind in der zunehmenden Komplexität der zu lösenden Probleme im Bereich der öffentlichen Sicherheit und Ordnung und der gegenseitigen Abhängigkeiten der Akteure zu sehen. Community Policing trägt dieser Entwicklung Rechnung. Sicherheit und Sicherheitsempfinden werden somit zu einer Aufgabe, die zwischen verschiedenen Akteuren angesiedelt ist und dementsprechend neue Handlungsformen und -strategien verlangt. Dies zeigt sich auch in den Zielen, die generell mit Community Policing erreicht werden sollen:

  • Reduktion von Kriminalität und Unsicherheitsgefühlen (objektive und subjektive Sicherheit),
  • Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen der Bürgerschaft und der Polizei und
  • Erhöhung der Lebensqualität.

    Mit den genannten Zielen sind Community Policing und kommunale Kriminalprävention in bestimmter Hinsicht deckungsgleich. Kriminalprävention bedeutet vorrangig die Vorbeugung und Verhinderung von Straftaten und ist dabei nicht nur auf staatliche Akteure beschränkt. Nach einer längeren Anlaufzeit wurden mit Beginn der neunziger Jahre in Deutschland auf allen drei Staatsebenen die ersten kriminalpräventiven Initiativen und Gremien ins Leben gerufen. Bemerkenswert daran ist die zunehmende Bedeutung eines verstärkten präventiven Vorgehens. Besondere Popularität kommt der Verankerung derPräventionsarbeit auf der kommunalen Ebene zu. Kommunale Kriminalprävention, sofern sie lediglich auf Kriminalität und strafrechtlich relevante Handlungen fokussiert ist, stellt im Vergleich zum Community Policing ein engeres Konzept dar. Letztgenanntes zeichnet sich gerade dadurch aus, auch Handlungen und Zustände zu thematisieren, die das Sicherheitsempfinden betreffen, selbst wenn sie nicht durch das Strafrecht erfasst werden.

    Um auf diese lokalen Bedürfnisse und Herausforderungen reagieren zu können, ist eine Dezentralisierung innerhalb der Polizei und anderer Behörden notwendig, damit vor Ort zweckmäßig reagiert werden kann. Beispielsweise können in einzelnen Stadtteilen Büros eingerichtet und Ansprechpartner definiert werden, die in der Lage sind, Bedürfnisse vor Ort aufzuspüren, aufzunehmen und geeignete Maßnahmen einzuleiten. Eine solche Charakterisierung impliziert zugleich, dass es sich nicht um eine Einzelmaßnahme handelt. Vielmehr verkörpert es eine Philosophie, aus der sich die Konsequenzen für das Handeln der Polizei insgesamt ableiten lassen.[10] Daher ist es unumgänglich, dieses Konzept der präventiven, lokal vernetzten Polizeiarbeit herunterzubrechen. Nur eine differenzierte, den lokalen Problemen und Bedürfnissen angepasste Polizeiarbeit wird helfen können, gemeinsame Lösungen zu erkennen und umzusetzen. Damit werden veränderte Anforderungen an die Polizei gestellt, die ihnen nur dann entsprechen kann, wenn sich ihre bisherige Struktur und Kultur wandelt.[11]

    Deutlich wird dies, wenn die beiden Konzepte und die damit verbundenen Veränderungen idealtypisch miteinander verglichen werden (Siehe Abbildung der PDF-Version):[12]

    Die Gegenüberstellung zeigt, dass mit der Implementierung von Community Policing ein umfassender Wandel der Polizeiarbeit einhergeht. Ebenfalls wird deutlich, dass beide Formen polizeilicher Arbeit oft konträr zueinander stehen. Auf der Ebene der Konzepte mag dies insofern sinnvoll sein, als der Charakter des Community Policing geschärft und die Bedeutung für einen Wandel herausgestrichen wird. Die traditionelle Polizeiarbeit war auf die Bekämpfung der Kriminalität ausgerichtet. Demgegenüber ist der Ansatz des Community Policing maßgeblich durch präventive Elemente gekennzeichnet, die ebenfalls das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung adressieren. Daher korrespondieren die gewachsene Bedeutung des Sicherheitsempfindens der Bürgerinnen und Bürger und ein verstärktes kriminalpräventives Tätigwerden der Polizei miteinander.

    Die Forderung nach mehr Polizei scheiterte und scheitert oft an den leeren Kassen der öffentlichen Hand. Darüber hinaus garantieren quantitativ mehr Polizei und ein repressiveres Vorgehen nicht immer eine bessere Problemlösung. Vor diesem Hintergrund gewinnen präventive Elemente an Bedeutung:[13] Der Vorbeugung von Straftaten und sie begünstigender Faktoren kommt eine gewachsene Bedeutung zu, der jedoch der Staat nicht mehr allein gerecht werden kann. Die Aktivierung nicht-staatlicher Akteure stellt ein Wesensmerkmal des Community Policing dar und ist zugleich ein wesentlicher Erfolgsfaktor.


  • Fußnoten

    7.
    Übersetzt nach: Community Policing Consortium, About Community Policing, in: http://www. communitypolicing.org/about2.html (23.8. 2005).
    8.
    Vgl. Herman Goldstein, Improving Policing: A Problem-Oriented Approach, in: Crime & Delinquency, 25 (1979) 2, S. 236 - 258.
    9.
    Vgl. James Q. Wilson/George L. Kelling, Broken Windows. The police and neighborhood safety, in: The Atlantic Monthly, 249 (1982) 3, S. 29 - 38.
    10.
    Vgl. Thomas Feltes, New Philosophies in Policing, in: Police Studies, 17 (1994) 2, S. 29 - 48.
    11.
    Diese Aussage kann keine universelle Gültigkeit beanspruchen. In den USA sind Elemente des Community Policing integrale Bestandteile der Polizeiarbeit. In Deutschland ist dieser Prozess nicht so weit fortgeschritten.
    12.
    Vgl. Regine Sauter/Kuno Schedler/Werner Schäfer, Forschungsprojekt Urbane Sicherheit (Schlussbericht), in: Konferenz der Städtischen Polizeidirektorinnen und Polizeidirektoren KSPD (Hrsg.), Community Policing. Modelle für eine vernetzte Polizeiarbeit in der Schweiz, Zürich 2005.
    13.
    Sowohl die Forderung nach mehr Polizei als auch nach mehr repressiven Maßnahmen kann auch als Irrglaube bezeichnet werden. Vgl. Thomas Feltes, "Community Policing" - ein polizeipolitisches Modellfür Europa?, in: Janos Fehervary/Werner Stangl (Hrsg.), Regionalisierung und Internationalisierung der Sicherheitsexekutive, Wien 2001.