Titelkleingrau

26.5.2002 | Von:
Heidede Becker
Rolf-Peter Löhr

"Soziale Stadt" - Ein Programm gegen die sozialräumliche Spaltung in den Städten

Ein Programm gegen die sozialräumliche Spaltung in den Städten

Raumbezug des Programms: Quartier und Gesamtstadt

Vorausetzung für den Einsatz von Mitteln der Städtebauförderung - und das gilt damit auch für das Programm "Soziale Stadt" - ist die Ausweisung von Gebieten. Das steht teilweise im Widerspruch zu stadtsoziologischen Analysen, die einen rapiden Bedeutungsverlust des Raums als eines konstituierenden Elements für soziales Handeln und die alltäglichen Lebenszusammenhänge feststellen. Vor allem das Vordringen der neuen Informationstechnologien führe zu Lebens- und Handlungsvollzügen, die sich einem Raumzusammenhang entzögen. Entscheidend seien heute vielmehr zweckorientierte und weitgehend raumungebundene Netzwerke [21] . Empirisch gesichert ist jedenfalls, dass als Folge des wirtschaftlichen Strukturumbruchs und gesellschaftlichen Wertewandels sozialräumliche Konzentrationsprozesse in Stadtquartieren stattfinden. In diesen Gebieten der "sozialen Ausgrenzung" kumulieren Belastungen und Benachteiligungen; es handelt sich nicht nur um benachteiligte, sondern auch um benachteiligende Quartiere.

Zwei Quartierstypen zeichnen sich länger schon als Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf ab: zum einen verdichtete - häufig gründerzeitliche -, vernachlässigte Altbauquartiere und zum anderen Neubausiedlungen der sechziger bis achtziger Jahre. Beide Arten von Quartieren fungieren zunehmend als Auffangareale für Haushalte in sozial und ökonomisch angespannter Situation, für durch Aufwertung verdrängte Haushalte, Migranten und Menschen mit provisorischem oder unklarem Aufenthaltsstatus. Das spiegelte sich bereits in der Gebietskulisse beim Bewerbungsverfahren zum ExWoSt-Forschungsfeld "Stadtteile mit Entwicklungspriorität" 1998 und findet bei den Gebieten der "Sozialen Stadt" des Programmjahrs 1999 Bestätigung. Ein erster - noch sehr sporadischer - Überblick zeigt, dass es sich beim Gros der Gebiete (mit mehr als der Hälfte) um Neubauquartiere handelt, wobei der Anteil in den neuen Bundesländern noch deutlich höher ausfällt (fast 70% der 39 ostdeutschen - einschließlich der fünf Ostberliner - Quartiere). Altbaugebiete machen sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern etwa ein Viertel aller Gebiete aus; und hinsichtlich des Baualters spielen gemischte Quartiere mit rund einem Fünftel nur in den alten Ländern eine Rolle.

Die als ambivalent eingeschätzte Bedeutung von lokalen Orientierungen und die Tatsache, dass mit dem Programm "Soziale Stadt" allein die aufgeworfenen Probleme nicht zu lösen sind, verweisen auf die Notwendigkeit, dass quartiersbezogene Strategien durch gesamtstädtische ergänzt werden müssen. Das betrifft in erster Linie Fragen der sozialen und ökologischen Infrastruktur, der Wohnungsversorgungs-, Bildungs- und Beschäftigungspolitik. Erforderlich ist die Überlagerung von quartiersbezogenen und gesamtstädtischen Strategien mit zielgruppenorientierten Ansätzen [22] . Eine Zusammenschau von Quartier und Gesamtstadt ist bereits im Programm angelegt: Der "besondere" Entwicklungsbedarf setzt den Vergleich mit anderen Stadtteilen in der Gesamtstadt voraus, wobei das Auswahlverfahren transparent und nachvollziehbar sein muss, um auch kommunalpolitisch legitimierbar zu sein.

Fußnoten

21.
Vgl. u. a. Albrecht Göschel, Das Dilemma des Städtischen, Berlin 1999 (unveröffentlichtes Diskussionspapier).
22.
Vgl. unter anderem Fachgebiet Städtebau und Bauleitplanung der Universität Dortmund (Hrsg.), Leitgedanken für eine integrierte und sozialorientierte Stadtteilentwicklungspolitik, Dortmund 1999.

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